Texteinheit 1: Die territoriale Entwicklung Deutschlands

(Alfred Pletsch)

Didaktische Zielsetzung: Erarbeitung eines Problembewußtseins hinsichtlich Deutschlands als territoriale bzw. nationale Einheit im geschichtlichen Werdegang und Darstellung der Heterogenität in der heutigen Territorial- und Bevölkerungsstruktur

Schlüsselbegriffe: Territorialgeschichtliche Phasen, Veränderung der nationalen Grenzen, Nachbarländer, Mitteleuropa, Politische Struktur seit 1945, Unterschiede in den Bundesländern hinsichtlich Größe und Bevölkerung

Es ist nicht ganz einfach, zur Geographie und zur politischen Definition Deutschlands einen Zugang zu finden. In seinen heutigen Grenzen existiert Deutschland erst seit 1990 [1]. Mit einer Gesamtfläche von 356.974 qkm (ein Drittel der kanadischen Provinz Ontario) ist es das sechstgrößte Land Europas nach Rußland, der Ukraine, Frankreich, Spanien und Schweden. Vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) erstreckte sich das Territorium [2] über 540.657 qkm. Eine der Folgen dieses Krieges war, daß Deutschland rund 10 % seines Territoriums verlor. Im Südwesten wurde Elsaß-Lothringen wieder an Frankreich angegliedert, ganz im Norden fiel 1920 nach einem Referendum ein Teil an Dänemark. Vor allem im Osten fielen große Teile Westpreußens und Posens an Polen. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) waren die Territorialverluste noch bedeutender. Die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie wurden zum größten Teil Polen angegliedert, Teile auch der Sowjetunion. Das verbliebene Gebiet wurde, unter der Kontrolle der Alliierten (USA, Frankreich, Großbritannien, Sowjetunion), in vier Besatzungszonen unterteilt. 1949 entstanden schließlich zwei deutsche Staaten, nämlich:

Die Hauptstadt Deutschlands, Berlin, wurde zweigeteilt in West-Berlin und Ost-Berlin.

Noch viel komplizierter wird die Frage nach der Abgrenzung Germaniens in der früheren Geschichte. Der Name leitet sich ab von den germanischen Stämmen, die über Jahrhunderte und Jahrtausende in weiten Teilen Zentral- und Nordeuropas lebten. Als die Römer im 1. Jahrhundert n.Chr. Teile Mitteleuropas eroberten, unterschieden sie zwar zwischen Germania superior und Germania inferior, keines dieser Territorien hatte aber etwas mit dem zu tun, was später einmal Deutschland werden sollte. Im Mittelalter stellte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein vielgegliedertes Mosaik von mehr oder weniger unabhängigen Königreichen, Fürstentümern, Kirchenprovinzen und/oder anderen politischen Einheiten dar, die unter dem deutschen Kaiser lediglich einen lockeren Verbund bildeten.

So wundert es nicht, daß der berühmte Kosmograph des 16. Jahrhunderts, Sebastian Münster, Deutschland nicht als ein Land bezeichnet, sondern als den Teil Mitteleuropas, wo die deutsche Sprache verbreitet ist. 200 Jahre später äußert sich Anton Friedrich Büsching, einer der einflußreichsten Geographen des 18. Jahrhunderts, ähnlich wenn er sagt, daß Deutschland als Nation nichts mit der geographischen Einheit Deutschland gemein habe. Erst im Jahre 1871 entstand mit dem Deutschen Reich [3] unter dem berühmten Reichskanzler Bismarck eine deutsche Nation, jedoch existierte sie lediglich knapp 50 Jahre lang. Ihr folgten die Weimarer Republik nach 1918 und das sog. Dritte Reich nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahre 1933. Jede dieser Phasen war durch eigene Verfassungen und jeweils veränderte Grenzen geprägt. Es überrascht also nicht, daß Deutschland heute keine perfekte und homogene Einheit darstellen kann. Die Geschichte verdeutlicht, warum es verschiedene Kulturen, verschiedene Sprachräume und auch unterschiedliche Wirtschaftsräume gibt, ganz zu schweigen von den Konfessionsgebieten, die nach dem historischen Grundsatz des cuius regio, eius religio (wer die Macht hat, entscheidet über die Religion) entstanden sind.

