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Didaktische
Zielsetzung: Kennzeichnung der wichtigsten
Stadtentwicklungsprozesse seit der Reichsgründung 1871 bis zum Ende
des Zweiten Weltkrieges (Weiterführung der Texteinheit 2.4,
Vorbereitung auf Texteinheit 3.7). Besonderes Augenmerk gilt den
städtebaulichen Strömungen der ersten Hälfte des 20. Jh.,
die im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen
Umbruchsituationen vertiefend dargestellt werden. Schlüsselbegriffe: Moderne Großstadt, Verstädterung, Gründerzeit, Mietskaserne, Eingemeindungen, Citybildung, soziale Segregation, Arbeiterviertel, Gartenstadtidee, Charta von Athen, Funktionstrennung, genossenschaftlicher Wohnungsbau, nationalsozialistischer Städtebau, Kriegszerstörung deutscher Städte
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Die Entwicklung der deutschen Städte in der ereignisreichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Ergebnis mehrerer Umbruch- und Aufbruchphasen. Die Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges standen noch ganz unter dem Einfluß des 19. Jahrhunderts, dessen räumliches Erbe es zu reformieren galt. In den 1920er Jahren – überschattet von Kriegsfolgen und Weltwirtschaftskrise – wurden eine Reihe moderner städtebaulicher Konzepte entwickelt, die weit über ihre Zeit hinaus Einfluß auf städtische Strukturen nehmen sollten. Ein vorläufiges Ende fand diese innovative Phase allerdings mit der Machtübernahme [1] der Nationalsozialisten 1933. Mit der Zerstörung der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg schließlich war die wohl schmerzlichste Zäsur in der Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts erreicht.
Der gesellschaftliche Strukturwandel infolge der Industrialisierung spiegelt sich eindrucksvoll im Bild der modernen Großstadt um 1900 wider. Sie ist geradezu Sinnbild für den Aufbruch in die Moderne, wie ihre Rezeption durch die Bildenden Künste belegt. Als beliebtes Sujet ging die Großstadt nicht nur in die Literatur [2], sondern auch in Musik [3] und Malerei [4] des frühen 20. Jahrhunderts ein. Verständlich wird dies, wenn man sich ihre enorme Bedeutungssteigerung seit der Hochindustrialisierung vor Augen hält. Gab es bei Gründung des Deutschen Reiches 1871 gerade einmal acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, waren es 1910 bereits 48. Und der Anteil der Großstädter stieg innerhalb dieser 40 Jahre von 4,8% auf 21,3%. Damit lebte bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereits jeder fünfte Deutsche in einer Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern (Reulecke 1985 : 68). Der zunehmende Verstädterungsgrad war das Ergebnis eines komplexen Wirkungsgeflechtes aus Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und Binnenwanderung (Land-Stadt-Flucht). Besonders stark von diesen Prozessen erfaßt wurden die Städte der aufstrebenden Montanregionen an Rhein und Ruhr sowie die Verkehrsknotenpunkte im neuen Eisenbahnnetz – Berlin, Hamburg, München, Köln, Leipzig, Frankfurt u.a.
Deren städtebauliche, funktionale und sozialräumliche Struktur hatte sich seit der Gründerzeit [5] grundlegend gewandelt. Der Bau-Boom, der mit der Reichsgründung eingesetzt hatte, hielt bis etwa 1905 ungebrochen an. Neben repräsentativen öffentlichen Gebäuden – Bahnhöfen, Gerichtshäusern, Theatern und Rathäusern – im eklektizistischen Baustil [6] der Zeit, entstand der Gebäudetypus der Mietskaserne, der fortan Kennzeichen der industriellen Stadt war (Benevolo 1993 : 184). In der Reichshauptstadt Berlin [7] erreichte der Mietskasernenbau seine deutlichste Ausprägung. Neben einer baulichen Verdichtung innerhalb der Städte waren eine Ausweitung der Siedlungsfläche durch Eingemeindung von Vororten, planmäßige Stadterweiterungen und Straßenplanungen nach dem Vorbild von Paris (sog. Haussmannisierung) weitere Merkmale der gründerzeitlichen Stadt. Möglich geworden war dieses Außenwachstum durch die Entwicklung moderner Verkehrsmittel, allen voran der Eisenbahn [8] sowie der öffentlichen Nahverkehrsmittel wie Straßen- und später U-Bahnen. Und nur durch die Neuerungen der technischen Infrastruktur – z.B. Druckwasser- und Gasleitungen sowie Abwasserbeseitigung – konnte der neue Moloch am Leben erhalten werden. 1908 verfügten von den deutschen Großstädten 92% über ein Wasserwerk, 80% über eine Gas- und Elektrizitätsversorgung und 44% über eine elektrische Straßenbahn (Zimmermann 1996 : 31).
