Texteinheit 4: Ländliche Siedlungsentwicklung - Vom bäuerlichen Dorf zur urbanen Siedlung

(Björn Koschatzki, Tanja Schmiechen, Christoph Ziem; Bearbeitung D. Wiktorin)

Didaktische Zielsetzung: Darstellung der sich wandelnden Leitbilder und Ziele der Dorferneuerung seit Ende des letzten Jahrhunderts (Weiterführung von Texteinheit 2.3, Ergänzung zu Texteinheit 4.2) sowie Charakterisierung der verschiedenen Politiken, die für die Entwicklung des ländlichen Raumes verantwortlich zeichnen.

Schlüsselbegriffe: Dorf, ländliche Siedlung, gleichwertige Lebensbedingungen, Flurbereinigung, Aussiedlung, Dorfsanierung, ländliche Kulturlandschaft, Suburbanisierung, Dorferneuerungsprogramm, endogenes Potential, Bürgerbeteiligung, ganzheitliche Dorferneuerung


Die ländlichen Siedlungen - ein prägendes Element in der Kulturlandschaft Deutschlands - unterliegen seit dem letzten Jahrhundert, mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, einem tiefgreifenden Wandel [1]. Besonders nachhaltig ist dieser seit dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des dramatischen Strukturwandels in der Landwirtschaft und der dynamischen Entwicklung der Verdichtungsräume. War das Dorf über Jahrhunderte eine recht homogene, im wesentlichen auf die Landwirtschaft gegründete Siedlungs- und Wirtschaftseinheit, so ist eine eindeutige Definition von Dorf [2] längst nicht mehr möglich. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich, in Abhängigkeit von der siedlungsstrukturellen Lage [3], unterschiedliche Typen ländlicher Gemeinden herausgebildet. Während Siedlungen in stark verdichteten Regionen bzw. Fremdenverkehrsgebieten von urbanen Lebens- und Wirtschaftsformen überprägt wurden, sind Dörfer in strukturschwachen ländlichen Regionen von Abwanderungstendenzen bzw. Bevölkerungsstagnation betroffen. Seit den frühen 1950er Jahren zeigen sich Bund und Länder bemüht, angemessene Konzepte und Instrumente für den Erhalt und die Erneuerung ländlicher Siedlungen zu entwickeln, und zwar:

Dabei unterlagen die jeweiligen Politikbereiche einem mehrfachen Paradigmenwandel, der sich im Erscheinungsbild der Dörfer widerspiegelt.

Erste Konzepte zur systematischen Verschönerung ländlicher Siedlungen gehen zurück auf die sog. Landesverschönerungsbewegung Anfang des 19. Jh. Sie waren geprägt von romantischen Vorstellungen über das dörfliche Leben und entstanden unter dem Eindruck der aufstrebenden Industrie. Erst im 20. Jahrhundert sollte die systematische Dorferneuerung an Bedeutung gewinnen. Das preußische Gesetz zur Umlegung von Grundstücken von 1920 formulierte die "Auflockerung der Ortslagen" erstmals als eine Aufgabe der Flurbereinigung, und mit der Reichsumlegungsverordnung von 1937 wurden Ortsregulierungen schließlich in allen deutschen Provinzen verbindlich (Henkel 1993:214 f.). Trotz gesetzlicher Implementierung blieben Maßnahmen zur Strukturverbesserung ländlicher Siedlungen aber eher selten. Während die Dorferneuerung in der DDR bis in die 80er Jahre Stiefkind räumlicher Planung war (Grosskopf/Altmann 1994), wurde sie in der Bundesrepublik nach 1949 zu einem festen Bestandteil der Planungspolitik. Angesichts der Ausgangssituation in den Nachkriegsjahren war dies auch dringend erforderlich. Zwar hatten die ländlichen Regionen zunächst einen deutlichen Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen. Doch diese Stadt-Land-Flucht war nur ein vorübergehendes Phänomen. Bereits in den frühen 1950er Jahren kehrte sich die Situation um: Aufgrund maroder Bausubstanz, fehlender Infrastruktur - Tausende von Dörfern hatten weder Strom- bzw. Wasserversorgung noch ausgebaute Straßen - und mangelnden Erwerbsmöglichkeiten verließen immer mehr Einwohner die ländliche Heimat. Folgende Umstände ließen den Handlungsbedarf zunehmend dringlich werden:

