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Didaktische
Zielsetzung: Kenntnis von Hintergründen,
Ablauf und räumlichen Folgen des Strukturwandels in
Industrieländern, insbes. ihren Altindustrieräumen,
Verständnis für regionalpolitische Reaktionsstrategien, Erkennen
von Prozessen des Wertewandels im Übergang zur postindustriellen
Gesellschaft. Schlüsselbegriffe:De-Industrialisierung, postindustrielle Gesellschaft, Altindustrieräume, Strukturwandel, Verlust von Geschichtlichkeit, Wertewandel |
Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den hochindustrialisierten Staaten der Welt. Die Produkte vieler ihrer Industriezweige spielen auf den Weltmärkten eine große Rolle. Zu nennen sind hier z.B. die Automobilindustrie , die Chemische Industrie und der Maschinenbau. Ende der 1990er Jahre sind rund ein Drittel aller Beschäftigten in den unterschiedlichsten Zweigen der Konsumgüter- und Investitionsgüterindustrie tätig. Im Tertiären Sektor dagegen arbeiten schon mehr als 60%, womit deutlich ist, daß auch Deutschland auf dem Weg in eine postindustrielle Gesellschaft [1] ist. Natürlich bedeutet dies nicht, daß die Industrie völlig an Bedeutung verlieren wird. Die jüngere Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zeigt aber an, daß wir uns zur Zeit in einem tiefgreifenden Strukturwandel befinden. Er könnte in seiner Wirkung durchaus mit dem Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft vor etwa 100 Jahren vergleichbar sein. Anders ausgedrückt: auch am Ende dieses zur Zeit ablaufenden Wandlungsprozesses wird eine völlig andere Gesellschaft stehen. Ob dies eine 'Dienstleistungsgesellschaft' oder auch - wie von anderen Autoren behauptet - eine 'Informationsgesellschaft' sein wird, kann heute noch nicht abgeschätzt werden.
Die absolute und relative Bedeutungsabnahme klassischer Industriezweige in den hochindustrialisierten Staaten wird auch als Prozeß der De-Industrialisierung bezeichnet. Viele Faktoren sind hierfür verantwortlich. Zu nennen sind z.B. der industrielle Aufholprozeß in vielen Ländern der Erde, eine sinkende Wettbewerbsfähigkeit hochentwickelter Industrieländer aufgrund deutlich höherer Lohn- und Sozialkosten und die Verlagerung von Investitionen in Bereiche mit höherer Gewinnerwartung (zu weiteren Gründen für De-Industrialisierungsprozesse s.u.).
De-Industrialisierungsprozesse haben sektoral und regional sehr unterschiedliche Wirkungen. So sind solche Industriezweige der entwickelten Staaten besonders hart betroffen, die zu den Hauptträgern der frühen Industrialisierung gehören. Neben der Textilindustrie ist hier vor allem der funktional eng miteinander verflochtene Komplex von Kohlen- und Erzbergbau [2] sowie der Eisen- und Stahlindustrie [3] zu nennen (im Deutschen häufig als Montanindustrie bezeichnet). Die traditionell von diesen Industriezweigen geprägten Regionen werden Altindustrieräume genannt. Sie tragen die wirtschaftliche, soziale und ökologische Hauptlast [4] von De-Industrialisierungsprozessen. In Deutschland sind dies im Westen vor allem das Ruhrgebiet und das Saarland, im Osten vor allem die Industrieregionen Thüringens und Sachsens. Charakteristisch sind hier z.B.:
Aus diesen Faktoren resultiert - teilweise berechtigt, teilweise relativ unabhängig von der wirklichen Situation - ein Image von Rückständigkeit, Verfall, Armut und mangelnder Erneuerungsfähigkeit. Dies trägt mit dazu bei, daß das private Unternehmertum bei Neuinvestitionen andere Räume bevorzugt. In der Regel gilt also, daß jeder auf der Basis neuer Industriezweige erfolgende Industrialisierungsschub einen jeweils anderen Raum betrifft.
Dieser offensichtlich in Zyklen ablaufende und immer neue Räume erfassende Prozess hat dramatische Veränderungen der betroffenen Wirtschaftsformen, Gesellschaften und Regionen [5] zur Folge. Vor diesem Hintergrund ist auch verständlich, daß man überall und zu jeder Zeit versucht hat, diese Prozesse aufzuhalten oder zu steuern. Ebenso verständlich ist, daß die Art der Reaktion davon abhängt, wo man die Ursachen des Strukturwandels sieht und wie man sie bewertet. Da die mit solchen Problemfeldern befaßten Wissenschaften hier bisher keine eindeutigen Antworten zu geben wissen, lassen sich gute Gründe für sehr unterschiedliche Lösungsansätze finden.
