Texteinheit 1: Kulturlandschaftsentwicklung in vorgeschichtlicher Zeit (Neolithikum, Bronzezeit, frühe Eisenzeit)

(Evelyn Klausnitzer und Matthias Röbbel)

Didaktische Zielsetzung: Einführende Darstellung der Lebensweise, der Leistungen und der Entwicklung der Menschen in Mitteleuropa vom Neolithikum bis zur Eisenzeit und ihre Auswirkungen auf die Kulturlandschaft
Schlüsselbegriffe: Neolithikum, Bandkeramiker, Trichterbecherkultur, Schnurkeramiker, Glockenbecherkultur; Bronzezeit, Hügelgräberbronzezeit, Urnenfelderbronzezeit; Eisenzeit, Hallstattzeit, Latenezeit, Kelten, Germanen, Gallier; Neolithische Revolution, Domestizierung, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Intensivierung, Ackerbau und Viehzucht, Handel und Handwerk, Hausbau und Siedlungsformen, Kunst und Religion, soziale Differenzierung

Unsere Vorstellung von den einzelnen Entwicklungsstufen der Kulturlandschaft wird für die Frühphase überwiegend von Ausgrabungsfunden abgeleitet. Dabei lassen sich verschiedene Kulturgruppen nach den für sie typischen Besonderheiten der Funde (z.B. bestimmte Muster auf von ihnen hergestellten Keramikgegenständen, Bestattungsformen, Arbeitsgeräten etc.) ableiten und räumlich zuordnen. Erstmals für einen großen Teilraum Europas werden solche Kulturspuren während des Neolithikums greifbar, als, vom Mittelmeerraum ausgehend, weite Teile des Kontinents vom Kulturkreis der Bandkeramik [1] erfaßt werden.

Als Jungsteinzeit oder Neolithikum [2] wird das Zeitalter von etwa 5500 bis 1800 v. Chr. bezeichnet. Die entscheidende Veränderung dieser Zeit gegenüber der davorliegenden Mittelsteinzeit (Mesolithikum) [3] und der Altsteinzeit (Paläolithikum) [4] ist der Wandel von der Wirtschaftsstufe der Jäger und Sammler zu einer durch Ackerbau und Viehhaltung bestimmten Kultur. Konsequenz dieses Übergangs ist die Seßhaftwerdung des Menschen, die Entstehung fester, bodensteter, vom Menschen geschaffener Siedlungen, die Erschließung von Ackerflächen, die Domestizierung und später auch die Züchtung von Haustieren, die Selektion von Nutzpflanzen usw. Es handelt sich also um einen grundlegenden Wandel der Wirtschaftsstufe des Menschen, der häufig auch als "Neolithische Revolution" bezeichnet wird.

Unter paläoklimatischen Gesichtspunkten entspricht die Zeit des Neolithikums der postglazialen Phase des Atlantikums, als für Mitteleuropa ein warmes, relativ feuchtes Klima kennzeichend war. Dies ermöglichte eine weitgehend flächenhafte Ausbreitung des Waldes, wobei insbesondere in den trockeneren und wärmeren Becken- und Tallagen mit Lößbedeckung von einer relativ lichten Eichenmischwaldbedeckung, auf noch trockeneren Standorten sogar von einer Steppenheidevegetation auszugehen ist. Dies waren die bevorzugten Plätze für die ältesten Besiedlungen durch den Menschen, der hier ohne größeren Rodungsaufwand – zu dem er ohnehin noch nicht in der Lage gewesen wäre – einen noch relativ primitiven Hackbau betreiben konnte. Die Frage, ob und in welchem Umfang in dieser Phase tatsächlich Rodungen stattgefunden haben, hat besonders die deutsche Geographie über ein halbes Jahrhundert lang intensiv beschäftigt.

