Texteinheit 3: Einige Kennzeichen des Klimas und der Vegetation Kanadas

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Faktische Kennzeichnung und Verdeutlichung der Wechselbeziehungen physischer Raumfaktoren mit dem Ziel einer ökologischen Interpretation des kanadischen Naturraums (in Verbindung mit Texteinheit 2).

Schlüsselbegriffe: Geologische und klimatische Faktoren Kanadas, Permafrost, Auswirkungen des Klimas auf Landnutzung, natürliche Vegetation, Vegetationszonen, Laub- und Nadelwälder, Tundra und Taiga, Baumgrenze


Zwei große, natürliche Grundmuster kennzeichnen Kanada: die im allgemein ost-west-verlaufenden Vegetationsgürtel, die von vornehmlich nord-süd-gerichteten geologischen und physisch-geographischen Merkmalen überlagert werden (vgl. Canadian landscapes) [1]. Die verschiedenen Vegetationszonen spiegeln die Anpassung an die nördliche Lage Kanadas wider. Die geographische Lage sei hier noch einmal wiederholt: Kanada erstreckt sich von 41°40‘ nördlicher Breite in Südontario bis auf 83°06‘ Grad auf Ellesmere Island [2]. Über diese Strecke von insgesamt 4.600 km erfolgt eine deutliche klimatische Zonierung vom gemäßigten Klima im Süden bis zum extrem arktischen Klima im Norden. Von West nach Ost dehnt sich Kanada über 5.500 km vom 52°37‘ bis zum 141° westlicher Länge aus. Auch in dieser Dimension ergeben sich starke Gegensätze, wobei die beiden Gebirgssysteme an der Atlantik- [3] und an der Pazifikküste von unterschiedlichem klimatischem Einfluß sind.

Von grundlegender Bedeutung für das Klima ist die Anordnung der landschaftlichen Großformen in ihrer Lage zu den Klimazonen. Im Süden liegt Kanada im Bereich der ektropischen Westwindzone, im Norden dagegen im Bereich der subpolaren Ostwinde. Entscheidend ist nun, daß sich im Westen mit dem Kordillerensystem ein Hochgebirge von bis zu 6.000 m Höhe den pazifischen Luftmassen entgegenstellt. Das bedeutet, daß im Stau des Gebirges sehr hohe Niederschläge fallen. Vancouver erhält jährlich im Durchschnitt 1068 mm Niederschlag, das etwas nördlicher gelegene Prince Rupert sogar 2415 mm. Mit zunehmender Höhe über NN nehmen die jährlichen Regenmengen am Westabhang der Küstenkordillere bis über 4000 mm zu. Dies macht erklärlich, daß sich hier ein (außertropischer) Regenwald hat ausbilden können, der in dieser Form in der Welt einmalig ist.

Nach Überschreiten des Gebirges haben die pazifischen Luftmassen ihre Feuchtigkeitsfracht weitgehend verloren, zumal sie sich beim Abgleiten in die tiefer gelegenen Inneren Ebenen erwärmen und damit auch mehr Wasserdampf speichern können. Die Folge ist, daß die Niederschläge im Lee der Gebirge stark zurückgehen. Calgary (Alberta) erhält z.B. im Jahresmittel lediglich noch 437 mm, Saskatoon (Saskatchewan) sogar nur 352 mm Jahresniederschlag. Oft erreichen diese warmen Luftmassen die Prärien als föhnartige Fallwinde, die als Chinook bezeichnet werden und die wegen ihrer verheerenden austrocknenden Wirkung sehr gefürchtet sind. Von Norden her können jedoch auch extreme Kaltluftmassen bis weit nach Süden vordringen, weil hier keine Gebirgsbarriere das Land schützt. Vielmehr bietet das relativ flache Relief des arktischen Archipels und des Kanadischen Schildes ein offenes Tor für die winterlichen Kaltlufteinbrüche (cold waves) oder die Blizzards, die das Innere des ganzen nordamerikanischen Kontinents bei Temperaturen bis unter –40°C in Eis und Schnee erstarren lassen können (Klimatabelle).

Der Osten des Landes wird dagegen durch den Atlantik beeinflußt, besonders stark in den sog. maritimen Provinzen (Neufundland, Neu-Braunschweig, Prinze-Edward-Insel, Neu-Schottland), die sich im Jahresverlauf relativ ausgeglichener Temperaturen erfreuen, dafür aber häufig auch Regen in Kauf nehmen müssen. Insbesondere Neufundland leidet unter seinem schlechten Ruf als Regenküche und hält viele Besucher davon ab, sich dieser östlichsten Provinz des Landes zuzuwenden. St. John’s, die Hauptstadt Neufundlands, erhält im Durchschnitt 1500 mm Niederschlag, und dies recht gleichmäßig über das Jahr verteilt. Vielleicht liegt gerade in dem oft verhangenen Himmel auch ein besonderer Reiz, weil er die Menschen und dieses Land auf besondere Weise geprägt zu haben scheint.

