Texteinheit 6: Marburg im Internet

(Thorsten Duminski und Reiner Schweinlin)

Didaktische Zielsetzung: Am Beispiel der Stadt Marburg wird dargestellt, wie historische Stadtentwicklung und aktuelle Strukturen einer typisch mittelalterlichen Stadt mit Hilfe von Internetquellen nachgezeichnet werden können.

Schlüsselbegriffe: Stadtentwicklung, Pilgertum, Reformation, Universitätsstadt, Suburbanisierung, Wirtschaftsförderung

Es gibt heute kaum noch eine Stadt in Deutschland, die nicht im Internet vertreten wäre. Die wenigen Lücken, die noch bestehen mögen, werden in sehr naher Zukunft geschlossen sein. Fast alle Städte nützen die Möglichkeiten des Internet, um sich selbst darzustellen, auf Besonderheiten hinsichtlich ihrer geschichtlichen, wirtschaftlichen oder touristischen Bedeutung hinzuweisen und damit letztlich auch für sich selbst zu werben. Marburg [1] in Hessen ist diesbezüglich keine Ausnahme.

Hinsichtlich seiner geschichtlichen Entwicklung [2] und typologischen Zuordnung kann Marburg in die große Zahl hochmittelalterlicher Stadtgründungen eingeordnet werden, die das Land Hessen (Tabelle) ebenso wie ganz Mitteleuropa kennzeichnet. Die frühesten Anfänge der Stadtentwicklung Marburgs fallen bereits in die fränkische Zeit. Älteste Spuren im Bereich des heutigen Schlosses [3] weisen schon auf eine spätkarolingische Besiedlung hin. In mehreren Bauphasen entstand zwischen dem 9. und 12. Jh. eine Burganlage, deren Aufgabe es u. a. war, die territoriale Grenze des niederhessischen Territoriums zu schützen. Der Name der Stadt leitet sich ab von Marcpurg, was soviel wie Grenzburg bedeutet (Heinemeyer 1990: 232).

Obwohl nicht unmittelbar an einer der bedeutenden mittelalterlichen Handelsstraßen gelegen, siedelten sich schon bald nach der Stadtgründung durch die Landgrafen von Thüringen um 1130/40 im Schutz der Burg die ersten Handwerker und Händler an. Wichtiger aber blieb zunächst die politische Funktion der Stadt, obwohl das Territorium zunächst noch zur Landgrafschaft Thüringen gehörte, die von Eisenach aus verwaltet wurde. Nach Aussterben der thüringischen Landgrafen wurde Marburg 1248 zum Geburtsort einer eigenständigen Landgrafschaft Hessen.

Die politische Bedeutung Marburgs wird überlagert von der geistlichen, die sich vor allem mit dem Namen Elisabeths von Marburg, der Hl. Elisabeth verbindet. Elisabeth wurde nach dem Tod ihres Gatten, des Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen (1218-1227) die Burg von Marburg als Witwensitz zugewiesen. Ihr Leben widmete sie der Pflege der Armen und Kranken. Nach ihrem frühen Tod (1231, mit 24 Jahren) und ihrer Heiligsprechung 1235 wurde Marburg mit der Elisabethkirche [4] zu einem der bedeutendsten Pilgerzentren Europas. Dem Deutschen Orden [5] oblag die Pflege des Grabes und damit auch die Organisation des Pilgerwesens.

Die folgenden Jahrhunderte bis zum Beginn der Reformation sind geprägt von einer dreigeteilten Mächtekonstellation, in der sich die hessischen Landgrafen, das Mainzer Erzbistum und der Deutsche Ritterorden als Kontrahenten gegenüberstanden. Unter Landgraf Philipp [6] (dem Großmütigen, 1518 - 1567) wurde die Landgrafschaft Hessen protestantisch (Homberger Synode, 1526), was faktisch ein Ende des Pilgerwesens in Marburg bedeutete. 1527 wurden sämtliche Klöster Marburgs säkularisiert. Die Erlöse bzw. die Gebäude wurden teilweise Grundlage der 1527 gegründeten Philipps-Universität [7], die als die älteste protestantische Universität der Welt gilt.

Die Universität bildete von Beginn an einen bedeutenden Faktor, auch wenn die Zahl der Studierenden zunächst noch recht bescheiden blieb. Letztlich leitete die Reformation, trotz der Gründung der Universität, hinsichtlich der Stadtentwicklung eher eine Phase der Stagnation als einen wirklichen Neubeginn ein.

