Texteinheit 6: Bevölkerung: Einwanderung, Ethnizität (Minderheiten), Urbevölkerung und Multikulturalismus

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung in Kanada mit spezieller Berücksichtigung der Bedeutung und Implikationen, die aus der Immigration in einer multikulturellen Gesellschaft resultieren.

Schlüsselbegriffe: Einwanderungsphasen, Multikulturalismus, kulturelle Interaktion, Urbevölkerung, Selbstbestimmung


Kanada ist das klassische Beispiel eines Immigrationslandes. Dabei lassen sich verschiedene Immigrationsphasen ausgliedern, die sich hinsichtlich der Herkunft der Immigranten und der Zielgebiete innerhalb Kanadas unterscheiden. Läßt man die Urbevölkerung unberücksichtigt, so bilden die französischen Immigranten im 17. und 18. Jahrhundert eine erste Gruppe, die von Europa aus den neuen Kontinent besiedelte. Zwischen 1608 (Gründung Québecs) und 1763 (Frieden von Paris, Verlust Neufrankreichs an England) wanderten ungefähr 10.000 Franzosen vorwiegend aus Westfrankreich in die französische Kolonie am Sankt-Lorenz aus, von denen nur wenige nach der Niederlage der Franzosen gegen die Briten in ihr Ursprungsland zurückkehrten. Die heutige Bevölkerungszahl von rund sechs Millionen Frankokanadiern, die vornehmlich in Quebec angesiedelt sind, ist Resultat einer über Jahrhunderte anhaltenden hohen Geburtenrate. Allerdings ist die heutige Geburtenrate in Quebec auf ebenso niedrige Werte wie im restlichen Nordamerika abgesunken.

Eine zweite Gruppe waren in den 1780er Jahren rund 50.000 sog. Loyalisten [1], d.h. Getreue der britischen Krone, die nach dem Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus den neugegründeten Vereinigten Staaten nach Britisch Nordamerika (Kanada) übersiedelten oder flohen. Die meisten von ihnen ließen sich in Südontario und in den maritimen Provinzen nieder. Hier entstanden bedeutende Siedlungsinseln, in die, in einer weiteren Einwanderungswelle in den 1820er bis 1840er Jahren, viele Immigranten aus Großbritannien und anderen europäischen Ländern zogen. Dabei spielten auch Einwanderer aus Deutschland bereits eine gewisse Rolle.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr Kanada eine explosionsartige Einwanderung, die jedoch mit dem Ersten Weltkrieg abrupt endete. Wichtiges Herkunftsland war weiterhin Großbritannien, jedoch kamen viele Immigranten auch aus Zentral-, Ost- und Südeuropa sowie den USA. Viele von ihnen ließen sich in Ontario nieder, jedoch öffnete sich in dieser Phase mit Hilfe der Eisenbahn auch der Westen des Landes zwischen Manitoba bis nach Britisch-Kolumbien. Er wurde u.a. ein Schwerpunkt der Immigration aus Deutschland, was darin zum Ausdruck kommt, daß um die Jahrhundertwende jeder 10. Bewohner der Prärieprovinzen deutscher Abstammung war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, von den späten 1940er bis in die 1970er Jahre hinein, gab es einen weiteren Immigrantenschub, mit hohen Anteilen an Italienern, Portugiesen und Griechen. Sie bevorzugten die großen Städte des Landes, namentlich Toronto, das seit jenen Jahren in einigen Stadtteilen ein südeuropäisches Gepräge erhalten hat. In den 1960er Jahren erreichten viele Einwanderer aus der Karibik Kanada, besonders aus Barbados, Haiti, Jamaika und Trinidad. Auch aus südamerikanischen Ländern haben die Immigrantenzahlen in den letzten Jahren stark zugenommen, wobei sie ebenfalls überwiegend die ostkanadischen Großstädte, teilweise aber auch den Großraum Vancouver als Zielgebiete bevorzugten (vgl. Tabelle).

