Bis in das späte Mittelalter hinein betrieb die Bevölkerung Mitteleuropas die Landwirtschaft fast ausschließlich auf der Stufe der Subsistenzwirtschaft, also der Eigenversorgung. Mit dem Entstehen der Städte wurden dann aber zusätzliche Nahrungsmittel benötigt, um die Stadtbevölkerung mit zu ernähren. Die Landwirtschaft wurde damit zunehmend abhängiger von dem kommerziellen Verkauf ihrer Produkte. Der dramatische Rückgang der Nachfrage nach Nahrungsmitteln in Folge der Schwarzen Pest war z.B. eine der wesentlichen Ursachen für den Ruin Tausender von Bauern in Zentraleuropa. Der Agrarwissenschaftler W. Abel sieht in diesem Vorgang sogar den Hauptgrund für die spätmittelalterliche Wüstungsphase des 14./15. Jahrhunderts.
Dennoch konnten Rückschläge dieser Art die Entwicklung der kommerziellen Landwirtschaft nicht aufhalten. Schon im Verlauf des Hoch- und Spätmittelalters hatten intensivere Bodennutzungssysteme die traditionellen Wechselsysteme in der Landwirtschaft abgelöst. Der Handel hatte sich auf eine überregionale, zum Teil sogar "internationale" Ebene verlagert, nachdem der Hanse-Bund begonnen hatte, die Ostsee als Handelsraum im Norden zu erschließen, während gleichzeitig die Fugger in Augsburg intensive Handelsbeziehungen mit Zentren in Südeuropa, zum Beispiel mit Genua oder Venedig, aufbauten. Handelsmessen entstanden in Städten wie Frankfurt a.M., Leipzig und Köln. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich die Geisteshaltung des Merkantilismus, die im Handel ein wichtiges Instrument zur Wohlstandsverbesserung sah. Gegen Ende des Jahrhunderts ersetzten Manufakturen die traditionellen Heimindustrien der Weber, Wollstricker, Töpfer und viele andere Handwerksbereiche. Gerade die Heimindustrien hatten im ländlichen Raum eine große Bedeutung, da die Bauernhöfe häufig zu klein waren, um den Familien ein wirtschaftliches Auskommen zu gewährleisten. Der Nebenerwerb aus nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeit war somit vielerorts die einzige Möglichkeit, den Familien auf dem Lande das Leben zu sichern.
Trotz dieser schon früh einsetzenden Veränderungen war Europa noch bis vor rund 250 Jahren eine vornehmlich agrarische Gesellschaft. Die Verhältnisse veränderten sich erst dramatisch mit dem Einsetzen der industriellen Revolution, die in England um 1730 begann. Der Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen (die Erfindung der Dampfmaschine durch den Ingenieur James Watt war dafür wegbereitend) stellte einen entscheidenden Rückschlag für viele traditionelle Handarbeiten dar. Gleichzeitig ermöglichte die industrielle Revolution den Zugang zu Bodenschätzen wie Kohle und Erzlagerstätten, die eine wesentliche Grundlage für eine völlig neue Wirtschaftsstruktur bildeten.
Um die Tragweite dieser Entwicklung verstehen zu können muß man sich klarmachen, daß bis zur Wende zum 19. Jahrhundert fast 80% der Arbeitskräfte noch im primären Sektor tätig waren, d.h. überwiegend in der Landwirtschaft. Mit der fortschreitenden Industrialisierung veränderte sich die sektorale Verteilung der Erwerbsstruktur stark, was der französische Soziologe J. Fourastie in einem anschaulichen Modell verdeutlicht hat. Der Anteil der aktiven Bevölkerung im primären Sektor nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland extrem ab, und zwar von 80% im Jahr 1850 auf 43% im Jahr 1885. 1939 waren es nur noch 25% der Beschäftigten und im Jahr 1970 war die Zahl auf 7% gesunken. Während derselben Zeitspanne stieg der Anteil der Erwerbsbevölkerung im sekundären Sektor von 13% im Jahr 1850 auf 41% 1939 an, 1970 erreichte sie 49%. Der tertiäre Sektor lag bei 7% im Jahr 1850, 120 Jahre später war er auf 43% angewachsen.
