Texteinheit 6: Stadtentwicklung und heutiges Städtesystem

(Alfred Pletsch)

Didaktische Zielsetzung: Verfolgung der Stadtentwicklung Mitteleuropas unter bes. Berücksichtigung territorialpolitischer Strukturen sowie funktionale Kennzeichnung der urbanen Zentren im Städtesystem Deutschlands

Schlüsselbegriffe: Stadtentwicklungsphasen, genetische, funktionale und regionale Stadttypen, Stadtmorphologie, Industriestädte, das Hauptstadtproblem, Zentrale Orte (-Theorie), Bundesraumordnungsgesetz, Bedeutungswandel


Die Stadtentwicklung Deutschlands ist in vielerlei Hinsicht ein Ergebnis der politischen Wandlungen und territorialen Veränderungen im Verlauf der Geschichte. Die ersten Städte entstanden unter den Römern im 1. Jahrhundert n. Chr. Sie bildeten sich um Militärlager, wo sich Handwerker und Händler niederließen, um die Soldaten zu versorgen. Marktorte (vici) entwickelten sich oft spontan entlang des Straßennetzes. Die wichtigste Kategorie waren die coloniae, planmäßig angelegte Städte, wie Köln (coloniae Agrippinensis), Mainz oder Trier [1]. Besonders diese staatlich gelenkten Gründungen zeichneten sich durch das unverkennbare Schachbrettmuster [2] aus, das sich an den beiden rechtwinklig kreuzenden Hauptachsen (decumanus max. und cardo max.) ausrichtete. Im Kreuzungspunkt dieser Achsen befanden sich das Forum und die öffentlichen Gebäude. Dieses Vermessungsprinzip machte nicht an den Toren der Stadt halt, sondern setzte sich im ländlichen Umland fort. Somit war auch das Land in geometrische Blocks (insulae) unterteilt, die als Landlose vergeben wurden und auf denen die Gehöfte (villae rusticae) entstanden. Viele dieser villae wurden später zu Keimzellen von Dörfern.

Die Stadtgründungen der Römer endeten naturgemäß am Limes, dem Grenzwall gegen Germanien, der in weiten Teilen dem Rhein, dem Main und der Donau folgte. Spuren davon sind noch sichtbar, besonders eindrucksvoll in der Saalburg [3] in der Nähe Frankfurts.

Mit dem Rückzug der Römer aus Mitteleuropa Mitte des 3. Jahrhunderts setzte ein Städteverfall ein. Nur wenige Städte überlebten, oft als Bischofsitze, da sich die Kirche selbst während der Zeit der Völkerwanderung schon als kraftvolle Institution erwies. Es dauerte jedoch mehrere Jahrhunderte, bevor die Stadtentwicklung in Deutschland neu einsetzte (nördlich des Limes jetzt eigentlich zum erstenmal), nunmehr aber mit großer Dymanik. Parallel zur politischen Konsolidierung reaktivierten sich in der Frankenzeit Handel und Handwerk in weiten Teilen Europas. Alte Handelswege wurden neu belebt, neue enstanden. Sie wurden zu den Leitlinien für die Anlage von Marktorten. Die eigentliche Stadtgründungsphase fällt jedoch ins Hochmittelalter und umspannt die Phase von 1250 bis etwa 1400. Ausschlaggebend für die Vielzahl der Gründungen in dieser Phase war die fragmentierte Territorialstruktur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Herrscher hatten ein großes Interesse an der Ausbildung von Handwerk und Handel in ihrem Gebiet, gleichzeitig mußten sie ihr Territorium schützen. So haben die mittelalterlichen Städte unterschiedliche Entstehungsursachen. Einige entwickelten sich entlang der Handelswege, andere waren schlicht Erweiterungen vormals ländlicher Siedlungen durch die Ansiedlung von Handwerkern und Händlern, wieder andere entwickelten sich um die Burgen der Herrscher [4]. Oft verraten die Namen der Städte ihren Ursprung, z.B. Schleswig oder Braunschweig [5] (das Suffix -wig oder -weig leitet sich ab von mhd. wyk = Weg). Namen wie Tübingen, Nordhausen, Hildesheim u.v.a. tragen die typischen Ortsnamensendungen der Frühmittelalters. Marburg, Freiburg, Magdeburg u.a. weisen mit ihrem Namen auf die Herrschaftssitze oder Befestigungen hin.

Im Gegensatz zum regelhaften Grundriß der antiken Stadt weisen die mittelalterlichen Gründungen meist unregelmäßige Muster auf. Wichtige Attribute waren der Marktplatz und die Stadtmauer, außerdem war das Stadtrecht wichtig, das gewisse Privilegien der Selbstverwaltung, aber auch die Pflicht zur Verteidigung beinhaltete. Die Stadtbürger unterlagen im allgemeinen auch nicht den feudalen Bannrechten der Herrscher, wie auf dem Lande. Stadtluft macht frei ist eine bekannte mittelalterliche Redewendung. Allerdings wurden so viele Städte gegründet, daß sie nicht alle lebensfähig waren. Oft betrug die Zahl der Einwohner nur wenige Hundert. Viele Städte gingen wieder ein, oder sie lebten in Form von Ackerbürgerstädten fort (Ackerbauern mit Bürgerrecht), in der Städtelandschaft Deutschlands eine typische Erscheinung. Das hessische Alsfeld ist ein gutes Beispiel hierfür. Am anderen Ende der mittelalterlichen Städtehierarchie standen die großen Messestädte wie Leipzig, Frankfurt-am-Main, Köln, oder die Hafenstädte wie Hamburg, Bremen, Lübeck u.a.