Die ersten Maßnahmen zur Verbesserung der ländlichen Siedlungsstruktur in den frühen 1950er Jahren standen zunächst in unmittelbarem Zusammenhang mit der Agrarstrukturverbesserung, i.e.S. der Flurbereinigung ( vorher - nachher). Das Flurbereinigungsgesetz [9] von 1953 forderte ausdrücklich die Auflockerung der Ortslagen. Allerdings zielte diese Forderung weniger auf eine umfassende Dorfsanierung als auf die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft. Neben Grundstückszusammenlegungen und Straßenbau wirkte sich besonders die Aussiedlung von Höfen auf die Struktur der Dörfer aus. Bis 1971 wurden ca. 15.000 Höfe aus den Dorfkernen aus- und in die Flur umgesiedelt (Beck 1998: 13). Die Aussiedlerhöfe [10] entsprachen zwar den Anforderungen an eine moderne Landwirtschaft, ihre isolierte Lage hatte aber auch negative Auswirkungen, so z.B. auf das soziale Gefüge der Dorfgemeinschaft und die Lebenssituation der ausgesiedelten Familien. In den Dörfern selbst reduzierte sich infolge der Aussiedlung die Geruchs-, Lärm- und Schmutzbelästigung, weitergehende Sanierungsmaßnahmen blieben jedoch aus. Sowohl die dörflich Bausubstanz als auch die Infrastruktur entsprachen somit Ende der 1950er Jahre noch nicht den Anforderungen an moderne Wohn- und Lebensbedingungen.

Mit Inkrafttreten des Bundesbaugesetzes [11] 1960 lag die Dorfsanierung fortan im Zuständigkeitsbereich der Fachplanungen zur städtebaulichen Entwicklung, womit ein wesentlicher Schritt getan war, die teilweise besorgniserregende Situation in den ländlichen Siedlungen zu entschärfen: Im Laufe der 60er Jahre flossen Millionen an Bundes- und Landesmitteln in den Bau von Kanalisation, Straßen und Schulen. Zusätzlich wurde 1961 der Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" [12] durch die Initiative des Bundesministeriums [13] für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ins Leben gerufen. Seitdem wetteifern jährlich auf Kreis-, Landes- und Bundesebene Dörfer um die ersten Preise für den prächtigsten Blumenschmuck, die schönsten Vorgärten und Dorfplätze. Zielte der Wettbewerb v.a. auf Verschönerungsmaßnahmen, so konzentrierten sich die öffentlich geförderten Baumaßnahmen eher auf flächenhaften Abriß als auf objektbezogene Sanierung, eher auf Verbreiterung von Ortsdurchfahrten als auf Erhaltung des Ortscharakters. Das Bewußtsein für den baukulturellen Eigenwert des Dorfes entwickelte sich leider erst, als schon eine Vielzahl historischer Bauwerke der Abrißbirne zum Opfer gefallen waren - zwischen 1960 und 1972 jährlich schätzungsweise fünf bis zehn Prozent (Henkel 1993 : 218). Vielerorts war der dörfliche Charakter zugunsten überdimensionierter Bauvorhaben - Fußgängerzonen, Flach- oder Hochbauten und Verkehrsschneisen - verlorengegangen.

