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Didaktische
Zielsetzung: Vertiefende Darstellung der Stadtgenese in Deutschland
(Weiterführung der Texteinheit 1.6. Stadtgenese/Stadtstruktur) unter
Berücksichtigung regionaler Stadttypen sowie Aufzeigen epochaler
Charakteristika der stadtmorphologischen Veränderungen.
Schlüsselbegriffe: Stadtentwicklungsphasen, Stadtmorphologie, Baustile, genetische und regionale Stadttypen, Städtewachstum |
Mit der Expansion der Römer ändert sich das Bild um die Zeitenwende. Sie konnten ihren Einfluß bis nach Zentraleuropa ausweiten. Dort fanden sie jedoch in den germanischen Stämmen erbitterte Widersacher, die ihnen das weitere Vordringen nach Norden verwehrten. An die entscheidende Schlacht im Jahre 9 n. Chr. erinnert bis heute das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald [1].
Zum Schutz gegen die Germanen errichteten die Römer Ende des 1. Jh. n. Chr. den Limes [2], einen Schutzwall, der sich vom Niederrhein über den Main bis zur Donau erstreckte. Innerhalb des römischen Herrschaftsbereichs entstand in der Folgezeit ein blühendes Städtewesen. Beispiele hierfür sind u.a. Trier [3], Köln, Mainz [4] oder Regensburg. In diesen Städten erinnern bis heute zahlreiche historische Bauwerke an jene Zeit.
Ab Mitte des 3. Jahrhunderts begannen die germanischen Stämme, den Limes zu überwinden. Es folgte ein Niedergang der römischen Kultur in Mitteleuropa, von dem auch die Städte nicht verschont blieben. Nur wenige der römischen bzw. frühgeschichtlichen Stadtanlagen überdauerten die nachfolgende Phase der Völkerwanderung (4.-6. Jh.), von einigen Bischofssitzen abgesehen, wie das Beispiel von Köln [5] verdeutlicht.
Mit der Entstehung des Fränkischen Reiches Ende des 5. Jh. änderten sich die territorialpolitischen Verhältnisse Mitteleuropas grundlegend. Die Unterteilung des Fränkischen Reiches in Grafschaften, Herzogtümer, Bistümer und sonstige politische Einheiten stellten eine wichtige Voraussetzung für die mittelalterliche Stadtentwicklung dar. Ebenfalls in dieser Zeit entstanden Heer- und Handelswege, die ganz Europa überspannten. Sie wurden zu wichtigen Leitlinien der Stadtentwicklung, indem hier unter dem Schutz der Territorialherren erste Handwerks- und Kaufmannssiedlungen entstanden.
Gegen Ende des 9. Jh. entwickelten sich insbesondere in Norddeutschland aus diesen Kernen heraus die sog. Kaufmannswiken, die vor allem auf der Grundlage von Fernhandelsgütern wie Salz, Bernstein u.a. rasch an Bedeutung gewannen. Sie entstanden sowohl entlang der Küsten als auch im Binnenland. Der Wortteil „wik“ (von wycken = Küste, Bucht) in küstennahen Städten (z.B. Wyk auf Föhr oder Schleswig) oder im Binnenland (z.B. Braunschweig [6], die Endung –weig leitet sich hier ab von mhd. weig = Weg) belegt diesen Ursprung augenfällig (Hofmeister 1993: S. 31ff.). Kennzeichen dieser Siedlungen war oft eine Burganlage, die jedoch häufig räumlich und funktional von den Kaufmannssiedlungen getrennt lag.
Diese Trennung verwischt sich im Hochmittelalter zunehmend. Es kam zur Verschmelzung der einzelnen Kerne. Zum wichtigsten Element der Städte wurde immer mehr der Marktplatz, dem auch räumlich innerhalb des zumeist unregelmäßigen Stadtgrundrisses der mittelalterlichen Städte eine zentrale Bedeutung zufiel (Bsp. Hameln [7], Nördlingen [8]).
Das Hochmittelalter ist die bedeutendste Stadtgründungsphase Deutschlands überhaupt. Als Städtegründer spielten sowohl die weltlichen als auch die geistlichen Territorialherren eine entscheidende Rolle. Bereits ins 10. Jh. fallen kaiserliche Gründungen wie Gelnhausen, Goslar [9] u.a. Der sog. Höhere Adel, die geistlichen Territorialherren und später auch der Niedere Adel traten in der Folgezeit als Städtegründer hervor.
