Texteinheit 2: Der physisch-geographische Aufbau Kanadas

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Verdeutlichung der komplexen Formungs- und Gestaltungsprozesse der Landschaft Kanadas unter Beachtung der großen Landschaftsräume, der eiszeitlichen Überformung sowie der Böden und ihrer Nutzungsmöglichkeiten.

Schlüsselbegriffe: Naturräumliche Gliederung, physische Landschaftsräume, Tiefländer, Gebirgsräume, Becken und Gräben, Morphologie und Morphogenese, Glaziale Überformung, Böden, Landnutzung


Eines der ältesten Gesteine der Erde (rd. vier Milliarden Jahre) ist der Kanadische Schild [1], der sich über fast die Hälfte Kanadas erstreckt. Dieser harte und verfestigte Gesteinskörper bildet den Kernbereich des nordamerikanischen Kontinents. Im östlichen Teil dieses Schildes sind die Randbereiche so stark herausgehoben, daß sie auf Baffin Island [2] eine Höhe von über 2.000m erreichen. Der zentrale Teil dagegen liegt unterhalb des Meeresspiegels und bildet mit der Hudson Bay eine große Bucht, die weit in das Landesinnere hinein reicht und über die Hudson Strait mit dem Atlantik verbunden ist.

Westlich und südlich schließen sich jüngere, ungefaltete und weitgehend flachgelagerte Sedimentschichten des Paläozoikums und jüngerer Erdzeitalter an, die als Tieflandregionen (Lowlands) oder Tafelländer (Plains) bezeichnet werden. Dazu zählen die Inneren Ebenen (Interior plains) ebenso wie das St.-Lorenz-Tiefland, das sich über Südontario bis in das Gebiet südlich der Großen Seen erstreckt. Im Übergangssaum der Inneren Ebenen mit dem Kanadischen Schild haben sich in Zuge der Vereisung in nord-südlicher Abfolge riesige Seen ausgebildet, die zwar heute nur noch als Restseen erhalten sind, als solche aber gleichwohl aufgrund ihrer Größe die Landkarte Kanadas markant prägen: Großer Bärensee, Großer Sklavensee, Athabascasee, Winnipegsee und zahlreiche andere. Südlich des Schildes befindet sich das größte Seengebiet der Welt, die sog. Großen Seen [3]: Oberer See, Michigansee, Huronsee, Erie- und Ontariosee. Der Seeboden des Oberen See, dem größten dieses Seengebiets, liegt weit unter dem Meeresspiegelniveau.

Den äußeren morphologischen Rahmen Kanadas bilden drei Gebirgssysteme unterschiedlichen Alters: die Kordilleren im Westen, die Appalachen im Osten und die Inuit-Range im Norden. Die kanadischen Kordilleren entlang der Pazifikküste sind 700 km breit und setzen sich aus zahlreichen Gebirgsketten, eingeschlossenen Plateaus und Tälern zusammen. Die berühmteste Bergkette sind die Rocky Mountains, die den östlichen Abschluß des Systems bilden. Höchster Gipfel Kanadas ist mit 5.959 m der Mount Logan in der St. Elias Range im Yukon-Territorium. Der Mount Robson [4], für viele der schönste Berg Kanadas, ist mit 3.954 m der höchste Berg in Britisch-Kolumbien.

Die Kordilleren sind ein relativ junges Gebirgssystem, das in der Phase der alpidischen Gebirgsbildung entstanden ist. Diese steht im Zusammenhang mit der Plattentektonik bzw. ganz allgemein der Kontinentalverschiebung während des Tertiärs. Die Auffaltung der Kordilleren wurde dadurch bewirkt, daß die Pazifische Platte am Westrand des nordamerikanischen Kontinents unter die Nordamerikanische Platte abtauchte. Im Bereich der USA sind diese bis heute noch nicht abgeschlossenen tektonischen Vorgänge in den häufigen Erdbeben (Sankt Andreas Graben) und in aktivem Vulkanismus noch gut zu beobachten. Im kanadischen Abschnitt der Kordilleren gibt es keinen aktiven Vulkanismus, aber auch hier sind einige Gipfel vulkanischen Ursprungs.

An der Ostküste Kanadas, im Gebiet der Atlantikprovinzen sowie im südöstlichen Quebec, befinden sich die weitaus älteren und niedrigeren Appalachen, die fast 600 km breit und im nördlichsten Abschnitt in zahlreiche Halbinseln, Inseln, Golfs, Buchten zerlegt sind. Die Gipfel liegen meist unterhalb von 1.000 m. Der höchste Berg Ostkanadas befindet sich auf der Halbinsel Gaspé in der Provinz Quebec mit einer Höhe von 1.200 m. Die bereits im Erdaltertum (Paläozoikum) aufgefalteten Appalachen stellen ein sog. Rumpfgebirge dar. Dies bedeutet, daß die ehemals frischen Gebirgsformen alpinen Typs im Zuge einer mehrere Hundertmillionen Jahre andauernden Erosion wieder abgetragen worden sind. Übrig geblieben ist eine Rumpffläche, die in ihrer sanfthügeligen Oberflächenstruktur heute ein typisches Mittelgebirgsrelief darstellt.

