Die demographischen Strukturen in Deutschland unterliegen seit der Industrialisierung grundlegenden Veränderungen:
Mit dem demographischen Übergang wird eine Entwicklung beschrieben, die ab Mitte des 18. Jh. im Zusammenhang mit der Industrialisierung einsetzte. Nach einer ersten Phase des Übergangs führten die einschneidenden Entwicklungen des 19. Jh. zu nachhaltigen Veränderungen des generativen Verhaltens. Die Einführung der Alters-, Kranken- und Sozialversicherung [1] in den 1880er Jahren war hierfür ein Katalysator, war es doch fortan nicht mehr zwingend notwendig, viele Kinder als soziale Absicherung großzuziehen. Die Kinderarbeit war zudem seit 1878 - außer in Landwirtschaft und Haushalt - verboten. Im Kontext sozialer Aufstiegschanchen und dem Zwang zur räumlichen Mobilität war eine große Kinderzahl nun sogar eher hinderlich. Das veränderte generative Verhalten breitete sich von den höheren zu den niederen Schichten, von der Stadt zum Land und von der evangelischen zur katholischen Bevölkerung aus. So fielen die Geburtenraten von Beginn des 20. Jh. bis Ende der 20er Jahre drastisch und blieben fortan konstant niedrig - ähnlich wie die Sterberaten. In Deutschland setzte diese Entwicklung im Vergleich zu anderen europäischen Industrieländern sehr spät ein und blieb mit nur 30 Jahren außerordentlich kurz.
Bis zum Ersten Weltkrieg verlief die Bevölkerungsentwickung weitestgehend unabhängig von bevölkerungspolitischen Maßnahmen. Dieses änderte sich erst in der liberalen Atmosphäre der Weimarer Republik. Der Staat verabschiedete u.a. eine Neufassung des Abtreibungsparagraphen (§218) [2] und liberalisierte die Einnahme empfängnisverhütender Mittel. Schon 1933, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurden diese Neuerungen zurückgenommen bzw. ins Gegenteil verkehrt. Abtreibungen wurden hart bestraft und Verhütungsmittel verboten. Außerdem führten die Nationalsozialisten Maßnahmen ein, die auf eine sog. qualitative Auslese der Bevölkerung [3] ausgerichtet waren, wie z.B. das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und die Nürnberger Gesetze [4]. Ziel war die Erhaltung der von der Nazi-Ideologie propagierten "germanischen Rasse".
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die Entwicklung in beiden deutschen Staaten zunächst recht ähnlich. Ab Mitte der 60er Jahre jedoch nahmen die Unterschiede zu. In der Bundesrepublik war seit ca. 1955 ein deutlicher Anstieg der Geburtenrate zu verzeichnen. In der hohen Zahl der Eheschließungen und dem Absinken des Heiratsalters spiegelte sich die Bereitschaft der Bevölkerung wider, nach den schrecklichen Erfahrungen der Kriegsjahre einen Neubeginn zu wagen. Erleichtert wurde er durch den wirtschaftlichen Aufschwung, der schließlich auch den "Babyboom" der späten 50er Jahre ermöglichte. Doch dieser währte nur wenige Jahre. Mit Einführung der Anti-Baby-Pille [5] im Jahre 1967 war ein Mittel geschaffen, die Wunschkinderzahl [6] zu realisieren. In Westdeutschland führte dies zum sogenannten Pillenknick [7]: Die Zahl der Geburten ging in weniger als zehn Jahren drastisch um mehr als 40% zurück, die Geburtenrate fiel auf unter 10. Die Bundesrepublik gehörte damit zu den Ländern mit den geringsten Geburtenraten der Welt.
Der Staat unternahm nur in geringem Maße bevölkerungspolitische Maßnahmen [8], um diesem Trend zu begegnen. Zwar wurden seit 1955 Maßnahmen zur Unterstützung der Familien eingeführt wie z.B. das Kindergeld, insgesamt aber wurde eine Politik des Laissez-faire favorisiert. So blieb der Saldo der natürlichen Bevölkerungsbewegung in Westdeutschland seit Beginn der 70er bis in die 90er Jahre negativ. Erst seit Mitte der 80er Jahre ist die Geburtenrate wieder auf etwas über 10 gestiegen. Aber auch dieser Wert gehört immer noch zu den niedrigsten auf der Welt. Und nur die Zuwanderung der Gastarbeiter und die höhere Geburtenhäufigkeit in dieser Gruppe konnten eine deutliche Abnahme der Bevölkerung in Westdeutschland verhindern.