Wo die Sorge um Arbeitsplätze und das Bemühen um Kontinuität und Stabilität im Vordergrund standen, hatten 'strukturerhaltende' regionalpolitische Ansätze die höchste Priorität und auch eine weitgehende soziale Akzeptanz. Vor allem durch die direkte und indirekte Subventionierung traditioneller Industriezweige versuchte man zunächst, die alten Industrieräume und ihre Betriebe konkurrenzfähig zu halten. Als das nicht oder nur zeitweise gelang, ging man zu einem gezielten, aber sozial abgefederten Abbau von Arbeitsplätzen in den traditionellen Industriezweigen über. Genau diese Art von Reaktionsstrategien waren lange in den deutschen Montanrevieren typisch, zumal sich hier langlebige Koalitionen von Politik, Unternehmertum und Gewerkschaften einem tiefergehenden und schnelleren Wandel widersetzten.
Kritiker einer solchen Politik halten genau diese Strategien nicht nur für falsch, sondern sogar für höchst kontraproduktiv. Sie gehen davon aus, daß Strukturwandel im wesentlichen durch Innovationen ausgelöst wird und nicht aufgehalten oder gebremst werden kann. Hintergrund einer solchen Auffassung ist, daß sich industrieller Wandel (mit allen seinen gesellschaftlichen Folgen) in nur wenig beeinflußbaren Wellen oder Schüben vollzieht, die im wesentlichen durch Innovationszyklen gesteuert werden. Diesen wiederum liegen jeweils wichtige Basisinnovationen zugrunde (etwa die Dampfmaschine, Mikrochips oder Verfahren zu Entschlüsselung von Erbinformation), aus denen sich neue Industriezweige entwickeln. Aufgrund ihrer jeweils spezifischen Anforderungen - etwa im Hinblick auf Infrastruktur oder Ausbildung - können diese neuen Ansätze in der Regel nicht an die Voraussetzungen der vorausgehenden Welle anknüpfen, sondern prosperieren in neuen, vorher nicht oder wenig industrialisierten Räumen. Grundlegend ist aber auch hier, daß eine große Innovationsbereitschaft besteht und auf neue, vielfach auch ständig wechselnde Anforderungen bereitwillig eingegangen wird.
Wer technischen und gesellschaftlichen Wandel vor einem solchen Hintergrund sieht, lehnt 'strukturerhaltende' Maßnahmen in Altindustrieräumen ab und fordert stattdessen 'strukturverändernde' Anreize: Bereitstellung neuer Infrastruktur (etwa Glasfasernetze oder Hochsicherheitslaboratorien), gezielte Innovationsförderung (etwa durch Technologieparks oder Gründerzentren [6]), Verbesserung der Qualifizierungsstrukturen (etwa durch Entwickeln neuer Ausbildungsgänge oder die Neugründung von Universitäten), neue Formen von Kooperation und kollektivem Lernen (etwa durch Bildung von Städtenetzen) sowie schließlich die Reparatur devastierter Landschaften [7]. Dann, aber nur dann, - so wird von den Vertretern solcher Reaktionsstrategien behauptet - sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß sich selbst in Altindustrieräumen Neues entwickeln [8] kann, sei es im industriellen Bereich oder im Dienstleistungsgewerbe.
In den Altindustrieräumen Deutschlands sind zu den traditionellen 'strukturerhaltenden' Maßnahmen in den letzten Jahren vor allem diese 'strukturverändernden' Anreize hinzugekommen, und vielfach deutet sich das völlige Auslaufen der traditionellen Strategien an. Parallel dazu gibt es in der jüngsten Zeit jedoch noch zwei weitere, völlig neue Entwicklungslinien, die einen durchgreifenden Wandel in Altindustrieräumen zur Folge haben: der zunehmende Verlust von Geschichtlichkeit und die Veränderung von Wertesystemen.
Einmal haben traditionelle Industrielandschaften [9] innerhalb weniger Jahre einen großen Teil ihres charakterischen Formeninventars verloren: Funktionslose Zechengebäude und Fördergerüste wurden ebenso dem Erdboden gleichgemacht wie stillgelegte Eisenhütten, Stahlwerke oder Kokereien; ehemalige Arbeiterkolonien wurde bis zur Unkenntlichkeit renoviert; aufgegebene Maschinenhallen in Supermärkte oder Musicaltheater verwandelt. Zum anderen ändern sich gleichzeitig bei vielen Menschen die Wertungen dessen, was wichtig oder interessant erscheint: Das Interesse an neuen, authentischen Erlebnissen und Bildungserfahrungen jenseits des traditionellen Massentourismus steigt, zudem hat sich das verfügbare Einkommen ebenso erhöht wie die disponible Freizeit.
Beides zusammen hat innerhalb weniger Jahre zu einer völligen Umbewertung des industriellen historischen Erbes geführt. Plötzlich gilt als schutzwürdig, was früher nur häßlich war: Industriekultur in Altindustrieräumen.
Fragen:
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[1] http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=7940
[2]
http://www.braunkohle.de
[3]
http://www.saarstahl.de
[4]
http://www.mlur.brandenburg.de/a/a_altlas.htm
[5]
http://www1.leipzig.de/int/en/tourist/stadtspaz/fotorund/02521.shtml
[6]
http://www.adt-online.de/
[7]
http://www.mlur.brandenburg.de/a/a_bodens.htm
[8]
http://www.praxisgeographie.de/downloads/Duisburgerhafen.pdf
[9]
http://www.route-industriekultur.de
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