Seit den 1970er Jahren spielt der pazifische Raum als Ursprungsgebiet kanadischer Immigranten eine zunehmende Rolle. Zwar gab es bereits früher kleinere Bevölkerungsgruppen asiatischer Herkunft (z.B. gibt es seit Beginn des Jahrhunderts kleinere Chinatowns in Vancouver und in Toronto), jedoch bildeten sie zahlenmäßig nur einen geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes. Dies scheint sich allmählich zu ändern. So wählte z.B. eine große Zahl von Hongkong-Chinesen Kanada zur neuen Heimat, bevor die britische Kronkolonie im Jahre 1997 an China zurückfiel. Die Immigranten aus dem ostasiatischen Raum bevorzugen Britisch-Kolumbien, und hier wiederum vor allem Vancouver. Insgesamt zählt Kanada offiziell jährlich rund 200.000 legale Immigranten [2], nach den USA die höchste Zahl weltweit. Proportional gemessen an seiner Bevölkerung nimmt Kanada weltweit sogar die meisten Einwanderer auf.

Ergebnis dieser jahrhundertewährenden Einwanderungsströme aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt ist eine große ethnische Vielfalt [3] in der kanadischen Gesellschaft. Heute ist es schwer, die Anteile der einzelnen Gruppen genau zu definieren. So wurde z.B. in der jüngsten Volkszählung zwischen Personen mit einfacher ethnischer Zugehörigkeit (sog. single ethnic origin) und solchen mit gemischter Abstammung (multiple ethnic origin) unterschieden, wobei die Bevölkerung in gewissem Umfang selbst entscheiden konnte, zu welcher Gruppe sie sich zählte. Beim Zensus 1996 gaben 64% der 28.528.125 Kanadier eine einlinige und 36% eine mehrlinige ethnische Herkunft an.

Wie kompliziert die Zählungen sein können, zeigt sich an wenigen Beispielen. 1996 lag der Anteil der Bevölkerung Kanadas mit ausschließlicher oder teilweiser britischer Abstammung (mit englischem, schottischem, irischem oder walisischem Hintergrund) bei 37%, bei ausschließlich britischer Abstimmung jedoch nur bei 18%. Bei den Frankokanadiern betrugen die entsprechenden Werte 17% bzw. 15%, was u.a. andeutet, daß sich die frankokanadische Bevölkerung offensichtlich weniger mit anderen ethnischen Gruppen vermischt als die britischstämmige. Betrachtet man lediglich die Gruppe mit einfacher ethnischer Zugehörigkeit, so haben rd. zwei Drittel (67%) keine britische oder französische Abstammung. Laut Zensus 1996 gaben rund 5 Millionen (29% aller single origins) Befragte als ethnische Zugehörigkeit [4] Kanadier an, eine Möglichkeit, die erst seit dem Zensus von 1981 statistisch vorgesehen ist. Weitere 3,5 Millionen mit multipler Herkunft beanspruchen eine zumindest teilweise kanadische Abstammung (34% aller Mehrfachnennungen). Somit definieren sich zunehmend mehr Menschen als Kanadier, wobei ihre tatsächliche ethnische Herkunft keine Rolle mehr spielt.

Die verschiedenen Einflüsse der anglo- und frankokanadischen Kultur haben die Entwicklung Kanadas entscheidend geprägt. Über Jahrhunderte hinweg konnten die Frankokanadier ihre eigene Kultur bewahren, was unter anderem auch durch die einflußreiche Stellung der römisch-katholischen Kirche bedingt war. Die wirtschaftliche Kontrolle lag in Quebec jedoch lange Zeit in den Händen der Anglokanadier. In den 1960er Jahren fanden einige Umwälzungen in der Provinz statt, die unter dem Begriff der stillen Revolution [5] in die Geschichte eingingen. Viele Frankokanadier rückten in höhere Führungspositionen der Wirtschaft auf, einige Wirtschaftsbereiche wurden verstaatlicht. Die Kirche verlor zunehmend an Einfluß. In gleichem Maße politisierte sich die Diskussion, die auf mehr Eigenständigkeit der Provinz und eine stärkere Unabhängigkeit von der Bundesregierung Ottawa ausgerichtet war.