Mitte der 70er Jahre sollten sich Methoden und Leitbilder der Dorfentwicklung [14] wandeln. Fast vergessene Werte der ländlichen Kulturlandschaft wurden wiederentdeckt und erfuhren in den folgenden Jahren eine neue Wertschätzung. Nicht Flächensanierung, sondern behutsame Erneuerung war fortan das Credo der Planungspolitik (Dorferneuerungsbericht 1990). In einer ersten Phase, etwa bis Anfang der 80er Jahre, stand die Erhaltung des historischen Siedlungsgefüges und der Zeugnisse der bäuerlichen Kultur [15] im Vordergrund. Wichtiger Partner wurde hierbei der Denkmalschutz [16], der in den Städten bereits seit längerem etabliert war. Die Erneuerungskonzepte konzentrierten sich v.a. auf die alten Dorfkerne, die als "lebendige Mitte" neugestaltet werden sollten. In einer zweiten Phase bis Mitte der 80er Jahre lag das Augenmerk zusätzlich auf der Ausweisung und Gestaltung neuer Wohngebiete. Dies war notwendig geworden, da ländliche Siedlungen besonders innerhalb verdichteter Regionen immer stärker von Bevölkerungssuburbanisierung [17] betroffen waren. Um das Siedlungswachstum künftig in geordnete Bahnen zu lenken, mußten ökologische und soziale Aspekte in die Erneuerungskonzepte integriert werden. Und mehr noch: Als Reaktion auf die zunehmende Suburbanisation von Gewerbe- und Dienstleistungseinrichtungen wurde deren Einbindung seit den späten 80er Jahren in einer dritten Phase zu einem wichtigen Teilbereich aller Planungen. Die Dorferneuerung hat sich somit von einer einseitigen Agrarstrukturförderung zu einer integralen politischen Aufgabe zur Verbesserung der Lebensverhältnisse im ländlichen Raum entwickelt. Ihre heutigen Ziele [18] sind:

Um die Umsetzung dieser Ziele in der Praxis zu gewährleisten, wurden die Maßnahmen zur Dorferneuerung institutionalisiert [22]. So wird im Rahmen des von Bund und Land geförderten Dorferneuerungsprogrammes ein sog. Dorferneuerungsplan [23] gefordert, der neben einer ausführlichen Bestandsanlayse und -prognose ein Planungskonzept mit ausführlichem Maßnahmen- und Kostenplan beinhaltet.

Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten im Jahre 1990 wurde das bewährte Konzept der ganzheitlichen Dorferneuerung auch auf die Neuen Bundesländer übertragen. Allerdings ist die Umsetzung des Erneuerungsprogrammes - bedingt durch die durchaus ambivalente Ausgangssituation - von enormen Schwierigkeiten begleitet. Einerseits wurden durch die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR traditionelle Strukturen der ländlichen Kulturlandschaft überformt. Andererseits konnten sich in manchen Regionen, v.a. dem dünn besiedelten Nordosten Deutschlands, historische Siedlungs- und Bebauungsformen erhalten. Diese sind allerdings dringend sanierungsbedürftig, da man sich in der DDR erst in den 80er Jahren den Aufgaben der Dorferneuerung zuwandte. Dabei gingen die damaligen Anstrengungen nicht wesentlich über den 1981 erstmals ausgeschriebenen Wettbewerb "Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit" hinaus. Wie das Beispiel [24] einer Dorferneuerungsmaßnahme in der Uckermark zeigt, hat sich die Struktur der Dörfer in den Neuen Bundesländern in den vergangenen Jahren erheblich gebessert. Die Beseitigung regionaler Disparitäten [25] zwischen den ländlichen Räumen in Ost und West ist seit 1990 vordringliches, aber noch längst nicht erreichtes Ziel.

Eine zentrale Forderung der aktuellen Dorferneuerungspraxis zielt auf die verstärkte Einbeziehung der Dorfbewohner in Planungsprozesse bzw. eine stärker an Mitbestimmung orientierte Bürgerbeteiligung [26] (Knievel/Täube 1999:313). Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, daß Planungskonzepte nur dann erfolgversprechend umgesetzt werden können, wenn lokale Akteure bereits in der Konzeptionsphase beteiligt werden. Gerade bei der Inwertsetzung der sog. endogenen Potentiale [27] einer Region sind die zahlreich vorhandenen sozialen Netzwerke im ländlichen Raum, wie z.B. die Verbände der Landjugend [28], der Landfrauen [29] oder der Landwirte [30], eine unverzichtbare Hilfe. Erst in Kooperation mit den sog. "Insidern" ist es den verantwortlichen Planern möglich, differenzierte Bedarfsanalysen und damit letztlich auch nachhaltige Strategien [31] zu entwickeln. Dies ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Dorf des 21. Jahrhunderts [32], das mehr sein muß, als eine Restkategorie zur Stadt [33].