Die Ausprägung der Vegetationszonen erfolgt in logischer Abhängigkeit von den klimatischen Verhältnissen. Die breite Nord-Süd-Folge der verschiedenen Vegetationszonen verdeutlicht die zunehmend einschränkende Wirkung des Klimas im Norden. Stetig abnehmende Temperaturen verdrängen Pflanzen, die lange Wachstumsphasen beanspruchen. Rund die Hälfte des Landes ist von Wäldern bedeckt. Im Südosten herrschen Laubwälder vor, die weiter nördlich allmählich in Mischwälder und schließlich in den großen (borealen) Nadelwaldgürtel übergehen. Nördlich der Nadelwälder schließt sich eine im wesentlichen baumlose Tundra mit flachen Büschen, Moosen und Flechten an, die fast den gesamten Norden Kanadas bedeckt. In diesem Übergangsbereich werden die Zusammenhänge zwischen Klima und Vegetation besonders deutlich. Zwar spricht man auch hier von einer Baumgrenze, diese entspricht jedoch einem Saum, der sich zum Teil über mehrere Hundert Kilometer erstreckt. Wichtigster klimatischer Einflußfaktor ist im Norden die mangelnde Wärme, es handelt sich also um eine Wärmemangelgrenze. Auch in den Inneren Ebenen (Interior Plains) des Westens gibt es noch baumlose Gebiete, die Prärien. Hier ist der limitierende Klimafaktor jedoch die Trockenheit, weniger die Temperaturen. Die geringen Niederschlagsmengen, soweit überhaupt vorhanden, fallen zudem noch sehr unregelmäßig und mit unterschiedlicher Intensität. In manchen Teilen der Prärieprovinzen herrschen halbwüstenhafte Klimabedingungen.

Ganzjährig gefrorener Untergrund – Permafrost – ist Resultat der kontinuierlich abnehmenden jährlichen Durchschnittstemperaturen im Norden. Rund 50% des Landes sind Permafrostgebiete, was große Problemen beim Bau von Häusern, Straßen oder Pipelines bewirkt. Das Beheizen der Gebäude führt z.B. bei fehlender Isolierung zum Auftauen des Untergrunds und hat zwangsläufig innerhalb kurzer Zeit Bauschäden oder gar das Zusammenfallen der Bauwerke zur Folge.

Ein geeigneter Indikator für das nördliche Klima in hoher Breite ist die Zahl der Heizeinheiten, die zum Pflanzenwachstum benötigt werden. Sie werden normalerweise in Tagen, in denen Wachstumstemperaturen bestehen (mindestens 5 Grad Tagesdurchschnittstemperatur), gezählt. In Südontario, wo ausreichende Niederschläge und Temperaturen lange Wachstumsphasen gewährleisten, ist Anbau nahezu unbeschränkt möglich. Selbst Wein, Obst, Gemüse und andere Sonderkulturen (z.B. Tabak) können in den besonders geschützten Lagen angebaut werden. Die Provinz mit dem mildesten Klima ist Britisch-Kolumbien. Auch dort kann mit Hilfe der künstlichen Bewässerung in einigen Tälern Wein- und Obstanbau betrieben werden (berühmt hierfür ist das Okanagan-Valley). Im südlichen Manitoba, Saskatchewan und Alberta herrscht extensiver Anbau vor. Am verbreitetsten sind hier Weizen und Raps (Canola).

Wegen der kurzen Wachstumsperioden und der Frostgefahr endet die Landwirtschaft nördlich des 49. Breitengrades. Eine Ausnahme bildet das Peace River Gebiet in Nord-Alberta, wo pazifische Luftmassen wetterwirksam werden, was noch 450 km nördlich von Edmonton (http-link) eine landwirtschaftliche Nutzung ermöglicht. Hier jedoch ist bereits die polare Anbaugrenze des Ackerbaus erreicht, also die Grenze, jenseits derer zumindest eine rentable Landwirtschaft nicht mehr möglich ist.

Fragen und Aufgaben:

  • Welche Unterschiede werden beim Vergleich kanadischer und deutscher (europäischer) Wetterstationen [4] auf gleicher geographischer Breite deutlich?
  • Welches ist die Hauptursache für die planetarische Anordnung der verschiedenen Vegetationszonen Kanadas. Wie wirkt sich das Relief aus?
  • Welchen Einfluß besitzen die Kordilleren auf das Klima in Kanada, speziell in Britisch-Kolumbien und in den Prärien?
  • Welche Gründe lassen sich beim Blick auf die Atlaskarte für die klimatische Gunstsituation der sog. Ontarischen Halbinsel (Südontario) finden?
Interaktives Quiz

[1] http://sts.gsc.nrcan.gc.ca/clf/landscapes.asp
[2] http://www.canadianparks.com/nunavut/ellesnp/index.htm
[3] http://atlas.gc.ca/site/english/maps/environment/land/relief
[4] http://www.wetterzentrale.de/


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