* übersetzt aus dem Englischen
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Didaktische
Zielsetzung: Faktische Kennzeichnung des
Globalisierungs-, Konzentrations- und Wandlungsprozesses in der chemischen
Industrie mit dem Ziel, die Marktveränderungen am Beispiel eines der
wichtigsten Industriezweige Deutschlands aufzuzeichnen.
Schlüsselbegriffe: Standortfaktoren, Konzentrationstrend, räumliche Verteilungsmuster, Globalisierung, Produktgruppen, Umstrukturierung, weltweite Netzwerke, Beschäftigtenstruktur |
Wer an Chemische Industrie denkt, denkt in einem Atemzug häufig an Umweltkatastrophen wie z.B. in Bhopal (Indien) [1] 1984. Kaum jemand kennt wohl auf Anhieb typische Produkte der Chemischen Industrie. Dies ist erstaunlich, da im Grunde jede Ware, die im Alltag benutzt wird, eine Vielzahl chemischer Komponenten besitzt. Diese Bestandteile, die üblicherweise von den Konsumenten übersehen werden, machen jedoch den Charakter des Produktes aus (z.B. wird ein Möbelstück dadurch unempfindlich gegenüber Kratzern, Hitze, Feuchtigkeit etc.). Neben der ‚Unsichtbarkeit‘ ihrer Produkte ist die Chemische Industrie durch eine starke Heterogenität gekennzeichnet. Verschiedene chemische Produktgruppen werden für eine große Bandbreite von Abnehmern verschiedener Industrien hergestellt. Die wichtigsten Abnehmer sind die Chemische Industrie selbst, der Gesundheitssektor, die Automobilindustrie, der private Sektor und andere.
Die Chemische Industrie hat sich zu einer der größten, wichtigsten und konkurrenzstärksten Industrien Deutschlands entwickelt. Dies wird beim Vergleich der Umsatz- und Beschäftigtenzahlen mit anderen Industrien deutlich. Nach Angaben des Industrieverbandes VCI [2] waren in der Chemischen Industrie 1997 insgesamt 501.000 Menschen beschäftigt (davon 469.000 in West- und 32.000 in Ostdeutschland), was rund 8% der Gesamtbeschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe entspricht. Der Gesamtumsatz belief sich auf 188,9 Milliarden DM, die Ausgaben im Bereich Forschung und Entwicklung lagen bei 11,7 Milliarden DM.
Hinsichtlich ihres Umsatzes und der Organisationsstruktur handelt es sich bei der Chemischen Industrie um den am stärksten internationalisierten Wirtschaftssektor Deutschlands. Die großen Unternehmen zeichnen sich durch ein internationales Netzwerk von Zulieferern und Zweigniederlassungen mit Produktionsaktivitäten in sämtlichen Regionen der Welt aus. Im Jahr 1996 gehörte die deutsche Chemische Industrie mit einem Exportanteil von rund 60% am Gesamtumsatz zu den am stärksten auslandsorientierten Branchen in Deutschland und war durch eine überdurchschnittliche Produktivität gekennzeichnet.
Wirtschaftliche Struktur und räumliche Verteilungsmuster der Chemischen Industrie sind eng mit ihrer historischen Entwicklung verbunden. Im 19. Jahrhundert rief der massive Bevölkerungsanstieg eine große Nachfrage nach Textilien und Bekleidung hervor, was gleichzeitig z.B. den Bedarf an Bleichmitteln erhöhte. Um 1850 und in den Folgejahren wurde eine Großzahl von chemischen Unternehmen gegründet, die schon frühzeitig internationale Markvorherrschaft erlangten. Diese Unternehmen spielten eine entscheidende Rolle bei der Expansion der gesamten Chemischen Industrie. Sie bestimmten die Entwicklung neuer Technologien und Produkte aufgrund ihrer technologischen Kompetenz bei der Handhabung toxischer Substanzen und der Kontrolle komplexer Produktionsprozesse.
Die wichtigsten Produzenten, vor allem BASF [3], Bayer [4] und Hoechst [5] wurden führende Unternehmen in praktisch allen Bereichen der Chemischen Industrie. Hinsichtlich Beschäftigtenzahlen, Umsätzen, Investitionen und Forschungs- und Entwicklungsausgaben zählen sie zu der weltweit wichtigsten Gruppe chemischer Unternehmen. 1997 verfügten diese drei Konzerne zusammengenommen über ein internationales Beschäftigtenkontingent von 370.000 Mitarbeitern, einen Umsatz von 160 Milliarden DM und einen Gewinn von 8 Milliarden DM. Auch wenn diese Unternehmen nach wie vor sehr diversifiziert sind, haben sie versucht, ihre Produktion von Grundchemikalien hin zu kundenorientierten Endprodukten zu verlagern. Sie zeichnen sich jedoch durch eine unterschiedliche Marktorientierung aus und verfolgen andersartige Strategien hinsichtlich der Ausrichtung ihres Produktionsprogramms sowie der Expansion in neue Märkte.
