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Didaktische
Zielsetzung: Charakterisierung des deutschen
Städtesystems in seiner Entwicklung und seinen spezifischen
Besonderheiten (Vertiefung von Texteinheit 1.6), mit einem Ausblick auf
künftige Wandlungen im Zuge der Wiedervereinigung, der
Konzentrationsprozesse in der Hauptstadt Berlin und nicht zuletzt der
Einbindung in das europäische Städtesystem.
Schlüsselbegriffe: Städtesystem, Ranggrößenverteilung, Funktionsspezialisierung, Verdichtungsraum, Raumordnungspolitik, gleichwertige Lebensbedingungen, Gebietsreform, Hauptstadtentscheidung, Europa der Regionen, Städtenetze
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Die Grundlage des deutschen Städtesystems geht zurück auf die Stadtgründungsphase im 12. und 13. Jahrhundert. Schon zu dieser Zeit bildete sich ein dichtes Städtenetz heraus, das bis ins 19. Jh. keine wesentlichen Veränderungen erfuhr. Neue Impulse setzten erst mit der Industrialisierung ein. Es entstanden die großen städtischen Reviere der rohstofforientierten Industrien an Rhein, Ruhr [4] und Saar [5]. Das aufstrebende weiterverarbeitende Gewerbe unterstützte eine differenzierte Struktur des Städtesystems und führte zu einer Intensivierung der zwischenstädtischen Verflechtungen. Der Grad der Verstädterung [6] nahm kontinuierlich, seit Reichsgründung 1871 sogar deutlich überproportional zu. Mit der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt des Deutschen Reiches kam es dort bis in die 1920er Jahre nicht nur zu einem enormen Bevölkerungswachstum [7], sondern auch zu einer Konzentration von Funktionen aller Art. Unter den Nationalsozialisten verstärkte sich dieser Trend, so daß die Reichshauptstadt in den 30er Jahren vorübergehend zur dominierenden Primatstadt wurde.
Nach der deutsch-deutschen Teilung sollte sich das Städtesystem erheblich wandeln. Berlin, die geteilte Stadt, verlor – zumindest für die Bundesrepublik – ihre herausragende Stellung. Außerdem kam es zu Massenwanderungen von den früheren deutschen Ostgebieten sowie der DDR (bzw. der Sowjetischen Besatzungszone) nach Westdeutschland. Zwischen 1945 und 1961 suchten 10 Millionen Vertriebene und Republikflüchtlinge in der Bundesrepublik eine neue Heimat (Blotevogel/Hommel 1980 : 156). Die Zuwanderung beschränkte sich dabei bei weitem nicht nur auf die stark zerstörten Großstädte, sondern es wuchsen v.a. Mittel- und Kleinstädte, in denen die Lebensbedingungen deutlich besser waren. Mit Gründung der Bundesrepublik 1949 wurde das historisch gewachsene, dezentrale Städtesystem durch föderative Strukturen weiter gestärkt. Jedes der neu gegründeten Bundesländer erhielt eine eigene Landeshauptstadt [8] mit Verwaltungs- und Regierungsfunktionen. Als Kompensation für die Entscheidung, Bonn zur neuen Bundeshauptstadt [9] zu machen, unterstützte die Bundesregierung außerdem die deutschen Großstädte in deren Streben nach funktionaler Spezialisierung. So wuchs Frankfurt mit der neu gegründeten Bundeszentralbank zum Finanzzentrum [10] Westdeutschlands empor, Hamburg konnte sich als Stadt der Printmedien [11] etablieren, Köln baute seinen Ruf als Versicherungs- bzw. später Medien- und Kunstmetropole [12] aus und München wurde zur Stadt der Filmindustrie [13].
Diese ausgeprägte Funktionsteilung zwischen den Städten (Regionalstadtsystem) wurde auch durch eine veränderte Bildungspolitik befördert. In den 60er Jahren kamen zu den traditionellen Universitätsstädten [14] wie Tübingen, Heidelberg oder Marburg weitere hinzu, wie Konstanz, Siegen oder – mit der ersten Universität des Ruhrgebietes – Bochum [15]. Besonders letztere ist ein gutes Beispiel dafür, daß die Regierungen in Bund und Ländern bereits früh darum bemüht waren, die von Altindustrie geprägten und von De-Industrialisierung betroffenen Regionen in ihrem Strukturwandel – von Industrie- zu Dienstleistungsstandorten – zu unterstützen. Insgesamt ergaben sich in den 60er und 70er Jahren erhebliche raumstrukturelle Veränderungen. Zum einen gewannen die süddeutschen Regionen, die arm an Umweltbelastungen und reich an innovativem Potential waren, an Bedeutung, während die altindustrialisierten und peripheren Regionen sowohl Bevölkerung, als auch Wirtschaftskraft verloren. Es entstand ein deutliches Süd-Nord-Gefälle. Zum anderen kam es zu einer starken innerregionalen Bevölkerungsverlagerung ins Umland der Städte – zur sog. Suburbanisierung. Die Notwendigkeit raumordnungspolitscher Maßnahmen [16] wurde immer offensichtlicher.
