Texteinheit 7: Stadtentwicklung im geteilten Deutschland

(Timur Dietz, Philipp Greiff, Susanne Schmidt, Thomas Schüttenberg; Bearbeitung D. Wiktorin)

Didaktische Zielsetzung: Charakterisierung der sich wandelnden städtebaulichen Leitbilder bzw. der korrespondierenden Stadtentwicklungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR zwischen 1945 und 1990 (Weiterführung der Texteinheit 3.7). Am Beispiel des geteilten Berlins sollen die Phasen der Stadtentwicklung konkretisiert und vertiefend dargestellt werden.

Schlüsselbegriffe: Städtebauliche Leitbilder, Wiederaufbau, sozialistischer Städtebau, gegliederte und aufgelockerte Stadt, Industrialisierung und Typisierung des Bauens, kompakte Stadt, Großwohnsiedlungen, autogerechte Stadt, Suburbanisierung, Altbausanierung, nachhaltige Stadtentwicklung


Stadtstrukturen und deren Entwicklung sind - zu allen Zeiten und in allen Kulturerdteilen - ein Spiegelbild politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. So ist die Entwicklung deutscher Städte zwischen 1945 und 1990 wesentlich geprägt von den politischen Systemen in beiden Teilen Deutschlands. Während die ostdeutschen Städte im Sinne sozialistischer Städtebauideale umgestaltet wurden, sind die städtischen Strukturen in der alten Bundesrepublik das Ergebnis demokratisch-marktwirtschaftlicher Prozesse. Trotz aller systembedingter Unterschiede lassen sich aber auch Parallelen in den jeweiligen städtebaulichen Leitbildern aufzeigen (Nutz 1998 : 24). Die direkt von der deutsch-deutschen Teilung betroffene Stadt Berlin [1] eignet sich besonders gut, die aufeinanderfolgenden Phasen der Stadtentwicklung [2] exemplarisch darzustellen. Nur durch die Berliner Mauer [3] getrennt, vollzogen sich in beiden Teilen der Hauptstadt Prozesse, die in ähnlicher Weise die Strukturen aller Städte in West- bzw. Ostdeutschland prägten.

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre standen ganz im Zeichen der Trümmerräumung [4] und der Wiederherstellung des zerstörten Wohnraumes [5]. Der Luftkrieg hatte allerorten Trümmerwüsten [6] hinterlassen, angesichts derer ein schneller Wiederaufbau fraglich erschien. Städtebauexperten in Ost und West führten derweil einen kontroversen Diskurs über Leitbilder des Aufbaus. Als zwei extreme Positionen standen sich historisierender Wiederaufbau versus moderner Neuaufbau gegenüber (Nipper 1993 : 73). Erst mit Festlegung planungsrechtlicher Rahmenbedingungen jedoch konnten erste Konzepte räumlich umgesetzt werden.

In der 1949 gegründeten DDR erließ die Volkskammer 1950 das Aufbaugesetz, das die 16 Grundsätze des Städtebaus beinhaltete. Sie waren für die folgenden Jahre das Fundament der ostdeutschen Stadtentwicklung. Die Beschlüsse zum planmäßigen Aufbau des Sozialismus machten den Städtebau explizit zur Aufgabe staatlicher Politik. Die sozialistische Stadt, nach dem Leitbild 'schöne deutsche Stadt‘, sollte nationaltypisch in der Form und sozialistisch im Inhalt sein. Dies galt sowohl für die Planung neuer Städte [7] und Stadtteile als auch für die Umgestaltung der Innenstädte. Merkmale des sozialistischen Stadtzentrums waren fortan der zentrale Kundgebungsplatz, überdimensionierte Magistralen sowie zentrale Prachtbauten mit politischer oder kultureller Funktion. Die ehrgeizigen Pläne konnten allerdings nur auf der Grundlage einer umfassenden Bodenreformgesetzgebung und der Verstaatlichung des Wohnungssektors verwirklicht werden. Der Repräsentationsbedarf des jungen Staates wurde besonders deutlich in der Umgestaltung der Hauptstadt Ostberlin. Mit Sprengung des preußischen Stadtschlosses [8] schuf man Raum für einen zentralen Platz. Und ab 1952 begann man mit dem Ausbau der Stalinallee [9], der zukünftigen Magistrale Ostberlins. Deren Wirkung sollte architektonisch durch ein gigantisches Hochhaus im sog. 'Zuckerbäckerstil‘, gemäß architektonischer Vorbilder [10] aus Moskau, übersteigert werden.

