Ein hervorstechendes Element der Kulturlandschaft Deutschlands ist die große Vielfalt an Burgen und Schlössern. Dies ist in erster Linie das Ergebnis einer äußerst zersplitterten mittelalterlichen Territorialstruktur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die bis zum Wiener Kongreß 1815 und der damit verbundenen Neuordnung Europas bestand. Neben einem gewählten König gab es in dieser Struktur über Jahrhunderte hinweg in Deutschland eine große Anzahl mehr oder weniger autonomer Gebietsfürsten. Um seine Macht zu festigen, war das Königtum stets bestrebt, sein Territorium auszuweiten und zu sichern. Diesem Zweck dienten die zahlreichen Burgen, auf denen oft Reichsministeriale als Verwalter eingesetzt wurden. Daneben gab es sog. Pfalzen, die meist nur als vorübergehende Herrschaftssitze genutzt wurden. Aber auch die Gebietsfürsten versuchten, ihre Machtsphäre ständig auszubauen und errichteten ihrerseits Burgen und Festungsanlagen, was ihnen oft genug die Rivalität untereinander und mit dem Königtum einbrachte.
Eine sinnvolle Gliederung der deutschen Burgenlandschaft ergibt sich aus den einzelnen Zeitepochen, in denen die Burgen gebaut wurden. In der Phase des Frühmittelalters (6. bis 10. Jh.) wurden Burgen meist aus Holz und Erde errichtet und sind deshalb heute kaum noch erhalten (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 38-53). Man bezeichnet sie auch als "Burgwälle" zur Unterscheidung von später gebauten festen Burgen. Diese Burgwälle dienten in den meisten Fällen wohl nur als temporäre Unterkünfte im Sinne von Fluchtburgen. Oftmals gab es einen Graben, ein Tor und auch einen Turm, allerdings waren alle diese Anlagen in den seltensten Fällen aus Stein gebaut. Erst mit der wachsenden Gefahr von Überfällen (z.B. durch die Normannen, Ungarn oder Slawen) im 9. Jh. veränderte sich die Bau- und Befestigungstechnik, und zwar zuerst im fränkischen, später auch im sächsischen Siedlungsgebiet. Vom Verbreitungsgebiet der Slawen sind ähnliche Burgwälle wie aus dem Fränkischen Reich bekannt, wobei allerdings unklar ist, ob dort die Burgenbautechnik übernommen oder unabhängig entwickelt wurde. Ein Beispiel für frühmittelalterliche Burgwälle ist die Kesterburg auf dem Christenberg (Hessen).
Auch aus der Zeit des hochmittelalterlichen Burgenbaus (10. bis Mitte des 12. Jh.; Ottonen- und Salierzeit) sind nur sehr wenige Objekte erhalten (wie z. B. die Schauenburg [1] in Baden), da die meisten entweder aus Holz errichtet oder später umgebaut wurden (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 54-83). Nur langsam vollzog sich der Übergang von der Fluchtburg zu einem dauerhaften Wohnsitz des Adels. Als eine der ersten Wohnburgen dieser Art gilt die Burg Weißenstein bei Marburg-Wehrda (Hessen). In dieser Zeit entstehen, vor allem im linksrheinischen Gebiet, die ersten Steinburgen, die teilweise als Wohntürme angelegt waren. Um eine größere Wehrhaftigkeit zu erreichen, führte man außerdem die "Motte" ein, ein künstlich aufgeschütteter, steiler Erdhügel, auf den der Wohnturm aufgesetzt wurde oder man schüttete jenen nachträglich an ("einmotten"). Von daher erklärt sich auch der Begriff der "Turmhügelburg". Reine "Wehrtürme" gab es dagegen erst ab dem beginnenden 12. Jahrhundert. Die slawischen Burgen unterschieden sich zu dieser Zeit kaum von den deutschen, da das Gebiet größtenteils unter deutscher Vorherrschaft stand. Sie entstanden häufig im Zusammenhang mit größeren Siedlungen.