Um das wachsende Spannungsverhältnis zwischen anglo- und frankokanadischer Bevölkerung normalisieren zu können, wurde in den 1960er Jahren von der kanadischen Bundesregierung eine Königliche Kommission (royal commission) eingerichtet. Eines der Ergebnisse war, daß Kanada 1969 zu einem zweisprachigen Land erklärt wurde, mit Englisch und Französisch als offiziellen Amtssprachen. Weitere zwei Jahre später wurde allen ethnischen Gruppierungen des Landes das Recht auf Bewahrung ihrer kulturellen Identität garantiert, womit sich Kanada, im Gegensatz zum sog. Schmelztiegel der USA (melting port), als eine multikulturelle Gesellschaft (multicultural society) definierte. Auch in der kanadischen Verfassung [6] von 1982 wurde diese Definition aufgenommen.

Die Idee vom Multikulturalismus [7] birgt jedoch auch Schwierigkeiten. Einige befürchten, daß die offizielle Anerkennung der verschiedenen Kulturen der Einwanderer die Bildung einer kanadischen Identität erschwere. Die Menschen sehen es zwar als selbstverständlich an, daß verschiedene ethnische Identitäten in der kanadischen Gesellschaft nebeneinander leben können, sie stellen jedoch in Frage, ob die Regierung lokale kulturelle Aktivitäten für bestimmte ethnische Gemeinden auch finanziell fördern sollte. Fest steht, daß die Frage des Kulturerhalts der verschiedenen ethnischen Gruppen sehr unterschiedlich bewertet wird und daß die verschiedenen Gruppen hieran auch durchaus ein unterschiedliches Interesse haben. In den Prärien gibt es heute Nachfahren der Immigranten nicht-britischer oder französischer Herkunft bereits in der dritten Generation, die einflußreiche wirtschaftliche oder politische Rollen übernommen haben, ohne ihren ethnischen Hintergrund aufzugeben. In Zentralkanada ist die Einwanderung von Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft erst jüngeren Datums. Der kulturelle Umbruch ist hier in vollem Gange und es bleibt abzuwarten, ob und in welcher Form sich die ethnischen Gesellschaftsstrukturen in Zukunft erhalten werden.

Leider kommt es auch in Kanada gelegentlich zu Diskriminierungen von ethnischen Minderheiten oder von Einzelpersonen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Allerdings ist dies heute weitaus seltener der Fall als noch vor wenigen Jahrzehnten. Heute besitzt jede Provinz eigene Menschenrechtskommissionen [8], die Diskriminierungen in der Gesellschaft ahnden. Ganz generell hat in Kanada mit zunehmendem Wissen über die verschiedenen Lebensarten und Kulturen ethnischer Gruppen auch die Bereitschaft zur gesellschaftlichen Integration und Toleranz zugenommen, was zu einem besseren gegenseitigen Verständnis zwischen den Kulturen in Kanada beigetragen hat.

Eine Gruppe, der besondere Beachtung gebührt, ist die Urbevölkerung des Landes, auch wenn sie rein zahlenmäßig nur eine geringe Bedeutung hat. Es gibt insgesamt rund eine Millionen Menschen, die zumindest teilweise als Urbevölkerung definiert werden können. Sie setzen sich zusammen aus Indianern (rd. 780.000) und Inuit [9] (rd. 50.000) sowie den sog. Métis [10] (rd. 200.000), eine Mischbevölkerung, bei der die Mutter normalerweise indianisch und der Vater europäisch ist.

Die Indianer sind über das gesamte südliche Kanada und die bewaldeten nördlichen Gebiete verteilt, mit den höchsten Konzentrationen in Ontario und Britisch-Kolumbien. Die Métis leben in denselben Gebieten, sind aber am stärksten in Westkanada vertreten. Die Inuit leben in der Arktis, vornehmlich in abgelegenen Siedlungen entlang der Küsten von Labrador und Nordquebec, oder an der Westküste der Hudson Bucht, den arktischen Inseln und der nördlichen Festlandküste.