Die heutigen Zahlen zur Erwerbstätigkeit weichen deutlich von denen Anfang der 70er Jahre ab. Sie haben sich besonders in den Neuen Bundesländern drastisch gewandelt. Im Vergleich 1991 mit 1997 stellt sich die Verteilung der Beschäftigung [1] wie folgt dar:
| Primärer Sektor | Sekundärer Sektor | Tertiärer Sektor | ||||
| 1991 | 1997 | 1991 | 1997 | 1991 | 1997 | |
| Alte Bundesländer | 3,5% | 2,7% | 40,4% | 34,5% | 56,1% | 62,8% |
| Neue Bundesländer | 7,4% | 3,8% | 43,3% | 33,4% | 49,3% | 62,8% |
Wenn heute die Verhältnisse weitgehend angeglichen erscheinen, so gibt es doch bedeutsame Unterschiede zwischen "Ost" und "West", namentlich im verarbeitenden Gewerbe. In den Neuen Bundesländern sind viele Industrien seit der Vereinigung nahezu zusammengebrochen. Generell zeigt sich jedoch, daß Deutschland im Vergleich zu anderen westlichen Industrieländern der allgemeinen Entwicklung gefolgt ist. Die Landwirtschaft [3] spielt nur noch eine untergeordnete Rolle in der gegenwärtigen Wirtschaft, mit weniger als 3% der erwerbstätigen Bevölkerung, die direkt in diesem Bereich beschäftigt sind. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß rund 10% des BIP direkt oder indirekt durch diesen Sektor erwirtschaftet werden. Dies liegt in der hohen Produktivität der Landwirtschaft [4] begründet.
Die deutsche Landwirtschaft hat dennoch mit einigen Problemen zu kämpfen. Ein wesentlicher Hemmfaktor ist die relativ geringe Größe vieler landwirtschaftlicher Betriebe [5]. Sie lag 1997 im Bundesdurchschnitt bei 23,6 ha, was kaum als Existenzgrundlage ausreicht. In diesen Verhältnissen spiegelt sich einmal mehr das historische Erbe wider. So haben insbesondere die Vererbungsgesetze, die über mehrere Hundert Jahre Bestand gehabt haben, die landwirtschaftlichen Betriebe teilweise in kleinste Einheiten zersplittert. Vor allem in Gebieten mit Realerbteilung, wo die Besitzungen Generation über Generation hinweg auf die Zahl der Kinder aufgeteilt wurden, waren extrem kleinbetriebliche Strukturen und Besitzzersplitterungen die Folge. Zur Behebung dieser Ungunstmerkmale werden schon seit Mitte des 19. Jahrhundert Flurbereinigungsmaßnahmen durchgeführt, um zersplitterten Landbesitz zu restrukturieren und in größeren Einheiten zusammenzufassen. Kleinere, nicht überlebensfähige Höfe wurden dabei häufig aufgelöst. Aber landwirtschaftliche Betriebe von mehr als 100 ha sind, zumindest in den alten Bundesländern [6], auch heute noch die Ausnahme (lediglich 2,8%). In den neuen Bundesländern ist der Anteil dieser Größenklasse mit 26,4% fast zehnmal so groß [7]. Grund dafür ist die sozialistische Bodenreform zu DDR-Zeiten, insbesondere das sog. LPG-Gesetz von 1953, das die Schaffung grosser landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften bewirkt hatte.
