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Didaktische Zielsetzung: Vertiefung der Fragestellungen zum wirtschaftlichen Strukturwandel (Texteinheit 7) an regionalen Beispielen mit bes. Berücksichtigung der Montanregionen, Berlins, des Rhein-Main-Gebiets, Süddeutschlands und der neuen Bundesländer
Schlüsselbegriffe: Altindustriegebiete, "Wirtschaftswunder", Industriestadt Berlin, Bankenzentrum Frankfurt, Chemie- und Automobilindustrie, Süd-Nord-Gefälle, Umweltbelastungen, Industriestandort Neue Bundesländer |
Im Ausland zählt zu den am häufigsten verbreiteten Stereotypen über Deutschland, daß es sich flächendeckend um ein dicht industrialisiertes Land handelt. Diese Vorstellung könnte falscher nicht sein. Die räumliche Verteilung der Industriezentren ist durch eine polarisierte Struktur mit nur wenigen hochindustrialisierten Standorten gekennzeichnet. Tatsächlich werden fast 85% der genutzten Fläche [1] in Deutschland von der Landwirtschaft oder von Waldgebieten eingenommen. Auch in den Industrieregionen selbst sind die Aktivitäten hochkonzentriert und nur innerhalb oder in Nachbarschaft von größeren Städten angesiedelt.
Die Region, die am meisten zu dem Bild eines hochindustrialiserten Deutschlands beigetragen hat, ist das Ruhrgebiet. Industriefirmen wie Krupp [2], Thyssen [3] und einige andere haben diesen Eindruck über 100 Jahre lang genährt. Ihre Hauptprodukte waren die Eisen- und Stahlerzeugung. Erstaunlicherweise erlebte das Ruhrgebiet jedoch eine relativ späte Industrialisierung, zumindest im Vergleich zu den britischen Stahlzentren. Zwar setzte der Kohleabbau in einigen Gebieten der Ruhrregion bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, es dauerte jedoch bis nach 1850, bevor die Eisen- und Stahlproduktion in die Höhe schnellte. Die jährliche Kohleförderung hatte sich zwischen 1800 und 1850 zwar bereits versiebenfacht, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sie dann jedoch um das 33-fache angestiegen. Die Bevölkerung von Essen [4], um nur ein Beispiel zu nennen, nahm von 10.000 Personen im Jahr 1850 auf über 200.000 innerhalb von 50 Jahren zu. Andere Städte wie Bochum, Oberhausen oder Duisburg erfuhren ähnliche Wachstumsraten. Während dieser Zeit wurde der Rhein zu Europas wichtigstem Transportweg, der das Ruhrgebiet mit dem Rest der Welt verband. Arbeiter wurden aus ganz Deutschland sowie aus anderen europäischen Ländern angeworben, so zum Beispiel aus Belgien, den Niederlanden, Italien und zahlreichen osteuropäischen Ländern. Dieses kulturelle Erbe ist bis heute anhand der vorherrschenden Familiennamen nachvollziehbar.
Die Jahre seit 1900 sind durch tiefgreifende Veränderungen gekennzeichnet. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurden die Stahlhütten benötigt, um die deutsche Armee mit Waffen zu beliefern. Daraus folgte z.B. im Anschluß an den Ersten Weltkrieg eine mehrere Jahre andauernde militärische Besetzung durch die Franzosen, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Produktionseinrichtungen fast vollständig demontiert. In den 1950er Jahren konnte die Industrie des Ruhrgebiets mit Hilfe des Marshall-Plans wieder aufgebaut werden. Die Region entwickelte sich im Zuge des sogenannten deutschen Wirtschaftswunders innerhalb kürzester Zeit zur leistungsfähigsten Wirtschaftsregion der Bundesrepublik. Der Boom hielt 20 Jahre an, bis die Stahl- und Ölkrise Anfang der 70er Jahre neue Probleme schuf. Staatliche Subventionen wurden bereitgestellt, um die Bergwerke zu erhalten, jedoch ohne Erfolg. Zwar konnte die Stahlproduktion mit 20 Millionen Tonnen pro Jahr aufrechterhalten werden, die Kohleförderung nahm jedoch von 140 Millionen Tonnen im Jahr 1958 auf weniger als 40 Millionen Tonnen heute ab. Somit hat nur ein Bruchteil der Kohlebergwerke überlebt. Stattdessen hat sich das ehemals schwarze Land [5] in eine Dienstleistungsregion gewandelt. Das Beispiel von Essen, wo 75% der Erwerbstätigen im tertiären Sektor beschäftigt sind, macht diesen Wandel deutlich. Allerdings wird erst die Zukunft zeigen, ob der gegenwärtige Transformationsprozeß alle Städte und Gemeinden in gleichem Maße erfassen und ob er vor allem dauerhaft sein wird.