Als die Europäer den nordamerikanischen Kontinent zu erobern begannen, verdrängten sie die Indianer sukzessive von dem Land, das sie für die eigene wirtschaftliche Nutzung interessierte. Im Bereich der europäischen Besiedlung im Süden wurden die Indianer in kleine Landreservate zurückgedrängt, die ihnen für die eigene Nutzung vorbehalten blieben. Nur die großen, bewaldeten Gebiete im Norden des Landes wurden ihnen überlassen, da sich diese Räume für eine agrarische Erschließung nicht eigneten. Die Regierungsbehörden schlossen mit den Indianern Landabtretungsverträgen ab, was nicht immer ohne Druck oder Zwang erfolgte. Durch diese Verträge wurden den Indianern im Tausch gegen ihr Land jährliche Zahlungen zugesichert, die ihnen bis heute in Form von Unterstützungen für Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung zukommen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Wirtschaftsinteressen Kanadas aufgrund reichhaltiger Rohstoffpotentiale immer mehr auf den Norden gerichtet, auf Gebiete also, für die es noch keine vertraglichen Vereinbarungen mit der Urbevölkerung (Indianer und Inuit) gab. Vor der Inwertsetzung der großen Energie- und Rohstoffpotentiale mußten hier also erst entsprechende Verträge geschlossen werden. Bekanntestes Beispiel ist seit den 1970er Jahren das James-Bay-Projekt in Quebec, bei dem ehemalige Jagdgebiete der Cree-Indianer [11] als Überflutungsgebiete für riesige Hydro-Elektrizitätswerke beansprucht wurden. Auch die Kultur der Inuit ist, trotz ihrer Abgeschiedenheit, durch Kontakte mit der Außenwelt stark beeinflußt worden. Unter anderem hat die Nutzung von Flugzeugen ihr Leben verändert. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich ein Wandel von der ehemals weitgehend nomadischen Lebensweise hin zum Leben in kleinen, dauerhaften Siedlungen vollzogen.

Viele Ureinwohner haben mit ernsthaften ökonomischen Problemen zu kämpfen. Zum einen ist es schwierig, sich eine Lebensgrundlage auf dem nur begrenzt nutzbaren Land in den Reservationen aufzubauen, zum anderen ist eine ihrer wichtigsten Lebensgrundlagen, die Pelztierjagd, aufgrund internationaler Boykotte unrentabel geworden. Auch im Dienstleistungsbereich gibt es im Norden nur eine sehr begrenzte Zahl an Arbeitsplätzen. Die Abhängigkeit von Wohlfahrtszahlungen aufgrund von Armut ist somit zu einem weitverbreiteten Problem geworden.

Seit den 1960er Jahren haben sich die Ureinwohner zunehmend von der Vormundschaft der weißen Regierungsbehörden gelöst und auf Gemeindeebene sowie in den Schulen Selbstverwaltung erlangt. Außerdem kämpfen sie für eine stärkere Kontrolle über lokale Ressourcen und fordern eine Kompensation für das Land, von dem sie bei der Besiedlung durch den weißen Mann verdrängt wurden. Einige dieser Landansprüche (sogenannte land claims [12]) konnten inzwischen geklärt werden, indem individuellen Gruppen Nutzungsrechte über bestimmte Gebiete zugesprochen und wirtschaftliche Fördermaßnahmen durchgeführt worden sind.

Fragen und Aufgaben:

  • Wie wird der anhaltende Zustrom von Immigranten die Geographie Kanadas verändern? Welche Rolle spielt dabei die unterschiedliche ethnische Herkunft der Immigranten?
  • Inwiefern wird die Entstehung einer kanadischen Ethnizität die geographische Identität Kanadas verändern? Wie verträgt sich dies mit der verfassungsmäßig formulierten Definition einer multikulturellen Gesellschaft?
  • Warum ist es für die Urbevölkerungsgruppen schwierig, wirtschaftliche und politische Selbstbestimmung zu verwirklichen?
Interaktives Quiz

[1] http://members.tripod.com/~war1812/loyalists.html
[2] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo34a.htm
[3] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo18a.htm
[4] http://www.statcan.ca/english/census96/feb17/eo2can.htm
[5] http://www.mqup.mcgill.ca/book.php?bookid=1134
[6] http://www.infoplease.com/ce6/history/A0810115.html
[7] http://www.pch.gc.ca/progs/multi/what-multi_e.cfm
[8] http://www.gov.nb.ca/hrc-cdp/e/indexh.htm
[9] http://www.ainc-inac.gc.ca/pr/info/info114_e.html
[10] http://www.metisresourcecentre.mb.ca/index.htm
[11] http://arcticcircle.uconn.edu/CulturalViability/Cree/Feit1/index.html
[12] http://www.ualberta.ca/~esimpson/claims/introduction.htm


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