Texteinheit 10: Wandel und Strukturmerkmale des Einzelhandels in Deutschland

(Ulrike Gerhard)

Didaktische Zielsetzung: Der Wandel des Einzelhandelssystems als einem wichtigen Teilbereich des tertiären Wirtschaftssektors soll im Kontext stadt- und wirtschaftsgeographischer Fragestellungen dargestellt werden. Dabei wird auf veränderte Verhaltensweisen von Konsumenten eingegangen.

Schlüsselbegriffe: Strukturwandel im Einzelhandel, Betriebsformen, Konzentrationstendenzen, Shopping Centres, Factory Outlet Centres, Innenstadt, Konsumentenverhalten, Lebensstile, Erlebnis-Shopping

Der tertiäre Sektor wird im Zuge der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft immer bedeutender. Ein wichtiger Bereich dabei ist der Einzelhandel. Mit einem Umsatzvolumen [1] von 791.619.000 DM (1996) und einem Beschäftigtenanteil [2] von rund 10% aller Erwerbstätigen (Kulke 1996: 4) ist er einer der größten Wirtschaftszweige des Landes. Durch seine raumgestaltende Bedeutung prägt er das Bild der Städte, nicht zuletzt weil Einkaufengehen zu einem Symbol des urbanen Lebensstils geworden ist. Die verschiedenen Institutionen des Einzelhandels und deren Interessenvertreter (z.B. der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels HDE) [3], besitzen einen entscheidenden wirtschaftlichen und politischen Einfluß.

Die Entwicklung des Einzelhandels während der letzten Jahrzehnte in Deutschland ist durch einen tiefgreifenden Sturkturwandel gekennzeichnet, der durch veränderte Angebotsformen und ein sich wandelndes Nachfrageverhalten bedingt ist. Dies schlägt sich insbesondere in einem Wandel der Betriebstypen nieder. Erfolgreich sind vor allem die großflächigen Einzelhandelseinrichtungen, die zunehmende Umsatzanteile auf sich vereinen. Die Zahl der kleinen Anbieter, insbesondere der Facheinzelhändler [4], ist dagegen seit Jahren rückläufig und die Unternehmenskonzentration [5] steigt. Ausnahmen stellen lediglich hochspezialisierte Einzelhändler dar, die sich mit einem speziellen Angebot an bestimmte Kunden richten und eine Marktnische einnehmen. Folgen dieser Entwicklung, die besonders am Lebensmitteleinzelhandel zu beobachten ist, sind eine Filialisierung und zum Teil Homogenisierung des Angebots. Einzelne Anbieter, wie zum Beispiel Aldi [6], verbuchen allein 10,6% des gesamten Einzelhandelsumsatzes. Die größten Einzelhandelsunternehmen in Deutschland sind Metro-AG [7] und Rewe [8] (Becker 1997: 11, Giersberg 1995: 30). Außerdem hat das sekundäre Verkaufsstellennetz (Fach- und Verbrauchermärkte) eine deutliche Ausweitung gegenüber dem Primärnetz (City-Standorte) erfahren, so daß das Verhältnis zwischen Innenstadt und Stadtrand sich zunehmend zugunsten der suburbanen Lagen verschiebt.

Die Ausstattung mit Einzelhandelsfläche liegt in Deutschland bei rund 1qm/Einwohner. Kennzeichnend sind jedoch starke regionale Unterschiede hinsichtlich der Kaufkraft der Bevölkerung, der Austtattung mit Einzelhandelsfläche und des Einzelhandelsumsatzes. Führendes Marktgebiet [9] ist Berlin mit einem einzelhandelsrelevanten Nachfragevolumen von 51 Mrd. DM, aber auch kleinere Gemeinden besitzen eine bedeutende Umlandfunktion [10]. In Deutschland gibt es einige sogenannte Wohlstandsinseln [11], in denen das Einkommen der Bevölkerung und der Einzelhandelsumsatz deutlich über den Durchschnittswerten liegen. Auch zwischen den verschiedenen europäischen Ländern [12] sind starke Abweichungen zu beobachten.

Auffällig ist ein deutlicher Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Nach einer anfänglich extremen Unterausstattung mit Verkaufsfläche (0,3 qm je Einwohner im Osten gegenüber 1 qm im Westen im Jahr 1989, Jürgens 1995: 135) kam es zu einem Boom von Einzelhandelsansiedlungen im Umland vieler ostdeutscher Städte, der zum Teil zu einem lokalen Überangebot geführt hat (z.B. im Raum Leipzig, Erfurt u.a.). In den Innenstädten konnte sich der Einzelhandel aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse und mangelnder Infrastruktur dagegen erst allmählich entwickeln. Die Verlagerung des innerstädtischen Angebots von kurzfristigen zu mittelfristigen Bedarfsgütern mit Schwerpunkt in der Bekleidungsbranche ist ein typisches Kennzeichen dieser Entwicklung (Beispiel Ilmenau).