Ein besonderer Fall ist Berlin [6], die alte und neue Hauptstadt [7] Deutschlands. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt, neben ihrer Funktion als politisches und kulturelles Zentrum, zu einem wichtigen Industriestandort des Deutschen Reichs. Wirtschaftszweige wie die elektronische Industrie (Siemens, AEG), pharmazeutische Produkte (Schering [8]) und Stahlverarbeitung (Borsig) waren besonders leistungsstark. Die verheerenden Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs haben dieses Erbe weitgehend vernichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden für Berlin große Probleme als Folge der Isolation von Westdeutschland sowie der Aufteilung in zwei Stadthälften im Zuge der politischen Neustrukturierung Deutschlands durch die alliierten Besatzungsmächten. Aus politischen Gründen unterstützte die westdeutsche Regierung die Wirtschaft Westberlins mit hohen Subventionen.
Mit dem Fall der Mauer 1989 änderte sich diese Politik jedoch zwangsläufig, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Am schlimmsten traf es die Wirtschaft Ostberlins, die, obwohl im Vergleich zu anderen ehemaligen Ostblockstaaten relativ leistungsfähig, nicht mit der westlichen Technologie konkurrieren oder deren Umweltstandards erfüllen konnte. Insgesamt verlor die Stadt nach der Wiedervereinigung Tausende von Industriearbeitsplätzen. Sie ist dennoch heute eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Deutschlands, was durch die neue Hauptstadtfunktion im wiedervereinigten Deutschland bedingt ist. Nach dem Kollaps des sozialistischen Ostblocks und der Öffnung der Grenzen stellt sich Berlin als ein mögliches Zentrum dar, das als Verbindungs- und Kreuzungspunkt zwischen Ost- und Westeuropa fungieren könnte.
Frankfurt am Main [9] und das Rhein-Main-Gebiet sind ein weiteres Kerngebiet Deutschlands mit sehr spezifischen Eigenschaften. Über mehrere 100 Jahre hinweg war Frankfurt Deutschlands eigentliche Hauptstadt, da hier seit dem Mittelalter die deutschen Könige und Kaiser gekrönt [10] wurden. Bis 1866 besaß Frankfurt den politischen Status einer Freien Stadt, bevor es von Preußen annektiert wurde. Handelsmessen hatten Frankfurt schon im Mittelalter zu einem blühenden Zentrum werden lassen. Eine bedeutende jüdische Gemeinde wirkte ebenfalls stimulierend für die Wirtschaft der Stadt, vornehmlich im Bankenbereich, der im 19. Jahrhundert zur größten Stütze der lokalen Wirtschaft wurde. Auch heute gilt Frankfurt als eines der wichtigsten Banken- und Finanzzentren Europas, in dem fast 400 nationale und ausländische Banken und Kreditgesellschaften ansässig sind. Daher wird die Stadt manchmal auch scherzhaft als Bankfurt bezeichnet. Die Bezeichnung Mainhattan [11] spielt, in Anlehnung an Manhatten in New York, auf die Lage der Stadt am Main und die hohe Konzentration von Hochhäusern im City-Bereich an. Eine solche Skyline ist in Deutschland bisher einmalig. Die finanzielle Drehscheibenfunktion Frankfurts wird ergänzt durch die verkehrsgeographische. Die Stadt besitzt mit dem Flughafen Frankfurt am Main [12] hinsichtlich des Fracht- und des Personenaufkommens einen der bedeutendsten Flughäfen Europas. Die meisten internationalen Fluggesellschaften benutzen Frankfurt als ihren deutschen Zielflughafen.
Auch als Industriestandort sind Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet sehr bedeutsam. Mit der hier ansässigen Firma Höchst [13], die mit weltweit rund 200.000 Angestellten einen der führenden Chemiekonzerne darstellt, bildet die Region ein Zentrum der chemischen Industrie Deutschlands. Die nahegelegene Stadt Offenbach ist Deutschlands wichtigster Standort der Lederverarbeitung; Hanau, östlich von Frankfurt, hat eine lange Tradition als Gold- und Silberwarenverarbeitungszentrum. In jüngerer Zeit ist die Stadt auch zu einem zentralen Punkt der Edelmetallindustrie geworden. Die Degussa AG [14] ist eine der großen, weltweit agierenden Firmen in diesem Bereich. Nukem [15] und Alkem, ebenfalls in Hanau ansässig, haben internationale Bedeutung auf dem Gebiet der Nukleartechnologie. Im Süden geht das Rhein-Main-Gebiet fast nahtlos in das Rhein-Neckar-Dreieck über. Dort liegen wichtige Industriestädte wie Mannheim [16] und Ludwigshafen. In Ludwigshafen hat der Chemiekonzern BASF [17] seinen Firmensitz.
