| Didaktische Zielsetzung:
Einführung in Fragen der Industrialisierung und deren Bedeutung für
die Entwicklung von Industrieräumen in Deutschland (in Verbindung
mit Kapitel 1.7 und 1.8). Besondere Betonung der technischen Entwicklung
und der politischen Strukturen.
Schlüsselbegriffe: Industrialisierung, Industrielle Revolution, Eisenbahnbau, Fabrikwesen, Regionalentwicklung, Industriestädte, Städtewachstum, erwerbsstruktureller und technologischer Wandel |
Industrielle Revolution und Industrialisierung bilden einen tiefgreifenden Einschnitt in die wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen und stehen am Beginn einer neuen Epoche der Kulturlandschaftsentwicklung Europas. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist England. Hier wurden ab 1730 die meisten der die Epoche kennzeichnenden technischen Erfindungen gemacht und hier trafen sie mit den Anfängen des wirtschaftlichen Liberalismus auf einen fruchtbaren Boden. Besonders die Textilherstellung konnte dadurch hohe Produktivitätszuwächse verzeichnen, aber auch die Eisenerzeugung und -verarbeitung wurden durch neue Verhüttungstechniken und die Umstellung von Holzkohle auf Steinkohle und später Koks revolutioniert. Hochöfen wurden aus waldreichen Regionen in die Nähe von Kohle und Erzlagerstätten verlagert, Industriereviere entstanden (Buchheim 1994: 45-59).
Nicht die erste, aber die wohl bedeutendste Neuentwicklung dieser Zeit ist die Dampfmaschine [1]. Mit ihr wurde Energie unabhängig von Wind, Wasser [2], Tieren oder menschlicher Arbeitskraft [3] und konnte jetzt fast überall gleichmäßig und in ausreichender Menge produziert werden. In Verbindung mit dem Ausbau der Wasserstraßen [4] und dem späteren Aufkommen der Eisenbahn änderten sich auch die Standortbedingungen gewerblicher Produktion. Größere Manufakturen und Fabriken wurden möglich und für die rationelle Fertigung sogar erforderlich. Fabriken traten schrittweise an die Stelle von Verlagswesen und Manufakturen (Rürup 1992: 61-63; Rübberdt 1972: 39).
Spätestens nach Ende der Kontinentalsperre wurden britische Industrieprodukte zur Konkurrenz für die traditionellen Gewerbe auf dem Kontinent. Dieser wurde in Mitteleuropa zunächst meist durch Modernisierung und Spezialisierung begegnet. So konnten auch traditionelle Produktionsformen oft durch die Verarbeitung britischer Industrieprodukte profitieren. Industrielle Fertigungsmethoden wurden auf dem Kontinent jedoch auch in zunehmendem Maße nachgeahmt oder durch britische Fabrikgründungen eingeführt. Dies gelang vor allem in Frankreich und Belgien recht frühzeitig (Buchheim 1994: 69-73).
Zwar kamen auch im Bereich des Deutschen Bundes schon früh erste Maschinen zum Einsatz, doch konnten sie sich nicht durchsetzen. Als Gründe hierfür kommt ein ganzes Bündel von Faktoren in Betracht: so fehlte es durch die staatliche Zersplitterung [5] an einem einheitlichen Markt ohne Binnenzölle und einem günstigen und leistungsfähigen Verkehrsnetz, dazu kommen aber auch die Spätfolgen des 30jährigen Krieges (1618-48), der Fortbestand des feudalen Ständesystems mit seinen gewerblichen Einschränkungen und eine gewisse Technologiefeindlichkeit bei einem Teil des Adels. Außerdem fehlte es an verfügbarem Investitionskapital (Rübberdt 1972: 69-72; Buchheim 1994: 99-101).
Im Bereich des Deutschen Bundes [6] setzte die Industrialisierung daher erst mit fast 100jähriger Verspätung ein. Im Vergleich zu Großbritannien zeigt der Prozeß hier jedoch einige Unterschiede. So mußten viele Erfindungen nicht erst gemacht werden. Durch den Import von Techniken und Plänen bis hin zu ganzen Maschinen konnte der Prozeß der Industrialisierung erheblich verkürzt werden. Wichtige Voraussetzungen für die Industrialisierung waren ein starkes Bevölkerungswachstum und eine Reihe von Reformen (Stein-Hardenberg Reformen in Preußen). Auch die Schaffung des Deutschen Zollvereins [7] (1834) löste wichtige Impulse aus. Ab den 1830er Jahren beschleunigte sich die Übernahme technischer Neuerungen (Rürup 1992: 62-64; Buchheim 1994: 69-73; 99-101).