Während die Städte der DDR durch ein staatlich verordnetes Leitbild gebunden waren, verfolgten die westdeutschen Städte in den 50er Jahren durchaus unterschiedliche Wiederaufbaukonzepte. Einige Städte, wie z.B. Hannover oder Mainz [11], standen für den Versuch einer umfassenden Modernisierung. Die meisten Städte jedoch, wie auch Westberlin, entwickelten von vornherein Mischkonzepte [12], die eine Erhaltung historischer Ensembles mit einer umfassenden, den Erfordernissen des modernen Lebens angemessenen Neugestaltung städtischer Strukturen kombinierten. Tiefgreifende Veränderungen in der historischen Stadtstruktur wurden ohnehin erschwert, zum einen durch die erhaltenen Reste des unterirdischen Städtebaus (Ver- und Entsorgungsleitungen, Kellergewölbe etc.), zum anderen durch die überkommene Bodenordnung [13]. Kleinster gemeinsamer Nenner aller Konzepte war das Leitbild 'gegliederte und aufgelockerte Stadt' [14] (Beyme 1987 : 71), als dessen wesentliches Kennzeichen die Funktionstrennung [15] zu nennen ist, wie sie bereits in den 20er Jahren [16] in der Charta von Athen gefordert worden war. Als typisches Entwicklungskonzept dieser Jahre gilt der erste Westberliner Flächennutzungsplan von 1950, der eine Gliederung des Stadtgebietes in funktionale Einheiten und den Ausbau des Verkehrssystems - Verbreiterung sowie Neubau von Verkehrsachsen - vorsah. Mindestens ebenso wichtig wie der Aufbau der Kernbereiche waren Erfolge im Wohnungsbau. Um den Bau von dringend benötigten Sozialwohnungen zu erleichtern, wurde 1950 das Wohnungsbaugesetz erlassen, auf dessen Grundlage bis 1956 über zwei Mio. Sozialwohnungen entstanden (Heineberg 1989 : 81).

In der DDR wurde ab Mitte der 50er Jahre eine neue Phase des Städtebaus eingeleitet. Nachdem in der stalinistischen Bauperiode die Planzahlen beim Wohnungsbau nicht erfüllt worden waren, wurde nun durch Industrialisierung und Typisierung [17] eine Ökonomisierung des Bauens angestrebt. In normierter Bauproduktion entstanden in den Folgejahren, zumeist am Rande der Städte, weiträumig gruppierte, zeilenförmig angeordnete Wohnkomplexe. Sie waren fortan Kennzeichen des ostdeutschen Städtebaus, so wie der industriell vorgefertigte Plattenbau [18] zur räumlichen Chiffre sozialistischen Lebensstils [19] wurde. Trotz Steigerung der Bauproduktion konnte die Wohnraumknappheit bis Ende der 60er Jahre jedoch nicht überwunden werden. Erst mit dem Wohnungsbauprogramm der DDR von 1973, das sich vorrangig auf die Peripherie industrieller Ballungsgebiete konzentrierte, sollte die chronische Unterversorgung im Wohnungssektor überwunden werden (Hoscislawski 1991 : 67). Wie in Berlin-Marzahn [20] entstanden - bei konsequenter Vereinfachung der industriellen Baureihen und Verdichtung - in vielen Städten der DDR Großwohnsiedlungen [21] beeindruckenden Ausmaßes.

Beim Ausbau der Innenstädte setzte man bis in die 70er Jahre auf gegliederte Raumstrukturen und Sichtbeziehungen zwischen den architektonischen Ensembles. In Ostberlin konzentrierte sich der Zentrenausbau seit 1961 auf die Achse Alexanderplatz - Straße unter den Linden (Abschnitt II der Karl-Marx-Allee). Werke der Bildenden Kunst, wie Freiplastiken und Wandgemälde bereicherten die Architektur und entsprachen dem Repräsentationszweck des Zentrums. Die innerstädtische Altbausubstanz hingegen, die seit Kriegsende vernachlässigt worden war, zeigte sich schon Mitte der 60er Jahre flächenhaft bestandsgefährdet. In vielen Städten der DDR wurden daraufhin ganze Altbauquartiere abgerissen. Entsprechend dem neuen Leitbild der 'Kompakten Stadt‘ traten an die Stelle historischer Bauten moderne Plattenbauten, wie das Beispiel Berlin Fischerkietz zeigt. Daß historische Strukturen dem Ideal der neuen Großstadtlandschaft untergeordnet wurden, zeigte auch die völlige Umgestaltung des Alexanderplatzes [22]. Anläßlich des 20. Jahrestages der DDR, 1969, wurde dieser Verkehrsknotenpunkt mit einer neuen Höhendominante, dem Fernsehturm [23] oder 'Turm der Signale‘, gekrönt.

