Texteinheit 2: Intranationale Wanderungen

(Kristin Hofer, Beate Kuthe, Stephan Tam; Bearbeitung J. Nipper)

Didaktische Zielsetzung: Benennung und Charakterisierung der wichtigsten Binnenwanderungen seit der Industrialisierung nach Ausmaß, zeitlichem Ablauf und Folgen für die Herkunfts- und die Zielgebiete.

Schlüsselbegriffe: Binnenwanderung, Land-Stadt-Wanderungen, Landflucht, Flüchtlinge, Ost-West-Wanderung, Nord-Süd-Wanderung, Suburbanisierung, Counterurbanization, Reurbanisierung, intraurbane Wanderung

Verschiedene Wanderungstypen haben zu unterschiedlichen Zeiten die Binnenwanderung [1] in Deutschland in entscheidendem Maße geprägt:

In nennenswertem Umfang setzten Binnenwanderungen in Deutschland mit der Industrialisierung ab ca. 1850 ein. Kennzeichnend war eine starke Abwanderung der Bevölkerung aus dem ländlichen Raum in die Städte der aufstrebenden Industriegebiete. An diesen häufig auch als "Landflucht" bezeichneten Wanderungen nahmen zwischen 1860 und 1925 ca. 24 Mio. Menschen teil. Die Hauptursache dieser Verstädterung lag in der unterschiedlichen Entwicklung der Arbeitsmärkte: Im ländlichen Raum wurden aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen (Bauernbefreiung), aber auch neuer Techniken in der Landwirtschaft eine große Zahl von Arbeitskräften freigesetzt. Gleichzeitig war eine große Nachfrage nach Arbeitskräften in der rasch wachsenden Industrie vorhanden. Neben Nahwanderungen machten Ost-West gerichtete Fernwanderungen einen beträchtlichen Teil dieser Stadt-Land-Wanderungen aus. Herkunftsgebiete waren die ländlichen Provinzen Ostdeutschlands (Ostpreußen, Westpreußen, Posen, Schlesien, Pommern), Zielgebiete die neu entstehenden Industrieregionen wie z.B. Berlin, Sachsen und das Ruhrgebiet. In den Städten des Ruhrgebietes betrug der Anteil der aus dem Osten zugewanderten Deutschen bis zu 30 %. Die demographischen und sozialen Strukturen veränderten sich hierdurch nachhaltig. Gleichzeitig war eine räumliche Konzentration der Einwanderer nach ihrer Herkunft zu beobachten, wobei die Glaubenszugehörigkeit eine entscheidende Rolle spielte. Waren die Industriellen Lutheraner (z.B. Kirdorf, Grillo), so rekrutierten sie ihre Arbeitskräfte vorzugsweise im protestantischen Ostpreußen. Katholische Unternehmer (z.B. Thyssen, Klöckner) hingegen warben vorwiegend in Posen oder Westpreußen ihre Arbeitskräfte an.

Während des Zweiten Weltkrieges erfolgte erstmals eine größere Stadt-Land-Wanderung aus den stark bombenbedrohten Städten in den weniger gefährdeten ländlichen Raum. So lebten am Ende des Krieges in Köln nur noch ca. 100.000 von einstmals mehr als 600.000 Einwohnern. Die nach dem Kriege einsetzenden Flüchtlings- und Vertriebenenströme [2] aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien wurden ebenfalls zunächst in die weniger zerstörten ländlichen Räume geleitet. In Westdeutschland waren vor allem die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern bevorzugte Aufnahmegebiete, wobei es auch zu landsmannschaftlichen Konzentrationen [3] kam. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs (Wirtschaftswunder) in der BRD setzte ab Mitte der 50er Jahre wieder eine verstärkte Land-Stadt-Wanderung ein. Viele der Flüchtlinge zogen auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit in die Städte und großen Industrieregionen z.B. an Rhein und Ruhr.

