Texteinheit 5: Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstrukturen

(Alfred Pletsch)

Didaktische Zielsetzung: Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung in Mitteleuropa unter Verdeutlichung der Merkmale und Sonderstellung der Verhältnisse in Deutschland in historischer und aktueller Perspektive

Schlüsselbegriffe: Phasen der Bevölkerungsentwicklung seit dem Mittelalter, demographischer Übergang, Binnenmigration, Auswanderung, Bevölkerung heute: demographische Merkmale und regionale Unterschiede, Alterspyramide


So schwierig es ist, Deutschland in seiner historischen Vergangenheit als Raum zu definieren, so problematisch ist es, Angaben zur historischen Bevölkerungsentwicklung zu machen. Mit diesen Vorbehalten sind jegliche Zahlen zu handhaben. Sicher ist, daß in ganz Europa Schwankungen der Bevölkerungszahlen in Abhängigkeit von Kriegen, Seuchen oder Migrationen erfolgten. Grobe Schätzungen gehen von einer Bevölkerung Deutschlands um 1350 von rd. 15 Mio. aus. Durch die Pest und andere Ursachen verringerte sich diese Zahl innerhalb eines Jahrhunderts auf unter 10 Mio. Obwohl mit der beginnenden Neuzeit wieder deutliche Zunahmen erfolgten, wurde die Entwicklung durch Kriegsereignisse des 16./17. Jahrhunderts immer wieder unterbrochen. Erst 1750 wurde die Zahl wieder erreicht, die schon 400 Jahre zuvor geschätzt worden war. Dennoch war Deutschland zu diesem Zeitpunkt, nach Frankreich, das bevölkerungsreichste Land Europas. Steigende Geburtenraten und eine bessere medizinische Versorgung, die gleichwohl noch keinen drastischen Rückgang der Sterberate bewirkte, liessen die Bevölkerung dann in den folgenden beiden Jahrhunderten in die Höhe schnellen. Um 1800 betrug Deutschlands Gesamtbevölkerung 25 Mio. Menschen, 1850 waren es 35 Mio., 1900 schon 56 Mio., 1950 schließlich 68 Mio. Die heutige Zahl [1] beträgt 82,1 Mio. Menschen. Eine etwas genauere Beobachtung dieser Entwicklung macht deutlich, daß sie weitgehend dem Modell des demographischen Übergangs entspricht.

Obwohl Deutschland zu den Ländern Europas mit einem vergleichbar frühen Beginn der Industrialisierung zählt, führte die demographische Entwicklung des 19. Jahrhundert zu einem starken Bevölkerungsdruck. Zwar stellten die rasch wachsenden Industriegebiete große Auffangbecken dar, oft waren hier die Lebensbedingungen aber nicht besser als auf dem Lande, wenn nicht schlechter. Die Alternative für viele war die Auswanderung in die Neue Welt, namentlich in die Vereinigten Staaten, die zwischen 1850 und 1950 für rd. 6 Mio. Deutsche zur neuen Heimat wurde. Auch Kanada stellte ein Zielgebiet dar, aber die Zahlen waren hier geringer: im gleichen Zeitraum waren es rund 1 Mio. Die Spuren dieser Immigranten in der Neuen Welt sind vielfältig, sei es in den Familien- oder Ortsnamen, in der Folklore, durch den Spracherhalt oder durch viele andere Formen des kulturellen Erbes [2], das sich diese Menschen bewahrt haben mögen.

Die Bevölkerungsentwicklung [3] seit dem Zweiten Weltkrieg war in den ersten Jahren durch einen Zuwachs von rd. 14 Mio. Menschen geprägt, vorwiegend Flüchtlinge und Heimatvertriebe aus dem Osten. Die Gründung der DDR im Jahre 1949 beantworteten Hunderttausende mit der Flucht in den Westen, ein Exodus, der erst mit dem Mauerbau im Jahre 1961 eingedämmt wurde. Der Fall der Mauer [4] im November 1989 markierte das Ende der deutschen Teilung. Während der deutschen Teilung wuchs die Bevölkerungszahl der BRD weiter an (1960 = 55,5 Mio., 1974 = 62,1 Mio.), dies trotz sinkender Geburtenraten, die 1973 mit 9,4 pro Tsd. den niedrigsten Wert aller Industrieländer erreichte. Der Grund für diesen Zuwachs war der Zuzug von Gastarbeitern, namentlich aus den Mittelmeerländern. Viele von ihnen blieben mit ihren Familien auf Dauer in der Bundesrepublik. Der Ausländeranteil [5] beträgt heute rund 9% der Gesamtbevölkerung, was einer Zahl von rund 7,5 Mio. Menschen entspricht. Etwa die Hälfte von ihnen stammen aus der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien. Viele dieser Gastarbeiter leben mit ihren Familien inzwischen in der zweiten oder gar dritten Generation in Deutschland. Gleichwohl gibt es für viele von ihnen Probleme der gesellschaftlichen Integration, sogar innerhalb ihres eigenen Volkes, zu dem besonders die in Deutschland geborenen Ausländer oft kaum noch eine Bindung haben.

