Texteinheit 9: Das kanadische Städtesystem

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Darstellung der Besonderheiten des kanadischen Städtesystems, der Bedeutung der Agglomerationsräume im städtischen und wirtschaftlichen Gefüge sowie der Vielfalt von ressourcenabhängigen Siedlungen in Vergangenheit und Gegenwart.

Schlüsselbegriffe: Räumliche Städteverteilung, Agglomerationsräume, städtische Räume, Metropolen, Hauptstadt, Regionalzentren, Industriestädte, ressourcenabhängige Städte, Städtesystem, Stadtentwicklung, Verstädterung


Die funktionale Organisation eines Landes wie Kanada ist nicht leicht. Ein Grundproblem liegt in der großen räumlichen Dimension (vgl. Texteinheit 1), bei einer nur geringen Bevölkerungszahl. Die Funktionsfähigkeit des Landes wird erst durch ein effektives Kommunikationswesen ermöglicht, das den Gütertransport, Geld- und Informationsfluß über das gesamte Land gewährleistet. Eine große Zahl von Menschen ist nötig, um landesweit ein effektives Netz von politischen Vertretungen, Wirtschafts- und Verwaltungsbehörden, Sozial- und Kultureinrichtungen usw. zu spannen, in das auch die kleinen und mittleren Zentren einbezogen sind. Ihnen kommt auf lokaler Ebene eine große Bedeutung zu, während die überregionalen Funktionen meistens in den größeren Städten konzentriert sind. Die Zentren haben somit hinsichtlich ihrer funktionalen Bedeutung einen unterschiedlichen Stellenwert, jedoch sind sie im Sinne einer Hierarchisierung eingebunden in ein landesweites Städtesystem, das im folgenden nur in den Grundzügen vorgestellt wird. Für eine genauere Analyse der Städte und Gemeinden hinsichtlich Bevölkerungs-, Bildungs- und Erwerbsstrukturen sind die Webseiten von Statistics Canada geeignet, die auf Daten der Volkszählung von 1996 basieren.

Rund 60% aller Kanadier leben in den 25 größten städtischen Metropolen des Landes, den sog. Census Metropolitan Areas (CMA). Der kanadische Census definiert eine CMA als ein urbanes Gebiet, das sich durch einen hohen Grad wirtschaftlicher und sozialer Verflechtung zwischen dem städtischen Kernbereich und dem ländlichen Umland auszeichnet. Im Kernbereich der CMA wohnen mindestens 100.000 Einwohner [1]. In Kanada gibt es vier städtische Agglomerationen mit einer Bevölkerung von mehr als 1 Millionen Einwohnern: Toronto [2] (4,3 Mio.), Montreal [3] (3,3 Mio.), Vancouver [4] (1,8 Mio.) und Ottawa-Hull [5] (1 Mio.). Zusammen konzentriert sich in diesen vier Regionen ein Drittel der kanadischen Bevölkerung. Weitere fünf Metropolen besitzen zwischen 500.000 und 1 Mio. Einwohner: Edmonton [6], Calgary [7], Quebec [8], Hamilton [9] und Winnipeg [10]. All diese Städte sind schwerpunktmäßig entlang eines mehr oder weniger breiten Siedlungsbands von Ost nach West entlang der US-amerikanischen Grenze ausgeprägt.

Toronto und Montreal sind die beiden national bedeutsamsten städtischen Großräume Kanadas. Sie liegen, wie auch die Bundeshauptstadt Ottawa, in Zentralkanada innerhalb eines Bandes, das in der Literatur einmal als die Hauptstraße Kanadas (Canada Main Street) bezeichnet worden ist und das sich von Québec Stadt bis nach Windsor im Süden Ontarios erstreckt. Seit den 1850er Jahren war Montreal für rund 100 Jahre die wichtigste Großstadt Kanadas, in der die Finanzkraft, die nationalen Transportunternehmen, bedeutende Industrieunternehmen sowie der Handel konzentriert waren. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Bankenaufsicht, die zunehmend wichtige Börse und die Hauptquartiere des Finanzsektors nach Toronto verlagert und die Stadt zum unumstrittenen Wirtschaftszentrum Kanadas werden lassen, auch wenn Montreal weiterhin eine bedeutende Rolle spielt. Ottawa besitzt als Bundeshauptstadt ebenfalls einen starken Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung Kanadas, insbesondere im Bereich der Zollbestimmungen und Handelsabkommen sowie bei der Bereitstellung von Fonds für Infrastrukturmaßnahmen und der Regulierung wirtschaftlicher Aspekte innerhalb und außerhalb des Landes.

In den maritimen Provinzen hat sich Halifax seit 1900 zum wichtigsten regionalen Zentrum entwickelt, in dem viele Zweigniederlassungen von Bundesämtern sowie von nationalen Wirtschaftsunternehmen ansässig sind. Die Stadt ist außerdem Hauptstadt Neuschottlands. Saint John (NB), Moncton (NB), Fredericton (Hauptstadt von NB), Charlottetown (Hauptstadt von PEI) und St. John’s (Hauptstadt Nfdl.) sind weitere wichtige regionale Zentren in der Atlantischen Region. Montreal ist nach wie vor das wichtigste wirtschaftliche Zentrum der Provinz Québec, Provinzhauptstadt ist aber die Stadt Québec. Zentraler Ort im südöstlichen Québec ist Sherbrooke, während Nordquébec von Chicoutimi-Jonquière aus versorgt wird. Eine besondere Bedeutung fällt Trois-Rivières zu, das sich als bedeutender Industriestandort zwischen Montreal und der Stadt Québec entwickelt hat.