Die Stadtentwicklung der 60er und frühen 70er Jahre stand in der Bundesrepublik hingegen ganz im Zeichen des Leitbildes 'autogerechte Stadt‘. Nachdem der Wiederaufbau der westdeutschen Städte Anfang der 60er Jahre als abgeschlossen galt, bildete der Ausbau der Verkehrsachsen einen stadtgestalterischen Schwerpunkt. Grund hierfür war die drastische Steigerung des Motorisierungsgrades [24], der in Westberlin beispielsweise von 4,8% in den frühen 50er Jahren, bis auf über 20% 1965 anstieg. Die für 1970 prognostizierte Zahl von 388.000 PKW wurde so bei weitem übertroffen - in diesem Jahr gab es tatsächlich 428.000 PKW mit Berliner Kennzeichen (Hofmeister 1990 : 94). Die Entwicklung des Personenverkehrs [25] leistete v.a. auch der Suburbanisierung [26] Vorschub, die in den 70er Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Immer mehr Menschen hatte es seit den 50er Jahren aus den dicht bebauten innerstädtischen Quartieren in Einfamilienhäuser im Umland der Städte gezogen. Als Gegenreaktion auf das Ausufern der Verdichtungsräume [27] bildete sich unter Städtebauexperten ein neuer Konsens auf das Leitbild 'Urbanität durch Dichte‘. Mit diesem sollte dem drohenden Verlust urbaner Qualitäten Einhalt geboten werden. An der Peripherie entstanden, allerdings kleiner dimensioniert als in der DDR, Großwohnsiedlungen. Das Gegenstück zum Ostberliner Stadtteil Marzahn waren Gropiusstadt und Märkisches Viertel im Westen Berlins. Während in der DDR bis 1990 70 Großsiedlungen mit mehr als 5000 Bewohnern errichtet wurden, waren es in der alten Bundesrepublik allerdings nur 14 (Hohn/Hohn 1997 : 237). Eine urbane Lebensqualität wurde in diesen Siedlungen selten erreicht, v.a. da es häufig an infrastrukturellen Folgeeinrichtungen mangelte.

In den Kernbereichen westdeutscher Städte setzte man dem Trend zur Suburbanisierung ebenfalls Verdichtungs- bzw. Sanierungsmaßnahmen entgegen. In den Citybereichen wurden Baulücken sukzessive mit großen Geschäftsbauten, häufig Hochhäusern, geschlossen. Eindrückliches Beispiel für den innerstädtischen Bauboom der 70er Jahre ist die Neugestaltung der Westberliner City [28] im Bereich des Kurfürstendamms [29] (Heineberg 1977). Etwa zur gleichen Zeit entdeckte man auch die Qualität der Altbauquartiere, v.a. der gründerzeitlichen Wohn- und Gewerberinge, wieder. Mit aufwendigen Sanierungsmaßnahmen wurde nicht nur die dortige Bausubstanz, sondern auch das Wohnumfeld aufgewertet. Die Sanierung von Berlin Kreuzberg [30] ist nur ein prominentes Beispiel unter vielen.

In ostdeutschen Städten kam es nie zu einer vergleichbar starken Welle der Suburbanisierung wie in Westdeutschland. Zum einen war der Motorisierungsgrad in der DDR wesentlich geringer, zum andern konzentrierte sich der staatliche Wohnungsbau in den Kernstädten. Allerdings besann man sich auch in den ostdeutschen Städten - zeitversetzt in den frühen 80er Jahren - auf den Wert der Altbausubstanz. Sie wurde zum einen als wertvoller Grundfonds der Wohnraumversorgung, und zum anderen endlich auch als erhaltenswertes städtebauliches Erbe anerkannt. So erklärte die staatliche Städtebaupolitik 1984 die Rekonstruktion und Erhaltung von Altbauten zum Kernstück ihres Handelns. Allerdings wurde in der DDR kaum originalgetreu rekonstruiert, sondern man verwandte bei Sanierungsvorhaben speziell angefertigte, historisierende Plattenbauteile. Beispiele solcher Maßnahmen sind das Ostberliner Nikolaiviertel [31] sowie der Gendarmenmarkt [32].