Geographisch ist Deutschland ein Teil Mitteleuropas. Seit der Wiedervereinigung im Jahre 1990 grenzt es an neun Nachbarstaaten [4]: Dänemark im Norden, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich im Westen, die Schweiz und Österreich im Süden und die Republik Tschechien und Polen im Osten. Die gesamte Länge der Grenzen beträgt 3.758 km, wobei die Küstenlinien der Nordsee, der Ostsee und des Bodensees nicht mitgezählt sind. Die längsten gemeinsamen Grenzen hat Deutschland mit Österreich und Tschechien.

Deutschland ist ein föderaler Staat, der sich aus 16 Bundesländern [5] (darunter drei Stadtstaaten) zusammensetzt. Seit der Wiedervereinigung wird im Sprachgebrauch unterschieden zwischen den sogenannten

Die drei Stadtstaaten sind Berlin, Hamburg und Bremen. Die restlichen 13 Bundesländer sind von Nord nach Süd (neue Bundesländer fett): Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Baden-Württemberg und Bayern. Nur wenige der Ländergrenzen stimmen mit historischen Grenzen überein, sie umfassen auch nur selten homogene Räume. In den meisten Fällen wurden sie im Zusammenhang mit der Länderneuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten festgelegt. Gleichwohl haben die Bundesländer und ihre Menschen gewisse individuelle Merkmale, die manchmal sogar auch zu Stereotypen Anlaß geben. Im Ausland am bekanntesten mögen die biertrinkenden Bayern sein.

Große Unterschiede gibt es unter den Bundesländern hinsichtlich ihrer Größe und ihrer Bevölkerungszahlen. Der Stadtstaat Bremen, das kleinste Bundesland, umfaßt lediglich eine Fläche von 404 qkm. Am anderen Ende erstreckt sich Bayern über mehr als 70.000 qkm, fast soviel wie die benachbarten Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen zusammen. Das gleiche gilt für die Bevölkerungszahlen. Sie schwanken von 0, 68 Mio. in Bremen und annähernd 18 Mio. in Nordrhein-Westfalen. Die Gesamtbevölkerung Deutschlands [6] betrug 1997 rd. 82,1 Mio. Menschen. Die Fläche Deutschlands von rd. 357.000 qkm entspricht nur etwa vier Prozent der Größe Kanadas, allerdings leben auf diesem kleinen Raum fast dreimal so viele Menschen. Deutschland hat eine der höchsten Bevölkerungsdichten [7] Europas. Die Bevölkerungsverteilung ist jedoch sehr uneinheitlich. Große Unterschiede existieren zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern, aber auch zwischen dem Norden und dem Süden sowie zwischen stark verstädterten und ländlichen Räumen. Rund 68 Mio. Menschen leben in den alten [8] und nur rd. 14,1 Mio. in den neuen Bundesländern [9]. Die Bevölkerungsdichte ist folglich im Osten sehr viel geringer (145 Pers./qkm), während sie im Westen (261 Pers./qkm) deutlich höhere Werte aufweist. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt in den 84 größten Städten (mit mehr als 100.000 Einw.), lediglich 7,3 Mio. entfallen auf Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohner.

Diese wenigen einführenden Gedanken sollen verdeutlichen, wie schwierig es ist, Deutschland als eine politische und als eine geographische Einheit zu verstehen. Wenn man Vergleiche mit anderen Ländern anstellt, etwa mit Kanada, so entstehen dabei zahlreiche Fragen.



Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://eu.daad.de/images/deutschland.gif
[2] http://www.uni-oldenburg.de/nausa/KARTE/framd71.htm
[3] http://www.dhm.de/lemo/objekte/karten/D1871/index.html
[4] http://www.destatis.de/basis/d/geogrent.htm
[5] http://www.uni-oldenburg.de/nausa/brdk/frambrd.htm
[6] http://www.destatis.de/basis/d/bevoetxt.htm
[7] http://www.bmgs.bund.de/download/statistiken/stat2004/Stb9_1.xls
[8] http://www.destatis.de/download/d/bevoe/bev_bl_02_03.pdf
[9] http://www.destatis.de/download/d/bevoe/bev_bl_02_03.pdf

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