Fragen und Aufgaben:
  • Interpretieren Sie die Abbildung zu verschiedenen Typen ländlicher Gemeinden und diskutieren Sie, welche Gründe ausschlaggebend sind für die unterschiedliche Entwicklung!
  • Stellen Sie Vor- und Nachteile der Aussiedlung von Höfen aus ländlichen Siedlungen im Rahmen der Flurbereinigung einander gegenüber.
  • Entwickeln Sie zu den dargelegten Zielen der behutsamen Dorferneuerung vertiefende Beispiele. Nutzen Sie zu diesem Zweck die weiterführenden Internet-links!
  • Was sind die sog. endogenen Potentiale [27] ländlicher Räume?
  • Diskutieren Sie, warum gerade eine aktive Bürgerbeteiligung bei allen Planungen für den ländlichen Raum ein Erfolgsgarant für die Aktivierung solcher Potentiale sein könnte.
Interaktives Quiz


[1] http://www.loreley.de/vgnastaetten/weidenbach/geschichte.htm
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Dorf
[3] http://www.bbr.bund.de/raumordnung/raumbeobachtung/gebietstypen1.htm
[4] http://www.agrar.hu-berlin.de/wisola/fg/apol/frame/intro.htm
[5] http://www.bbr.bund.de/moro/index.html?/moro/archiv/008_finanzierungsmodelle.html
[6] http://www.lpb.bwue.de/publikat/land/land7.htm
[7] http://pro.agrar.hu-berlin.de/cdrom/bmelf/Zahlen/folien/imafolie/graph14.gif
[8] http://www-public.tu-bs.de:8080/~schroete/baurecht.htm
[9] http://www-penelope.drec.unilim.fr/penelope/LIbrary/Libs/DLib/FlurbG/FlurbG_c.htm
[10] http://www.tue.kbs.bwue.de/diareihe/tuebingen/tueb33g.htm
[11] http://www-public.tu-bs.de:8080/~schroete/baurecht.htm
[12] http://www.dorfwettbewerb.de/
[13] http://www.bml.de/
[14] http://www.laum.uni-hannover.de/ilr/lehre/Ptm/Ptm_DE.htm
[15] http://www.werkleitz.de/gemeinde/kult/kultur.html
[16] http://www.igbauernhaus.de/
[17] http://www.supplement.de/geographie/blotevog/stadtgeo/fokus.htm
[18] http://www.lpb.bwue.de/publikat/land/land4.htm
[19] http://www.landentwicklung.nrw.de/dorferneuerung/dorferneuerung.htm
[20] http://www.landentwicklung.de/pdf/land_pdf/altershausen.pdf
[21] http://www.lpb.bwue.de/publikat/land/land19.htm
[22] http://www.laum.uni-hannover.de/ilr/lehre/Ptm/Ptm_DE.htm
[23] http://www.difu.de/tatorte/wettbewerb95-00/preistraeger/rundgang/brodowin/tourismus/karte2.shtml
[24] http://www.thueringen.de/alf-meiningen/Seiten/Dorferneuerung/bspde.htm
[25] http://www.gym-landau.de/ek/inh13/sozio%9Akonomie/disparit.htm
[26] http://www.stmlf.bayern.de/proxy.php?prxctx=/behoerden/&url=/publikationen/pressemitteilungen/2001/pm154-01.html
[27] http://www.lpb.bwue.de/publikat/land/land8.htm
[28] http://www.landjugend.de/bdl/index2.htm
[29] http://www.bayerischerbauernverband.de/sro.php?redid=2056
[30] http://www.kitzingen.de/bbv/werwir.htm
[31] http://www.landentwicklung-muenchen.de/mitarbeit/magel/aufsaetze/pfingstsymp_bnedikt_2001.pdf
[32] http://www.internetdorf.de/
[33] http://www.lpb.bwue.de/publikat/land/land5.htm


Verwendete Literatur


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