Am Ende des Mittelalters war das städtische Grundmuster Deutschlands vorhanden. Später kamen nicht mehr viele Neugründungen hinzu, jedoch veränderten sich in vielen Fällen die Funktionen und auch die Stadtmorphologie. Während der Frühneuzeit und im Absolutismus (1500 - 1800) entstanden einige neue Residenzstädte wie Karlsruhe, Mannheim u.a. In den meisten Fällen erhielten die Städte in dieser Phase jedoch neue Befestigungen und geplante Erweiterungen, wie am Beispiel von Hanau deutlich wird. Insgesamt sollte aber die Urbanität zu jener Zeit nicht überbetont werden. Um 1600 sind lediglich 4 % der Bevölkerung Deutschlands als wirkliche Stadtbevölkerung zu bezeichnen.

Erst im Zuge der industriellen Revolution sollte sich die Städtelandschaft Deutschlands rasch ändern, wie dies auch in anderen europäischen Ländern im 19. Jahrhundert geschehen ist. Der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft in den sich entwickelnden Industriezentren zog Millionen von Menschen an. Am Ende des 19. Jahrhundert lebte bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten, eine Urbanisierungsrate, die zu diesem Zeitpunkt lediglich von England übertroffen wurde. Besonders das Ruhrgebiet änderte sein Gesicht innerhalb weniger Jahrzehnte. 1825 war es noch ein überwiegend ländliches Gebiet, jedoch entwickelte sich hier sehr rasch Deutschlands wichtigstes Industriezentrum auf der Basis von Kohle und Stahl. Dieses Wachstum ließ die bereits bestehenden Städte und Dörfer rasch zusammenschmelzen und verwandelte den Raum innerhalb weniger Jahrzehnte in eine große Megalopolis.

Ein anderes Beispiel ist Berlin [6], Deutschlands größte Stadt, deren jüngere Entwicklung mit der Hauptstadtfunktion des 1871 gegründeten Deutschen Reiches eng zusammenhängt. Um 1900 hatte die Stadt schon über 1 Mio., am Vorabend des Zweiten Weltkrieges schon rd. 3,3 Mio. Einwohner. Die politischen Verhältnisse zwischen 1945 und 1989 bedeuteten jedoch eine Phase der Stagnation. Die Teilung der Stadt und die Lage innerhalb der DDR mit einer eingeschränkten Zugangsmöglichkeit in nur wenigen Korridoren stellten eine starke Beeinträchtigung dar. Dies hat sich schlagartig verändert mit dem Fall der Mauer und der Entscheidung, Berlin wieder zur Hauptstadt Deutschlands [7] zu machen. Zweitgrößte Stadt ist heute Hamburg [8] (2,9 Mio.), gefolgt von München [9] (2,3 Mio.).

Heute zählt Deutschland zu den hochurbanisierten Ländern der westlichen Welt. Nach der Definition des Bundesraumordnungsgesetzes leben heute 54 % der Bevölkerung in Agglomerationsräumen und weitere 30 % in sog. verstädteren Räumen. Die restlichen 16 % entfallen auf ländliche Räume. Allerdings leben nur 35 % der Bevölkerung in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Hier zeigt sich deutlich das historische Erbe. Die große Zahl kleiner und mittlerer Städte, die oft miteinander konkurrieren, ist auch heute noch ein Kennzeichen der deutschen Städtelandschaft. Es war dies das ideale Untersuchungsfeld für die Entwicklung von Modellen wie das der zentralen Orte von Walter Christaller [10]. Zwar hat sich seither vieles verändert, die Grundstrukturen sind jedoch nach wie vor die gleichen. Allerdings erfolgt seit dem Zweiten Weltkrieg eine polarisierte Entwicklung zu Gunsten einiger Agglomerationsräume wie München, Stuttgart, Frankfurt-am-Main, Berlin und einige andere. Im Zuge der Raumplanung wird versucht, diesem Konzentrationsprozeß entgegen zu wirken. Das Netz von Oberzentren [11] belegt dies anschaulich. Viele kleinere Städte haben dagegen ihr mittelalterliches Erbe bewahrt und nutzen es heute als touristisches Attribut, etwa die süddeutschen Städte Nördlingen [12] oder Rothenburg ob der Tauber [13], die zu den bekanntesten zählen.

Fragen und Aufgaben:
  • Vergleiche und interpretiere die Grundrisse römischer und absolutistischer Städte!
  • Erkläre Zusammenhänge von Industrialisierung und Städtewachstum im 19. Jahrhundert!
  • Denke über Vor- und Nachteile mittelalterlicher Stadtanlagen in der heutigen Zeit nach!
Interaktives Quiz

[1] http://www.trier.de/tourismus/sehenswertes/porta.htm
[2] http://www.markaurel.de/augustatrever.htm
[3] http://www.saalburgmuseum.de/
[4] http://www.uni-marburg.de/stadt/bilder/schloss.html
[5] http://www.braunschweig.de/stadtportrait/geschichte/index.html
[6] http://www.berlin.de
[7] http://www.berlin-geschichte.de/index.html
[8] http://international.hamburg.de/index/1,2709,JGdlbz0zJG9rPTE4OTU0JHVrPSQ_,00.html
[9] http://www.muenchen.de
[10] http://slws1.bau-verm.uni-karlsruhe.de/module/christaller/christaller.html
[11] http://www.bbr.bund.de/veroeffentlichungen/rob2000/praesent/sld024.htm
[12] http://www.noerdlingen.de/sehenswertes/start_sehenswertes.htm
[13] http://www.rothenburg.de/ (28.08.2003)


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