Texteinheit 10: Landschaftliche Vielfalt, nationale Einheit

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Die Zerbrechlichkeit einer Nation wie Kanada soll vor dem räumlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund diskutiert werden. Dies wird am Beispiel des regionalen Ungleichgewichts, der Quebec-Frage, der Urbevölkerungsproblematik und der Nachbarschaft zu den USA diskutiert.

Schlüsselbegriffe: Räumliche Disparitäten, Entwicklungsprogramme, Entwicklungshilfen, Französisch-Kanada, Stille Revolution, Separatismus, Volksabstimmung (Referendum), Landforderungen der Urbevölkerung, Kompensationszahlungen, Selbstbestimmung, Selbstwahrnehmung, Abhängigkeiten zu den Vereinigten Staaten.


Kanada gilt als eines der erfolgreichsten Länder der Welt, mit einem Lebensstandard, der weltweit von kaum einem anderen Land übertroffen wird. Dennoch ist es ein schwer zu verstehendes und nicht leicht zu regierendes Land. An drei grundlegenden, seit Jahren bestehenden Problemen soll dies verdeutlicht werden:

Räumliche Disparitäten. Die unterschiedlichen natürlichen Voraussetzungen und die divergierenden Wirtschaftsstrukturen in den einzelnen Landesteilen haben zu starken regionalen Ungleichgewichten geführt. Sie schlagen sich u.a. in stark voneinander abweichenden Durchschnittseinkommen [1] und Arbeitslosenraten [2] nieder. Diese Ungleichheiten bestehen bereits seit langer Zeit. Immer wieder sind Versuche unternommen worden, die Diskrepanzen abzubauen und einen annähernd gleichen Versorgungsgrad zumindest hinsichtlich der Verfügbarkeit öffentlicher Dienstleistungen in allen Teilen des Landes zu gewährleisten. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden von der Bundesregierung spezielle Maßnahmen ergriffen, um die strukturellen Schwierigkeiten bestimmter Regionen abzubauen. So wurden zum Beispiel die hohen Transportkposten zu den maritimen Provinzen subventioniert. Den Prärieprovinzen wurde während der durch Dürreperioden ausgelösten Depression der 1930er Jahren geholfen. Jedoch waren systematischere und nachhaltigere regionale Förderprogramme notwendig, um benachteiligten Regionen dauerhaft zu helfen, zu denen sich der kanadische Staat heute verpflichtet hat.

So wurden im Jahre 1957 von der Bundesregierung Vereinbarungen über Transferzahlungen getroffen, die auf systematischer Basis den ärmeren Provinzen zugute kommen. Konkret bedeutet dies, daß die reicheren Provinzen wie Alberta, Britisch-Kolumbien und Ontario im Sinne eines Länderfinanzausgleichs die strukturschwachen Provinzen subventionieren. Diese sind damit in der Lage, ein eigenes System an sozialen und wirtschaftliche Dienstleistungen zu schaffen. Diese Ausgleichszahlungen sind inzwischen fester Bestandteil der kanadischen Wirtschafts- und Sozialverhältnisse und werden sogar in der kanadischen Verfassung ausdrücklich genannt. Für die ärmeren Provinzen bilden sie einen wichtigen Beitrag ihres Haushalts. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch landesweit eingeführte Sozialprogramme im Bereich der medizinischen und der Altersversorgung.

Québec. Die Québec-Frage stellt ein Problem besonderer Art dar. Wie bereits im historischen Überblick angedeutet wurde (Texteinheit 6), lebt die frankopohone Gemeinschaft seit dem frühen 17. Jahrhundert am St. Lorenz Strom und hat sich dort als weitgehend eigenständige kulturelle Einheit behauptet. Québec besitzt, wie die übrigen Provinzen des Landes, auch auf Bundesebene eine beträchtliche politische Einflußmöglichkeit. Andererseits verfügt die Provinz über ein eigenes bürgerliches Rechtssystem sowie ein vom übrigen Kanada unterschiedliches Schulsystem, das auf die speziellen Bedürfnisse der römisch-katholischen (hauptsächlich frankophonen) sowie der protestantischen (hauptsächlich anglophonen) Schüler Rücksicht nimmt. Zahlreiche spezielle Gesetze wurden im Verlauf der letzten Jahre zum besonderen Schutz und zur Verbreitung der frankokanadischen Kultur und der französischen Sprache erlassen, jedoch reichen die Bemühungen um den Kulturerhalt sehr viel weiter zurück.