Mit Vergrößerung von Einwohnerzahl und Siedlungsfläche kam es gleichzeitig zu einer starken funktionalen Differenzierung. Die Zentren der Großstädte [9] hatten sich zu modernen Citys [10] mit Geschäften, Banken und Büros entwickelt. Ihre hohe zentralörtliche Bedeutung ließ sich u.a. an den Insignien des neuen Massenkonsums – den imposanten Kaufhausbauten – ablesen. Neben der Differenzierung sekundärer und tertiärer Funktionen (Citybildung) im Zuge der großstädtischen Entwicklung, bildeten sich auch räumliche Muster in der Verteilung der sozialen Schichten heraus. Neben Mittel- und Oberschichtvierteln mit Einfamilienhaus- bzw. Villenbebauung [11] entstanden die klassischen Arbeiterviertel – entweder dominiert von Mietskasernen, oder als Werkskolonien [12]. In den dicht bebauten, stark überbelegten und wenig durchgrünten Arbeitervierteln herrschten meist große soziale und hygienische Mißstände [13] (Kieß 1991 : 102).
Es waren vor allem diese unzumutbaren Wohn– und Lebensbedingungen, die verstärkt um die Jahrhundertwende zu sozialreformerischen Gegenbewegungen führten. Die wohl bekannteste Idealvorstellung eines humanen Städtebaus war die sog. Gartenstadtidee [14] des Briten Ebenezer Howard [15]. In seinem 1898 veröffentlichten Buch "To-Morrow : A Peaceful Path to Real Reform" stellte er ein Konzept vor, das eine Alternative zu ungegliedertem Städtewachstum und städtischem Elend bilden sollte. Es wurde auch in Deutschland begeistert aufgenommen, wo sich schon 1902 die "Deutsche Gartenstadtgesellschaft" gründete. "Echte" Gartenstädte, die alle Bedingungen im Sinne Howards erfüllten, sollten in Deutschland jedoch nicht entstehen. Es wurden allerdings eine große Anzahl gartenstadtähnlicher Siedlungen errichtet - prominente Beispiele sind die Gartenstadt Staaken [16] bei Berlin oder Dresden-Hellerau [17]. Auch in die Anlage von Werkssiedlungen, wie z.B. Essen Margarethenhöhe [18], und in die städtische Grünraumplanung flossen seither Gestaltungsprinzipien Howards ein.
Vor allem der genossenschaftliche Gedanke seines Konzeptes wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum wesentlichen Bestandteil einer neuen Reformbewegung im Städtebau Deutschlands (Heineberg 1989 : 80). Allerorten hatten sich gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften [19] gegründet, die fortan wesentlich für die Bewältigung des Wohnraummangels verantwortlich waren. So entstanden in den 20er Jahren viele gemeinnützige Siedlungskomplexe in Blockrandbebauung mit großzügig begrünten Innenhöfen. Die Römerstadt von Ernst May [20] in Frankfurt oder die Hufeisensiedlung von Bruno Taut [21] in Berlin-Britz sind hierfür herausragende Beispiele. Sie repräsentieren gleichzeitig eine moderne Stilrichtung, die sich bereits 1914 mit der Werkbundausstellung [22] in Köln angedeutet hatte. Sie etablierte sich nach dem Ersten Weltkrieg und wurde fortan als "Neues Bauen" im Stile des Bauhaus [23] oder als "Klassische Moderne" bezeichnet. Kennzeichnend war die hohe Funktionalität der Entwürfe, die in deutlicher Abkehr vom Stilgemisch des Eklektizismus oder vom konservativen "Heimatschutzstil" die "reine Form" propagierten.
