Texteinheit 4: Textil- und Bekleidungsindustrie: Niedergang und Tradition *

(Harald Bathelt, Clare Wiseman, Guido Zakrzewski)

* übersetzt aus dem Englischen



Didaktische Zielsetzung:Vertiefende Darstellung des Strukturwandels in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie unter besonderer Berücksichtigung der regionalen Differenzierung von Produktions- und Beschäftigungsstruktur.

Schlüsselbegriffe:Strukturwandel, Produktionszweige, Rückgang der Beschäftigung, traditionelle Zentren der Textilindustrie, Standortfaktoren, globaler Wettbewerb, Automatisierung, Diversifizierung, Spezialisierung


Die Textil- und Bekleidungsbranche zählt zu den ältesten Industriesektoren Deutschlands. Vor der Erfindung von mechanischen Spinnrädern und Webstühlen war die Herstellung von Textilien ein sehr arbeitsintensiver Prozeß. Webereien und Spinnereien zählten zu den ersten Wirtschaftsbereichen, die industrielle Fertigungstechnologien einsetzten, um der wachsenden Nachfrage zu begegnen. Heute haben beide Branchen hinsichtlich ihrer Beschäftigtenzahl und der Zahl der Unternehmen an Bedeutung verloren. Die deutsche Textilindustrie hat seit den 60er Jahren einen deutlichen Einbruch erlebt. Im Jahr 1950 war die Textilindustrie mit 700.000 Beschäftigten noch der wichtigste Industriezweig Westdeutschlands. 1997 wurden für Gesamtdeutschland lediglich noch 132.000 Arbeitsplätze ausgewiesen. Ein hohes Maß an Spezialisierung, flexibler Marktanpassung, Produktinnovationen und Automatisierung waren Eigenschaften, die diesem Industriezweig das Überleben in Deutschland ermöglichten. Insbesondere seit 1990 ist der Output drastisch zurückgegangen. Trotz Unternehmensschließungen und -verlagerungen (z.B. fiel die Zahl der Textilfirmen von 4.100 im Jahr 1965 auf 1.300 in 1997) ist Deutschland noch immer ein wichtiger Standort der Textilindustrie. Textilien sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Sie sind zudem ein wesentliches Vorprodukt für die Bekleidungsindustrie.

Eine Trennung der Bereiche Textil- und Bekleidungsindustrie [1] ist oft kaum möglich, da es sich in vielen Fällen um integrierte Produktionsabläufe handelt, die im gleichen Betrieb stattfinden können. Der Hauptunterschied besteht darin, daß in der Bekleidungsindustrie intensivere Näharbeiten anfallen und daß sie arbeitsintensiver produziert. In funktionaler Sicht umspannt die Textilindustrie sowohl die Faserherstellung als auch die Bekleidungsbranche. Zu den Kernkompetenzen zählen Weben, Spinnen und Weiterverarbeitung sowie die Herstellung von Konfektionswaren, Stoffen, Strümpfen, Pullovern und Teppichen.

Die wichtigsten Zentren der deutschen Textilindustrie sind entweder Verdichtungsräume, die wegen der hohen Bevölkerungskonzentration (d.h. einer hohen Nachfrage) gewählt wurden, oder ländliche Räume mit günstigen Standortfaktoren – so etwa Zugang zu spezifischen Ressourcen (z.B. einer besonderen Wasserqualität), Energie, Transporteinrichtungen bzw. niedrige Arbeitskosten. Alle wichtige Zentren haben an Bedeutung verloren. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten in der Textilindustrie lag Nordrhein-Westfalen im Jahr 1997 mit 40.700 an der Spitze, gefolgt von Baden-Württemberg (27.400) und Bayern (25.600). Unter den neuen Bundesländern war Sachsen (12.000) der bedeutendste Standort. Von 131.600 Beschäftigten der Branche in Gesamtdeutschland (100.000 weniger als 1984) entfielen 115.600 auf die alten Bundesländer.

Die Bekleidungsindustrie ist weniger bedeutend als die Textilindustrie. Sie hatte 1997 insgesamt nur 84.300 Beschäftigte. Die räumliche Verteilung nach Bundesländern weist Schwerpunkte in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen auf. Lediglich 5.600 Beschäftigte dieses Sektors entfallen auf die neuen Bundesländer.

Ein Vergleich der Entwicklung in den westlichen Bundesländern zwischen 1984 und 1994 verdeutlicht den regionalen Strukturwandel und die entsprechenden Arbeitsplatzverluste. In diesem Zeitraum verloren in allen Bundesländern zwischen 10% und 40% aller Beschäftigten des gesamten Textilsektors ihren Arbeitsplatz. Dabei waren die Verluste in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern am höchsten. In Bayern ging allein in der Bekleidungsbranche die Zahl der Beschäftigten um 33.000 zurück. Hiervon waren besonders die entlegeneren Gebiete betroffen, in denen einige der größeren Unternehmen rund zwei Drittel des regionalen Industrievolumens hinsichtlich Umsatz und Beschäftigung stellten. Der Wandlungsprozeß, der Ende der 60er Jahre eingesetzt hatte, war gekennzeichnet durch die Schließung einer großen Zahl von Herstellungsbetrieben. In Baden-Württemberg waren im Jahre 1984 noch 763 Firmen des Textilbereichs registriert (rund 40% aller deutschen Textilhersteller). 1994 waren davon noch 406 Betriebe übrig. Die Bekleidungsbranche weist weitgehend vergleichbare Veränderungen auf. Betriebsverlagerungen in die sog. Billiglohnländer waren eine weit verbreitete Unternehmensstrategie, um die hohen Lohnkosten in Deutschland zu umgehen. Sowohl der Textil- als auch der Bekleidungssektor leiden seit den 60er Jahren unter veränderten Markt- und Wettbewerbsbedingungen. Viele Unternehmen waren aufgrund von hohen Produktionskosten im eigenen Land und Massenimporten von Billigprodukten aus Entwicklungsländern zu einer Schließung oder zum Abbau von Arbeitsplätzen gezwungen. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, wurde die Produktivität durch erhöhte Automatisierung gesteigert, was einen weiteren Arbeitskräfteabbau nach sich zog.