Die Bundesregierung und die Landesregierungen reagierten darauf in mehrfacher Hinsicht. Auf Bundesebene wurde 1965 das Raumordnungsgesetz [17] erlassen, dessen wichtigste Zielvorgabe die Gewährleistung gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Regionen der Bundesrepublik war. Um Landflucht und eine weiter fortschreitende Verdichtung innerhalb der problembelasteten Ballungszentren zu vermeiden, sollte ein ausgeglichenes System Zentraler Orte [18] geschaffen werden. Als Ergebnis der Programme von Bundesraum- und Landesplanung haben sich bis heute verschiedene Typen von Städten und Stadtregionen entwickelt. Des weiteren wurden die Verdichtungsräume sowie die peripheren Regionen – z.B. das deutsch-deutsche Grenzgebiet, das Emsland sowie die Mittelgebirgsregionen – durch verschiedene Fördermaßnahmen (u.a. die sog. Gemeinschaftsaufgaben [19]) unterstützt. Diese raumwirksame Staatstätigkeit wurde auf Länderebene ergänzt durch umfassende Gemeinde- und Kreisgebietsreformen. Sie waren die Antwort auf zunehmende ökonomische Verflechtungen innerhalb der Stadtregionen. Eine Neuordnung der überkommenen administrativen Grenzen erschien angesichts der täglichen Pendlerströme, der Finanznot der Kernstädte gegenüber steigenden Steuereinnahmen der Umlandgemeinden sowie der hohen Verwaltungskosten durch die Vielzahl kleinster Gebietseinheiten mehr als notwendig. Nicht ohne Widerstand v.a. einiger kleinerer Städte [20] und Gemeinden kam es bis 1978 zu einer Neuregelung der Kreis- und Gemeindegrenzen. Allein in Nordrhein-Westfalen schrumpfte die Zahl der selbständigen Kommunen von 2.300 (1970) auf 396 (1978). Ähnlich umfassende Gebietsreformen [21] haben seit 1990 auch die Neuen Bundesländern [22] erfaßt.
Das Städtesystem in der DDR [23] unterschied sich grundlegend von dem in Westdeutschland. Die historisch begründete Teilung in zwei unterschiedlich strukturierte Großräume – den städtearmen, durch Landwirtschaft geprägten Norden und den städtereichen, hochindustrialisierten Süden – wurde durch die Raumordnungspolitik der DDR noch unterstützt. Anders als im föderativen raumordnungspolitischen System [24] der Bundesrepublik unterlag die Raumordnung der DDR der zentralen Planung des sozialistischen Staates. Da sich die Neubautätigkeit v.a. auf die industriellen Kernstädte konzentrierte, waren die Klein- und Mittelstädte besonders im Norden von stetigem Bevölkerungsrückgang betroffen. Anders als in Westdeutschland kam es auch nicht zu einer umfassenden Suburbanisierung im Umland der Großstädte. Zudem blieb die Stellung der Hauptstadt Ostberlin als Primatstadt erhalten. Weitere administrative Funktionen, wie z.B. Sitz der Bezirks- oder Kreisräte, wurden meist unabhängig von historischen Verflechtungen zugeteilt. Mit der Vereinigung wurde, neben der Überwindung der regionalen Disparitäten innerhalb Ostdeutschlands, das Zusammenwachsen beider Städtesysteme ein wichtiges Desiderat gesamtdeutscher Raumordnung. Ganz entscheidend hierfür ist der Ausbau der Infrastruktur. Auch zehn Jahre nach der Vereinigung zeigt sich jedoch z.B. im Strom und Autobahnnetz, daß die Teilung noch lange nicht überwunden ist. Gerade in der Verkehrsplanung, wie der Schaffung neuer Verbindungen [25] innerhalb des Bahnnetzes [26] und der Erneuerung alter Ost-West-Verbindungen, besteht noch erheblicher Nachholbedarf.
Eine nicht nur für das Städtesystem weitreichende Folge der Wiedervereinigung war die Entscheidung für Berlin als Hauptstadt und künftigem Sitz [27] einer gesamtdeutschen Regierung. Mit einem denkbar knappen Abstimmungsergebnis – 338 Parlamentarier stimmten für Berlin, 320 für Bonn als Regierungssitz – wurde am 20. Juni 1991 der Umzug der Regierung besiegelt (Laux 1991: 543). Bis heute ist diese Entscheidung nicht unumstritten. Neben den hohen Kosten befürchteten die Gegner der Berlin-Lösung v.a., daß sich das Städtesystem durch die Konzentration von Funktionen in der "neuen alten" Hauptstadt nachhaltig verändern könnte. Und in der gegenwärtigen Entwicklung der Metropole – v.a. in den ehrgeizigen Bauvorhaben am Potsdamer Platz und im Regierungsviertel – deutet sich bereits ein wirtschaftlicher und kultureller Boom an. Dennoch ist nicht zu erwarten, daß es zu einer vollständigen Umstrukturierung der bestehenden Funktionsgliederung im deutschen Städtesystem und damit zu einem z.B. mit Paris vergleichbaren Bedeutungsüberschuß Berlins [28] kommt.
