Texteinheit 3: Die Kulturlandschaft des Ländlichen Raumes: Genese, Wandel, regionale Siedlungstypen

(Edgar Conrad und Lennart Hofsäß)

Didaktische Zielsetzung: Überblick über die wichtigsten Phasen der Kulturlandschaftsgenese Deutschlands seit dem Neolithikum. Funktionale und genetische Klassifizierung von Siedlungsmustern und Hofformen unter Einbeziehung regionaler Unterschiede. Schärfung des Bewußtseins für den Wert der Dorferhaltung und Dorferneuerung. 

Schlüsselbegriffe: Ländlicher Raum, Historisch-genetische Siedlungsklassifizierung, Landnahmephasen und Ortsnamensmethode, Altsiedelland / Jungsiedelland, genetische Siedlungstypen, Gewachsene Siedlungen / Geplante Siedlungen, Haus- und Hofformen, Dorftypen, Dorferneuerung


Die umfassende Charakterisierung der Kulturlandschaft des Ländlichen Raumes ist nicht ganz einfach, zumal es in der Literatur keine umfassende und allgemein gültige Definition dessen, was unter Ländlichem Raum zu verstehen ist, gibt. Im Sinne des Bundesraumordnungsgesetzes sind es all jene Räume, die nicht durch städtische Verdichtungsräume überprägt sind und in denen die Physiognomie der Landschaft und der Siedlungen noch in starkem Maße durch die Landwirtschaft [1] geprägt sind.

In dieser Texteinheit soll nicht das ganze Spektrum möglicher Fragestellung des Ländlichen Raumes behandelt werden, sondern lediglich ein Überblick über die ländlichen Siedlungen Mitteleuropas hinsichtlich ihrer historisch-genetischen Einordnung und ihrer typologischen Merkmale gegeben werden. Dabei ist es unumgänglich, bis auf den Beginn der bodensteten Besiedlung seit dem Neolithikum zu verweisen, denn insbesondere in den Gunstlagen Mitteleuropas ist seit jener Zeit von einer Kontinuität der Besiedlung auszugehen. Die Gebirgsbereiche unterlagen demgegenüber aus unterschiedlichen Gründen stets einer stärkeren Fluktuation.

Die Frühphase der Entwicklung ist lediglich über archäologische Arbeitsmethoden rekonstruierbar. Seit dem ersten vorchristlichen Jahrtausend häufen sich entsprechende Funde und Relikte. Für das germanische Siedlungsgebiet sind Blockfluren bzw. Kammerfluren nachgewiesen worden (Born: 1957), die Kenntnisse der eigentlichen Siedlungsplätze sind bis heute dürftig. Konkreter sind die Hinweise im Bereich des römischen Dekumatlandes, wo ein dichtes Netz verschieden großer Villen (Landgüter) innerhalb einer im Zenturiatssystem regelmäßig ausgelegten Flur ausgebildet war. Viele Spuren dieser frühgeschichtlichen Besiedlung gingen jedoch im Zuge der Völkerwanderung und der damit verbundenen Zerstörung wieder verloren.

Einen Neubeginn stellt die Frankenzeit dar, die mit dem Merowingerreich um das Jahr 500 beginnt. Im Zuge der fränkischen Landnahme entstanden vor allem in den Gunstlandschaften Mitteleuropas eine Vielzahl von Einzelgehöften, aus denen sich im Zuge der Entwicklung Gehöftgruppen (Weiler) oder ganze Dörfer (v.a. der Typus des Haufendorfes) bildeten. Die Siedlungsnamen dieser Phase sind jeweils an ihren Endungen leicht zu erkennen, indem sie auf den Siedlungsplatz selbst (z.B. –haus, -dorf etc.) oder auf die Topographie (-berg, -tal u.a.) hinweisen. Vorzugsweise beschränkte sich die Siedlungstätigkeit während der Frankenzeit auf die bereits vorher vom Menschen genutzten Gebiete. In diesen sog. altbesiedelten Gebieten (Altsiedelland) kam es zu einer erheblichen Siedlungsverdichtung. In gewissem Umfang wurden in den niedrigeren Lagen der Mittelgebirge auch bereits Rodungen durchgeführt.

Die eigentliche Rodephase fällt jedoch in das Hochmittelalter (10.-12.Jh.) und steht im Zusammenhang mit einer rasch wachsenden Bevölkerungszahl und den Bemühungen des Adels und des Klerus, Neuland zu erschließen und damit auch ihre wirtschaftliche Basis zu verbreitern. Insbesondere in den Mittelgebirgen erfolgte die Landnahme überwiegend i.S. gelenkter Rodungen, also planmäßiger Kolonisation, was sich in regelmäßigen Siedlungs- und Flurmustern niederschlug. Besonders charakteristisch waren hierbei die Hufensiedlungen, die weitverbreitet in den mitteleuropäischen Mittelgebirgslandschaften entstanden.