Seit der Niederlage der Franzosen gegen die Briten Mitte des 18. Jahrhunderts haben sich die Frankokanadier auf defensive, aber wirkungsvolle Art bemüht, ihre Kultur in Kanada zu erhalten. Dabei hat die katholische Kirche eine entscheidende Rolle gespielt. Vor allem im wirtschaftlichen Leben Québecs hatte sich jedoch eine sehr starke Dominanz der anglokanadischen Bevölkerung herausgebildet. Gegen diese Art der wirtschaftlichen Abhängigkeit und der Bevormundung lehnte sich die Bevölkerung Québes zu Beginn der 1960er Jahre auf, ein Vorgang, der als die sog. "Stille Revolution" in die Geschichte eingegangen ist. Zu den Hauptanliegen der Frankokanadier zählten die Forderungen nach mehr Autonomie der Provinz gegenüber Kanada, nach Anerkennung als eine eigenständige kulturelle Einheit und nach größerer Kontrolle über die Wirtschaft innerhalb der Provinz.

Im Verlauf der Jahrzehnte hat sich aus diesen Forderungen ein Konflikt für den Fortbestand Kandas als Nation entwickelt, da ein beträchtlicher Teil der frankokanadischen Bevölkerung mit seinen Forderungen noch weiter ging. Sie fühlen sich als eigenständiges Volk (distinct society), als Nation, das einen eigenen unabhängigen Staat Quebec bilden sollte. 1976 konnte die nach Unabhängigkeit strebende Parti Quebecois (PQ) die Provinzwahlen gewinnen. Sie regierte zunächst bis 1985, konnte aber 1994 erneut die Macht zurückerobern, die sie auch derzeit noch innehat. Während ihrer Amtszeit hat die PQ zwei Volksentscheide durchgeführt, in denen die Bevölkerung Quebecs über die Abspaltung der Provinz von Kanada entscheiden sollte.

Das Referendum von 1980, in dem unter dem Slogan Souveränität-Assoziation zwar über größere Eigenständigkeit, gleichzeitig aber auch über spezielle Konditionen des Verbleibs der Provinz in der Konföderation abgestimmt wurde, fand unter der Bevölkerung keine Mehrheit. Für mehrere Jahre wurde es etwas stiller um die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Provinz. 1994 kam die PQ jedoch erneut an die Macht und führte noch im gleichen Jahr ein zweites Referendum durch. Die Loslösung von Kanada wurde diesmal nur sehr knapp abgelehnt. Bei ihrer Wiederwahl 1998 verkündete die PQ, erst dann wieder ein Referendum durchzuführen, wenn dessen Erfolg auch realistisch sei. Somit bleibt die Zukunft Kanadas sowohl hinsichtlich seines Territoriums als auch der Zusammensetzung der Bevölkerung unsicher. Die Bundesregierung bemüht sich seit vielen Jahren durch eine Reihe von Zugeständnissen, die Bevölkerung der Provinz Québec für den Fortbestand der Nation in ihrer heutigen föderalen Struktur zu gewinnen. Dabei dürfen andere Provinzen natürlich nicht benachteiligt werden. Die Zukunft dieses Konflikts ist am Ende des 20. Jahrhunderts völlig ungewiß, aber es ist sicher, daß ein Überleben der Konföderation nicht möglich ist, wenn sich nicht alle Einzelglieder dieser multikulturellen Gesellschaft mit der Bevölkerungsgemeinschaft und einer gemeinsamen Nation identifizieren.

Urbevölkerung. Ein weiteres ernstes Problem Kanadas sind die extrem schwierigen Lebensumstände der Urbevölkerung, die zum Teil am Rand der kanadischen Gesellschaft leben. In vielen Gemeinden sind Drogen- und Alkoholmißbrauch weit verbreitet, Gesetzesverletzungen sowie andere soziale Mißstände sind an der Tagesordnung. Hier sind grundlegende Reformen notwendig. Der Bericht der Royal Commission on Aboriginal Peoples [3] von 1996 weist erste Lösungsansätze auf. In ihm wurden zum Beispiel Empfehlungen ausgesprochen, der Urbevölkerung eine selbstgewählte Regierung zu gewähren. Dies könnte in Form einer besonderen Verwaltungsstruktur geschehen, die von der gegenwärtigen Aufteilung in Bund, Provinzen, Territorien und Gemeinden abweicht.

Ein zweiter Katalog von Empfehlungen sieht die Bereitstellung von Untersützungsfonds vor, die der Urbevölkerung die Möglichkeit zum Aufbau einer Rohstoffbasis und einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung bieten sollen. Solche Fonds müßten relativ umfangreich sein, langfristig zielen sie jedoch darauf ab, die Indianer und Inuit von ihrer augenblicklichen Abhängigkeit von Wohlfahrtszahlungen durch die Bundesregierung zu befreien. Damit eng verbunden sind die Verhandlungen über Landforderungen, die verschiedene Gruppen der Urbevölkerung mit der Bundesregierung führen. Von diesen Verhandlungen erhoffen sich die Ureinwohner angemessene Kompensationen an Land und Geld für die Gebiete, die ihnen vor langer Zeit für geringe Summen abgenommen worden waren. Welche dieser von der Royal Commission ausgesprochenen Empfehlungen letztlich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Die Vereinigten Staaten. Die engen räumlichen und sprachlich-kulturellen Bindungen Kanadas zu den USA bewirken, daß das Leben in Kanada in starkem Maße vom südlichen Nachbarn her beeinflußt wird. Das Bemühen, sich gegen eine allzu starke Überprägung oder gar Bevormundung durch die USA zu wehren, drückt sich in einem immer stärker werdenden Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein der Kanadier hinsichtlich ihrer eigenen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen aus.