Die Wirtschaftsweise des neolithischen Menschen war bereits recht differenziert. Als Anbaufrüchte wurde vorwiegend Getreide (Dinkel, später Weizen und Gerste) angebaut, das als Nahrungsmittel in Form von Brei oder Fladenbrot eine wichtige Rolle spielte. Domestizierte Haustiere (Rind, Schaf, Ziege, Schwein) waren ebenfalls wichtige Grundlagen der Ernährung (Milch, Fleisch), lieferten Rohmaterialien (z.B. Wolle, Häute) oder wurden zur Arbeitsleistung genutzt. Die archäologischen Funde aus der Phase des Neolithikums lassen bereits deutliche Ansätze einer arbeitsteiligen Gesellschaft mit Spezialisierungen in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen (Ackerbau, Handwerk, Handel) erkennen. Bei den neolithischen Siedlungen handelte es sich wohl um lockere Gehöftgruppen mit langgestreckten, fünf bis sieben m breiten und 10 bis 35 m langen Häusern [5] , die aus Holz gebaut, mit Lehm abgedichtet und mit Stroh, Ried oder Baumrinde bedeckt waren. Die Zuordnung zum Kulturkreis der Bandkeramiker erfolgt aufgrund der charakteristischen Ornamentik auf Keramik- und Tongefäßen, die bänderförmige Verzierungen [6] aufweisen.

Die Kulturgruppe der Bandkeramiker [7] löste sich in zeitlicher und räumlicher Hinsicht im Mittel- und Jungneolithikum in mehrere Formenkreise [8] auf. Lediglich angedeuetet seien z.B. die Münchshofener Kultur, die Altheimer Kultur, die Chamer Kultur [9] , die Kugelamphorenkultur, die Trichterbecherkultur [10] usw. Dies ging einher mit einer Diversifizierung der handwerklichen Produktion und einem Bedeutungszuwachs des Handels, der sich teilweise bereits über große Distanzen vollzog. Gegen Ende des Neolithikums (2500 – 1800 v. Chr. sind im wesentlichen zwei Formenkreise greifbar: die Schnurkeramiker ( Dolch [11] , Becher [12]) eine Bevölkerung, die überwiegend in den Mittelgebirgslagen Viehhaltung und Weidewirtschaft betrieb und zudem noch von Jagd und Fischfang lebte, und die Glockenbecherkultur [13] , die vorwiegend in den siedlungsgünstigeren Lagen Mitteleuropas anzutreffen war.

Um 1800 v. Chr. beginnt die Bronzezeit [14] , die sich dadurch auszeichnet, daß der Mensch nunmehr in der Lage ist, Erze zu gewinnen und zu verarbeiten und damit Materialien und Geräte herzustellen, die eine intensivere Bewirtschaftung des Bodens ermöglichten und ganz allgemein eine Bereicherung der materiellen Kultur ( Vollgriffdolch [15] , Henkeltasse [16]) bewirkten. Parallel dazu ist eine Ausweitung des Kulturlandes in die Mittelgebirge und z.T. sogar in die höheren Lagen der Alpen hinein nachweisbar, wobei die in diesen Gegenden verbreiteten Erzgruben [17] oft den Anlaß für Siedlungsneugründungen gaben. In Norddeutschland wurden zunehmend die sandigen Geestrücken (Eschs) in die Besiedlung mit einbezogen. Die älteste Verwendung des Pfluges (Jochsohlenhaken, Pflug von Walle) sowie eine weitere soziale Differenzierung der Gesellschaft in Verbindung mit einer Intensivierung des Handwerks und des Handels [18] (Karte [19] ) sind wichtige Merkmale der kulturlandschaftlichen Veränderungen jener Phase.

Veränderungen erfolgten auch im Siedlungswesen. Für die Bronzezeit sind sowohl Einzelhöfe als auch aus mehreren Gehöften bestehende Siedlungen [20] nachweisbar. Ein typischer Haustyp, besonders in Norddeutschland, ist das sog. Wohnstallhaus. Dabei handelt es sich um eine dreischiffige Anlage von beträchtlicher Längenerstreckung (bis 35 m), die zu Wohnzwecken, Vorratshaltung und zur winterlichen Aufstallung des Viehs diente. Teilweise entstanden in der Bronzezeit aber auch isolierte Stallgebäude ohne Wohnteil und daneben Pfahlspeicher zur Aufbewahrung von Nahrungs- und Futtermitteln. Eine weitere zeitliche Differenzierung der Bronzezeit wird auch vor dem Hintergrund der Bestattungsformen vorgenommen, wobei die Hügelgräberbronzezeit (16. – 12. Jh. v. Chr.) und die Urnenfelderbronzezeit [21] (13.-9. Jh. v. Chr.) die wichtigsten Phasen darstellen.