Die in Nordamerika mit mehr als 50% am Einzelhandelsumsatz beteiligten Shopping Centres sind auch in Europa und Deutschland verbreitet. Nach einem ersten Boom in Deutschland in den 60er Jahren kam es aufgrund planerischer Auflagen zu einer gemäßigten Expansion von Einkaufszentren. Seit Ende der 80er Jahre haben diese Einrichtungen einen erneuten Aufschwung erlebt, der in einem engen Zusammenhang mit der Ausbreitung von Einzelhandelsbetrieben in Ostdeutschland stand. Dabei haben sich Funktion und Zentrumstypen gewandelt. Das nordamerikanische Zentrumskonzept wird zunehmend auch hierzulande angewendet. Jüngstes und bekanntestes Beispiel ist das 1996 in Oberhausen fertiggestellte CentrO [13], das mit einem ausgedehnten Food Court und einem angegliederten Vergnügungsbereich heute das größte Shopping Centre Europas darstellt. Aber auch kleinere, innerstädtische Projekte, wie zum Beispiel die Goethegalerie [14] in Jena, sind Protoypen der neuen Entwicklung in Deutschland. Wichtigste Entwicklungsgesellschaft (sog. Developer) ist die ECE [15] aus Hamburg, die zahlreiche Zentren in Deutschland betreibt. Außerdem gibt es einen German Council of Shopping Centres [16], der in Anlehnung an den International Council of Shopping Centres [17] die Vermarktung, Vernetzung und Beratung von Einkaufszentren organisiert.

Schliessen sich verschiedene Herstellerfirmen zu einem lockeren Einkaufszentrum zusammen, wird von einem factory outlet centre [18] (FOC) gesprochen. Da hierbei die Stufe der Zwischenhändler übersprungen und die Waren direkt vom Hersteller [19] vertrieben werden, wird das Einzelhandelssystem durch diese neue Angebotsform empfindlich gestört. Bislang gibt es - abgesehen von zahlreichen Einzelverkaufsstellen - in Deutschland noch keine fertiggestellte FOC, gleichwohl ist die Liste der Planungen [20] lang. Die Sorgen der deutschen Einzelhändler über diese neuen Angebotsformen sind groß und drücken sich in einer Vielzahl von Pressemitteilungen [21] aus, die den 'Tod der Innenstädte' [22] durch neue FOC voraussagen.

Die Umwälzungen auf dem Einzelhandelsmarkt schlagen sich auch in der Struktur der Städte nieder. Insbesondere die Innenstadt sieht sich mit neuen Anforderungen konfrontiert, um der Konkurrenz am Stadtrand ein eigenes Angebotsprofil entgegen setzen zu können. Wie der Vergleich von webpages zeigt (z.B. Oberhausen [23], Regensburg [24]), besitzt der Handel eine wichtige Anziehungs- und Darstellungsfunktion für die Städte. Er ist Bestandteil des sogenannten Stadtmarketings. Mit Hilfe von Passagen, die unter hohem architektonischen Aufwand errichtet werden, wird versucht, der City zusätzliche 'Urbanität' zu verleihen. Beispiele dafür sind die Zeilgalerie [25] in Frankfurt oder die Mädlerpassage [26] in Leipzig. Häufíg werden auch Bahnhöfe oder andere öffentliche Einrichtungen durch attraktive Einkaufsbereiche ergänzt. Der Warenhauskonzern Horten hat mit dem neuen 'Galeria-Modell' [27] auf die sich wandelnde Nachfrage in Innenstädten reagiert. Ein Nachteil sind jedoch die zum Teil sehr hohen Ladenmieten in 1a-Lagen, die nach einem Maximum im Jahr 1992 zwar leicht rückläufig sind, jedoch immer noch deutlich über denen in suburbanen Lagen liegen. Sie können häufig nur von den großen Filialunternehmen aufgebracht werden, so daß der Filialisierungsgrad deutscher Innenstädte mit durchschnittlich 40-50% sehr hoch ist (Hatzfeld 1994: 187). Auch das kontrovers diskutierte Thema der Ladenschlußzeiten impliziert einen Wettbewerbsnachteil der Innenstädte gegenüber den Einkaufszentren, da sich die verschiedenen Einzelhändler häufig auf keine einheitliche Regelung einigen können.