Die gegenseitigen Verflechtungen sind jedoch sehr subtiler und komplexer Art. Auf der einen Seite ist es für Kanada von Vorteil, direkt zu den USA benachbart zu sein und somit die Vorteile einer dynamischen Kultur, der Massenmedien, aber auch der Sportwettkämpfe zu teilen. Im Winter bietet das milde Klima im Süden der USA für viele Kanadier eine willkommene Möglichkeit, den arktischen Bedingungen im eigenen Lande zu entfliehen. Auf der anderen Seite herrscht die Besorgnis, von dem amerikanischen "way of life" überrollt zu werden, was die Entwicklung einer eigenständigen kanadischen Kultur namentlich im englischsprachigen Teil Kanadas zu verhindern droht. Gelegentlich führt dieser weitgehend unbewältigte Konflikt zu anti-amerikanistischen Äußerungen unter den Kanadiern, auch wenn es sich dabei eher um Einzelfälle oder –gruppen handelt.

Kanadisches Selbstverständnis. Grundsätzlich empfinden die Kanadier eine tiefverwurzelte Identifikation mit ihrem Land. Dies wird auf der politischen Ebene als Verpflichtung verstanden, die notwendigen Rahmenbedingungen für einen hohen Lebensstandard, für moderne Formen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zu schaffen. Nur so sind die hohen öffentlichen Investitionen in den Aufbau und die Unterhaltung des Transportwesens, der Energieinfrastruktur, des sozialen Netzes, bei der Bereitstellung lebensnotwendiger Dienstleistungen in Form einer sozialen Grundversorgung und viele andere Bereiche öffentlicher Verantwortlichkeit zu verstehen.

Die Kanadier sind sich aber auch bewußt, daß viele Probleme des Landes derzeit ungelöst sind und daß sich dies in naher Zukunft auch nicht ändern wird. Hierzu zählen z.B. die großen regionalen Unterschiede, die innerhalb oder zwischen den verschiedenen Landesteilen bestehen. Das Problem, das durch das Zusammenleben der beiden dominierenden ethnischen Gruppen (Englisch und Französisch) entsteht und das ergänzt wird durch die vielen und immer zahlreicher werdenden ethnische Minderheiten stellt eine besondere Herausforderung dar. Mindestens ebenso wichtig ist es, Gerechtigkeit für die Urbevölkerung zu schaffen und dieser einen angemessennen Platz in der kanadischen Gesellschaft zuzusichern. Auch das Verhältnis zu den USA verlangt ständige Überprüfung und immer wieder neue Standortbestimmungen.

Daß Kanada als Nation entstehen konnte, hat jahrhundertelang großer physischer und psychischer Anstrengungen einer großen Zahl von Menschen bedurft, die sich hier aus aller Welt zusammengefunden haben. Die heutige Herausforderung besteht darin, dieses Land trotz aller Schwierigkeiten und ungelösten Probleme als einen gesunden und gut funktionierenden Organismus am Leben zu erhalten. Das Gefühl, zum Aufbau dieses Landes einen Beitrag geleistet zu haben, ist Teil eines Selbstbewußtseins, das viele Kanadier mit ihrer Nation verbindet.

Fragen und Aufgaben:

  • Ohne die staatlich gelenkten Maßnahmen zum regionalen Finanzausgleich gäbe es in Kanada große Unterschiede hinsichtlich der Wirtschaftskraft der verschiedenen Provinzen. Welches sind hierfür die wesentlichen Gründe?
  • Die Beeinflussung Kanadas durch die USA erstreckt sich auf viele Bereiche des täglichen Lebens. Wie kann man sich dies konkret vorstellen und welche Lebensbereiche sind hierdurch besonders betroffen?
  • Die Frage des Selbstbewußtseins und des Selbstverständnisses der Kanadier ist vor dem Hintergrund der Pionierleistung beim Aufbau des Landes nachvollziehbar. Wie läßt sich diese Frage auf die Frankokanadier bzw. die Urbevölkerung anwenden?
Interaktives Quiz

[1] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/labor01a.htm
[2] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/labor23a.htm
[3] http://www.inac.gc.ca/ch/rcap/rpt/index_e.html


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