Globalisierungsprozesse stellen eine der größten Bedrohungen dar. Die Textil- und Bekleidungsindustrien waren die ersten Industriezweige, die ihre Produktion internationalisierten. Heute ist der internationale Druck in arbeitsintensiven Produktionsbereichen weiter wirksam. Als Ergebnis kann man beobachten, daß deutsche Unternehmen in osteuropäischen Zweigbetrieben oder in neuen Märkten (z.B. Asien), aber weniger im eigenen Land investieren. Gleichwohl versuchen deutsche Unternehmen, so lange wie möglich am heimischen Standort festzuhalten, da das Markenzeichen ‚Made in Germany‘ wegen der damit verbreiteten Vorstellung von Qualität einen Wettbewerbsvorteil schafft. Die hohen Produktionskosten in Deutschland haben zur Entwicklung spezifischer Überlebensstrategien beigetragen, wie z.B. der Herstellung hochspezialisierter und designintensiver Produkte. Außerdem haben viele Unternehmen ihre Produktpaletten diversifiziert und flexible Technologien angewandt.

Heute wird die Produktion und Weiterverarbeitung von Rohmaterialien häufig bei Zulieferern aus Asien oder Osteuropa bzw. durch Zweigbetriebe in diesen Ländern ausgeführt. Dies ist deutlich billiger als die Produktion in Deutschland. Viele Unternehmen beziehen vorgefertigte Waren oder Materialien aus diesen Ländern, die in Deutschland nur noch endbearbeitet und veredelt werden. Technologieintensive Fertigung, modische Gestaltung und die automatisierte Produktion von Spezialtextilien werden in gewissem Umfang ebenfalls noch in Deutschland ausgeführt. Unternehmen, die über eine standardisierte Produktionspalette mit geringer Wertschöpfung verfügen, haben Schwierigkeiten bei der Anpassung an Markt- und Wettbewerbsveränderungen.

Die Textilindustrie (ohne Bekleidung und Faserherstellung) erwirtschaftete 1997 einen Umsatz von 31,6 Milliarden DM. Obwohl Großunternehmen an Bedeutung verloren haben, haben große Hersteller wie z.B. Verseidag [2] und Hartmann [3] überlebt. Deutsche Textil- und Bekleidungshersteller gehören trotz allem noch immer zu den weltweit führenden Unternehmen. Einige Herstellerfirmen sind heute allerdings nur noch reine Handelsbetriebe.

In der Bekleidungsindustrie sind die Anpassungs- und Kooperationsmöglichkeiten auch in räumlicher Hinsicht günstiger als in der Textilindustrie. Hier hat sich der Strukturwandel schon sehr früh vollzogen. Große Unternehmen schlossen ihre Pforten aufgrund von hohen Lohnkosten und Billigimporten. Als Reaktion hierauf verlagerten viele die Produktion in Billiglohnländer (zunächst nach Südeuropa, später nach Asien und Afrika) oder stellten sich auf Massenproduktion um. Die Produktion hochspezialisierter Güter, oftmals einmalig in Design und Qualität, hat ebenso zur Branchenerholung beigetragen. Die Stagnation der Binnennachfrage wurde durch die Diversifizierung und Spezialisierung der Produktpalette überwunden. Weltbekannte Markenfirmen sind z.B. Adidas-Salomon [4] und Hugo Boss [5]. Die starke Segmentierung der privaten Nachfrage setzt dem Wachstum der Branchen heute enge Grenzen. Nachfrage besteht nach wie vor jedoch für ausgewählte, spezialisierte Produktgruppen.

Fragen und Aufgaben:
  • Wo liegen die wichtigsten Zentren der deutschen Textilindustrie? Was waren die entscheidenden Standortfaktoren für die Entstehung solcher Zentren?
  • Wodurch unterscheiden sich die Textil- und die Bekleidungsindustrie?
  • Was sind die Gründe und Merkmale des tiefgreifenden Wandlungsprozesses, der die Textil- und Bekleidungsindustrie seit den 1960er Jahren kennzeichnet?
  • Was bedeutet Globalisierung für die deutsche Textilindustrie?
  • Durch welche Maßnahmen konnte die deutsche Textilindustrie ihr Überleben trotz weltweiten Konkurrenzkampfes sichern?
Interaktives Quiz

[1] http://www.gesamttextil.de
[2] http://www.verseidag.de/docs/f_hauptauswahl.html
[3] http://www.hartmann-online.de/
[4] http://www.adidas.com/
[5] http://www.hugo.com

Literatur


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