Etwas anders verlief die Entwicklung in Ostmitteleuropa. Die seit der Völkerwanderung vorwiegend von slawischer Bevölkerung dünnbesiedelten Gebiete östlich der Elbe, Saale und des Böhmerwaldes wurden im Rahmen der sog. Ostbewegung [2] (Ostkolonisation) systematisch überprägt. Dabei wurden Siedler aus dem Westen von den Landesherren bzw. den jeweiligen weltlichen oder geistlichen Grundherren angeworben, eine Aufgabe, die von sog. Lokatoren übernommen wurde. Im Gebiet Ostpreußens spielte bei dieser Bewegung der Deutsche Orden [3] eine besondere Rolle (Gründung des Deutschordensstaates). Die neu entstehenden Siedlungen wurden entweder in völlig unerschlossenem Gebiet oder in Nachbarschaft zu bereits bestehenden slawischen Siedlungen angelegt. Charakteristisch waren auch hier regelhafte Siedlungstypen, wobei Straßendörfer und Angerdörfer überwogen. Insgesamt wird das hochmittelalterlich erschlossene Siedlungsgebiet als Jungsiedelland bezeichnet.

Aufgrund dieser Prozesse hatte die Ausdehnung des Kulturlandes am Ende des Hochmittelalters Ausmaße, die es nie zuvor und auch nie wieder danach erreichte. Ab Mitte des 14. Jh. kommt es bereits zu einem drastischen Rückgang der Siedlungen im Zusammenhang mit Seuchen [4], Epidemien, Kriegsereignissen usw., die im Spätmittelalter einen Rückgang der Bevölkerung Deutschlands um rd. 40 % und ein Wüstfallen der Siedlungen um rd. ein Drittel bewirkte. Die spätmittelalterliche Wüstungsphase, die erst zu Beginn des 16. Jh. überwunden werden konnte, kann als die gravierendste Zäsur der mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte überhaupt bezeichnet werden.

Eine letzte Phase der Landnahme im ländlichen Raum verbindet sich mit dem Absolutismus. In der sog. frühneuzeitlichen Ausbauperiode kommt es erneut zu Rodungen, auch wenn das Ausmaß des Hochmittelalters bei weitem nicht erreicht wurde. Vor allem kommt es im Verlauf des 16. Jh. zu einer Siedlungsverdichtung, die teilweise gekoppelt ist mit deutlichen sozialen Umschichtungen. Insbesondere in Nord- und Ostdeutschland ist dies mit einer verbreiteten Gutsbildung verbunden. Der Prozeß setzt sich im 17./18. Jh. i.S. des absolutistisch gelenkten Landesausbaus fort, wobei die Landesherren die wichtigsten Betreiber von Neulandgewinnungen waren. Die Marsch- und Moorbesiedlung Norddeutschlands mit regelhaften Siedlungs- und Flurformen ist für diese Phase besonders hervorzuheben.

Entsprechend der unterschiedlichen äußeren Rahmenbedingungen und der verschiedenen Entstehungsphasen stellt sich das Siedlungsbild Mitteleuropas sehr differenziert dar. Kulturelle Hintergründe, zur Verfügung stehende Baumaterialien, ethnische Einflüsse und funktionale Gesichtspunkte sind weitere differenzierende Faktoren. Entsprechend ist die Palette der Kriterien für eine systematische Erfassung der Siedlungen [5] im ländlichen Raum sehr breit. Wichtige Aspekte sind generell die Größe, die Grundrißform und die Bebauungsdichte.

Bezüglich der Größe ist zwischen Einzelsiedlungen und Gruppensiedlungen zu differenzieren. Einzelsiedlungen können aus nur einem Hof bestehen, der allerdings mehrere Gebäude umfassen kann. Mehrere Gehöfte bilden, wenn sie in lockerer Anordnung zueinander liegen, einen Weiler. Ein Dorf [6] verfügt im allgemeinen über weitere Funktionen wie Kirche, Schule, Verwaltung usw. Einzelsiedlungen findet man vor allem im Allgäu und in großen Teilen Norddeutschlands. Geschlossene Dörfer finden sich besonders häufig in Hessen und dem heutigen Baden-Württemberg.

