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Didaktische
Zielsetzung: Diese Texteinheit soll verdeutlichen, daß
Multikulturalismus nicht erst eine Erscheinung der jüngeren
Vergangenheit ist. Durch In- und Auswanderungen wurde die
ethnisch-kulturelle Struktur Deutschlands nachhaltig
verändert.
Schlüsselbegriffe: Ethnische Bevölkerungsstrukturen, Ein- Auswanderung, Multikulturalismus, Ausländerproblematik ("Gastarbeiter"), Minderheiten |
Es ist nicht erst eine Erscheinung
unserer Zeit, daß Menschen ihre angestammte Heimat verlassen, um sich
an einem anderen Ort anzusiedeln. Begegnungen und Bewegungen ethnischer oder
kultureller Gruppen über Grenzen hinweg waren schon immer eher die
Regel als die Ausnahme (Bade 1992:9). Sie sind bis weit in die
vorchristlichen Jahrhunderte nachweisbar, in Zeiten, als nationale Grenzen
noch nicht existierten und für die es nicht ganz einfach ist,
ethnisch-kulturelle Strukturen überhaupt zu definieren.
Hinweise auf die vielfältigen
räumlichen Verlagerungen der Menschen in Mitteleuropa im Verlauf der
Geschichte finden sich in einer Vielzahl kultureller Spuren. Ein Beispiel
sind viele Gewässernamen (Rhein, Elbe, Lahn u.a.), die in ihrem
Ursprung schon auf keltische Wurzeln zurückgehen (Döbler
1975:173). Der französische Fluß Vézère am
Westabfall des Zentralmassivs hat die gleiche ethymologische Wurzel wie die
deutsche "Weser" (aus kelt. "wase" für feuchte Wiese, Wasser, Pletsch
1997:45). Auch die vielen "
Keltenschanzen" [1]
(Befestigungsanlagen) weisen auf die räumliche Verbreitung der Kelten
in Mitteleuropa hin.
Besonders augenfällig
läßt sich die räumliche Verbreitung der slawischen
Stämme in Ostmitteleuropa nachvollziehen. Die typischen slawischen
Ortnamensendungen (auf itz, -ow u.a.) sind östlich der Elbe weit
verbreitet. In der Niederlausitz findet sich mit den Sorben [2] ein slawischer Stamm, der über
1000 Jahre lang seine Kultur bis in die heutige Zeit erhalten konnte. Im
Einigungsvertrag 1990 wurde zwar nicht der Forderung der Sorben nach einem
eigenen Bundesland "Lausitz" Rechnung getragen, jedoch wurde festgelegt,
daß die Kultur und Sprache des sorbischen Volkes zu fördern und
Möglichkeiten zur Erhaltung der sorbischen Sprache in der
Öffentlichkeit zu unterstützen seien (Elle 1995:170).
Ein völlig anderes Beispiel
ethnisch-kultureller Überlagerung stellen die
Hugenotten [3] dar,
protestantische Glaubensflüchtlinge vorwiegend aus Frankreich, die v.a.
Ende des 17. Jh. in großer Zahl nach Deutschland kamen. Unmittelbare
Ursache für diese Massenflucht war die Aufhebung des Ediktes von Nantes
durch Ludwig XIV. (1685), das die Verfolgung der Protestanten in Frankreich
neu entfachte. Besonders Berlin hat seinen Aufstieg vom
Ackerbürgerstädtchen zur europäischen Metropole zum Teil
dieser Einwanderung zu verdanken (Bade 1992:282). Aber auch in anderen
Teilen Deutschlands gehen zahlreiche Städtegründungen auf die
Hugenottenansiedlung zurück. Als Beispiele seien hier Friedrichsdorf
[4] (Taunus) und
Bad-Karlshafen [5]
erwähnt. Anders als bei den Sorben sind jedoch bei den Hugenotten viele
ihrer Kulturspuren (v.a. die Sprache) verlorengegangen.
Stellen die Sorben und Hugenotten
unterschiedliche Beispiele nichtdeutscher ethnisch-kultureller Gruppen
innerhalb Deutschlands dar, so sind umgekehrt deutsche Kulturmerkmale vor
allem im Zuge der Auswanderung über die ganze Welt verbreitet worden.
Dabei ist es nicht immer einfach, klare Grenzen zu ziehen, weil sich diese
Spuren in vielen Fällen rasch vermischt oder verwischt haben. Beispiele
für frühe Auswanderungen sind etwa die hochmittelalterlichen
Siedlungsvorgänge im 12. Jh., die eine Verschiebung der Grenze
deutschen Kultureinflusses nach Osten bewirkten. Seit jener Zeit besiedeln
z.B. Deutsche bereits Ungarn oder Rumänien (Siebenbürger Sachsen [6], Bade 1992:34, Karte
[7]).