Die räumlichen Kennzeichen der Stadtgründungen waren vielfältig. Wichtige Leitlinien blieben die Fernhandelswege oder Flüsse nach dem Vorbild der frühmittelalterlichen Vorläufer. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums wuchsen viele Städte rasch über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus. Stadterweiterungen, die Anlage von Vorstädten, die Entstehung von Doppelstädten usw. waren die Folgen. Diese Dynamik spiegelt sich teilweise bis heute in Stadtteilbezeichnungen wie Altstadt, Neustadt, Vorstadt u.a. wider.
Formales Kennzeichen der meisten mittelalterlichen Städte ist ihr eher unregelmäßiger Grundriß. Allerdings gibt es Ausnahmen, insbesondere in Gebieten, die kolonisatorisch überprägt wurden. Hierzu zählt das östliche Mitteleuropa, wo im Rahmen der Ostkolonisation zahlreiche Städte neu angelegt bzw. planmäßig gestaltet wurden. Ein schönes Beispiel hierfür liegt mit Freiberg (Sachsen) [10] vor.
Mitte des 14. Jh. erfährt die Stadtentwicklung einen deutlichen Einschnitt. Seuchen ( Pest [11]), Agrarkrisen, Kriege u.a. bewirkten zwischen 1350 und 1500 ein Schrumpfen der Bevölkerung in Mitteleuropa um rd. 40 % (Abel 1971: S. 302). In dieser Phase fällt nicht nur eine große Zahl ländlicher Siedlungen wüst, sondern auch Städte verschwinden von der Landkarte Mitteleuropas, insbesondere solche, deren wirtschaftliche Basis recht schmal und deren Bevölkerungszahl ohnehin gering war (sog. Zwergstädte).
Ein Neubeginn der Stadtentwicklung setzt im 16. Jh. ein, als die Bevölkerungszahlen wieder anstiegen. Die Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus (1492) ist gleichbedeutend mit dem Beginn einer neuen Zeit, in der das mittelalterliche Weltbild erschüttert und durch rationale Denkweisen ersetzt wird. Die Reformation ist ein beredter Ausdruck dieser Veränderungen. Diese finden auch in den politischen Strukturen (Absolutismus) ihren Niederschlag.
Die Stadtentwicklung des 16.-18. Jh. ist ein Spiegel dieser Entwicklung. Die Rückbesinnung (Renaissance) auf die rationalen Gestaltungsmuster der Antike entsprach dem cartesianischen Geist jener Epoche. Entsprechend wurden die Städte nunmehr nach streng geometrischen Mustern angelegt. Diese sog. Fürstenstädte bilden einen der charakteristischen Stadttypen der frühneuzeitlichen Entwicklung. Neben den aufwendigen Schloßanlagen sind Garnisonen und die Befestigungswerke im sog. Vauban’schen Bastionengrundriß (Hamburg 1650) [12] unverkennbare Attribute dieser Städte, wie das Beispiel von Mannheim [13] augenfällig macht.
Charakteristisch für die Fürstenstädte (Residenzstädte) ist in vielen Fällen auch die Ausrichtung der ganzen Stadtanlage auf den Herrschaftssitz des Landesfürsten hin. Paradebeispiel für eine solche Anlage in Deutschland ist Karlsruhe [14], dessen sternförmig ausgerichteter Stadtgrundriß an das französische Vorbild in Versailles erinnert. Diesem Vorbild entsprechen auch die ausgedehnten Parkanlagen. Der Stadtgrundriß von Karlsruhe wurde streng geometrisch angelegt, wobei die einzelnen Baublöcke durch weiträumige Straßen und Plätze voneinander getrennt waren.
Außer den Residenzstädten hat der Absolutismus weitere Stadttypen hervorgebracht. Zu nennen sind z.B. die sog. Bergstädte, die v.a. im 15./16. Jh. in Bergbaugebieten entstanden. Verbindungen zur merkantilistischen Wirtschaftsidee des Absolutismus sind hier offensichtlich. Ein schönes Beispiel einer solchen Gründung ist die heute zusammengefaßte Stadt Clausthal Zellerfeld [15], die aus zwei ehemaligen Bergstädten hervorgegangen ist.