Seit 1974 war die Bevölkerungszahl der BRD fast ununterbrochen rückläufig, denn als Folge der Öl- und Stahlkrise ging der Gastarbeiterzuzug spürbar zurück. Erst Ende der 1980er Jahre kam es wieder zu einer heftigen Zunahme, vor allem getragen von einer Einwanderungswelle von Deutschen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach deren Auseinanderbrechen. Hinzu kamen viele Asylsuchende. Insgesamt brachte dies eine Zunahme von rd.1,5 Mio. Menschen.

Jenseits des sog. Eisernen Vorhangs, der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, verlief die Entwicklung deutlich anders. Von 18,8 Mio. Menschen im Jahre 1949 fiel die Zahl bis zum Zusammenbruch der DDR auf 16,6 Mio., inzwischen ist sie in den neuen Bundesländern [6] auf 14,1 Mio. gefallen. Mit dem Fall der Grenze im Jahre 1989 setzte eine wahre Flut von Auswanderungen aus dem ehemaligen DDR-Gebiet ein, die seither rd. 2,5 Mio. Menschen erfaßt hat: 1989 waren es 343.854, 1990 238.384, in den Jahren seither blieb es, abgesehen von einigen Schwankungen, bei diesen Größenordnungen. Sollten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den neuen Bundesländern nicht rasch ändern, so ist auch in den kommenden Jahren nicht mit einer Trendwende zu rechnen. Prognosen gehen davon aus, daß mit einem weiteren Migrationsverlust von rd. 2 Mio. Menschen in den neuen Bundesländern zu rechnen ist, da auch die natürliche Wachstumsrate negativ ist.

Die Alterspyramide [7] der Bevölkerung Deutschlands zeigt heute eine differenzierte Struktur, mit Zäsuren, die noch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges erkennen lassen. Sie hat sich in Konsequenz fallender Geburtenraten und zunehmender Lebenserwartung im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich verändert. Zu Beginn des Jahrhunderts betrug der Anteil der mehr als 65-jährigen soeben 5%. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er auf 10% angewachsen, 1990 betrug er 15% und um 2030 wird er rd. 27% erreichen. Im gleichen Zeitraum ging der Anteil der unter 15-jährigen von 43% (1910) über 23% (1950) auf 16% im Jahre 1992 zurück. Im Verlauf der nächsten drei Jahrzehnte wird er gar auf 13% fallen. Die gleichen Prognosen gehen davon aus, daß die Gesamtbevölkerung Deutschlands bis 2003 noch leicht auf rd. 83,3 Mio. anwachsen wird, sie wird dann aber bis 2030 kontinuierlich auf rd. 75 Mio absinken.

Es wurde schon in anderem Zusammenhang (Texteinheit 1) auf die ungleiche räumliche Verteilung der Bevölkerung Deutschlands hingewiesen. Läßt man die drei Stadtstaaten mit ihren hohen Bevölkerungszahlen auf kleinem Raum außer acht, so lassen sich zwischen den sog. Flächenstaaten erhebliche Unterschiede feststellen. Die Bevölkerungsdichte schwankt zwischen 80 Pers./qkm in Mecklenburg-Vorpommern und 521 in Nordrhein-Westfalen. Detaillierte Angaben hierzu bieten die Statistischen Ämter der Bundesländer [8] oder der Deutsche Nationalatlas [9] des Instituts für Länderkunde in Leipzig, der für die rd. 100 Oberzentren Deutschlands zahlreiche Bevölkerungsdaten im Internet abrufbar bereithält. Nach wie vor das am dichtesten besiedelte Teilgebiet ist das Ruhrgebiet mit rd. 11 Mio. Menschen, gefolgt von der Großregion Berlin mit derzeit rd. 4,5 Mio und zur Jahrtausendwende möglicherweise schon 5,5 Mio. Menschen. Andere Konzentrationsschwerpunkte finden sich im Rhein-Main-Gebiet mit dem Zentrum Frankfurt-am-Main, in Rhein-Neckar-Raum mit den Städten Mannheim und Ludwigshafen sowie die Agglomerationsräume von Stuttgart, München, Hamburg, Hannover-Braunschweig, Halle-Leipzig, Dresden, Nürnberg-Erlangen-Fürth und Saarbrücken. Aber es gibt auch noch viele ländliche Gebiete, wo man fast alleine sein kann.

Fragen und Aufgaben:
  • Stelle einige historische Überlegungen über den Ursprung der Bevölkerung Mitteleuropas an!
  • Inwieweit ist das Modell des demographischen Übergangs auf Deutschland anwendbar?
  • Suche nach Gründen für die innerdeutschen Wanderungsbewegungen von 1949 bis heute!
  • Welche Konsquenzen ergeben sich aus einer "alternden" Bevölkerungsstruktur?
  • Vergleiche die Bevölkerungsangaben einiger Städte mit Hilfe der Angaben im Nationalatlas [10]
Interaktives Quiz

[1] http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetxt.htm
[2] http://www.oktoberfest.ca
[3] http://www.bmgs.bund.de/download/statistiken/stat2004/Stb2_1.xls (27.08.2003)
[4] http://www.dailysoft.com/berlinwall/index_de.html (27.08.2003)
[5] http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab2.asp
[6] http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab2.asp
[7] http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoegra2.htm
[8] http://www.brandenburg.de/statreg/#www
[9] http://www.ifl-leipzig.com/daten/deutsch/nationalatlas/demo/index2.htm
[10] http://www.ifl-leipzig.com/daten/deutsch/nationalatlas/demo/index2.htm


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