Im Städtebau, der sich seit den 20er Jahren als eigene Disziplin durchzusetzen begann, fanden die Idealvorstellungen der Modernisten ihren Ausdruck in der 1933 formulierten Charta von Athen [24]. Das städtebauliche Manifest, das auf Initiative des CIAM (Congrès International d’Architecture Moderne) verfaßt wurde, formulierte ein neues Leitbild für den Städtebau der Zukunft. In Abkehr von der düsteren Mietskaserne der Gründerzeit, unter Berücksichtigung von Licht, Luft und Hygiene, durch den Einsatz moderner Techniken und Materialien und v.a. durch eine räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr sollten die Lebensbedingungen der modernen Großstädter verbessert werden. Hier drängen sich Parallelen zur Gartenstadtidee geradezu auf. Allerdings propagierten Howards Anhänger eher die Abkehr von der Großstadt, während die Modernisten erklärte Liebhaber der urbanen Lebensform – v.a. des Hochhauses – waren. Einer ihrer bekanntesten Vertreter war der Franzose Le Corbusier [25], dessen Pläne auch unter deutschen Städtebauern begeisterte Nachahmer fanden. So hatte die Forderung nach Trennung der Funktionen in Deutschland ihre erste Entsprechung in frühen Bebauungs- und Bauzonenplänen, die seit Anfang der 20er Jahre ihren Einzug in die Stadtplanung hielten.
Jäh unterbrochen wurde diese Entwicklung durch die Machtübernahme Hitlers. Die Nationalsozialisten ächteten die Entwürfe und Konzepte der Vertreter der Klassischen Moderne als entartet [26] und viele der prominentesten Architekten dieser Zeit - wie z.B. Walter Gropius oder Mies van der Rohe – mußten ins Exil fliehen. Die Umgestaltung der deutschen Städte unterlag fortan der Zentralgewalt des faschistischen Staates. Stark geprägt waren die nationalsozialistischen Leitbilder von Hitlers Architekturauffassung [27], in Entwürfe gegossen wurden sie von einem Planungsstab um den Baumeister und späteren Rüstungsminister Albert Speer [28] (Durth/Gutschow 1988 : 14). Die Vorstellung der Nationalsozialisten über die Gestalt der Stadt war durchaus ambivalent. In der Planung von Wohnsiedlungen dominierte ihre großstadtfeindliche Geisteshaltung. So überwogen im Siedlungsbau zwischen 1933 und 1939 im "Heimatschutzstil" errichtete Einfamilienhäuser, die sich um ein dörfliches Ambiente gruppierten. Ganz anders hingegen die Planungen für die Zentren der Großstädte. Die oft kleinteiligen historischen Grundrisse sollten zugunsten schachbrettartiger Straßennetze [29] mit Nord-Süd- und Ost-West-Achsen sowie großflächigen Aufmarschplätzen überformt werden – räumlicher Ausdruck totalitärer Macht. Gesäumt waren die Achsen mit repräsentativen [30] Staats- und Parteibauten. Besondere Bedeutung wurde den Städten München, als Hauptstadt der Bewegung und Kunst, Nürnberg [31], als Stadt der Reichsparteitage, und der Reichshauptstadt Berlin, dem künftigen "Germania", beigemessen. Vernetzt wurden die Ballungszentren durch ein schon in der Weimarer Republik geplantes Autobahnnetz [32] von rund 4000 Kilometern Länge.