Vor allem auch die besondere politische Situation Deutschlands als geteilte Nation bis 1990 und als wiedervereinigter Staat nach 1990 hat spezifische großräumige Wanderungen hervorgerufen. Seit Kriegsende bis zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 sind etwa 3,5 Mio. DDR-Bürger in die Bundesrepublik geflüchtet, bis 1990 waren es ca. 4 Mio. Dieser Ost-West-Migration stand in entgegengesetzte Richtung eine Wanderung von nur etwa 400.000 Personen gegenüber. Politische, aber auch materielle Motive spielten bei der "Republikflucht" eine wesentliche Rolle. Vor allem Menschen im arbeitsfähigen Alter verließen die DDR und konnten unmittelbar in den Arbeitsmarkt der BRD integriert werden. Für die wirtschaftliche Entwicklung der DDR war dieser Verlust außerordentlich nachteilig. Im Jahre 1961 sah die DDR-Regierung keinen anderen Ausweg, als den Exodus durch den Bau der Berliner Mauer zu stoppen. Für die Menschen in der DDR bestand jetzt nur noch die Möglichkeit, eine Ausreisegenehmigung in den Westen zu beantragen, was mit großen Risiken für den Antragsteller verbunden war. Der drastische Rückgang hatte in der Bundesrepublik zur Folge, daß die Nachfrage nach Arbeitskräften im Zuge boomender Wirtschaftsentwicklung nicht mehr durch ostdeutsche Flüchtlinge gedeckt werden konnte. Seit den 60er Jahren wurden daher verstärkt Gastarbeiter aus anderen europäischen Nachbarstaaten für den deutschen Arbeitsmarkt angeworben.

Mit Beginn der 70er Jahre sollte eine andere interregionale Wanderungsbewegung in Westdeutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen. Es setzte ein verstärkter Zuzug aus den nördlichen, entweder ländlich oder durch Altindustrien geprägten Bundesländer, in die südlichen Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg ein. Dort dominieren wachstumsorientierte Industrien wie Maschinenbau, Automobilproduktion, Elektrotechnik und Elektronik. Der Bevölkerungsschwerpunkt in Westdeutschland hatte sich bis zur Wiedervereinigung deutlich von Norden nach Süden verschoben. Diese insgesamt als Süd-Nord-Gefälle bezeichnete Situation war jedoch auf der demographischen Ebene nicht allein auf die Nord-Süd-Wanderung zurückzuführen. So ist zu berücksichtigen, daß viele der Arbeitsplätze in den südlichen Bundesländern durch Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern eingenommen wurden.

In der DDR war das Ausmaß der Binnenwanderungen im Vergleich zu Westdeutschland deutlich geringer. Zwar gab es wirtschaftlich auch hier ein starkes Süd-Nord-Gefälle, dieses rief aber keine überaus großen Wanderungsströme hervor. Erst nach dem Fall der Mauer am 9.11.1989 ergab sich erneut eine Massenwanderung aus Ost- nach Westdeutschland - ausgelöst durch die erheblichen Unterschiede in Lebensstandard und Einkommenssituation. Die Abwanderungszahlen gingen erst nach den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 stetig zurück. Gleichzeitig war eine Zunahme der Zuzüge in die neuen Bundesländer zu verzeichnen. Durch den Aufbau Ostdeutschlands entstanden hier neue Arbeitsplätze für die hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt wurden. Obwohl deutlich reduziert, weist der Osten Deutschlands aber auch weiterhin ein Wanderungsdefizit [4] gegenüber dem Westen auf, wofür v.a. die höhere Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern verantwortlich ist. Diese Tendenz wird sich auf absehbare Zeit nicht abschwächen.

Mindestens ebenso bemerkenswert wie die großräumigen interregionalen bzw. deutsch-deutschen Wanderungsbewegungen sind die kleinräumigen Migrationen. Die meisten westdeutschen Städte hatten Ende der 50er Jahre den Vorkriegsstand der Bevölkerung wieder erreicht oder sogar deutlich überschritten. Ab den 60er Jahren allerdings verloren die Kernstädte durch die einsetzende Suburbanisierung [5] wieder Einwohner, während kleinere Umlandgemeinden ein enormes Bevölkerungswachstum verzeichneten. Möglich geworden war diese "Massenbewegung"durch gestiegene Familieneinkommen und staatliche Maßnahmen zur Eigenheimförderung, die eine Realisierung des Wunsches nach dem eigenen Häuschen im Grünen ermöglichten. Die extreme Verbilligung des privaten Kfz-Verkehrs erleichterte zudem das Pendeln zum Arbeitsplatz in der Kernstadt. Nach einem ersten Höhepunkt in den 70er Jahren ist seit Ende der 80er Jahre erneut eine verstärkte Suburbanisierung [6] festzustellen. Diese führt zum einen zu einer weiteren Verdichtung des bisherigen suburbanen Raumes, zum anderen zu seiner nochmaligen Ausweitung. Das Beispiel der Stadt Hennef [7] am Rande des Verdichtungsraumes Köln-Bonn zeigt diese Tendenz deutlich auf.

