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Didaktische
Zielsetzung: Veranschaulichung der
grundsätzlichen Muster sowie der Ursachen von Einwanderungen nach
Deutschland vornehmlich seit den frühen 1960er Jahren (Vertiefung und
Weiterführung von Texteinheit 2.10, Ergänzung von Texteinheit
3.2). Die Darstellung der Migrationsmuster soll als Basis dienen, um die
aktuell existierenden Probleme der Integration ausländischer
Mitbürger zu thematisieren.
Schlüsselbegriffe: Immigration, Gastarbeiter, Anwerbung, Rückwanderung, Asylbewerber, Flüchtlinge, multikulturelle Gesellschaft, Integration, Assimilation
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Die erste große Einwanderungswelle nach Deutschland reicht zurück bis in die 1920er Jahre. Wegen des großen Arbeitskräftemangels im Bergbau und der Stahlindustrie des Ruhrgebietes wurden ausländische Arbeitskräfte, vor allem polnische und ukrainische Arbeiter, neben Arbeitskräften aus den östlichen Provinzen Deutschlands in großer Zahl angeworben. 1905 hatten im Ruhrgebiet bereits 168.000 Polen ihre neue Heimat gefunden - fünf Jahre später waren es 249.000. Bei weitem übertroffen wurde diese Einwanderungswelle durch die Immigration von Arbeitskräften in den frühen 60er Jahren. Sie stand in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Konjunkturphase, dem sog. "Wirtschaftswunder" der Aufbaujahre. Seit Ende der 50er Jahre war der Arbeitskräftebedarf in der westdeutschen Wirtschaft immer größer geworden. Er konnte durch inländische Arbeitskräfte nicht mehr gedeckt werden, auch nicht mehr durch Flüchtlinge aus der DDR. Diese Quelle war ohnehin mit dem Mauerbau im Jahre 1961 versiegt. Die staatliche Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte [2], insbesondere aus den Mediterranländern, erschien als eine für beide Seiten vorteilhafte Lösung des Problems. In Deutschland konnte der Arbeitskräftemangel behoben, im mediterranen Herkunftsland die Arbeitslosigkeit gemindert und der Zufluß von Geld gesichert werden. So schloss die Bundesrepublik bilaterale Verträge mit einer Reihe von Ländern ab. Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland kamen fortan nach Deutschland, um tatkräftig am wirtschaftlichen Wachstum des Industriestandortes mitzuwirken.
Mit dem Anstieg der Ausländerquote von 1,2 % vor 1961 auf 6,4 % im Jahre 1973 etablierte sich der Begriff des "Gastarbeiters". Allerdings waren nicht alle Regionen Deutschlands gleichzeitig bzw. gleich stark von der Zuwanderung betroffen. Es lassen sich charakteristische räumliche Muster feststellen, die sich bis heute - allerdings in abgeschwächtem Maße - in der Verteilung der Gastarbeiter [3] abbilden. Die insgesamt von Süd nach Nord verlaufende Ausbreitung erfolgte zum einen hierarchisch, indem zunächst die Großstädte bzw. Verdichtungsräume und später Mittel- bzw. Kleinstädte erfasst wurden. Zudem war eine regionale Konzentration einzelner Nationalitäten im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt des Vertragsabschlusses zu verzeichnen. Italienische Gastarbeiter wurden verstärkt nach Baden-Württemberg, türkische Gastarbeiter hingegen in großer Zahl ins Ruhrgebiet und nach Westberlin angeworben. Auch kam es auf der lokalen Ebene zu ethnischen Konzentrationen - zum einen, weil die Gastarbeiter unterschiedlicher Nationalität versuchten, unter sich zu bleiben, zum anderen, weil die Firmen bevorzugt Arbeiter gleicher Nationalität einstellten. Die Zuwanderung von Arbeitsmigranten [4] trug seither nicht nur entscheidend zum Wirtschaftswachstum bei, sondern prägte auch das Erscheinungsbild deutscher Städte bzw. ganzer Regionen und das gesellschaftliche Leben. Ein Resultat ist die - heute als selbstverständlich wahrgenommene - Vielfalt "multikultureller" kulinarischer Angebote. Die Pizzeria, der Gyros- bzw. Döner-Kebap-Stand oder die italienische Eisdiele sind wichtige Bestandtteile der Zentrenkultur deutscher Städte geworden.
