Insbesondere im Zeitalter der Globalisierung sind Städte in Deutschland nicht isoliert zu betrachten. Durch den Bedeutungszuwachs neuer Technologien - wie z.B. dem Internet - und einer neuen internationalen Arbeitsteilung, rücken die Städte der verschiedenen Teile der Welt näher zusammen und sind somit weltweiten Einflüssen ausgesetzt. Häufig kann dabei eine Vereinheitlichung nicht nur der westlichen Welt beobachtet werden, die zu scheinbar austauschbaren Städten führt. Auf der anderen Seite ist eine Fragmentierung innerhalb der Stadt festzustellen, bei der sich einzelne Nischen und Submärkte ausbilden, die jeweils sehr unterschiedliche Funktionen, Strukturen, aber auch Probleme aufweisen.
Unabhängig von diesen jüngeren, einschneidenden Veränderungen ist der "Organismus" Stadt weiterhin mit dem räumlichen Erbe vergangener Epochen verwoben. Dass dieses nicht ohne Weiteres zu überwinden ist, davon zeugen alte Hochöfen neben modernen Bürokomplexen und mittelalterliche Straßenzüge [1], unter denen neue Datenautobahnen den Strom der Information gewährleisten. Beide Phänomene prägen das Image der Städte. Dieser extreme Dualismus [2] zwischen Alt und Neu kennzeichnet insbesondere die Städte in Europa, da Städtehierarchien und -systeme in der sogenannten Alten Welt eine viel längere Tradition besitzen. Zwar ist auch in Nordamerika ein Wandel in den Altindustriegebieten zu beobachten, dennoch sind die Strukturen dort deutlich flexibler. In Deutschland sind räumliche Persistenzen nicht so leicht aufzubrechen, da sie u.a. durch einen mächtigen Planungsapparat konserviert werden. Somit ergibt sich das Klischee des klassischen Gegensatzes der nordamerikanischen versus deutschen Stadt.
Eines der wesentlichen Merkmale der postindustriellen Zeit ist die Deindustrialisierung. Für Städte weltweit bedeutet dies, daß sie mit der Umwandlung ehemaliger Hafen- [3] oder Industrieanlagen [4] konfrontiert sind. Die neue Nutzung kann in kulturellen Einrichtungen, modernen Bürobauten oder Einkaufszentren [5] münden. Dadurch verändert sich auch das Bild von Deutschland von einem eher altindustriell geprägten Land zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, bei der Einrichtungen aus der Industrieära in neuem Glanz erscheinen (z.B. alte Bahnhöfe [6]). Neben dem Umgang mit den Folgen von Deindustrialisierung ist die Bewältigung der Verkehrsprobleme gegenwärtig eine der größten Herausforderungen städtischer Ballungsräume. In dem Maße, wie der motorisierte Individualverkehr [7] v.a. seit den 60er Jahren zugenommen hat, sind auch die durch ihn verursachten Belastungen und Gefahren größer geworden. Vom Verkehr verstopfte Innenstädte und Staus auf den Autobahnen zwischen Kernstadt und Umland gehören heute zum alltäglichen Bild in den Verdichtungsräumen. Eine Umorientierung in der Verkehrspolitik insbesondere im innerörtlichen Verkehr, ist dringend gefordert, um dem drohenden Verkehrsinfarkt zu entgehen.
Eine weitere Herausforderung für die Städte ist der Umgang mit den Folgen der Globalisierung. Die Anzeichen dafür sind vielfältig [8]. Sie reichen von einem extremen Wachstum unternehmensbezogener Dienstleistungen und einer stärkeren Konzentration großer multinationaler Unternehmen, über die Übernahme amerikanischer Trends im Einzelhandel bis hin zu einer Vermischung der verschiedenen Kulturen (sog. Kreolisierung). Auf Weltmaßstab hat sich eine neue Städtehierarchie herausgebildet, die durch einige Top-Städte angeführt wird. Sie werden als sog. global cities bezeichnet. Hier konzentrieren sich Unternehmen und Finanzinstitutionen von Weltrang, die als die wichtigsten Entscheidungsträger der Weltwirtschaft gelten. In Deutschland stellt die Stadt Frankfurt eine solche Weltstadt zweiten Ranges dar.