Die klassische Epoche des mittelalterlichen Burgenbaus war die staufische Zeit (Mitte des 12. bis Ende des 13. Jh.). In dieser Zeit kam es zur Gründung vieler neuer Burgen, da die territoriale Zersplitterung des Reiches immer weiter fortschritt (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 83-125). Auf der einen Seite errichteten die Könige zur Sicherung ihrer Macht sog. Reichsburgen (z.B. Münzenberg [2], Friedberg [3], Trifels [4]) und Pfalzen (z.B. Gelnhausen [5], Goslar) [6], auf der anderen Seite waren weltliche und geistliche Reichsfürsten (Herzöge, Markgrafen, Bischöfe) Hauptträger des Burgenbaus (z.B. die Neuenburg [7] in Sachsen-Anhalt, der älteste Teil der Burg in Marburg und die Burg Breuberg [8] in Hessen, die Nürburg [9], die Dahner Burgen [10] und die Altenbaumburg [11] in Rheinland-Pfalz). Einige Herrscher bauten sich sogar pfalzartige Residenzen, so z.B. Heinrich der Löwe in Braunschweig (Dankwarderode) und die Landgrafen von Thüringen in Eisenach (Wartburg [12]).
Insgesamt herrschte zu dieser Zeit die meist auf Bergspornen gelegene Höhenburg vor, und zwar als Ringmauer- bzw. Randhausburg. Diese hatte prinzipiell überall den gleichen Aufbau. Besondere Verteidigungselemente, wie vorspringende Flankierungstürme bzw. Zwinger (abschnittsweises Mauer-Graben-System), kommen allerdings erst im 13. Jahrhundert vor. Dabei wurden die Burgen meist nicht nach einem einheitlichen Plan entwickelt, sondern unterlagen einer permanenten Veränderung. Besonders wichtig war die wehrhafte Erscheinung, die durch geschlossene starke Mauern (v.a. Buckelquader) bewirkt wurde. Bei der Baugestaltung war vielerorts der Einfluß von Kreuzfahrerburgen nicht zu übersehen, vor allem im Rheinland und an der Mosel (z.B. Mürlenbach [13]). Neben dem Normalfall des Einzelherrschers auf einer Burg, hatte zu dieser Zeit auch die Ganerbenburg (z.B. Eltz [14]) weite Verbreitung. Auf ihr lebten alle Erben auf einer Burg in einer Gemeinschaft zusammen, wobei jeder einzelne das Recht an der ganzen Burg behielt.
In der Zeit des Spätmittelalters (ab 1300) ist ein Nachlassen des Burgenbaus zu beobachten, was in erster Linie auf knapper werdende finanzielle Mittel zurückzuführen ist, teilweise ausgelöst durch Hungersnöte und Pestepidemien (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 126-147). So wurden nur noch vereinzelt neue Burgen gebaut, wie z.B. die Rheinburgen [15] Rheinfels und Neukatzenelnbogen (Karte (pdf: 426kb)). Auf der anderen Seite sind aber vorhandene Anlagen in dieser Zeit oft verändert worden, vor allem durch das Hinzufügen von Vorburgen (Vorverlegung der Verteidigungslinie). Beispiele hierfür sind Burghausen [16] in Bayern und die Burgen am unteren Neckar (z.B. Neckarsteinach [17]und Guttenberg [18]). Im 15. Jh. wurden einige Burgen auch schon nach neuester Festungstechnik umgebaut, so z.B. Hohenneuffen [19] und Hohentwiel in Württemberg. Kennzeichen wurden nunmehr die Anlage von Batterie- und Geschütztürmen, das verstärkte Verwenden von Schild- und Zwingermauern und der Ausbau der Tore (teilweise mit Zugbrücke). Parallel dazu wurden die Wohnbauten ausgebaut, um hier mehr Komfort zu haben. In Norddeutschland tauchte in dieser Zeit das "feste Haus" auf, die Sonderform eines Wohnturms (z.B. Ransbach in Hessen; heute im Hessenpark).