Der Grundriß einer Siedlung ergibt sich aus der Position der einzelnen Gebäude zueinander und deren Lage zu Straßen, Bächen und Plätzen. Lineare Siedlungen ergaben sich oft an Flussläufen oder entlang von Tälern. Bei diesem Siedlungstyp sind die einzelnen Gehöfte aneinandergereiht. Meistens führen Wege direkt vom Hof zur Wirtschaftsfläche, z. B. bei den Hufensiedlungen wie dem Waldhufendorf oder dem Marschhufendorf. Diese Typen entstanden vor allem während der hochmittelalterlichen Rodungs- und Kolonisationsphase. Beim Straßendorf ist eine Straße das zentrale Siedlungselement, an der sich beidseitig die Höfe aneinanderreihen. Dieser Typ bildete sich verbreitet im Kolonisationsraum der Ostbewegung. Etwa zur gleichen Zeit entstanden viele Dörfer des Platzsiedlung-Typs. Hier gruppieren sich die einzelnen Gebäude um einen zentralen Platz, wie z. B. beim sogenannten Rundling ( Photo [7]; Grundrisse). In die Gruppe der Platzsiedlungen [8] gehört auch das Angerdorf [9] (der Name leitet sich vom "Anger" genannten zentralen Platz ab, der später oft der Standort von Kirche und Schule wurde). In der Regel besitzen Platzsiedlungen keine direkt an den Hof anschließenden Parzellen, sondern eine Gemengefeldflur.

Hinsichtlich der Bebauungsdichte, also dem Abstand der einzelnen Gebäude zueinander, gibt es regional große Unterschiede. Besonders dichte Bebauung findet sich z.B. in den Dörfern Südwestdeutschland, in denen über Jahrhunderte hinweg das Realteilungsrecht praktiziert wurde. Dies führte zu häufigen Teilungen und Gebäudeergänzungen innerhalb der dörflichen Einheiten. Demgegenüber ist die Bebauungsdichte in Gebieten des Anerbenrechts, d.h. mit geschlossener Hofübergabe an nur einen Erben, oft deutlich geringer. Am geringsten ist sie in den Streusiedelgebieten Norddeutschlands.

Der am stärksten verbreitete Dorftyp Deutschlands ist das sog. Haufendorf, das sich im allgemeinen durch unregelmäßige Grundrißformen kennzeichnet. Diese sind das Ergebnis eines länger andauernden Wachstumsprozesses. Folgerichtig werden Haufendörfer als "gewachsene Siedlungen" bezeichnet. Dem stehen die regelmäßigen Grundrißtypen gegenüber, die überwiegend das Ergebnis einer geplanten Entscheidung eines Kolonisationsträgers (Adel, Kirche, Landesherren) entstanden sind. Sie werden von daher auch als "geplante Siedlungen" bezeichnet. Ihre Entstehung erfolgte meist innerhalb einer kurzen Zeitdauer oder im Rahmen eines Kolonisationsvorganges.

Die Grundrißformen der ländlichen Siedlungen sagen meist nur wenig aus über die soziale Differenzierung der ländlichen Gesellschaft, obwohl es auch hier Intepretationsmöglichkeiten gibt. So lassen die einförmigen Hufensiedlungen in Marsch oder Moor auf eine recht ausgewogene soziale Schichtung der Bevölkerung schließen. Anders ist es in den gewachsenen Siedlungen, wo die vielfältigen Haus- und Hofformen ein Spiegelbild der Sozialverhältnisse der dörflichen Bevölkerung darstellen. Allerdings gibt es auch diesbezüglich innerhalb Mitteleuropas große regionale Unterschiede, so daß pauschale Interpretationen Gefahren bergen.

Auch hinsichtlich der Haus- und Hofformen [10] sind einige grundlegende Einteilungskriterien zu berücksichtigen, wie z.B. die Größe und die äußere Form der Gebäude, die Lage der Gebäude zueinander, die Konzentration verschiedener Funktionen innerhalb eines einzigen oder deren Aufteilung auf mehrere Gebäude, der Geschoßzahlen, der Anzahl der Gebäude, also die Frage, ob ein Gehöft aus mehreren oder nur einem einzigen Gebäude (Einheitshof) besteht. Im Falle des Einheitshofes befinden sich sowohl Wohn- als auch Wirtschaftsräume unter einem Dach. Auffällig hierbei sind die großen regionalen Unterschiede in der baulichen Gestaltung. In Süddeutschland wird der Einzelhof oft als Ernhaus bezeichnet. Ein typisches Beispiel hierfür ist das " Schauinslandhaus" [11] im Freilichtmuseum in Gutach. Wohn- und Wirtschaftsräume sind quer [12] zur Firstlinie angeordnet.