Der Trend zur Homogenisierung verdichtet sich in besonderer Weise in den Innenstädten Deutschlands. Über viele Jahrhunderte stellten sie den Mittelpunkt der Stadt dar. Wo früher Vieh und Gemüse feilgeboten und später politische Kundgebungen abgehalten wurden, dominieren heute zu Erlebniswelten ausgebaute Einkaufspassagen, die häufig von Sicherheitsdiensten bewacht werden. Diese Festivalisierung oder auch Disneyfizierung unser Innenstädte geht mit einer starken Privatisierung des öffentlichen Raums einher. Hauptträger dieser Entwicklung ist der Einzelhandel in Deutschland, der sich durch einen hohen Grad an Filialisierung auszeichnet. Trotz der neuen Trends sind die deutschen Innenstädte mit rückläufigen Besucherzahlen konfrontiert. Aufgrund eines zunehmenden Angebots an Einzelhandels- und Vergnügungseinrichtungen am Stadtrand büßen sie an Attraktivität ein. Gründe dafür sind die niedrigen Bodenpreise in der Peripherie, die einfache Erreichbarkeit mit dem Auto und die Verfügbarkeit von kostenlosen Parkplätzen auf der "grünen Wiese". Der Prozeß der räumlichen Ausbreitung der Städte in das Umland sowie die Zunahme städtischer Verhaltensweisen wird auch als Suburbanisierung bezeichnet. Sie stellt das entscheidende Charakteristikum der Stadtentwicklung in Nordamerika dar, ist aber auch in Deutschland seit den 70er Jahren allgegenwärtig.
Zeichnet sich der stetig wachsende suburbane Raum durch Gleichförmigkeit aus, ist bei der Entwicklung innerstädtischer Teilräume gegenwärtig eher eine Polarisierung sowohl in sozialräumlicher als auch baulicher Hinsicht zu beobachten. Einerseits hat sich infolge des wirtschaftlichen Strukturwandels seit den 70er Jahren eine neue "städtische Elite" - "Yuppies [9]" und "Dinkies" - herausgebildet, deren bevorzugte Wohngebiete nicht mehr nur städtische Villenviertel, sondern zunehmend sanierte, innenstadtnahe Altstadtviertel sind. Dieser als Gentrification bezeichnete Prozeß hat das Erscheinungsbild der Großstädte nicht nur in Deutschland, sondern weltweit geprägt. Auf der anderen Seite jedoch wächst die Zahl einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen in den Städten - ebenfalls eine Folge veränderter Wirtschaftsstrukturen. Experten warnen bereits vor einer neuen Armutswelle in Deutschland, die sich auch und besonders in städtischen Ballungsräumen manifestiert und diese vor große Probleme stellt.
Wie die vorangegangenen Ausführungen gezeigt haben, ist die gegenwärtige Phase der Stadtentwicklung von vielen Spannungsfeldern geprägt. Vor dem Hintergrund eines weltweit wirksamen Strukturwandels sind im Umgang mit überkommenen Strukturen sowie neuen Herausforderungen innovative Lösungskonzepte gefragt. Zentrale Stichworte sind hierbei das Konzept der nachhaltigen Stadtentwicklung sowie die Ausnutzung neuer Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie (Telematische Stadt). So groß die Hoffnungen in Zusammenhang mit den neuen Technologien sind, so vehement wird vor ihren Gefahren gewarnt. Viele Funktionen, die sich traditionell in der Stadt verdichten wie z.B. Versorgung, Kommunikation oder Kultur, werden schon heute in virtuellen Welten erfüllt. Wenn die Menschen in Zukunft nur noch online shoppen, chatten oder surfen, droht dem öffentlichen Raum das Ende.
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