Ab dem Anfang des 16. Jahrhunderts setzte im Burgenbau eine neue Entwicklung ein. Auf der einen Seite gewann der Bau repräsentativer und komfortabler Schlösser gegenüber dem mittelalterlichen Burgenbau an Bedeutung, andererseits hatten sich grundlegende Veränderungen im Festungsbau ergeben. Festungen mußten nunmehr im Zeichen der aufkommenden Feuerwaffen verteidigungsfähig sein und ließen wegen Platz- und/oder Geldmangels meist keinen repräsentativen Wohnbau mehr zu (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 148-162). Dagegen ist bei den Schloßbauten erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts der völlige Verzicht auf aktive Verteidigungsanlagen zu beobachten. Vorher verwendete man durchaus noch Verteidigungselemente, auch wenn sie gelegentlich keine echte Funktion mehr hatten, wie z.B. Schloß Augustusburg [20]/ Brühl (Nordrhein-Westfalen) deutlich werden läßt.
Unter kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten wird zwischen den Bauepochen der Renaissance (ca. 1550-1650) und des Barock (ca. 1650 bis Ende 18. Jh.) unterschieden, zwei Phasen, in denen viele bedeutende Schlösser entstanden sind (Köpf,1958, S. 125-130). Im Barock stand der Repräsentationsgedanke eindeutig im Vordergrund. In unmittelbarer Umgebung der Barockschlösser gründeten die jeweiligen Herrscher oft ganze Stadtteile oder Städte, wie die Beispiele von Mannheim [21] und Karlsruhe [22] deutlich machen. Diese hatten die Eigenschaft, daß sie streng geometrisch aufgebaut waren und in ihrer Grundanlage meistens direkt auf das Schloß ausgerichtet waren (z.B. in Karlsruhe durch Sichtachsen).
Im Festungsbau des Barockzeitalters bediente man sich neuer Elemente, wie z.B. den Rondellen (tiefgelegte Batterietürme), Geschützkasematten oder den aus Italien stammenden Bastionen, die alle den Zweck hatten, sicheren Schutz vor Angreifern zu gewähren und gleichzeitig eine effektive Verteidigung zu ermöglichen. So erhielten neben "Schlössern" wie Marburg oder Heldrungen [23] (Thüringen) auch ganze Städte Bastionenbefestigungen, z.B. Hamburg [24]. Teilweise sind auch vollkommen neue Festungsanlagen entstanden, wie z.B. in Ehrenbreitstein [25] bei Koblenz (1817-28, vorher Sprengung der alten Burg) und in Königstein [26] in Sachsen.
Ab der Jahrhundertwende 18./19. Jh. vollzieht sich in Europa eine Burgenrenaissance (Phase des sog. Historismus), die ihren Höhepunkt um 1900 fand (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 165-173). Sie begann mit einem Ruinenkult, in dem sogar bewußt Burgruinen gebaut wurden, z.B. die Löwenburg [27] in Kassel-Wilhelmshöhe. Ab 1820 folgte der sog. "Romantische Historismus", als viele zerfallene Burgen wieder aufgebaut (z.B. die Rheinburgen [28] Rheinstein, Stahleck, Sooneck, Schönburg, Rheinfels und Stolzenfels) oder ganz neu errichtet wurden. Beispiele für solche neuen Schloßbauten sind Hohenschwangau [29] (1833-53), Babelsberg/ Potsdam [30] (1834-49), Lichtenstein/ Schwäb. Alb (1839-57), und schließlich Neuschwanstein [31] (1868-92).
Im darauffolgenden "Heroischen Historismus" (ab 1850) wurde ein möglichst stilreiner Wiederaufbau von Burgen und/oder Schlössern versucht. Beispiele hierfür sind der Neuaufbau der Burg Hohenzollern [32] (1850-67), der Marienburg [33] bei Hannover (1858-67), der Goslarer Kaiserpfalz [34] (1868-1900) im neuromanischen Stil und der Burgen Wartburg [35], Dankwarderode (Braunschweig) und Nürnberg. Auch im anschließenden Späthistorismus (um die Jahrhundertwende) kam es noch zu Neubauten und Restaurierungen.