Zahlenmäßig eine weit
größere Dimension erreichten die Auswanderungen ab Mitte des 18.
Jh. So verließen z.B. viele Deutsche ihre Heimat, um sich im Süden des
Russischen Reiches [8]
niederzulassen. Die Zarin Katharina II. hatte in einem Manifest die Menschen
aus Europa aufgefordert, diesen Teil ihres Landes zu besiedeln, wobei sie
den Siedlern Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, eine eigene
Verwaltung und die freie Ausübung ihrer Religion versprach. Der Aufruf
traf in Deutschland auf offene Ohren, das in jener Zeit durch die
Verwüstungen des Siebenjährigen Krieges und zahlreiche
Mißernten geprägt war. Das Recht auf Religionsfreiheit war
für viele deutsche Mennoniten ein Anreiz, ihre Heimat zu verlassen und
sich in den ukrainischen Steppengebieten anzusiedeln (Hoerder 1992:91),
zumal sie in jener Zeit besonders in Preußen mit Spezialgesetzen
konfrontiert waren, die ihnen die Verwirklichung ihrer
Glaubensgrundsätze erschwerten. Innerhalb eines Jahrhunderts
verließen über 50 % der in Preußen lebenden Mennoniten das
Land in Richtung Wolga (Frank 1992:88), wo sie
teilweise bis heute ansässig [9] sind. Die ersten deutschen Kolonien entstanden 1764 bei
Satatow (Ludwig 1995:132), nur 10 Jahre später lebten bereits 25.781
Deutsche in Siedlungen an der Wolga und bei einer 1897 durchgeführten
Volkszählung wurde mehr als eine Million Deutsche in Rußland
gezählt. Im Zuge der sozialistischen Entwicklung der Sowjetunion haben
jedoch viele Deutsche ihre Siedlungsgebiete wieder verlassen.
Das 19. Jh. war in Deutschland
geprägt durch eine starke Emigration der Bevölkerung nach
Übersee (Bade 1983:17). Bevorzugtes Ziel waren die Vereinigten Staaten
von Amerika (Bade 1992:23), wo sich bereits im Verlauf des 18. Jh.
zahlreiche Auswanderer angesiedelt hatten. Beispiele hierfür sind
deutsche Siedlungen in Louisiana (1723) und Cayenne (1763/64) (Hoerder
1992:75). Von einer Massenauswanderung kann man jedoch erst ab 1850
sprechen. Allein zwischen 1854-75 verließen mehr als eine halbe
Million Deutsche ihre Heimat mit dem Ziel "Neue Welt" (Bade 1992:19). Heute
beläuft sich die Zahl der deutschstämmigen Amerikaner auf rd. 7
Mio. (Hoerder 1992:200). Zahlreiche Städte in den USA, Kanada
[10], Südamerika
[11], Neuseeland und Australien
[12] erinnern durch ihre Namen
an diese Bewegung (z.B. Germantown [13], Bismarck
[14] u.v.a.).
Ein besonders trauriges Kapitel der Emigration vollzog sich während des Dritten Reiches, als über eine halbe Million Menschen aus Deutschland flüchtete, um sich der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entziehen (Hoerder 1992:201). Viele unter ihnen hofften, irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, jedoch blieb der größte Teil dieser Auswanderer dauerhaft im Exil [15]. In die Hunderttausende gehen auch die Auswanderungszahlen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Das 20. Jh. ist andererseits eine Phase, in der zahlreiche ausländische Bevölkerungsgruppen nach Deutschland gelangt sind. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten bereits rd. 1,2 Mio. Menschen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit im Deutschen Reich (Hoerder 1992:202), in das sie während des rasanten Wirtschaftsaufschwungs seit der Reichsgründung 1871 immigriert waren. Zentren mit hohem Anteil ausländischer Bevölkerung waren typischerweise die Großstäde und Industriezentren. So wirkte Berlin wie ein Magnet, insbesondere für Künstler und Intellektuelle. Die Stadt war, neben Posen, politisches Zentrum der Polen in Preußen [16]. 1910 lebten über 80.000 Menschen polnischer Abstammung im Großraum Berlin (Elle 1995:387/88).
Während der Weimarer Republik sank die Zahl der Ausländer infolge der strengen Visumvergabe und der Wirtschaftskrise deutlich ab. Zu Beginn der Naziherrschaft betrug die Zahl weniger als eine halbe Million (Hoerder 1992:203/04). Dies änderte sich jedoch erzwungenermaßen während des Zweiten Weltkrieges, als die Zahl der Ausländer steil anstieg. Ursache war eine von Zwang und Gewalt geprägte Deportation von Arbeitern für die Waffenindustrie des Dritten Reiches aus den besetzten Gebieten. Noch heute belasten viele deutsche Unternehmen Klagen in Millionenhöhe von ehemaligen Zwangsarbeitern [17].
