Texteinheit 2: Der physische Aufbau Deutschlands

(Alfred Pletsch)

Didaktische Zielsetzung: Verdeutlichung der unterschiedlichen Formungs- und Gestaltungsprozesse der Landschaft Mitteleuropas zum Zweck einer Typisierung und problemorientierten physischen Raumbewertung

Schlüsselbegriffe: Naturräumliche Gliederung, physische Landschaftsräume, Tiefländer, Börden, Gebirgsräume, Senken- und Gräben, Morphologie und Morphogenese, Glaziale Serie, Vulkanismus, Ressourcen und Lagerstätten


Die landschaftliche Vielfalt Deutschlands spiegelt die physisch-geographische Struktur Mitteleuropas als Ganzes wider. Es lassen sich vier große Naturraumtypen ausgliedern:

Das Norddeutsche Tiefland wurde in seinen heutigen Oberflächenformen von den verschiedenen Phasen des Pleistozäns geprägt, wie dies auch in anderen Ländern der nördlichen Hemisphere (etwa Kanada und die USA) der Fall ist. Der glaziale Formenschatz, etwa Grund- und Endmoränen, glaziale Seen, Sander etc., ist für den unverkennbaren Landschaftstypus in diesem Landesteil prägend. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich die Landschaft jedoch sehr differenziert. So unterscheiden sich die Küstenlinien der Nordsee und der Ostsee grundsätzlich. Die glaziale Küstenprägung entlang der Ostsee ist überall greifbar, etwa in den Förden (Flensburger Förde, Kieler Förde u.a.), die durch die ausschürfende Wirkung des Eisschubs entstanden sind. Im Zuge des postglazialen Anstiegs des Meeresspiegels wurden diese Vertiefungen überflutet und damit günstige Voraussetzungen geschaffen für die Anlage von Hafenstandorten wie Kiel, Lübeck u.a. Weiter östlich wurde die Grundmoränenlandschaft von dem ansteigenden Meeresniveau überflutet, was zur Ausprägung einer Boddenküste mit ihren typischen Inseln (z.B. Rügen [1]), Halbinseln, Lagunen, Haffs etc. geführt hat. Die Nordseeküste ist dagegen eine Marschenküste, die ihre Entstehung den Gezeiten verdankt. Ihr ist das kontinuierliche Inselband [2] der Ost- und der Nordfriesischen Inseln vorgelagert. Diese Inseln und die Küste selbst sind ständig den Gefahren durch Gezeiten und Stürme ausgesetzt und müssen von daher besonders geschützt werden. Jahrhundertelang hat sich der Mensch durch Deichbauten bemüht, diesen Schutz zu erreichen. Aber selbst in der jüngeren Geschichte ist es häufig zu großen Landverlusten gekommen. Mitte der 1980er Jahre wurde der Nationalpark Wattenmeer eingerichtet.

Das Norddeutsche Tiefland selbst ist entsprechend des Zeitpunkts der glazialen Überprägung weiter zu untergliedern. Die östlichen Teile Schleswig-Holsteins und der Nordteil von Mecklenburg-Vorpommern gehört zum sog. Jungmoränenland. Bis hierher reichte das Eis in der letzten Glazialphase, der Weichsel-Vereisung (analog Wisconsin in Nordamerika). Die Endmoränen dieser Phase erreichen bis zu 179 m Höhe. Besonders hervorstechend sind die vielen glazialen Seen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg, ein wichtiges Attribut für den Tourismus. Weiter südlich schließt die Geest an, das Altmoränenland. Die Böden in diesem Bereich tragen unterschiedlichen Charakter, je nach Untergrund. Auf sandigem Substrat herrschen Podsole vor, aber auch Gleye sind verbreitet. Entsprechend variiert die Nutzung. Der Südsaum des Tieflandes ist der landwirtschaftlich wertvollste. Ursache hierfür ist der Löß, auf dessen Böden intensiver Getreide- und Zuckerrübenanbau erfolgt. Die Magdeburger Börde und die Leipziger Bucht sind bekannt für ihre hohe Bodenfruchtbarkeit.

Die Mittelgebirgszone ist geologisch und morphologisch vielfach gegliedert. Sie erstreckt sich vom Lößgürtel im Norden bis zur Donau im Süden und nimmt fast die Hälfte des Territoriums ein. Grundsätzlich ist zwischen verschiedenen Mittelgebirgstypen zu unterscheiden. Der westliche und der östliche Rand sind Teil des paläozoischen Gebirgssystems (Grundgebirge), das sich vom Zentralmassiv in Frankreich bis zu den Heilig-Kreuz-Bergen in Polen erstreckt. Besonders das Rheinische Schiefergebirge war historisch bedeutend wegen seiner Erz- und Kohlevorkommen, wogegen der Schwarzwald im Südwesten mehr als touristisches Ziel bekannt ist. Höchster Berg des Schwarzwaldes ist der Feldberg [3] mit 1493 Metern Höhe. Im Osten gehören der Harz, der Thüringer Wald, das Erzgebirge und der Bayerische Wald zu den alten Massiven. Speziell der Harz und das Erzgebirge sind ebenfalls reich an Bodenschätzen, die über Jahrhunderte hinweg ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in diesen Gegenden waren.