Seit den 80er Jahren sind die Wanderungsverluste in den westdeutschen Großstädten [8] allerdings insgesamt zurückgegangen und oftmals sogar leichte Wanderungsgewinne vorhanden. Letztere gehen zurück auf die seit den 70er Jahren zu verzeichnende Reurbanisierung. Diese ist allerdings im Vergleich zur Suburbanisierung im Ausmaß geringer und wird zudem von anderen Bevölkerungs- bzw. Lebensstilgruppen getragen. Gut ausgebildete und gut verdienende junge Alleinstehende und Paare (Yuppies und Dinkies) bevorzugen Wohnungen - häufig als Eigentum - in den Innenstädten und gründerzeitlichen Wohnvierteln und tragen so zur Gentrifizierung [9] dieser Stadtteile bei. Weitaus stärkere Bevölkerungszuwächse als die Großstädte können Klein- und Mittelstädte [10] verzeichnen. Ob diese "dezentrale Konzentration" mit stärkeren Gewinnen in den kleineren Gemeindegrößenklassen allerdings dem Prozeß der Counterurbanization [11] entspricht, wie er in den USA, Kanada, Australien oder Skandinavien zu beobachten ist, bleibt fraglich - allein schon aufgrund der insgesamt hohen Siedlungsdichte in Deutschland.

Mit Westdeutschland zu vergleichende Wanderungen wie Sub-, Counter oder Reurbanisierung gab es in der DDR nicht. Ein Grund mag die deutlich geringere Motorisierung in Ostdeutschland gewesen sein. Wichtiger aber war wohl zum einen, daß mit Errichtung der großen Plattenbausiedlungen in den Städten eine hochverdichtete Siedlungsweise vorgegeben wurde. Zum anderen waren Wohn- und Lebensformen sehr viel stärker normiert. Die Verwirklichung individueller Lebensformen - so z.B. der Bau eines Eigenheimes - lag für die meisten DDR-Bürger in weiter Ferne. Eine starke Tendenz zur Suburbanisierung [12] hat in Ostdeutschland erst nach der Wiedervereinigung eingesetzt, wobei nicht unbedingt von einer nachholenden Entwicklung [13] auszugehen ist.

Neben dem Prozeß der Suburbanisierung [14] und den interregionalen Wanderungstendenzen machen die intraurbanen Umzüge von jeher einen großen Teil der Wohnsitzverlagerungen in Deutschland aus. In vielen Städten finden diese in besonderem Ausmaß innerhalb recht klar abgegrenzter Stadtteile bzw. -bezirke, wie z.B. in Köln statt. Einheitliche bzw. ähnliche Strukturen und ein spezifisches Image (z.B. Arbeiterviertel, gehobene Wohnviertel, Großwohnsiedlung) - z.T. geschichtlich bedingt - werden als Ursachen hierfür angesehen. Zudem werden modernisierte, innerstädtische oder innenstadtnahe Viertel zum Ziel intraurbaner Umzügler aus höheren sozialen Schichten, was zu deutlicher Gentrifizierung führen kann.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.demographie.de/info/epub/pdfdateien/depop.pdf
[2] http://home.t-online.de/home/333200000756-0001/flucht.htm
[3] http://www.kaufbeuren.de/leben/daten/chronik_ngbl.htm
[4] http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm1999/p3830025.htm
[5] http://www.difu.de/english/occasional/suburbanisation/
[6] http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm1999/p3830025.htm
[7] http://www.hennef.de/
[8] http://www2.dortmund.de/statistik-wahlen/_statistik/tabellen/02_bevoelk/jb_02_09.html
[9] http://www.nadir.org/nadir/periodika/interim/heft/heft432/seite16.html
[10] http://www.stern.de/wirtschaft/immobilien/?id=531803&p=3&nv=ct_cb
[11] http://www.kontressowitz.de/u2/maglit22.htm
[12] http://www.iwh.uni-halle.de/d/publik/wiwa/1-99.pdf
[13] http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm1999/p3830025.htm
[14] http://library.fes.de/fulltext/fo-wirtschaft/00378004.htm#E9E4

Verwendete Literatur


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