Erst Mitte des 19. Jh. vollzogen sich wichtige Veränderungen, die am Beginn der modernen Stadtentwicklung stehen. Die Einbindung in das Eisenbahnnetz (Main-Weser-Bahn, 1848-1852) war von grundlegender Bedeutung. Nach dem Anschluß Kurhessens an Preussen (1866) folgten die Erhebung der Philipps-Universität zu einer preussischen Landesuniversität (1866) und der Ausbau Marburgs zur Garnisonstadt. Die ehemals auf den Burgberg beschränkte Stadt weitete sich nunmehr rasch in die Lahnaue aus. Die Universität kennzeichnete eine rasche Zunahme der Studierendenzahlen, zumal die Attraktivität der Alma Mater in jener Zeit durch zahlreiche Berühmtheiten [8] geprägt war.

Die große Bedeutung Marburgs als Universitätsstandort [9] hat sicherlich eine mögliche Entwicklung der Stadt zum Industriestandort (etwa vergleichbar mit der Nachbarstadt Giessen [10]) verhindert. Daraus resultieren bis heute zahlreiche Besonderheiten in der Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur. Marburg zählt zu den Städten Hessens mit einem überdurchschnittlichen Anteil der Erwerbsbevölkerung im Dienstleistungssektor. Die Universität ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber (rd. 7614 Beschäftigte im Jahre 1999). Gleichzeitig prägt die Universität aufgrund des engen Verhältnisses von Einwohner- und Studentenzahlen in starkem Maße die Bevölkerungsstruktur der Stadt. Heute bedeutet ein Studierendenanteil von 23% an der Gesamtbevölkerung (Leib 1990: 167) nach Münster, Gießen und Tübingen eine der höchsten Studentendichten Deutschlands.

Während von der Universität früher v. a. das Baugewerbe und Hilfsgewerbe profitierten, sind es heute mehr universitätsspezifische Handels- und Dienstleistungen, wie z. B. Bürobedarf und Schreibwaren, Copyshops, die Gastronomie usw. Zu den besonderen Kennzeichen zählt die enge bauliche Verquickung städtischer und universitärer Gebäude, trotz der Ausweitung der Universität in einem Campus auf den Lahnbergen. Die Universität erzeugt insgesamt Ausgaben in Höhe von 717 Mio. DM (1990). Diese Zahl bezeichnet das 2,8-fache des Verwaltungs- und Vermögenshaushalts, den z. B. die Stadt Marburg aufbringt (Leib 1990: 172-174).

In enger Verbindung zur Universität [11] haben sich zahlreiche weitere Dienstleistungsbereiche [12] der Stadt ausgebildet. Hierzu gehören in jüngerer Zeit vor allem Unternehmen der Medien- und Telekommunikationstechnik. Um Marburg als Wirtschaftsstandort zu stärken, wurde eine Stabsstelle für Wirtschaftsförderung [13] eingerichtet, die beratend und vermittelnd helfen soll, neue Wirtschaftsaktivitäten zu erschließen. Ein Beispiel hierfür ist das Software-Center [14], das auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne entstanden ist. Es handelt sich dabei um einen Zusammenschluß von Firmen der Medien- und Telekommunikationstechnik, die - in Zusammenarbeit mit der Universität - den "Internetstandort Marburg" festigen sollen. In dem Gründer- und Technologiezentrum finden sich zahlreiche Internet-Provider, Computerfirmen aus den Bereichen Web-Publishing und Hardware-Service usw. Diese "virtuelle" Reichweitenerhöhung wird durch die Funktion des Software-Centers als Kongresszentrum unterstrichen. Ein weiteres Gründerzentrum entstand auf dem Gelände der ehemaligen Tannenbergkaserne [15] im neuen Stadtteil Marburg-Stadtwald.

Auf die geringe industrielle Bedeutung Marburgs wurde bereits hingewiesen. Es gibt jedoch eine Ausnahme, die wiederum im Zusammenhang mit der Universität zu sehen ist: die Behring-Werke Marburg. Der Grundstein für Marburgs zweitgrößten Arbeitgeber wurde 1904 vom ersten Nobelpreisträger für Medizin, Emil von Behring [16], gelegt. In Zusammenarbeit mit den Farbwerken Hoechst gründete er zunächst die Schloßberg-Laboratorien. Mit den Geldern des Nobelpreises entstanden dann in Marbach (heute Teil Marburgs) die Behringwerke, die sich bis heute dort befinden. Die internationale Bedeutung dieses pharmazeutischen Betriebes zeigt sich in einer Vielzahl von Joint Ventures, die das Unternehmen mit Firmen auf der ganzen Welt unterhält (Vgl. Döpp 1990).

Die Stadt Marburg ist seit vielen Jahren bemüht, ihre wirtschaftliche Basis zu verbreitern und damit sowohl ein stabileres Wirtschaftsgefüge zu schaffen als auch ihren Einfluß auf das Umland zu stärken. Am Beispiel des Einzelhandels läßt sich dies aufzeigen. Er hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte kräftig entwickelt, ist aber auch mit Problemen behaftet. Obwohl zwischen 1986 und 1992 eine Steigerung des nominalen Umsatzes von 50% zu verzeichnen war (Sailer-Fliege 1995: 154.), ist die Lage v. a. für den innerstädtischen Einzelhandel nicht sonderlich gut. Im Vergleich mit den Nachbarstädten ist der Umsatz unterdurchschnittlich.