Der Anteil der Beschäftigten im sekundären Sektor ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen noch relativ hoch. Das verarbeitende Gewerbe war ein wesentlicher Grundpfeiler der Wirtschaft während der letzten 200 Jahre. Das Markenzeichen Made in Germany galt weltweit als Qualitätsmerkmal. In jüngeren Jahren war Deutschland immer mehr gezwungen, einige traditionelle Grundpfeiler seiner Industrie durch starke Subventionierung zu stützen, z.B. den Bereich der Montanindustrie. Dennoch sind die Arbeitslosenzahlen [8] seit der Stahl- und Ölkrise in den frühen 70er Jahren in diesem Sektor stark angestiegen. Das Problem der Arbeitslosigkeit hat nach der Wiedervereinigung insbesondere in den neuen Bundesländern gravierend zugenommen. Obwohl die Industrie in Ostdeutschland zu sozialistischen Zeiten als eine der leistungsfähigsten galt, war sie in der hochentwickelten westlichen Marktwirtschaft nicht konkurrenzfähig. Die Produktivität ist deutlich geringer als im Westen, zum großen Teil bedingt durch schlechte Infrastruktur und veraltete Ausrüstung. Ein Indikator für die unterschiedliche Produktivität ist das durchschnittliche BIP [9], das im Jahr 1997 48.100 DM pro Einwohner in den alten und nur 27.400 DM in den neuen Ländern betrug.
Traditionell waren die Schwerindustrie sowie das verarbeitende Gewerbe die Standbeine der deutschen Industrie. Ein Nachteil sind jedoch die begrenzten Bodenschätze. Viele Rohstoffe müssen importiert werden, so zum Beispiel Eisenerz, Öl und Gas. Der Abbau der ehemals reichhaltigen Kohlevorkommen im Ruhrgebiet hat ebenfalls aufgrund hoher Produktionskosten an Bedeutung verloren. Die Ruhrkohle AG [10], einst die führende Bergbaugesellschaft im Ruhrgebiet, ist zu einer hochdifferenzierten Unternehmergesellschaft geworden, um die neuen ökonomischen Anforderungen zu erfüllen und konkurrenzfähig zu sein. Die Region, die einmal als das wirtschaftliche Zentrum Europas angesehen wurde, hat während der letzten Jahrzehnte starke Umstrukturierungen erfahren und erholt sich nun langsam. Viele der alten Zechen- und Bergwerksanlagen sind heute lediglich noch Zeugnisse einer ehemals hochentwickelten Industriekultur [11].
Besondere Bedeutung in der heutigen industriellen Branchenstruktur Deutschlands hat die Automobilindustrie. Firmen wie Mercedes [12], BMW [13], Volkswagen [14] und andere haben einen weltweiten Klang. Deutschland ist heute nach den USA und Japan der drittgrößte Autohersteller der Welt. Jüngere Fusionen (wie zum Beispiel VW bzw. BMW mit Rolls Royce, Mercedes mit Chrysler) demonstrieren den Trend zu internationalen Dimensionen in diesem Sektor. Ähnliches gilt für andere industrielle Grundpfeiler Deutschlands, etwa die chemische [15] und die elektronische [16] Industrie. Neue High-Tech-Industrien sind insbesondere in den Wachstumsregionen in Süddeutschland, wie zum Beispiel im Raum Stuttgart und München, entstanden.
Die große Bandbreite des Dienstleistungssektors in Deutschland sei hier nur angedeutet. Die lange Tradition und ein hohes Niveau des inländischen [17] und internationalen [18] Handels ist für Deutschlands hochspezialisierte Wirtschaft und die zentrale Lage innerhalb Europas ebenso wichtig wie moderne Transportmittel und Kommunikationsstrukturen. Der Tourismus [19] ist eine weitere bedeutende Branche, insbesondere in den Küstenregionen und in Süddeutschland. Attraktive Landschaftsgebiete wie die Alpen oder der Schwarzwald [20] sowie zahlreiche berühmte Schlösser (wie zum Beispiel das an Disneyland erinnernde Neuschwanstein [21] in der Nähe von Füssen) zählen zu den am häufigsten besuchten Touristenzielen Deutschlands.
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