Die alten Massive umgeben das mesozoische Mittelgebirge (Deckgebirge), das sich vom Weserbergland im Norden bis zur Donau im Süden erstreckt. Die Sedimente sind sehr unterschiedlich. Sie können terrestrischer, mariner oder limnischer Natur sein. Das Ergebnis ist eine weitgespannte Plateau- oder Schichtstufenlandschaft, je nach Neigung der Schichten. Besonders in Südwestdeutschland sind Schichtstufen weit verbreitet. Hier herrschen geologisch Ablagerungen aus der oberen Trias und dem Jura vor, während weiter nördlich, besonders im Hessischen Bergland, der Buntsandstein dominiert. Er wurde einmal wegen seiner ungünstigen Nutzungseigenschaften als das "nationale Unglück der Hessen" bezeichnet.

Im Südwesten stellt der Oberrheingraben eine Landschaftseinheit von besonderem tektonischem Interesse dar. Der Graben hat sich seit dem Tertiär eingesenkt und ist tektonisch noch aktiv. Der 35 bis 40 km breite und rd. 300 km lange Einbruch trennt Deutschland seit frühester Zeit von seinen Nachbarn, war stets aber auch eine wichtige Verkehrsachse. Zu den besonders bekannten Straßen zählen die Bergstraße, die römische strata montana, und die Weinstraße, berühmt für ihre guten Weinlagen. Der Oberrheingraben setzt sich nach Norden in der Westhessischen Senke fort, ist hier aber in mehrere Beckenlandschaften untergliedert. Dies beruht auf dem hier besonders verbreiteten tertiären Vulkanismus, der den Graben durch Hebungsachsen oder durch Verfüllungen verplombt hat. Das größte zusammenhängende Vulkanmassiv ist der Vogelsberg im mittleren Hessen. Ebenfalls zu den tektonischen Besonderheiten der Mittelgebirgszone gehört das Thüringer Becken, ein weitgespannter tertiärer Beckeneinbruch zwischen Harz und Thüringer Wald mit günstigen Nutzungseigenschaften.

Im Süden Deutschlands gehören das Alpenvorland und die Alpen gewissermaßen zusammen, obwohl sie grundsätzlich andere Landschaftstypen verkörpern. Südlich der Donau befinden sich zunächst die weitgespannten Schotterplatten, die aus tertiären und quartären Materialen aufgebaut sind. Auch hier wechseln limnische, fluviatile und glaziale Schotter miteinander ab. In diesem flachen Land sind die Voraussetzungen für die Landwirtschaft nicht ungünstig. Nach Süden schließt sich das Jungmoränen-Alpenvorland an, in dem die glazialen Ablagerungen der würmzeitlichen Vereisung vorherrschen. Weite Grundmoränenplatten und Endmoränenzüge prägen die Landschaft, immer wieder unterbrochen durch die großen Zungenbeckenseen (z.B. der Chiemsee [4]), die sich in einer west-ost gerichteten Sequenz vor dem Alpensaum anordnen. Der größte deutsche Binnensee [5] ist der Bodensee mit einer Fläche von rd. 572 qkm. Deutschlands Anteil an den Alpen ist nur gering. Mehrere Gipfel [6] der Bayerischen Alpen [7] und der Allgäuer Hochalpen reichen über 2500 m NN hinaus. Der höchste Berg Deutschlands ist die Zugspitze mit 2.963 Metern.

Fragen und Aufgaben:
  • Inwieweit verkörpert die physische Landesnatur Deutschlands den Naturraum Mitteleuropas?
  • Vergleiche die Küsten der Nordsee und Ostsee und beschreibe/erkläre die Unterschiede!
  • Erkläre grundsätzliche Unterschiede zwischen Grundgebirge und Deckgebirge!
  • Lokalisiere die größten Seen Deutschlands [8] auf einer Atlaskarte von Deutschland!
  • Sammle und interpretiere die Internet Informationen über die Zugspitze [9]!
  • Angenommen, Du fährst mit einem Freund von Nord- nach Süddeutschland und er würde Dich nach einer Beschreibung der Landschaft fragen. Was würdest Du ihm während der Fahrt erzählen?
Interaktives Quiz

[1] http://www.ruegen.de/index.php3?irss=11415721662a12985&action=inseldaten (27.08.2003)
[2] http://www.destatis.de/basis/d/geo/geoinset.htm (27.08.2003)
[3] http://www.schwarzwald.de/gallery (27.08.2003)
[4] http://www.prien.chiemsee.de (27.08.2003)
[5/8] http://www.destatis.de/basis/d/geo/geoseent.htm (27.08.2003)
[6] http://www.destatis.de/basis/d/geo/geobodet.htm (27.08.2003)
[7] http://home.t-online.de/home/Yudschin/dkarte.htm (27.08.2003)
[9] http://www.zugspitze.de


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