Im hohen Norden Kanadas gibt es noch ein weiteres altes, wenngleich wesentlich kleineres Gebirgssystem, die weniger bekannte Inuit Range, die ungefähr 400 km breit ist und die auf Ellesmere Island eine Höhe von 2.616 m erreicht. Der nordamerikanischen Landmasse ist außerdem noch ein Schelfgebiet im Atlantik vorgelagert, das seit Jahrhunderten wegen seiner reichhaltigen Fischgründe [5] wirtschaftlich bedeutsam ist. In der jüngeren Geschichte wurden hier die in den Sedimentschichten eingelagerten Erdgas- und Erdölvorkommen erschlossen, die rund 300 km von der Küste entfernt liegen. Der Festlandsockel im Arktischen Ozean birgt ebenfalls Öl- und Gasreserven [6], sie liegen jedoch zu weit entfernt, um mit der heutigen Technologie rentabel genutzt werden zu können.

Die Gebirgsformen [7] im Westen und Osten Kanadas ähneln in vielerlei Hinsicht denen der europäischen Alpen oder Zentraleuropas. Dies erklärt sich aus vergleichbaren Rahmenbedingungen, unter denen diese Gebirge entstanden, wieder abgetragen oder überformt worden sind. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die eiszeitliche (pleistozäne) Vergletscherung, die fast die gesamte Fläche Kanadas erfaßt hat. Heute ist lediglich noch das Kordillerensystem vergletschert. Das Columbia Eisfeld [8] im Jasper Nationalpark in den Rocky Mountains, das größte zusammenhängende Gletscherfeld Kanadas, ist z.B. eine beliebte Touristenattraktion. Auch die höchsten Erhebungen im Norden, zum Beispiel auf Baffin Island oder Ellesmere Island, sind ganzjährig mit Eiskappen bedeckt.

Weit verbreitet sind glaziale Ablagerungen der unterschiedlichsten Formen. Fast das gesamte Farmland Kanadas besteht aus Böden, die aus solchen Ablagerungen entstanden sind. Ursprungsgebiet dieser Materialien war zum großen Teil der Kanadische Schild, von wo aus sich die kontinentalen Eismassen während der letzten Eiszeit nach Norden, Westen und Osten vorgeschoben haben. Nach der Vereisung [9] blieb der Schild als flacher Rücken glattgeschliffener, resistenter Felsen zurück. Allerdings hat das Eis unzählige Hohlformen hinterlassen, die durch ihre Ausrichtung Hinweise geben auf die ehemalige Fließrichtung der Gletscher. Sie werden heute ganz überwiegend durch Seen und Flüsse oder auch weitverbreitete Sumpfareale nachgezeichnet. Dazwischen finden sich immer wieder Sande und Schotter, die durch Schmelzwasser abgelagert wurden, sowie Tone, die in periglazialen Seen akkumulierten [10].

Besonders stark wirkte die glaziale Abtragung in den Bereichen des Kanadischen Schildes, in denen weichere paläozoische Gesteine vorherrschten. Diese Gebiete bildeten somit den Ausgangspunkt für die Schotter, Sande und Lehme, die durch das vorstoßende Eis abgetragen wurden. Nach Rückzug des Eises blieben mächtige Schotterablagerungen in Form von End- und Grundmoränen [11] zurück. Im Zuge der postglazialen Klimaerwärmung und der sich allmählich ausbreitenden Vegetation entstanden hierauf fruchtbare Böden, die heute günstige Voraussetzungen für die landwirtschaftliche Nutzung bieten. Auch lakustrine Ablagerungen aus den periglazialen Seen spielen diesbezüglich in Teilen der Prärien und im südlichen Ontario eine große Rolle. Sie sind auch die Grundlage für einige Ackerbauinseln im Bereich des Kanadischen Schildes in Ontario und Quebec. In diesen nördlichen Lehmgürteln (Clay Belts) beeinträchtigen allerdings die kurzen Wachstumsperioden sowie Frostgefahren den Anbau, da sie im klimatischen Grenzbereich der kommerziellen Landwirtschaft liegen.

Fragen und Aufgaben:

  • In welche physio-geographische Regionen läßt sich Kanada untergliedern?
  • Welches sind die grundlegenden morphologischen Unterschiede zwischen den Kordilleren und den Appalachen. Worin sind sie begründet?
  • Am Beispiel der Appalachen wurde zu Beginn des 20. Jh. intensiv die Frage der Bildung von Rumpfflächen diskutiert. Wie kann man sich einen solchen Vorgang vorstellen?
  • Welche Rückschlüsse läßt ein Größenvergleich der glazialen Restseen (Zungenbeckenseen) zwischen Kanada und dem Voralpengebiet in Deutschland mit Blick auf die Intensität der Vergletscherung zu?
Interaktives Quiz

[1] http://freespace.virgin.net/john.cletheroe/usa_can/can/canshld.htm
[2] http://sts.gsc.nrcan.gc.ca/clf/landscapes_details.asp?numero=269
[3] http://www.great-lakes.net
[4] http://www.out-there.com/robson/rob-bpk.htm
[5] http://home.tallships.ca/dPTranslations/dPFischerei.html
[6] http://www.nickles.com
[7] http://www.uwsp.edu/geo/faculty/lemke/alpine_glacial_glossary/
[8] http://www.photo.net/photo/pcd1765/columbia-icefield-sunset-37
[9] http://www.entrenet.com/~groedmed/glaciers.html
[10] http://www.mnr.gov.on.ca/mnr/water/p741.html
[11] http://www.homepage.montana.edu/~geol445/hyperglac/depland2/


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