Im Gegensatz hierzu erfolgte die Anordnung der verschiedenen Räume in Norddeutschland meist in Längsrichtung [13] zum First ( Niederdeutsches Hallenhaus [14], Gulfhaus [15], Haubarg [16]). Beim Mehrbauhof sind die Gebäude nach Funktionen getrennt, meist in Stallungen und Wirtschaftsgebäude einerseits und dem Wohnbereich andererseits. Deutliche Unterschiede findet man auch in der architektonischen Ausführung von Mehrbauhöfen in Nord- [17] und Mehrbauhöfen in Süddeutschland [18]. Außerdem kann zwischen geregelten und ungeregelten Anlagen (Streuhof, Haufenhof) unterschieden werden. Der in Mitteleuropa am weitesten verbreitete Hof-Typ ist das geregelt entworfene fränkische oder auch mitteldeutsche Gehöft, das als Zweiseit-, Dreiseit- [19] oder auch Vierseithof [20] angelegt sein kann. Der Hof wird hierbei meist zur Straße hin durch ein Tor abgegrenzt.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die ländlichen Siedlungen ein besonders prägendes Element der Kulturlandschaft Deutschlands darstellen. Im Zuge der strukturellen Wandlungen, die den ländlichen Raum im Verlauf des letzten Jahrhunderts in starkem Maße verändert haben, sind viele der traditionellen Merkmale verlorengegangen. Heute ist die dörfliche Bevölkerung nicht mehr gleichzusetzen mit einer überwiegend agrarischen Bevölkerung, wie dies teilweise bis in die jüngere Vergangenheit der Fall war. Die Funktionen der Siedlungen haben sich damit weiter differenziert. Sie sind zu Wohnstandorten einer nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung, zu Gewerbe- oder Industriestandorten, zu Erholungsorten u.ä. geworden. Im Zuge dieser Transformationsprozesse ist aber auch das Bewußtsein um den kulturellen Wert der historischen Siedlungssubstanz geschärft worden. Viele Gemeinden bemühen sich im Rahmen von Programmen der Dorferneuerung [21], das traditionelle Kulturgut vor dem Verfall zu bewahren und für die Nachwelt zu erhalten.
 

Fragen und Aufgaben:   
  • Welches sind die wesentlichen Unterschiede der ländlichen Siedlungsformen im Alt- und Jungsiedelland? 
  • Gehöfte sind auch Zweckbauten. Diskutiere den Zusammenhang zwischen Form und Funktion am Beispiel des Gulfhauses [22] und beachte dabei dessen geographische Verbreitung.
  • Welche Gründe lassen sich für die regionale Verbreitung des Siedlungsbildes in Mitteleuropa anführen?
  • Ein Ziel der Dorferneuerung ist es, Elemente der traditionellen Kultur zu erhalten. Inwieweit entspricht diese Zielsetzung der modernen Entwicklung im ländlichen Raum? 

Interaktives Quiz

[1] http://www.bml.de/index-0002A3407CD31022B9146521C0A8D816.html
[2] http://www.genealogienetz.de/reg/SUD/hist/Kapitel_02.htm (28.08.2003)
[3] http://www.deutscher-orden.at/d/geschichte.htm (28.08.2003)
[4] http://www.scaryplace.com/plaguemap1.jpg (28.08.2003)
[5] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.s/s567496.htm
[6] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.d/d764705.htm
[7] http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/diss/ott/foto16.htm
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Dorf
[9] http://www.uni-marburg.de/herder-institut/bilder/anger2.jpg
[10] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.h/h728865.htm
[11] http://www.vogtsbauernhof.org/pages/rundgang/schauins.html
[12] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.h/h728865c.jpg
[13] http://www.museumsdorf.de/dorf/rundgang/objekte/bilder/awick_1_gross.jpg (28.08.2003)
[14] http://www.museumsdorf.de/dorf/rundgang/objekte/bilder/awick_3_gross.jpg (28.08.2003)
[15/22] http://www.museumsdorf.de/dorf/rundgang/exkurse/gulfhaus.php (28.08.2003)
[16] http://www.strand-express.de/Seite_21.htm
[17] http://www.museumsdorf.de/dorf/rundgang/fotos/hof_haake.jpg (28.08.2003)
[18] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.h/h728865d.jpg
[19] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.h/h728865b.jpg
[20] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.h/h728865a.jpg
[21] http://www.dorfderzukunft.de/

Verwendete Literatur


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