Sowohl im industrialisierten als auch stark landwirtschaftlich geprägten Südontario haben zahlreiche urbane Zentren im Schatten von Toronto ein beachtliches Wachstum erfahren. Zwar überstrahlt Toronto als Provinzhauptstadt und Kanadas führende Metropole die Entwicklung, gleichwohl präsentieren sich viele mittlere und größere Städte als wachsende Dienstleistungs- und Industriezentren für ein jeweils eigenes lokales oder subregionales Umland. Dazu zählen London, Hamilton, St. Catherines-Niagara, Kitchener, Windsor und Oshawa. In Nordontario bilden Städte wie Sudbury, Thunder Bay und Sault Ste. Marie regionale Zentren in einem Landschaftsgebiet mit ausgedehnten Wäldern, Bodenschätzen und Freizeitressourcen.

In den Prärien erfuhr Winnipeg als Versorgungszentrum des vorwiegend agrarisch genutzten Landesinneren sowie als Provinzhauptstadt Manitobas ein beachtliches Wachstum. Die regionale Bedeutung dieser Metropole wurde jedoch deutlich eingeschränkt, als in den 1940er Jahren große Ölfelder in Alberta entdeckt wurden. In der Folgezeit etablierten sich Calgary und Edmonton als die führenden Städte der Prärien. Calgary wurde zum Verwaltungszentrum der Erdölindustrie, wo sich zunehmend auch Hauptsitze nationaler Unternehmen aus anderen Wirtschaftsbereichen angesiedelt haben. Edmonton ist die Hauptstadt von Alberta und das Tor zum Nordwesten Kanadas, verfügt aber auch über zahlreiche Industrieansiedlungen mit einem Schwerpunkt im petrochemischen Sektor. Lethbridge, Medicine Hat und Red Deer sind lokale Regionalzentren im südlichen Alberta, Grande Prairie und Fort McMurray versorgen den Norden der Provinz. Regina, die Hauptstadt Saskatchewans sowie Saskatoon, ein wachsendes Zentrum der Rohstoffindustrie, konnten mit der Entwicklung der Städte in Alberta nicht mithalten und auch Winnipeg nicht einholen.

Britisch-Kolumbien wird von dem Wirtschaftszentrum und Hafenstandort Vancouver dominiert. Als Kanadas Tor zum Pazifik expandiert diese Metropole besonders stark. Sie wird nicht nur in Kanada als eine der faszinierendsten und abwechslungsreichsten Städte des Landes gesehen, die gegenüber Toronto und Montreal ständig an Boden gewinnt. Gemeinsam mit der Provinzhauptstadt Victoria bildet der Großraum Vancouver das überragende städtische Zentrum im südwestlichen Teil Britisch-Kolumbiens. Auf Provinzebene stellen Kelowna und Kamloops im Süden, Prince George im Landesinneren und nach Vancouver die zweite pazifische Hafenstadt Prince Rupert im Norden weitere regionale Zentren dar.

Im Norden des Landes gibt es keine vergleichbaren Städte. Gemessen an der geringen Bevölkerungszahl gibt es gleichwohl einige bedeutsame regionale Zentren mit einem weiträumigen Versorgungsgebiet. Whitehorse ist die Hauptstadt des Yukon Territoriums, Yellowknife die der Northwest-Territorien. Iqaluit (ehemals Frobisher Bay) auf Baffin Island wurde zur Hauptstadt des 1999 gegründeten Nunavut erklärt. Andere hervorzuhebende Zentren, die hauptsächlich für die Versorgung der Inuitbevölkerung zuständig sind, sind Rankin Inlet an der Westküste der Hudson Bay sowie Inuvik nahe der Mündung des Mackenzieflusses in den Arktischen Ozean.

Fragen und Aufgaben:

  • Welche Probleme ergeben sich für die politische, soziale oder kulturelle Verwaltung Kanadas angesichts der Größe des Landes? In welcher Weise helfen die Städte dabei?
  • Analysiere mit Hilfe einer Atlaskarte die hierarchische und räumliche Verteilung der kanadischen Städte! Wie läßt sich der Begriff Hauptstraße Kanadas für die Achse von Québec Stadt nach Windsor (Ontario) rechtfertigen?
  • Was sind die wichtigsten Funktionen der großen Metropolen in Kanada heute im Vergleich zum Zeitpunkt ihrer Gründung?
Interaktives Quiz

[1] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/labor35.htm
[2] http://www.city.toronto.on.ca/
[3] http://www.tourisme-montreal.org/
[4] http://www.city.vancouver.bc.ca/
[5] http://www.city.ottawa.on.ca/
[6] http://www.edmonton.ca/
[7] http://www.calgary.ca/
[8] http://www.ville.quebec.qc.ca/en/accueil/index.shtml
[9] http://www.city.hamilton.on.ca/
[10] http://www.city.winnipeg.mb.ca/interhom/


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