Der Verlauf der Geburtenrate in der DDR war insgesamt unregelmäßiger. Auch hier kam es bis Mitte der 60er Jahre zu einem Anstieg der Geburtenzahlen, der allerdings durch ungünstigere Bedingungen, wie z.B. politische Restriktionen und Wohnungsnot, etwas abgeschwächt wurde. Der positive natürliche Saldo in diesen Jahren vermochte die jährlichen Bevölkerungsverluste infolge von Republikflucht jedoch bei weitem nicht auszugleichen. Dem starken Abfall der Geburtenrate auf fast 10 folgte in den 80er Jahren ein ebenso deutlicher und rascher Anstieg auf Werte um 14. Hierin spiegeln sich die damaligen ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklungen wider. Die DDR erlebte in den 70er Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung, der es erlaubte, ein Wohnungsbauprogramm aufzulegen, mit dem der Wohnungsmangel erfolgreich bekämpft werden konnte. Zudem wurde 1972 eine Geburtenförderungspolitik mit Geburtsprämien, längerem Mutterschaftsurlaub und günstigeren Arbeitszeitregelungen für kinderreiche Mütter etabliert. Als sich gegen Ende der 80er Jahre die ökonomischen Bedingungen verschlechterten, gingen die Raten wiederum zurück und fielen nach der Wende im Gebiet der Neuen Bundesländer auf ein Rekordtief von 5,06 in 1994. Ursachen hierfür waren die allgemeine Unsicherheit bezüglich der Einkommen, der Arbeitsplätze und Wohnungen sowie die selektive Wanderung von jüngeren Menschen in den Westen Deutschlands.
Parallel zu den drastischen Veränderungen im generativen Verhalten in Ost- und Westdeutschland hat die Lebenserwartung [9] - wie in allen vergleichbaren Industrieländern - kontinuierlich zugenommen. Lag diese um die Mitte des 19 Jh. bei etwa 30 Jahren, so war sie bis zur Jahrhundertwende schon auf 46 Jahre angestiegen und erfuhr bis zur Gegenwart [10] eine nochmalige Zunahme auf etwa 76 Jahre. Die Unterschiede zwischen dem Westen [11] und dem Osten [12] Deutschlands reduzieren sich zwar, sind aber noch auszumachen. Insgesamt läßt sich eine tiefgreifende Umgestaltung der Altersstruktur [13] konstatieren, wobei auch hier Unterschiede [14] zwischen Ost und West vorhanden sind. Charakterisiert wird die Alterspyramide [15] durch einen sehr hohen Anteil alter Menschen und einen außerordentlich geringen Anteil von Kindern und Jugendlichen. Die Gruppe der rentenberechtigten Menschen (>60 Jahre ) macht schon heute einen Anteil von über 20% der gesamten Bevölkerung aus und wird nach den Prognosen noch weiter ansteigen.
Diese Überalterung der Bevölkerung stellt die Politik vor erhebliche Probleme. Als eines der wesentlichsten ist diesbezüglich das Rentenproblem [16]. Die Alterssicherung in der Bundesrepublik ist hauptsächlich als staatliche Alterssicherung durch den sogenannten Generationenvertrag [17] geregelt. Hatte dieser in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und stark steigender Einkommen eine solide Basis, so wird diese bei der derzeitigen wirtschaftlichen und demographischen Situation zunehmend fraglich. Diese Problematik [18] und mögliche Lösungen [19] werden außerordentlich kontrovers diskutiert. Letztere reichen von einer Ausdehnung der Lebensarbeitszeit (Erhöhung des Rentenalters über 65 Jahre hinaus) über die Reduzierung der Rente bis zu einer starken Umstrukturierung des Rentensystems zu einer privaten Altersvorsorge.
Ein weiteres Kennzeichen gegenwärtiger demographischer Strukturen sind Änderungen in der Haushaltsstruktur und den durchschnittlichen Wohnungsgrößen [20]. Es hat sich sowohl die Zahl der Haushalte [21] deutlich erhöht, als auch deren Struktur signifikant verändert. Insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten verstärkte sich die Tendenz zu Single- und Kleinhaushalten (vor allem in den Großstädten), während die Anzahl größerer Haushalte kontinuierlich abnahm. Etwa zwei Drittel der Haushalte beherbergen weniger als drei Personen, die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei 2,2 Personen. Dem steht ein deutlicher Anstieg der Wohnungsgrößen gegenüber. Im Durchschnitt beanspruchte 1995 jeder Haushalt 83,6 Quadratmeter und damit über zwei Quadratmeter mehr als noch zehn Jahre zuvor. Jedem Einwohner stehen knapp 38 Quadratmeter zur Verfügung, dabei fallen allerdings deutliche Unterschiede zwischen Ost- [22] und Westdeutschland [23] auf. Gerade die veränderten Haushalts- und Wohnungsgrößen können als ein Indikator für sich verändernde Lebensstile in der sog. postindustriellen Gesellschaft angeführt werden.
Ein abschließender Blick auf die Bevölkerungsstruktur ist der Religionszugehörigkeit gewidmet. Er zeigt, daß evangelische und katholische Mitbürger [24] mit jeweils etwa 33 % den Großteil der Bevölkerung in der heutigen Bundesrepublik darstellen. Mit der Einwanderung türkischer Gastarbeiter hat sich zudem der Anteil der muslimischen Bevölkerung deutlich erhöht. Charakteristisch ist zum einen, daß als Folge des "sozialistischen Erbes" weitaus weniger ost- als westdeutsche Bürger einer Konfession angehören. Zum anderen läßt sich eine deutliche räumliche Konzentration [25] beider großer religiösen Gruppen feststellen: die nördlichen und östlichen Bundesländer sind überwiegend evangelisch geprägt, die südlichen und westlichen eher katholisch - ein Erbe früherer Zeiten.
Einen umfassenden Überblick über die aktuelle Situation der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland liefert der Bericht zur demographischen Lage [26] des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.
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