In den frühen Entwicklungsstadien der Industrie waren der Zugang zum Gewässernetz, die Nähe zu den Abnehmern (z.B. die Textilindustrie) und die Verfügbarkeit von Bodenschätzen wichtige Standortfaktoren. Der ursprüngliche Standort war jedoch nicht ausschließlich von diesen Faktoren bestimmt, sondern es gab gewisse Freiheiten bei der Standortwahl. Nachfolgende Standortentscheidungen werden bis heute in Anlehnung an die frühen Produktionsstätten der großen Chemieunternehmen getroffen, weil die Produktionsabläufe wechselseitig miteinander verflochten sind. Chemische Reaktionen werfen häufig auch Nebenprodukte ab, die am kostengünstigsten vor Ort verarbeitet werden. Aufgrund derartiger Produktionsvernetzungen haben sich die frühen Zentren zu wichtigen Verbundstandorten der chemischen Produktion und Beschäftigung herausgebildet. Die Hauptniederlassung der BASF in Ludwigshafen [6] am Rhein ist ein Beispiel für einen solchen Verbundstandort mit einer Größe von 7,11 km², 2.000 Gebäuden, 115 km Straßen, 211 km Eisenbahngleisen, 2.000 km Pipeline und 45.000 Beschäftigten (1998).
Aufgrund der historischen Entwicklung des Industriezweigs sind Produktion und Beschäftigung in wenigen großen Unternehmen in wenigen Regionen konzentriert. Allerdings gibt es auch eine große Zahl kleiner und mittelständischer Unternehmen (58% haben weniger als 100 Beschäftigte). Von den 1.700 deutschen Unternehmen der Chemischen Industrie, die 1995 bestanden, hatten nur 85 mehr als 1.000 Beschäftigte. Diese verfügten aber über 55% der Beschäftigten und der Umsätze der gesamten Chemischen Industrie.
Die räumliche Konzentration wird bei der Analyse der Zahl der Beschäftigten nach Bundesländern und der räumlichen Verteilung der Beschäftigten auf Gemeindeebene deutlich. Wichtigste Chemiestandorte sind Nordrhein-Westfalen (151.000 Beschäftigte 1997), Hessen (71.000) und Rheinland-Pfalz/ Baden-Württemberg (zusammen 127.000). Die Zahlen auf Gemeindeebene verdeutlichen, daß das Konzentrationsmuster eng verknüpft ist mit der räumlichen Verteilung der großen Unternehmen. Bedeutende Cluster gibt es im Raum Leverkusen-Köln-Düsseldorf (Bayer, Henkel), in Frankfurt-Wiesbaden (Hoechst) und Ludwigshafen-Mannheim (BASF).
Die Chemische Industrie in Ostdeutschland hat sich demgegenüber unter völlig anderen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden große Chemiekombinate gegründet. Sie waren durch eine relativ enge Produktpalette, einen hohen Grad an vertikaler Integration (von den Rohmaterialien bis zum Endprodukt) und strikte hierarchische Planung gekennzeichnet. Es entstanden regionale Spezialisierungsmuster wie z.B. Faserproduktion in Schwarza (Thüringen), landwirtschaftliche Chemikalien in Piesteritz (Brandenburg) sowie pharmazeutische Produkte in Dresden (Sachsen). Das räumliche Investitionsmuster hat zur Entwicklung von monostrukturierten Agglomerationen der chemischen Produktion in Ostdeutschland mit einem Schwerpunkt im südlichen Teil geführt. Mehr als 40% der Beschäftigten waren bei 6 staatlichen Kombinaten in der Region Halle-Leipzig angestellt. Die Produktionsverfahren waren gekennzeichnet durch veraltete Technologien, Überbeschäftigung, niedrige Produktivität und schwerwiegende Umweltprobleme durch den Einsatz ineffizienter Produktionstechnologien auf der Grundlage von Kohle. Diese Faktoren führten nach der Wende dazu, daß die Industrie international nicht konkurrenzfähig war. In einem dramatischen Umstrukturierungsprozeß wurde eine Vielzahl von Betrieben geschlossen. Andere Betriebe mußten ihre Produktion und die Beschäftigung auf ein Minimum reduzieren. Von den ursprünglich 300.000 Beschäftigten waren 1997 nur noch 32.000 in diesem Industriezweig tätig.