Süddeutschland wird heute gerne als Deutschlands sunbelt bezeichnet, was nur zum Teil auf seiner geographischen Lage beruht. Die beiden Städte München [18] und Stuttgart [19] sind die führenden Zentren im Bereich der High-Tech-Industrie sowie der Autoproduktion. München konnte von der Zerstörung Berlins im Zweiten Weltkrieg profitieren, da die Hauptniederlassungen einiger wichtiger Firmen, wie zum Beispiel Siemens [20], ihren Sitz von Berlin in die bayerische Hauptstadt verlegten. Außerdem haben sich hochqualitative Autohersteller (BMW [21]) und Firmen der Computer- und Luftfahrtbranche in München und Stuttgart niedergelassen. Carl Benz produzierte Ende des 19. Jahrhunderts den ersten Mercedes [22] in Untertürkheim bei Stuttgart. Heute ist die Firma der größte Arbeitgeber im Stuttgarter Raum und einer der größten Deutschlands. Auch Porsche [23] ist in diesem Raum angesiedelt.
Die industriellen Kernregionen in Ostdeutschland zählten während der sozialistischen Zeit zu den leistungsstärksten im gesamten Ostblock. Ihre Effizienz machte die DDR, nach der UdSSR, zum wirtschaftlich stärksten Mitglied der ehemaligen Comecon-Staaten. Insbesondere das Städtedreieck Halle/Leipzig-Chemnitz-Dresden besaß eine hohe Konzentration international bekannter Firmen, wie zum Beispiel das Chemiewerk Leuna [24] bei Halle. Eine Zahl kleinerer Industrieknotenpunkte war über die gesamte ehemalige DDR verstreut, einige davon mit alteingesessener Tradition. Jena [25] mit der renommierten Firma Zeiss [26] war bekannt als Standort der optischen Industrie. Zwickau in Sachsen war das Zentrum der Automobilproduktion, wo der inzwischen legendär gewordene Trabi hergestellt wurde. Leipzig ist seit jeher Zentrum des Druckerei- und Verlagswesens. Eine einmalige Produktspezialisierung hat außerdem in der "sozialistischen Stadt" Eisenhüttenstadt stattgefunden, indem sie von der DDR-Regierung zum Zentrum der Eisen- und Stahlverarbeitung erklärt wurde (75% der gesamten Stahlverarbeitung wurden dort produziert). Nach der Wiedervereinigung hat die Stadt jedoch massive Arbeitsplatzverluste erfahren müssen. Eine ähnliche Entwicklung gilt für Hoyerswerda [27], wo die Kohleförderung in Verbindung mit der Stromproduktion die Schlüsselindustrie der lokalen Wirtschaft bildete. Nach 1989 wurden große Anstrengungen unternommen, die Industriebetriebe der neuen Bundesländer zu modernisieren und neu zu organisieren. Allerdings haben veraltete Technologien, Umweltprobleme und eine fehlende Infrastruktur den Umstrukturierungsprozeß behindert. Die Arbeitslosigkeit ist gerade in den ehemaligen wirtschaftlichen Kernregionen der neuen Bundesländer extrem hoch. Sie liegt zum Teil bei über 30% und sorgt für tiefgreifende soziale und politische Konflikte.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.destatis.de/basis/d/umw/ugrtab7.htm (28.08.2003)
[2]
http://www.thyssenkrupp.com/ger/index.html
[3]
http://www.thyssenkrupp.com/ger/konzern/internet.html
[4]
http://www.essen.de/deutsch/Leben/StelltSichVor/Geschichte.htm
[5]
http://www.route-industriekultur.de
[6]
http://www.berlin.de
[7]
http://www.deutsche-staedte.de/berlin/
[8]
http://www.schering.de/
[9]
http://www.frankfurt.de
[10]
http://www.frankfurt.de/sis/sis/detail.php?id=9882
[11]
http://www.destinationgermany.com/html/deutsch/content/i_inhalt.phtml?language=Ger&inhalt_id=192
[12]
http://www.frankfurt-airport.de
[13]
http://www.hoechst.de/homepage/homepage.htm
[14]
http://www.degussa.de
[15]
http://www.nukem.de
[16]
http://www.mannheim.de
[17]
http://www.basf.de
[18]
http://www.munich.de
[19]
http://www.stuttgart.de
[20]
http://www.siemens.de
[21/28]
http://www.bmw.de
[22]
http://www.mercedes-benz.com/d/mbclassic/
[23/31]
http://www.porsche.de/
[24]
http://www.leuna.com/deutsch/index.htm (28.08.2003)
[25]
http://www.jena.de
[26]
http://www.zeiss.de/de/home.nsf
[27]
http://www.hoyerswerda.de
[29]
http://www.mercedes-benz.com/d/default.htm
[30]
http://www.volkswagen.de
[32]
http://www.opel.de
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