Das letzte vorchristliche Jahrtausend entspricht der Eisenzeit [22] , wobei hier als wichtigste Phasen die Hallstattzeit [23] (auch Hallstattkultur, 800 – 500 v. Chr.) und die Latènezeit [24] (oder Latènekultur, 500 – Zeitenwende) unterschieden wird. Letztere ist die Kultur der Kelten [25] , die sich im letzten vorchristlichen Jahrtausend von ihrem Ursprungsgebiet im nördlichen Alpenrandgebiet über weite Teile West- und Südeuropas ausbreiteten. Nach Norden wurde ihre Expansion dagegen durch die sog. germanische Barriere verhindert.

Mit dem Eisen [26] stand dem Menschen ein wesentlich härterer Werkstoff zur Verfügung als mit Bronze, die gleichwohl auch weiter zur Herstellung handwerklicher und künstlerischer Gegenstände genutzt wurde. Ebenfalls weiterentwickelt wurde die Salzgewinnung, die einen ersten Höhepunkt in der Hallstattphase erfuhr. Nachdem schon in der Bronzezeit mit der Salzsiederei begonnen worden war, wurde in der Eisenzeit Salz zusätzlich durch Salzbergbau gewonnen und spielte als Handelsprodukt eine wichtige Rolle. Neu waren u.a. der Einsatz von Graphit als Färbemittel und um Ton feuerfester zu machen sowie in geringem Umfang die Glasherstellung. Hervorzuheben ist die Lederverarbeitung, für die die Kelten weithin bekannt waren. Der Handel wurde von den Kelten über große Distanzen organisiert, wobei die Handelswege ganz Europa überzogen. Einen der wichtigsten Handelswege der Eisenzeit stellte der Rhein-Rhône-Graben dar, über den die Verbindung zum Mittelmeerraum hergestellt wurde. Neben Handwerk und Handel [27] als wesentliche wirtschaftliche Grundlagen der Kelten spielte auch die Intensivierung der Landwirtschaft [28] eine wichtige Rolle. Im Getreidebau traten zu Weizen und Gerste nunmehr Roggen und Hafer hinzu. Auch Hülsenfrüchte werden vermehrt angebaut. Nachweislich erfolgte seit der Hallstattphase eine züchterische Einwirkung bei Rind und Pferd. Über die Handelsverbindungen werden neue Geflügel- und Schafrassen verbreitet usw. Diese Vielfalt der wirtschaftlichen Struktur, die einhergeht mit einer bereits sehr differenzierten (und hierarchisierten) Gesellschaftsstruktur, findet auch ihren Niederschlag im Siedlungswesen der Kelten, auch wenn diesbezüglich nicht von einer Einheitlichkeit die Rede sein kann.

Gleichwohl stehen Hausbau und Siedlungstypen [29] verbreitet in der nordalpinen Tradition. Unter den Wohngebäuden überwiegen langgestreckte ein- oder zweischiffige Pfosten oder Ständerbauten mit Lehm-Holz-Geflechtwänden und mit Firstsäulen- oder Sparrendachkonstruktion. Stall- und Wirtschaftsgebäude werden meist getrennt vom Wohnhaus angelegt. Verbreitet finden sich die mit Mauer und Graben befestigten Siedlungen in natürlich geschützter Höhenlage. In offeneren Landschaften waren die Siedlungen, hier oft Mehrgehöftgruppen oder Einzelhofanlagen, durch Palisaden geschützt.

Die Entstehung einer sehr differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft bewirkte auch die Anlage erster nichtagrarischer Siedlungen. Während der Hallstattphase entstanden die ersten Burgen die zunächst eher den Charakter von Volks- oder Fluchtburgen hatten und noch nicht als Dauerburgen eingerichtet waren. In der Latènephase finden sich dann die ersten Herrenburgen [30] als permanente Fürstensitze, dies oft in Verbindung mit befestigten Großsiedlungen, die ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert (nach mediterranem Vorbild) erstmals in Europa nördlich der Alpen entstanden. Cäsar hat diese Orte als Oppida [31] (Sing. Oppidum) bezeichnet, bei denen es sich um Produktions-, Verwaltungs-, Handels- und Kultzentren [32] handelte. Ihre überregionale Zentralfunktion spiegelt sich auch darin wider, daß für viele dieser Oppida eigene Münzprägungen nachgewiesen sind. Besonders reich war auch die Kunst der Kelten [33] , was u.a. anhand von Grabbeigaben [34] (Bild [35]) vielfach dokumentiert werden konnte.