Dem Kriegsende folgte das sog.
'Deutsche Wirtschaftswunder'. Aufgrund des Mangels an Arbeitskräften
aus dem eigenen Land für die boomende Wirtschaft wurden 1955 erste
Verträge über Arbeiter-Anwerbevereinbarungen mit anderen Staaten
abgeschlossen. Am Anfang standen amtlich organisierte Arbeiteranwerbungen
mit Italien. Später kamen Griechenland, die Türkei, Portugal,
Marokko und Tunesien hinzu. Bis zum Anwerbestop von 1973 kamen rd. 14 Mio.
sog. "Gastarbeiter"
[18] nach Deutschland. Mehr
als 3 Mio. davon leben mit ihren Familien noch heute in Deutschland, was
vielerorts zu einer tiefgreifenden Veränderung der ethnisch-kulturellen
Bevölkerungsstruktur geführt hat (Hoerder 1992:204) (zur
aktuellen Situation).
Heute äußert sich das
internationale Mix der Einwohner z.B. in einer Vielzahl mediterraner,
asiatischer oder orientalischer Restaurants. Moscheen und Kirchen anderer
Konfessionen (koptisch, griechisch- oder russisch-orthodox) sind vor allem
in Großstädten wie Hamburg, Frankfurt oder Berlin zu finden.
Islamische Zentren mit überregionaler Bedeutung gibt es u.a. in Aachen,
München und Bonn (Elle 1995:221). Gerade der Ausübung der Religion
kommt eine große Bedeutung zu. Sie ist in der Tradition vieler
Einwanderer tief verwurzelt, ihr Praktizieren bedeutet ein Stück
'lebendige Heimat'. Heute gibt es eine Vielzahl von Vereinen, die sich
für die Integration und Toleranz ausländischen Kulturgutes und
ausländischer Mitbürger einsetzen.
Sicherlich haben sich die Probleme der Integration von Minderheiten in andere Gesellschaften im Verlauf der Geschichte gewandelt. Nicht immer muß eine solche Integration angestrebt sein, aber selbst wenn sie es ist, so dauert es meistens viele Jahre, bevor sie wirklich vollzogen werden kann. Die ist nicht nur am Beispiel ausländischer Mitbürger in Deutschland festzustellen, sondern auch im Falle der Integration deutscher Gruppen im Ausland. In Nordamerika suchten viele deutsche Immigranten oft die 'ethnische Nachbarschaft' (ethnic neighborhood) zu ihren Landsleuten (Bade 1992:164). Es entstanden in der Fremde viele Parteien, Vereine und Interessensverbände, die sich für die Belange der jeweiligen Immigrantengruppe sowie die Pflege des Brauchtums, der Sprache, der Religion und anderer Kulturgüter einsetzen. Mit dem gleichen Ziel haben viele Immigranten in Deutschland Institutionen geschaffen, um ein Stück ihrer eigenen Kultur zu bewahren.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.altmuehlnet.de/gemeinden/boehmfeld/dorf/kelten/ks-wandg.htm
[2] http://www.sorben.de
[3]
http://mitglied.lycos.de/HansJoachimSchaefer/Glossar/Hugenotten.htm
[4]
http://www.dike.de/friedrichsdorf/geschichte.html
[5]
http://www.weser.org/bad-karlshafen/bad-karlshafen-high.html
[6] http://www.sibiweb.de/
[7]
http://www.feefhs.org/maps/ah/ah-ehung.html
[8]
http://www.ensheim-saar.de/ehp_2327.htm
[9]
http://www.russlanddeutschegeschichte.de/deutsch1/mennon_ansiedlung.htm
[10]
http://germancanadian.uwinnipeg.ca/
[11]
http://www.matices.de/15/15ssiedl.htm
[12]
http://www.southaustralianhistory.com.au/hahndorf.htm
[13]
http://www.mvcc.net/Germantown/
[14]
http://www.bismarck.org/
[15]
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/kunst/paris/
[16]
http://www.polskarada.de/texte.htm
[17]
http://www.bundesregierung.de/artikel-,413.9186/Entschaedigung-von-Zwangsarbei.htm
[18]
http://www.uni-bamberg.de/~ba6ef3/ds161a_d.htm
Weiterführende Links:
Migration und Bevölkerung, Auswanderung aus Deutschland und Europa - Einwanderung in die USA Schuelerergebnisse, Zur Geschichte der Gastarbeiter, Ein Auswandererbrief, Wie ergeht es den Auswanderern in Hamburg , Ethnos-Nation: ein bilinguales, wissenschaftliches Journal
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