Mit der ersten Rezession in der BRD im Jahre 1967 und dem vorläufigen Ende des Wirtschaftswunders sollte eine neue Entwicklung einsetzen. Das Wirtschaftswachstum verringerte sich, die Nachfrage nach Arbeitskräften ging deutlich zurück und die Arbeitslosigkeit stieg an. Resultat dieser Entwicklungen, die verstärkt wurden durch die Ölkrise im Jahre 1973, war der sog. "Anwerbestopp" im gleichen Jahr. Fortan durften keine zusätzlichen Gastarbeiter angeworben werden. Langfristig gesehen war diese Phase der Beginn einer strukturellen Transformation von einer fordistischen Produktionsweise zu einer Tertiärisierung und der Etablierung neuer, flexiblerer Industrien (z.B. Informationselektronik). Dieser Prozeß hat zu einer überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit von Ausländern bzw. Aussiedlern in Westdeutschland [5] wie in Ostdeutschland [6] geführt, da sich die Qualifikationsanforderungen zugunsten deutscher Arbeitnehmer änderten. Ausgenommen sind hiervon sog. statushohe Arbeitskräfte, welche in renommierten Dienstleistungsbereichen tätig waren bzw. sind, wie z.B. qualifizierte japanische Arbeitskräfte [7].
Die bundesdeutsche Regierung war immer davon ausgegangen, daß die hereinströmenden Gastarbeiter nach Ablauf ihrer Arbeitsverträge wieder in die Heimat zurückkehren würden. Doch es zeigte sich, daß die Mehrzahl der Gastarbeiter in Deutschland eine neue Existenz aufgebaut hatten. Seit etwa Mitte der 70er Jahre versuchte die Regierung, ausländische Arbeitnehmer durch Prämien zur Rückkehr in ihre Heimatländer zu bewegen. Dem standen allerdings seit den 80er Jahren Familienzusammenführungen von Arbeitsmigranten gegenüber, die zu einem deutlichen Wandel der Alters- und Geschlechtsstruktur der ausländischen Mitbürger führten. Nach rund 40 Jahren "Gastarbeiterwanderungen" leben inzwischen in Deutschland drei Generationen unterschiedlichster Nationalitäten: die nach Deutschland gekommenen Gastarbeiter (= Großelterngeneration), die als Kinder mitgekommene Elterngeneration und die in Deutschland geborenen Kinder. Das " Leben in zwei Gesellschaften" [8] mit ihren unterschiedlichen Wertvorstellungen und Traditionen führt sowohl zu Assimilation und Integrationsprozessen als auch zu einem Konfliktpotential in kultureller, gesellschaftlicher und sozialer Hinsicht. Die türkischen Arbeitnehmer in Deutschland, die inzwischen den größten ausländischen Anteil [9] darstellen, verkörpern diesen Dualismus am eindringlichsten. Probleme entstehen aufgrund kultureller Distanz, bedingt z.T. durch eine andere Religionszugehörigkeit (Islam), aber auch durch rechtliche Vorschriften (Nicht-EU-Angehörige), die die grenzüberschreitende Mobilität einschränkt. Neben den ungünstigen ökonomischen und politischen Faktoren in der Türkei sind diese restriktiven Bedingungen ein wesentlicher Grund, daß bei den türkischen Gastarbeitern eine so große Diskrepanz zwischen Rückkehrabsicht und deren Realisierung besteht. Dementsprechend sind Rückwanderungen von Migranten aus anderen Mittelmeerländern weitaus häufiger vollzogen worden.
Die "Gastarbeiterwanderungen" haben den Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland stark ansteigen lassen. Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung nachhaltig geändert. In den 80er und 90er Jahren haben sich Anzahl und Struktur von grenzüberschreitenden Wanderungen [10] nochmals gewandelt und zu einer neuen räumlichen Verteilung [11] der ausländischen Mitbürger geführt. Verschiedene Wanderungstypen treten jetzt verstärkt nebeneinander auf, wie z.B. dauerhafte Zuwanderung, zeitlich begrenzte Arbeiterwanderung, Familiennachzug, Zunahme von Flüchtlingen und Asylantragstellern [12] und die wachsende Bedeutung illegaler Grenzübertritte. Die wirtschaftlichen und politischen Transformationen im ehemals sozialistischen Europa haben auf der einen Seite zu einem starken Zustrom deutschstämmiger Aussiedler [13] geführt, auf der anderen Seite ist ein erhöhter Anteil deutschstämmiger Migranten aus Ost- und Südosteuropa [14] zu verzeichnen, wobei die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien [15] aktuell das größte Problem darstellen. Zu erwähnen sind auch die saisonalen Wanderungen aus Osteuropa zu den Erntezeiten. Ohne die osteuropäischen Erntehelfer ist z.B. die arbeitsintensive, für deutsche Verhältnisse extrem niedrig entlohnte Spargelernte in Deutschland bei bestehenden Marktpreisen nicht mehr zu bewerkstelligen.