Träger der frühen Industrialisierung war vor allem der Eisenbahnbau [8]. Er sorgte nicht nur direkt für Beschäftigung, sondern erhöhte auch die Nachfrage nach Stahl, Kohle und Lokomotiven. War man zu Beginn noch auf Importe angewiesen, so konnten heimische Anbieter sie doch rasch ersetzen. Mit dem Wachstum der Eisen- und Stahlindustrie kam es auch im Bereich des Deutschen Bundes zur Entstehung von Zentren der Schwerindustrie. Daneben entstanden zahlreiche kleinere Werkstätten, die oft von der Reparatur auf den Bau und die Entwicklung von Maschinen übergingen und die Wurzel der ab 1840 sich zusehends eigenständig entwickelnden Maschinenbauindustrie bildeten. Auch für die Entstehung von Investitionskapital war die Bedeutung der Eisenbahn gewaltig. Teilweise unterstützt durch staatliche Garantien erfolgte die Finanzierung meist privat in Form von Eisenbahnaktien und trug so wesentlich zur Ausbreitung dieser Finanzierungsform bei. Die Gewinne hieraus wurden oft wieder reinvestiert und führten so zu einer weiteren Kapitalakkumulation (Rürup 1992: 74-77; Buchheim 1994: 99-101).
Nicht vergessen werden darf natürlich die Bedeutung der Eisenbahn als Transportmittel. Im Gegensatz zu Großbritannien verfügten die deutschen Staaten über kein ausgebautes und leistungsfähiges Transportnetz. Der Eisenbahnbau stellte somit eine Voraussetzung der flächenhaften Industrialisierung dar. Kleinstaatliche Interessen und Rivalitäten verhinderten lange die Verbindung der einzelnen Strecken. Erst ab den 1860er Jahren läßt sich daher von einer zunehmenden Vernetzung sprechen (Buchheim 1994: 99-101).
Die Entstehung von Fabriken und neuen Industrien erfolgte schwerpunktmäßig in Gebieten traditioneller Industrien und bei Kohle- und Erzlagerstätten (Ruhrgebiet (siehe hierzu 1.8. Wirtschaftszentren [9]), Saarland, Oberschlesien). Häufig gingen Fabriken auch direkt aus dem Verlagswesen hervor. Industrielle Schwerpunkte [10] entstanden in Brandenburg, dem Rheinland, Westfalen, Sachsen und Oberschlesien. Diese Zentren erlebten durch ihr Arbeitsangebot starken Zuzug und Städtewachstum. Zwar spielte die Textilindustrie im Deutschen Bund nicht die gleiche Rolle wie in Großbritannien, doch blieben Textilien das wichtigste nicht-landwirtschaftliche Exportgut (Rürup 1992: 76-78; Buchheim 1994: 87).
Ab Mitte des 19. Jh. und vor allem nach Gründung des Deutschen Reichs (1871) konnte der Entwicklungsrückstand gegenüber Großbritannien merklich verringert und schließlich wettgemacht werden. Es kam zunehmend zu eigenständigen Entwicklungen im Elektro-, Chemie- und Motorenbereich. Vor allem in den ersten beiden Sektoren konnte sich Deutschland durch Erfindungen und modernere Produktionstechniken einen Vorsprung [11] sichern (etwa bei Kunstdünger, Farben, Medikamenten). Großbritannien wurde zum wichtigsten Exportmarkt der deutschen Industrie (Buchheim 1994: 78-84; Kiesewetter 1989).
Die Industrialisierung war von nachhaltiger Bedeutung für die Entstehung industrieller und räumlicher Strukturen. Die Nachhaltigkeit ihres Einflusses auf die Entwicklung vom Agrar- zum Industrieland [12] und die Entwicklung wirtschaftlicher Zentren [13] wird bei der Betrachtung der Industriekultur in Deutschland [14] und der ökonomischen Strukturen und Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland [15] deutlich.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.deutsches-museum.de/ausstell/dauer/kraft/kraft2.htm
[2]
http://www.deutsches-museum.de/ausstell/dauer/kraft/kraft1.htm
[3]
http://www.deutsches-museum.de/ausstell/dauer/kraft/kraft.htm
[4]
http://www.ipresent.co.uk/Ka2.html
[5]
http://www.dhm.de/lemo/objekte/karten/D1871/
[6]
http://www.dsg.ch/deub18151866.htm
[7]
http://www.dsg.ch/deuzollv.htm
[8]
http://www.db.de/site/bahn/de/unternehmen/bahnwelt/dbmuseum/ausstellungen/anfaenge/anfaenge.html
[9]
http://www.uni-marburg.de/geographie/virtual/deutsch/brd/module/m1/U8.htm
[10]
http://www.gzg.fn.bw.schule.de/schulen/emigrate/dokument/german19/maps/karte1.htm
[11]
http://www.dhm.de/ausstellungen/bildzeug/25.html
[12]
http://www.uni-marburg.de/geographie/virtual/deutsch/brd/module/m1/U7.htm
[13]
http://www.uni-marburg.de/geographie/virtual/deutsch/brd/module/m1/U8.htm
[14]
http://www.uni-marburg.de/geographie/virtual/deutsch/brd/module/m2/U9.htm
[15]
http://www.uni-marburg.de/geographie/virtual/deutsch/brd/module/m4/U1.htm
Verwendete Literatur
Weiterführende Links:
Protoindustrialisierung
in der Forschung, Geschichte
der Dampfmaschine, Industrialisierung
und Migration (Download), frühes
20. Jh..
Zum Vergleich: Industrialisierung in Luxemburg
und Österreich.
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