Texteinheit 8: Elektroindustrie: Schon Hoch- oder noch Mitteltechnologie? *

(Harald Bathelt, Clare Wiseman, Guido Zakrzewski)

* übersetzt aus dem Englischen

Didaktische Zielsetzung: Darstellung der Besonderheiten in der Entwicklung der deutschen Elektronikindustrie zu einem konkurrenzfähigen Wirtschaftszweig unter Kennzeichnung räumlicher Differenzierungen

Schlüsselbegriffe: Digitale Technologien, Konkurrenzfähigkeit, Forschungs- und Entwicklungsbereich, High-Tech-Zentren, Produktivitätssteigerungen, Luft- und Raumfahrtindustrie, Siemens

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird häufig auf die Stärke ihrer Mitteltechnologie-Sektoren wie der Automobilindustrie, des Maschinenbaus und der Chemischen Industrie zurückgeführt. Hochtechnologie-Sektoren (High Tech-Industrien) haben demgegenüber im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit eher eine geringe Rolle gespielt. Dafür gibt es gute Gründe, denn anders als die USA und Japan, die grundlegende technologische Innovationen in der Mikroelektronikindustrie durchführten und zur Marktreife brachten, zählte Deutschland nicht zu den weltweit führenden Herstellern neuer Technologien.

Nichtsdestotrotz hatten technologische Neuerungen im High Tech-Sektor, die aus anderen Ländern stammten, nachhaltigen Einfluß auf die deutsche Wirtschaft. Der Bereich der Unterhaltungselektronik, und hier vor allem die Hersteller von Radios und Fernsehgeräten, erlebten dadurch einen dramatischen Abwärtstrend. Das hing damit zusammen, daß etablierte deutsche Hersteller die Marktchancen digitaler Technologien unterschätzten und diese nicht in ihren Produkten verwendeten. So wurden immer noch konventionelle Plattenspieler von deutschen Unternehmen produziert, als bereits offensichtlich war, daß CD-Player ihnen überlegen waren, weil sie eine bessere Klangqualität zum gleichen Preis boten. Als digitale Radio- und Fernsehgeräte sich auf den Märkten durchgesetzt hatten, war es für die deutschen Hersteller bereits zu spät, ihre Produkte umzustellen und die neuen Technologien zu integrieren. Insbesondere japanische Hersteller hatten bereits einen so großen technologischen Vorsprung, daß deutsche Produzenten von Radio- und Fernsehgeräten nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Viele mußten ihre Produktion einstellen oder wurden von ausländischen Unternehmen aufgekauft.

Ein Beispiel dafür ist das Unternehmen Grundig [1]. Nachdem der ehemals führende Hersteller von Radio- und Fernsehgeräten den Anschluß an digitale Technologien zunächst verpaßt hatte, erfolgte 1984 der Aufkauf durch das niederländische Unternehmen Philips. In den Folgejahren spezialisierte sich Grundig auf die Herstellung von qualitativ hochwertigen, technologisch fortschrittlichen Fernsehgeräten, konnte jedoch seine ehemalige Marktposition nicht wiedererlangen. Die Beschäftigtenzahl von Grundig reduzierte sich von 1978 bis 1998 von 37.500 auf 5.700.

Trotz derartiger Fehlentwicklungen hat sich der Hochtechnologie-Sektor in Deutschland inzwischen zu einem bedeutenden Segment im Verarbeitenden Gewerbe entwickelt. Folgt man der sehr breit gefaßten Definition, nach der Hochtechnologie-Unternehmen mindestens 3,5% ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren, so umfaßte die deutsche Hochtechnologie-Industrie Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre rund 50.000 Betriebe mit einer Gesamtbeschäftigtenzahl von über 3 Millionen. Dies entspricht rund 35% aller Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe. Die räumliche Verteilung der Hochtechnologie-Betriebe nach Landkreisen zeigt eine deutliche Konzentration von mehr als 1.500 Niederlassungen in Großstadtregionen wie München, Stuttgart, dem Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin. Die Ballungen von Hochtechnologie-Unternehmen um Stuttgart und München zählen zu den wachstumsstärksten und innovativsten in Deutschland.

Innerhalb des Hochtechnologie-Sektors ist die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (Elektroindustrie) die wichtigste Industriegruppe. Im Jahr 1997 waren hier insgesamt 856.000 Personen in 5.000 Betrieben beschäftigt. Nach Umsatz- und Beschäftigtenzahlen zählt die Elektroindustrie, neben der Automobilindustrie und dem Maschinenbau, zu den größten Industriezweigen. Die Elektroindustrie ist ein sehr heterogener Industriezweig [2], dessen Produktpalette von Glühbirnen und Haushaltsgeräten bis hin zu Computern und Mikroelektronik reicht. Der Bereich Elektroindustrie umfaßt also sowohl traditionelle Mitteltechnologien wie auch Hochtechnologien.

Hinsichtlich ihrer räumlichen Struktur liegen die wichtigsten Industrieballungen der Elektroindustrie in Süddeutschland. Auf der Ebene der Bundesländer verzeichneten Bayern (214.000 Beschäftigte) und Baden-Württemberg (199.000) 1997 die höchsten Beschäftigtenzahlen. In Ostdeutschland ist die Elektroindustrie demgegenüber noch nicht sehr weit entwickelt. Hier waren Sachsen mit 24.000 und Thüringen mit 18.000 Beschäftigten die Bundesländer mit der größten Beschäftigtenzahl. Durch die Umstrukturierungen nach der Wiedervereinigung waren 1997 in Ostdeutschland lediglich noch 65.000 Beschäftigte in insgesamt 700 Betrieben verblieben. Selbst ein Unternehmen wie Robotron, das in der Nachkriegszeit zu einem der führenden Technologieproduzenten in Osteuropa wurde, besaß keine ausreichende Innovations- und Kapitalkraft, um eigenständig überleben zu können. Inzwischen gibt es in der Mikroelektronik allerdings einige interessante Ansiedlungen international bedeutender Produzenten im Bereich Dresden.