Dies hängt damit zusammen, daß sich auch in Marburg, vergleichbar mit vielen anderen deutschen Städten, seit den 1970er Jahren Suburbanisierungsprozesse vollziehen. In direkter Konkurrenz zur Innenstadt haben sich moderne Einkaufszentren gebildet, etwa in den Stadtteilen Wehrda und Cappel. Auf diese suburbanen Zentren entfällt ein Großteil des Umsatzvolumens im Einzelhandel. Begünstigt werden diese Zentren durch den Ausbau der Marburger Stadtautobahn und die Einbindung in das ÖPNV-Netz der Stadt. Sie haben aufgrund der Platzverfügbarkeit zudem den Vorteil, ein großes Angebot mit hohem Qualitätsniveau zu verknüpfen, verfügen über genügend Parkmöglichkeiten und sind wesentlich besser erreichbar, alles Attribute, die für die Einzelhandelsstandorte in der Innenstadt/ Altstadt nur begrenzt zutreffen (Vgl. Diagramm).

Die Stadt Marburg bemüht sich, diesem Trend entgegenzuwirken und die Attraktivität der Innenstadt durch Parkraumbewirtschaftung, Parkleitsysteme und Geschäftsflächenerweiterungen zu steigern. Im Verlauf der letzten Jahre entstanden gleich mehrere Shopping-Centers im inneren Stadtbereich (Schloßberg-, Erlenring-, Biegen- oder Ortenberg-Center), die den Suburbanisierungstendenzen entgegenwirken und das Angebot für den Kunden attraktiver gestalten sollen. Ob der allgemeine Trend des Bedeutungsverlustes der Innenstädte (Tertiäre Suburbanisierung) aufgehalten werden kann, bleibt jedoch fraglich.

Inwieweit Marburg seine überregionale Bedeutung steigern kann, ist ebenfalls schwer vorhersehbar. Die politische Grundlage hierfür wurde im Zuge der hessischen Gemeindereform 1974 geschaffen, als Marburg den Rang eines Oberzentrums [17] im mittelhessischen Raum erhielt. Gleichwohl ist die überregionale Bedeutung bis heute eingeschränkt, zumal Marburg mit dem relativ leistungsstarken Wirtschaftszentrum Giessen-Wetzlar in nur 30 km Entfernung konkurriert.

Zusammenfassend kann herausgestellt werden, daß die Stadt Marburg in vielerlei Hinsicht eine typische Entwicklung durchlaufen hat, die auch zahlreiche andere Städte Deutschlands kennzeichnet. Dabei gibt es in jedem Falle Besonderheiten der Entwicklung, an denen es auch in Marburg nicht fehlt. Anliegen des Beitrages war es, diese Entwicklungslinien anhand von Internet-Belegen nachzuvollziehen und dabei zu überprüfen, inwieweit dieses moderne Medium für das Nachzeichnen historischer und geographischer Strukturen geeignet ist. Das Ergebnis wäre noch vor 10 Jahren undenkbar gewesen, daß nämlich praktisch jede Phase und jede Funktion einer Stadt heute durch Internetlinks belegbar ist. Dabei mag es im Vergleich der Städte untereinander gewisse Unterschiedlichkeiten hinsichtlich der Akzentuierung der Links geben. Dies schmälert nicht die enorme Informationsbreite, die sich heute auch ohne allzu großen Suchaufwand bereits per Internet abrufen läßt.



Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.uni-marburg.de
[2] http://www.marburg.de/stadt12.asp
[3] http://www.marburg.de/images/bild13_gross.JPG
[4] http://www.elisabethkirche.de/rundgang/historie.htm
[5] http://www.uni-marburg.de/geographie/HPGeo/institutsueberblick/dthaus.htm#deutsch
[6] http://www.uni-marburg.de/stadt/bilder/philipp.html
[7] http://www.uni-marburg.de
[8] http://www.uni-marburg.de/zv/geninf/historie.html
[9] http://www.marburg.de/detail/13
[10] http://www.hessennet.de/giessen/
[11] http://www.mafex.de
[12] http://www.meinestadt.de/marburg/branchenbuch
[13] http://www.marburg.de/wirtschaft
[14] http://www.scm.de
[15] http://www.marburg.de/images/gwflächen8.jpg
[16] http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BehringEmil/
[17] http://www.bbr.bund.de/veroeffentlichungen/rob2000/praesent/sld024.htm

Literatur


Weiterführende Links:

Stadtansichten in 3D
BOP-Das Marburger Internet Magazin
Der Express - Das Info-Magazin Marburgs auch im Internet vertreten
Das Deutsche Spielearchiv
Die Elisabethkirche


Seitenanfang Inhalt VGT Home