Für die Verbraucher sind die Entwicklungen dagegen zum Teil positiv. Die Preise sind aufgrund des großen Konkurrenzdrucks niedrig, die Auswahl ist vielfältig und die Erlebniskomponente des Einkaufengehens nimmt zu. Dies verdeutlichen nicht nur die riesigen Vergnügungsmalls Nordamerikas mit einem bunten Veranstaltungskalender [28] oder aufwendiger Mallausstattung, sondern auch Einzelhandelseinrichtungen [29] in Deutschland [30] besitzen ein steigendes Freizeitangebot. Zum Teil verdeutlicht bereits die Branchenstruktur der Einkaufszentren, daß das Angebot einen Schwerpunkt im Bereich der Bekleidungs-, Geschenk- und Souvenirläden (mittelfristiger Bedarf) bietet und somit im Unterhaltungssegment liegt. Der Trend zum Erlebnis- und Lifestyle-Shopping steht im Zeichen der Umrüstung der Industriegesellschaft [31] in eine Erlebnis- oder postmoderne Gesellschaft. Dabei kommt den Städten eine neue Rolle zu, die zu sogenannten kreativen Metropolen [32] werden. Gleichzeitig aber besteht die Gefahr, daß den Städten durch Filialisierung und Privatisierung öffentlicher Räume die Vielfalt und Abwechslung genommen wird, da Urbanität in Einkaufszentren nachgebaut wird, während die City verödet [33]. Daher befassen sich eine Vielzahl von Untersuchungen und Verbänden mit Konzepten zur Entwicklung der Innenstädte [34].

Außerdem bleibt abzuwarten, was die Entwicklung des Tele- und Online-Shopping für Stadt und Einzelhandel bedeutet. Werden virtuelle Einkaufspassagen [35] die Errichtung realer Einkaufszentren obsolet machen? Allerdings eignen sich nicht alle Branchen gleichermaßen dafür. Auch die Übertragbarkeit amerikanischer Erfolgskonzepte auf deutsche Verhältnisse ist zu hinterfragen. Neue Angebotsformen und ein verändertes Konsumentenverhalten haben zu einem Strukturwandel des Einzelhandels beigetragen, bei dem neben einer Angebotsvielfalt auch eine Angleichung der Verhältnisse innerhalb der westlichen Gesellschaften zu beobachten ist.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz

[1] http://www.destatis.de/basis/d/bihan/bihantab5.htm
[2] http://www.handel-sachsen.de/HVS/leistungen/ausbildung/ueberblick.html
[3] http://www.einzelhandel.de/servlet/PB/menu/-1/index.html
[4] http://www.iwkoeln.de/default.aspx?p=pub&i=812
[5] http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2002/p1380181.htm
[6] http://www.aldi-sued.de/
[7] http://www.metrogroup.de/servlet/PB/menu/-1_l1/homepage.html
[8] http://www.rewe.de/
[9] http://www.gfk.de/presse/pressemeldung/contentdetail.php?id=20
[10] http://www.heidelberg.de/stadtentwicklung/ehstudie/ehstudie/kurzf_02.htm
[11] http://www.gfk.com/presse/pressemeldung/images/woins.jpg
[12] http://europa.eu.int/comm/eurostat/newcronos/queen/display.do?screen=detail&language=en&product=YES&root=YES/strind/ecobac/eb011
[13] http://www.centro.de/
[14] http://www2.uni-jena.de/iuk99/tagungsbilder.html#goethegalerie
[15] http://www.ece.de/de/index.jsp
[16] http://www.gcsc.de/wirueberuns/index.htm
[17] http://www.icsc.org/about/about.html
[18] http://www.bielefeld.ihk.de/produkte/produkte.htm?name=content&url=http%3A//www.bielefeld.ihk.de/produkte/standortpolitik/stadtentwicklung/stadtentwicklung/FOC/FOC.jsp
[19] http://www.fashion-base.de/factory-outlet-center.htm
[20] http://www.bezreg-duesseldorf.nrw.de/BezRegDdorf/autorenbereich/Dezernat_61/PDF/91foc2.pdf
[21] http://www01.wdr.de/tv/markt/archiv/98/0119_4.html
[22] http://www.lokalseiten.de/wuppertal/1998/04/9804053.html
[23] http://www.ob-nrw.de/d_eink.htm
[24] http://www.regensburg.de/
[25] http://www.archinform.de/start.htm?page=/medien/00006329.htm
[26] http://www.leipzig-info.net/Info/Maedlerpassage.html
[27] http://www.galeria-kaufhof.de/
[28] http://www.westedmontonmall.com/hours/default.asp#
[29] http://www.ob-nrw.de/d_n_cen.htm
[30] http://www.alles-bros.com/html/referenzen.html
[31] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2130/1.html
[32] http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/wolke/X-positionen/Helbrecht/helbrecht.html
[33] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2029/3.html#anchor2
[34] http://www.dessau.de/exwost/de/wirtschaft/inhalt_8_2_3.htm
[35] http://www.shopping-online.de/

Literatur


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