Die Hoffnung auf ein weiterhin ausgewogenes, polyzentrisches Städtesystem wird zum einen genährt durch die Stärke der deutschen Städte und Regionen, die über die vergangenen Jahrzehnte ein ausgeprägtes Profil gebildet haben. Zum anderen wird die Entwicklung des nationalen Städtesystems ohnehin von Prozessen überlagert, die sich auf europäischem bzw. internationalem Maßstab vollziehen. Im Zuge von Globalisierung [29] und fortschreitender europäischer Integration ist ein Wandel im gesamteuropäischen [30] und somit auch im deutschen Städtesystem absehbar. Deutschland ist zum Kernraum eines Europas der Regionen [31] geworden. Und gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung der osteuropäischen Länder und deren Einbindung in die EU [32] wird sich die Konkurrenz zwischen den Regionen weiter verschärfen. Um das deutsche Städtesystem künftig unter einem verstärkten europäischen, ja globalen Anpassungsdruck zu stärken, wird es notwendig sein, die lokalen Eigenkräfte kooperativ zu bündeln. Dies ist die zentrale Forderung eines neuen raumordnungspolitischen Trends auf europäischer Ebene [33], der einzelne Städte in sog. Städtenetze [34] oder – auch grenzüberschreitende – Planungsregionen einbinden will. In Anbetracht der ausgeprägten funktionalen Verflechtungen ist ein Ausbau interregionaler und -kommunaler Vernetzung ohnehin längst überfällig. Nur durch sie kann in Zukunft eine ausgeglichene Raumentwicklung sowie eine Stärkung endogener Standortbedingungen gewährleistet werden - unabdingbare Voraussetzung für eine Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Regionen Europas.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://lernarchiv.bildung.hessen.de/archiv/uentwurf/ekunde
[2]
http://www.karlsruhe.de/Stadtentwicklung/afsta/Statistik/Index.htm
[3]
http://www.mygeo.info/skripte/skript_bevoelkerung_siedlung/lanu2.htm
[4]
http://www.route-industriekultur.de/geschi/lang/ges00.htm
[5]
http://www.saarland.de/einblicke_landesgeschichte_4827.htm
[6]
http://www.g-o.de/index.php?cmd=focus_detail2&f_id=24&rang=9
[7]
http://www.chronik-berlin.de
[8]
http://www.acu.edu/academics/cas/fl/german/bundeslaender/bundeslaender.htm
[9]
http://www.bonn-virtuell.de/
[10]
http://www.frankfurt.de
[11]
http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/wirtschaft-arbeit/wir-fuer-sie/medien-telekommunikation-design/multimedia-neue-medien-it.html
[12]
http://members.aol.com/stgymgt/koeln/medien.htm
[13]
http://www.muenchen.de/Rathaus/gg_raw/branchen/medien/38697/index.html#fil
[14]
http://www.holderied.de/DeutscheHochschulen.html
[15]
http://www.ruhr-uni-bochum.de/uni-profil/universitaet/
[16]
http://www.supplement.de/geographie/blotevog/raumpl/theorie.htm#Zur
[17]
http://www.umwelt-online.de/recht/bau/rog/mog_ges.htm
[18]
http://www.mygeo.info/skripte/skript_bevoelkerung_siedlung/lanu2.htm
[19]
http://www.brandenburg.de/sixcms/detail.php?id=45310&_siteid=72
[20]
http://www.oefre.unibe.ch/law/dfr/bv086090.html
[21]
http://www.kommunalfenster.de/index-thema259.htm
[22]
http://home.t-online.de/home/mmkon/body_dteinh1.htm
[23]
http://www.georgiasouthern.edu/~hkurz/geo/ddr-b1.htm
[24]
http://www-public.tu-bs.de:8080/~schroete/baurecht.htm
[25]
http://www.bahn.de/konzern/holding/bahnbaut/die_bahn_bauprojekte_historie.shtml
[26]
http://www.bahn.de/konzern/holding/db-energie/dbag_daten_und_fakten.shtml
[27]
http://www.bundestag.de/bau_kunst/berlin/debatte/bd_verz2.html
[28]
http://www.aicgs.org/publications/pubonline.shtml
[29]
http://www.geographie.uni-freiburg.de/ikg/popup_index.php?id=2&index=1&thema=globalisierung&level=mitarb
[30]
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/diplom.html
[31]
http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/reports/otteu/otteuro.htm
[32]
http://www.welt.de/daten/2002/04/06/0406eu324339.htx
[33]
http://www.rzu.ch/pdf_files/eurek_treuner.pdf
[34]
http://www.kern.de/geschaeftsberichte/1999_04.htm
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