Da Deutschland sich nicht als Einwanderungsland versteht, hatte der Anstieg der Asylbewerberzahlen in den 80er Jahren eine - andauernde - intensive politische "Asyldebatte" zur Folge. Das neue Asylrecht von 1993, der sog. Asylkompromiss, bewirkte einen deutlichen Rückgang der Asylbewerber [16]. Ungelöst ist bisher das Problem der Einbürgerung ausländischer Mitbürger. Das bisherige deutsche Recht beruht auf dem "ius sanguini" (Recht des Blutes) und beinhaltet keine Elemente des "ius soli" (Recht des Bodens), wonach die Übertragung der Staatsbürgerschaft durch das Land der Geburt bestimmt wird. Die in Deutschland aktuell geführte Diskussion um die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft [17] spiegelt die außerordentlich kontroversen Meinungen in der deutschen Bevölkerung (und ihrer Regierungsvertreter) wider. Die Meinungen pro und contra Integration ausländischer Mitbürger und zur Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft reichen von sehr engagierten Stellungnahmen [18] bzw. ausgewogenen Beiträgen [19] bis hin zu extremer Ablehnung, die oft rechtsradikale Züge trägt.
Die Akzeptanz von Immigranten und erfolgreiche Integration scheint zudem für die alten und neuen Bundesländer tendenziell unterschiedlich zu sein, da ein Zusammenhang zwischen Alltagserfahrung und positiver Integrationsbereitschaft anzunehmen ist. Während Ausländer in Westdeutschland seit mehreren Jahrzehnten einen festen Bestandteil der Gesellschaft repräsentierten, lebte in der DDR ein vergleichsweise geringer Prozentsatz von Ausländern (1991: 1,2 % der Bev., i.d.R. Gastarbeiter, Studenten aus sozialistischen Staaten wie Vietnam, Kuba etc.). Die zudem bestehende Wohnsegregation dieser Migranten bewirkte eine nur geringe Ausländerpräsenz in der Alltagswelt der DDR. Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach dem Fall der Mauer 1989 und die strukturellen Veränderungen in den neuen Bundesländern kommen in eher distanzierenden, stärker ablehnenden Einstellungen zum Ausdruck. Ein Wandel hin zu Alltagsnormalität und Integration in Ost wie in West kann nur erreicht werden , wenn er durch entsprechende gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen unterstützt wird. Ein großer Beitrag hierzu wird bereits von staatlichen [20] und privaten Organisationen [21], Selbsthilfegruppen [22] und Vereinen geleistet.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.uni-bamberg.de/~ba6ef3/migber99.pdf
[2]
http://www.goethe.de/gr/dub/projekt/deipasl2.htm
[3]
http://www.tufts.edu/as/ger_rus_asian/auslaender/ausl.html
[4]
http://www.goethe.de/gr/dub/projekt/deipasl1.htm
[5]
http://www.destatis.de/basis/d/erwerb/erwerbtab3.htm
[6]
http://www.destatis.de/basis/d/erwerb/erwerbtab4.htm
[7]
http://www.duesseldorf.de/presse/basis/japan.shtml
[8]
http://www.tufts.edu/as/ger_rus_asian/auslaender/selbst2.html
[9]
http://www.tufts.edu/as/ger_rus_asian/auslaender/ausl.html
[10]
http://www.diw-berlin.de/deutsch/publikationen/wochenberichte/docs/95-33-2.html#HDR2
[11]
http://www.tufts.edu/as/ger_rus_asian/auslaender/ausl.html
[12]
http://www.proasyl.de/stat/1998/bmijahr.htm
[13]
http://www.demographie.de/lehrstuhl/publlisten/hfrmeuro.htm
[14]
http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab1.htm
[15]
http://www.refugees.org/world/countryindex/bosnia_and_hercegovina.cfm
[16]
http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_148248/Internet/Content/Themen/Auslaender__Fluechtlinge__Asyl/Einzelseiten/Development__of__figures__concerning__Id__57738__en.html
[17]
http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_164920/Internet/Content/Themen/Staatsangehoerigkeit/Einzelseiten/Kernpunkte__der__Neuregelung__Gesetz__zur__Id__18959__de.html
[18]
http://www.tufts.edu/as/ger_rus_asian/auslaender/Gegen_Gewalt.html
[19]
http://www.ehrenamt.de/sec11/item7.htm
[20]
http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/soziales-familie/integrationsbeirat/start.html
[21]
http://www.paritaet.org/via/
[22]
http://www.caritas-bochum.de/einrichtung/migranten/index.htm
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