Mit der Zeitenwende beginnt für Mitteleuropa eine neue Entwicklungsphase. Cäsar hatte zwischen 56 und 52 v. Chr. Gallien erobert. In der Folgezeit drangen die Römer weiter nach Germanien vor, gleichzeitig konnten sie ihren Einfluß auf den Britischen Inseln bis nach Schottland ausweiten. Was ihnen nicht gelang war, wie bei den Kelten zuvor, die Unterwerfung der Germanen, denen sie sich im Jahre 9 n. Chr. in der Schlacht im Teutoburger Wald [36] geschlagen geben mußten. Der Bau des Limes (germanicus)) [37] war ein äußeres Zeichen eines zweigeteilten Mitteleuropas, das sich in der südlichen Hälfte unter römischem Einfluß grundlegend veränderte. Der germanische Norden hat dagegen viele Geheimnisse seiner frühen Entwicklung bis heute noch nicht preisgegeben.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.comp-archaeology.org/Bandkeramik.htm
[2] http://www.walter-hermann.de/vorges/vorges2.htm
[3] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/mesolith.htm
[4] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/pal-ing.htm
[5] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/neolith.htm
[6] http://www.bawue.de/%7Ewmwerner/grabung/pic/vaih13.jpg
[7] http://www.comp-archaeology.org/Chronolog-N-Cent-S-Germany.gif
[8] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/neolith.htm
[9] http://www.bingo-ev.de/~gw168/archaktu/aa-019.htm
[10] http://209.217.18.237/TRB.htm
[11] http://www.bingo-ev.de/~gw168/archaktu/aa-003.htm
[12] http://www.bingo-ev.de/~gw168/archaktu/aa-023.htm
[13] http://www.forchheim.de/tourismus_freizeit/stadtfuehrer/virtueller_stadtfuehrer/332_1.jpg
[14] http://www.fortunecity.de/lindenpark/wittgenstein/30/KulturenderBronzezeit.html
[15] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/bilder/bz-02.jpg
[16] http://www.bingo-ev.de/~gw168/archaktu/aa-014.htm
[17] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/bz-fr-mi.htm
[18] http://www.bingo-ev.de/~ks451/numismat/mz-alles.htm
[19] http://www.walter-hermann.de/vorges/bronze.htm
[20] http://www.ingolstadt.de/stadtmuseum/scheuerer/arch/fr-bz-01.htm
[21] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/bz-uk.htm
[22] http://www.walter-hermann.de/vorges/eisenz.htm
[23] http://www.iath.virginia.edu/%7Eumw8f/Barbarians/Maps/mainmap1.jpg
[24] http://www.bingo-ev.de/~ks451/archaeol/ha-lt.htm
[25] http://www.altmuehlnet.de/gemeinden/boehmfeld/dorf/kelten/k-history.htm#top
[26] http://www.bawue.de/%7Ewmwerner/grabung/bw2_496.html
[27] http://www.altmuehlnet.de/gemeinden/boehmfeld/dorf/kelten/k-hd-hw.htm#top
[28] http://www.altmuehlnet.de/gemeinden/boehmfeld/dorf/kelten/k-bauern.htm
[29] http://www.keltenmuseum.de/dt/siedlung/hausdias.html
[30] http://www.gut-mergenthau.de/wir.htm
[31] http://www.bawue.de/~wmwerner/english/ipf.html
[32] http://www.walter-hermann.de/vorges/kelten3.htm
[33] http://www.walter-hermann.de/vorges/kelten2.htm
[34] http://www.bawue.de/~wmwerner/hochdorf/hgl1.html
[35] http://home.bawue.de/~wmwerner/hochdorf/h_fund1d.html
[36] http://www.erziehung.uni-giessen.de/studis/Robert/hermann.html
[37] http://www.legio8augusta.de/
Verwendete Literatur
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