Schließlich sind die Exulantenstädte (Flüchtlingsstädte) zu nennen. Sie entstanden vorwiegend zwischen dem 16. und 18. Jh. in den Herrschaftsgebieten protestantischer Landesfürsten. In diesen Städten wurden planmäßig Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) vorwiegend aus Frankreich angesiedelt, die v.a. nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) durch Ludwig XIV. ihre Heimat verlassen mußten. Aufgrund ihrer handwerklichen und kaufmännischen Fähigkeiten wurden die Hugenotten zur Belebung der Wirtschaft in Deutschland gezielt angeworben, mit Schwerpunkten der Ansiedlung in Hessen (Bsp. Neu-Isenburg [16]) und in der Mark-Brandenburg (Heineberg 1989: S. 68).
Als Ergebnis der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung und in Abhängigkeit von regionalen Gegebenheiten hinsichtlich verfügbarer Baumaterialien, Baustilen, topographischen und sonstigen Anpassungen lassen sich, in Anlehnung an Heineberg (1989: S. 71) verschiedene regionale Stadttypen ausgliedern. Heineberg unterscheidet:
Insbesondere mit Einsetzen der
Industrialisierung gegen Mitte des 19. Jh. beginnt eine völlig neue
Phase der Stadtentwicklung. Die neu gegründeten industriellen und
gewerblichen Betriebe der Schwerindustrie benötigten eine sehr hohe
Zahl von Arbeitskräften, die nicht aus der vorhandenen städtischen
Bevölkerung gedeckt werden konnte. Die dadurch einsetzende
Land-Stadt-Wanderung bewirkte in vielen Städten ein plötzliches
Auftreten der Wohnungsnot. Innerhalb von nur 20 Jahren, zumeist zwischen
1870-1890 verdreifachte sich die Einwohnerzahl der meisten deutschen
Städte, so daß infrastrukturelle und städtebauliche
Maßnahmen (wie Straßenbau, die Anlage von Kanalisationen,
Wasserversorgung und der Bau von Wohnungen, etc.) nötig waren. Ein
Ergebnis dieser Entwicklung sind die ersten großen Mietshäuser,
für die der Begriff der Mietskasernen angewendet wurde. In
diesen Baublöcken wurde versucht, auf kleinster Fläche
möglichst viele Menschen unterzubringen, was häufig zu
katastrophalen Wohnverhältnissen führte (Bsp.:
Berlin [20]). Eine weitere
prägende Form der Wohnungsbeschaffung waren die Werkskolonien und
-siedlungen, die in Anlehnung an die Betriebe von den Fabrikbesitzern erbaut
wurden. So entstand zum Beispiel die Magarethenhöhe in Essen oder
die Siemensstadt in
Berlin [21].
Diese Phase der Stadtentwicklung war
der Beginn der „modernen Stadt“, durch die die Strukturen
der mittelalterlichen Stadt endgültig überprägt
wurden.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.hermannsdenkmal.de/
[2]
http://home.t-online.de/home/Bernd.Hummel/limes.htm
[3]
http://www.trier.de/tourismus/sehenswertes/porta.htm
[4]
http://www.mainz.de
[5]
http://www.deutsche-heimat.de/koeln/geschichte.html
[6]
http://www.braunschweig.de/stadtportrait/geschichte/
[7]
http://www.hameln.de/_images/64-stadtplan.gif
[8]
http://www.noerdlingen.de/sehenswertes/start_sehenswertes.htm
[9]
http://www.goslarinfo.de/stadtrundgang/
[10]
http://www.freiberg.de/acaws/portal.nsf/framesets/freiberg
[11]
http://www.scholiast.org/history/blackdeath/oct1347.html
[12]
http://www.lauritzen-hamburg.de/fotosekke/hamburgkarte_1650.jpg
[13]
http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/ma/ma_stad.htm
[14]
http://www.karlsruhe.de/Historie/Stadtrundgang/rustart.de.htm
[15]
http://www.inggeo.tu-clausthal.de/clausthal/bis-1750.html
[16]
http://www.neu-isenburg.de/showobject.phtml?&object=tx|113.60.1
[17]
http://www.lemgo.de/hexenbuergermeisterhaus.htm
[18]
http://www.neubrandenburg.de/de/portraittext.html
[19]
http://www.lauritzen-hamburg.de/fotosekke/hamburgkarte_1830.jpg
[20]
http://www.politikwiki.de/index.php/Mietskaserne
[21]
http://www.siemens-stadt.de/gesamt0.htm
[22]
http://www.trier.de/stadt/hist.htm
[23]
http://www.berlinonline.de/berlin-chronik/.html/index.html
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