Nach Angaben der Industrievereinigung ZVEI [3] lag die Beschäftigtenzahl in der westdeutschen Elektroindustrie in den 70er und 80er Jahren relativ konstant bei 0,9 bis 1,1 Millionen Personen. Veränderungen wie der Wandel der internationalen Produktions- und Konsummuster führten, wie in anderen Industriezweigen auch, zu Umstrukturierungsprozessen in der Elektroindustrie. Durch Rationalisierungs- und Reorganisationsmaßnahmen sank die Beschäftigtenzahl in Deutschland allein zwischen 1995 und 1997 um 80.000. Dagegen hat die Produktivität in diesem Zeitraum um 20% zugenommen, was dem höchsten Zuwachs der Nachkriegszeit entspricht. Die Entwicklung der Verkaufs- und Produktionskennziffern bestätigt diesen Trend. Während Ende der 80er Jahre etwa 45% der Umsätze durch Exporte erzielt wurde, waren es 1997 bereits mehr als 55%. Die Exporte gingen vor allem an Konsumenten in hochindustrialisierten Ländern. Es handelte sich hierbei vor allem um qualitativ hochwertige, hochpräzise Produkte auf mittlerem Technologieniveau.

Der Import elektrotechnischer und elektronischer Waren nahm sogar stärker zu als der Export. Der Importanteil am Umsatz erhöhte sich im Zeitraum von 1990 bis 1997 von rund 40% auf 50%. Zu den wichtigsten Einfuhrprodukten zählen Erzeugnisse der Unterhaltungselektronik, elektronische Bauelemente und Produkte der Kommunikations- und Informationstechnik. Technologisch anspruchsvolle Produkte stammen vorwiegend aus den USA, Japan und einigen westeuropäischen Ländern, während standardisierte Erzeugnisse aus Niedriglohnländern wie China, Taiwan und Singapur importiert werden.

Die Elektroindustrie wird in Deutschland von einer kleinen Zahl großer Unternehmen wie Siemens [4] und Bosch [5] dominiert. Im Hochtechnologie-Bereich ist Siemens das größte und am stärksten internationalisierte deutsche Unternehmen. In der Nachkriegszeit entwickelte sich Siemens zu einem der weltweit bedeutendsten Akteure in der Elektronikindustrie mit Aktivitäten in einer Vielzahl technologieintensiver Arbeitsbereiche. In der Periode 1996/97 beschäftigte das Unternehmen weltweit 386.000 Menschen, davon 197.000 in Deutschland.

Mit dem Wachstum von Siemens hat sich die Region München zu einem führenden Zentrum des Hochtechnologie-Sektors in Deutschland entwickelt. Dort waren, wenn man die eingangs verwendete Abgrenzung von Hochtechnologie-Industrien heranzieht, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre insgesamt 1.350 Betriebe dieses Sektors mit mehr als 125.000 Beschäftigten tätig. Besonders bedeutsam sind die Produktions- und Forschungsstätten von großen Unternehmen der Elektrotechnik-/ Elektronik- und der Raumfahrtindustrie. Die größten deutschen Raumfahrtunternehmen MBB, Dornier und MTU Aero Engines [6] sind in der Region ansässig. Durch die Konzentration von Hochtechnologie-Unternehmen entstanden hier vielfältige Input-Output-Beziehungen, wovon vor allem der Maschinenbau und der gesamte Zulieferbereich profitierten. Deren Wachstum erzeugte wiederum einen Nachfrageschub nach elektronischen Bauteilen, so daß insgesamt ein Anreiz für weitere Unternehmensgründungen entstand und Wachstumsimpulse in die Region übertragen wurden. Außerdem profitierte der Hochtechnologie-Sektor in München in besonderer Weise von staatlichen Rüstungs- und Forschungsetats und der Rolle der amerikanischen Besatzungsmacht und führender Politiker in der Nachkriegszeit.

Fragen und Aufgaben:
  • Inwiefern hat Deutschland es anfänglich versäumt, sich auf die Entwicklung von Hochtechnologien umzustellen?
  • Wodurch haben deutsche Unternehmen es verstanden, diese Rückständigkeit aufzuholen?
  • Welche Standortvorteile bietet der Großraum München als Zentrum der Hochtechnologieunternehmen?
  • Beschreibe die Entwicklung des größten deutsche Elektronikunternehmen Siemens und analysiere seine Erfolgskonzepte.
  • Inwiefern unterscheidet sich die elektronische Industrie von anderen Industriezweigen in Deutschland, z.B. Maschinenbau, Chemische Industrie, Textilindustrie?
Interaktives Quiz

[1] http://www.grundig.com
[2] http://www.zvei.de
[3] http://www.zvei.de/mk/daten_und_fakten/start.htm
[4] http://www.siemens.com/de/
[5] http://www.bosch.de/index.htm
[6] http://www.mtu.de/de/index.html

Literatur


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