In den 80er und 90er Jahren hat die Chemische Industrie auch in Westdeutschland grundlegende Umstrukturierungsprozesse erfahren. Eine Konsequenz dieses Wandels war der Rückgang der Beschäftigtenzahl um 45.000 allein in den Jahren 1991 bis 1994. Die Unternehmen investierten in neue Produktionstechnologien mit einem höheren Grad an Automatisierung, um die Arbeitskosten zu reduzieren und Arbeitskraft weiter durch Kapital zu ersetzen. Außerdem wurden die Produktionsverfahren reorganisiert, um die Effizienz zu steigern und die Produktivität zu sichern. Angesichts verstärkter internationaler Konkurrenz bauten chemische Unternehmen Überkapazitäten ab und organisierten die geographische Verteilung der Produktionseinrichtungen im Sinne einer stärkeren Marktorientierung neu. Dies wurde insbesondere wichtig, als die Märkte in Deutschland stagnierten, während andere Regionen in der Welt ein größeres Wachstumspotential und niedrigere Arbeitskosten boten. Hersteller von Textilfarbstoffen und Kunstfasern wurden z.B. gezwungen, ihre Produktionszentren zu verlagern, da ein Großteil ihres Kundenstamms (in diesem Fall die Textil- und Bekleidungsindustrie) aus Deutschland abgewandert war.
Weitere Veränderungen resultieren aus neuen Gesundheits- und Umweltbestimmungen sowie einer Verlagerung der Nachfrage in Richtung hochwertiger und umweltfreundlicher Qualitätserzeugnisse. Als Ergebnis haben sich Veränderungen in der Produktstruktur vollzogen. Anorganische und organische Grundchemikalien haben im Vergleich zu anderen chemischen Produktgruppen an Bedeutung verloren, während Pharmazeutika und Kosmetika bzw. Körperpflegemittel zugelegt haben.
Diese Umstrukturierungsmaßnahmen haben die Standort- und Beschäftigtenverteilung der Chemischen Industrie in Deutschland verändert. In den wichtigsten Zentren der chemischen Produktion gab es bedeutende Arbeitsplatzverluste – so z.B. im Raum Leverkusen-Köln-Düsseldorf, in Frankfurt-Wiesbaden und Hamburg. Während der 90er Jahre hat sich dieser Trend weiter fortgesetzt und zum Rückgang der Arbeitsplätze in den meisten deutschen Kreisen geführt. Trotz dieses Tatbestandes haben die Kernregionen der chemischen Produktion ihre Bedeutung nicht verloren. Auch andere deutsche oder ausländische Standorte konnten die bestehenden Zentren nicht ersetzen.
Es ist bereits abzusehen, daß deutsche Chemieproduzenten in Zukunft ihre Investitionen in denjenigen Marktregionen konzentrieren werden, die das größte Wachstumspotential besitzen. Dies wird zu einer räumlichen Umorientierung im globalen Maßstab führen, was aber nicht bedeutet, daß deutsche Regionen gefährdet sind. Die Strategie von BASF, ein weltweites Netzwerk von Verbundstandorten zu errichten, ist ein Beispiel für eine Neuorganisation unter Wahrung gewachsener Strukturen. Hoechst dagegen hat seine traditionelle Struktur vollständig aufgegeben und wurde in eine Vielzahl verschiedener Unternehmen und Betriebe aufgesplittet. Dies hat zu zahlreichen Arbeitsplatzverlusten geführt. Aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs auf den Weltmärkten für pharmazeutische Produkte und den Konzentrationsprozessen in der Industrie haben Hoechst und Rhone-Poulenc 1999 ihre Aktivitäten zu dem neuen, integrierten Unternehmen Aventis [7] vollzogen.
Fragen und Aufgaben:
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[1] http://www.bhopal.com
[2]
http://www.vci.de
[3]
http://www.basf.de/en/ag/home/?id=V00--K382_R**bsf300
[4]
http://www.bayer.com/index.html
[5]
http://www.hoechst.com/deutsch/index.html
[6]
http://www.basf.de/en/ag/home/?id=V00-Hw2vy59Kcbsf4Sx
[7]
http://www.aventis.com/main/home_static_de.asp
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