Noch bevor die historischen Strukturen der deutschen Stadt restlos den Planungen der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, wurde ein Großteil der Städte im Luftkrieg [33] zerstört. Die Kriegsschäden entstanden zunächst durch Flächenangriffe, in denen eine große Zahl von Brandbomben in einer kurzen Zeitspanne über dem Ziel – meist Industrie- und Verkehrsanlagen – abgeworfen wurden (area bombing). Ab 1941/42 bombardierten britische Luftstreitkräfte zunehmend auch die deutschen Innenstädte, um die Wurzeln des Stadtlebens zu zerstören und das Volk gegen die Machthabenden aufzubringen (moral bombing). Die verheerenden Angriffe waren auch eine Antwort auf die deutschen Angriffe auf britische Städte – z.B. auf London oder Coventry [34]. Der wohl schmerzlichste Verlust auf deutscher Seite war mit der völligen Zerstörung der barocken Innenstadt von Dresden in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1945 erreicht. Die Schadensbilanz nach Kriegsende verzeichnete einen regional stark unterschiedlichen Grad der Zerstörung. Insgesamt waren die Wohnungsverluste in westdeutschen Städten höher, als in der späteren DDR. Außerdem waren die Industriegebiete Mittel- und Süddeutschlands weniger betroffen als die schon zu Anfang des Krieges bombardierte rheinisch-westfälische Industrieregion [35], Südwestdeutschland [36] und der gut zu erreichende Küstenraum [37] (Hohn 1993 : 20). Der Wiederaufbau der deutschen Städte sollte nun für die folgenden Jahre in beiden deutschen Staaten im Mittelpunkt stehen. Zwar ließ die tabula rasa in den zerstörten Städten hoffen, nun sei die Zeit gekommen, völlig Neues zu erschaffen. Wie sich zeigen sollte, gab es aber keinen wirklichen Neuanfang: Der Wiederaufbau war – vor allem in Westdeutschland – geprägt von personeller sowie konzeptioneller Persistenz.
Fragen und Aufgaben:
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[1]
http://www.hitler.org/speeches/02-01-33.html
[2]
http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/doeblin/
[3]
http://www.uni-stuttgart.de/ndl1/berlinal.htm
[4]
http://www.fondation-hermitage.ch/presse/futurisme/futurisme_themes_d.html
[5]
http://www.gruenderzeitmuseum.de/new/
[6]
http://www.leipzig-info.net/Info/NeuesRathaus.html
[7]
http://www.friedrichshain-kreuzberg.de/index_80_de.html
[8]
http://www.db.de/site/bahn/de/unternehmen/bahnwelt/dbmuseum/ausstellungen/landerschliessung/landerschliessung.html
[9]
http://www.didgeo.ewf.uni-erlangen.de/04Seminare/04-11598.htm
[10]
http://www.museum-der-arbeit.de/Rundgang/city.html
[11]
http://www.blasewitz1.de/blasew.htm
[12]
http://www.route-industriekultur.de/routen/19/19_12.htm
[13]
http://userpage.fu-berlin.de/~zosch/ops/engels/engelsc.html
[14]
http://www.library.cornell.edu/Reps/DOCS/howard.htm
[15]
http://web.ukonline.co.uk/john.birch/Vivienne/Letchworth/Default.htm
[16]
http://www.gartenstadt-staaken.de/
[17]
http://www.hellerau.com/
[18]
http://www.essen-margarethenhoehe.de/
[19]
http://www.bbr.bund.de/wohnungswesen/wohneigentum/genossenschaften.htm
[20]
http://www-public.tu-bs.de:8080/~y0009394/monographien/ernst_may/
[21]
http://www.archinform.de/arch/162.htm
[22]
http://www.deutscher-werkbund.de/htm/dwb_ev/historie/d_ev_his_m01.htm
[23]
http://www.bauhaus.de/bauhaus1919/architektur/index.htm
[24]
http://www.raumplanung.uni-dortmund.de/soz/skripte/schmals_zivile_urbanitaet.htm
[25]
http://www.tu-harburg.de/b/kuehn/lec2.html
[26]
http://rzserv2.fh-lueneburg.de/u1/gym03/expo/jonatur/geistesw/zwischen/entartet/geschich/geschich.htm
[27]
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/kunst/architektur/
[28]
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SpeerAlbert/index.html
[29]
http://www.hitler.org/art/city_planning/
[30]
http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/achse/index.html
[31]
http://www.museen.nuernberg.de/reichsparteitag/pages/all_info.html
[32]
http://www.hitler.org/artifacts/autobahn/
[33]
http://www.historisches-centrum.de/ruhr/
[34]
http://www.cwn.org.uk/heritage/blitz/
[35]
http://www.historisches-centrum.de/ruhr/pocket/kessel0.htm
[36]
http://www.altfrankfurt.com/Krieg2.htm
[37]
http://fhh1.hamburg.de/fhh/internetausstellungen/rathausausstellung/ausstellung/tafel33/ausstel331.htm
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