Die heutige Bedeutung der Burgen und Schlösser in Deutschland weist ein breites Spektrum auf. Viele der Burgen oder Burgruinen sind historische und überwiegend denkmalgeschützte Bauwerke, die ihre ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllen (Deutsche Burgenvereinigung, 1999, S. 177-181). Allerdings bestehen die unterschiedlichsten Nutzungsansprüche, so daß diesem Thema große Aufmerksamkeit zuteil wird. Bei alledem spielt die Frage des Denkmalschutzes [36] eine zentrale Rolle. Hauptziel ist dabei die Erhaltung der historischen Zeugnisse als Bestandteil der Kulturlandschaft. Kontrovers verlaufen oft die Diskussionen um Fragen der Restaurierung baufälliger oder erneuerungswürdiger Anlagen. Dazu sind eigene Fördervereine oder Gesellschaften entstanden, wie z.B. die Deutsche Burgenvereinigung [37], die Wartburg-Gesellschaft [38] und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz [39].
Neben der auch heute noch häufigen Nutzung von Burgen und Schlössern als Wohngebäude steht die kulturelle Nutzung oft im Vordergrund. Verbreitet befinden sich in den Burgen/Schlössern Museen [40] (z.B. Leuchtenburg [41], Benrath [42], Dahn [43], Guttenberg [44]), die teilweise sehr speziellen Themen gewidmet sind (z.B. Zinnfigurenmuseum in der Plassenburg [45] bei Kulmbach, Waffensammlung in der Veste Coburg [46], Gemäldegalerien in den Schlössern Schleißheim [47] und Nymphenburg [48] und ein Schmetterlingsgarten im Schloß von Sayn [49]), andererseits gibt es vielerorts kulturelle Veranstaltungen wie Schloßkonzerte (z.B. Weilburg [50] oder Theateraufführungen. Auch die touristische Nutzung als Hotel [51] (z.B. Trendelburg, Blomberg), als Jugendherberge [52] (z.B. Altena, Hessenstein, Stahleck, Starkenburg oder Dilsberg) oder als Restaurant findet sich sehr häufig. Gerade die Hotelnutzung läßt sich sehr gut aus dem Internet belegen. Zu erwähnen sind auch die vielen Bourgenrouten Deutschlands, so z.B. die Wasserburgenroute oder die Deutsche Burgenstraße [53]. Letztere ist eine touristische Route, die im süddeutschen Bereich von Mannheim bis nach Prag führt. Auch ein burgenkundlicher Lehrpfad ist entstanden, und zwar in den Haßbergen in Unterfranken (Zeune1997). Neben den touristischen gibt es eine große Vielfalt weiterer Nutzungen, so etwa die Unterbringung von Universitäten (z.B. Mannheim, Bonn [54]), der städtischen Verwaltung (z.B. Bensberg) oder von Staatsorganen (z.B. Landtag in Schwerin [55]).
Sehr bedeutend für die Art der Nutzung sind natürlich die Besitzverhältnisse. So werden Nutzungen von Burgen und Schlössern in Privatbesitz in erster Linie von den Interessen der Eigentümer bestimmt (oft Wohn- oder kommerzielle Nutzung). Objekte im staatlichen oder kommunalen Besitz stehen demgegenüber häufiger der Öffentlichkeit zur Verfügung oder werden lediglich als Objekte des Denkmalschutzes verwaltet. Oft ergeben sich aber auch Kombinationen der verschiedensten Nutzungsarten, oder ein Nutzungswandel, der sich im Laufe der Zeit ergeben hat. Hierfür ist das Marburger Schloß ein gutes Beispiel, das im 19. Jh. zeitweise als Gefängnis, als Staatsarchiv und als hessische Geschichtssammlung benutzt wurde, während es heute einen Teil des Universitätsmuseums (Vor- und Frühgeschichte, Volkskunde), einen Theaterraum und, in einem Nebengebäude, ein Studentenwohnheim beherbergt (Großmann 1999, S. 18-19). Die Vielfältigkeit der Nutzungen ist so vielfältig wie die Burgen- und Schlösserlandschaft Deutschlands schlechthin.
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