Hatte man schon mit der Sanierungswelle in den 70er bzw. 80er Jahren in West- und Ostdeutschland die Vorzüge der Funktionsmischung erkannt, so gewann in der Bundesrepublik schließlich Mitte der 80er Jahre der Umweltschutz [33] auch im Städtebau [34], wie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, immer mehr an Bedeutung. Kennzeichen hierfür waren eine veränderte Verkehrspolitik [35] - wie z.B. Förderung und Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs - sowie die Erarbeitung von Konzepten zur sog. nachhaltigen Stadtentwicklung [36]. Ein Trend [37], der bis in die 90er Jahre anhält. Allerdings sollten sich mit Inkrafttreten des Einigungsvertrages im Oktober 1990 die Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung in Ost und West erheblich wandeln. Während die ostdeutschen Kommunen ihre Planungshoheit zurückgewannen und sich seitdem in einem grundlegenden Transformationsprozeß befinden, sahen sich westdeutsche Städte plötzlich der Reduzierung öffentlicher Fördermittel und privater Investitionen ausgesetzt - ein Umstand, der nicht ohne stadträumliche Folgen bleiben sollte.

Fragen und Aufgaben:
  • Arbeiten Sie anhand der Übersicht über die Phasen der Stadtentwicklung Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich der städtebaulichen Leitbilder in West- und Ostdeutschland heraus!
  • Worin liegt der sozialistische Ausdruck der 16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR?
  • Diskutieren Sie die Zusammenhänge zwischen dem Leitbild 'aufgelockerte und gegliederte Stadt', der Zunahme des Motorisierungsgrades und dem Prozeß der Suburbanisierung!
  • Welche Folgen hatte die Industrialisierung des Bauwesens in der DDR? Diskutieren Sie am Beispiel der Großwohnsiedlung Berlin-Marzahn [20] Vor- und Nachteile des 'normierten Bauens'!
Interaktives Quiz

[1] http://www.berlin.de/stadtplan/map.asp
[2] http://slws1.bau-verm.uni-karlsruhe.de/vrl/stew/ab2610.html
[3] http://www.goethe.de/in/d/gaz/didak1961-f.html
[4] http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt99/9901prog.htm
[5] http://www.wowi.de/info/history/bestand/kriegsschaeden1.htm
[6] http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/685_2/index.html
[7] http://www.dhm.de/ausstellungen/aufbau/d_overview3.htm
[8] http://www.berliner-schloss.de/start.php?navID=71
[9] http://kisd.de/680.0.html
[10] http://www.dhm.de/ausstellungen/aufbau_west_ost/katlg09.htm#
[11] http://www.archinform.de/projekte/4320.htm
[12] http://www.uni-koeln.de/pi/i/1997.225.htm
[13] http://www.stadtentwicklungspolitik.de/stadte_3.htm
[14] http://www.dhm.de/ausstellungen/aufbau_west_ost/katlg05.htm
[15] http://www.squat.net/de/berlin/stadtbau/radataz7.html
[16] http://www.raumplanung.uni-dortmund.de/soz/skripte/soz1/skriptum_schmals12.htm#1
[17] http://www.wowi.de/info/sonstiges/bauarten.htm
[18] http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/diss/ott/platte2.htm
[19] http://www2.hu-berlin.de/stadtsoz/workingpaper3.html
[20] http://www.sky-line.de/stadtteil/sta_15_398.html
[21] http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/diss/ott/platte1.htm
[22] http://berlin1.btm.de/infopool/jsp/d_sw_alexanderplatz.jsp
[23] http://www.berlin-alexanderplatz.de/img/bild01.html
[24] http://www.dhm.de/lemo/html/DasGeteilteDeutschland/JahreDesAufbausInOstUndWest/WirtschaftlicherAufbau/motorisierung.html
[25] http://www.bg-dvr.de/fakten/umwelt/umw111.htm
[26] http://www.mygeo.info/skripte/skript_bevoelkerung_siedlung/siedl6.htm
[27] http://www.sierraclub.org/sprawl/factsheet.asp
[28] http://www.berlin.de/panorama/.html/index.html
[29] http://www.kurfuerstendamm.de/index_start.html
[30] http://www.kreuzberg.de/
[31] http://www.berlin-info.de/english/sights/sight08.html
[32] http://www.deutsche-heimat.com/berlin/gendarmenmarkt.html
[33] http://www.kni.de/kni_pol/oekobau/kni_oekobau_inhalt.htm
[34] http://www.difu.de/cgi/stadtoekologie/frames.cgi?http://portier.difu.de /stadtoekologie/praxis/flaechen/
[35] http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-daten/daten/momcheck/
[36] http://www.uni-kiel.de/Geographie/Diplom-Home/ebeling/ebeling.html
[37] http://www.bbr.bund.de/staedtebau/stadtentwicklung/90jahre.htm

Verwendete Literatur


Seitenanfang Inhalt VGT Home