Texteinheit 10: Der Dienstleistungssektor in Kanada

(Lindsay Porter und Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung : Kanada ist auf dem Weg in eine Dienstleistungsgesellschaft schon weit fortgeschritten. In dieser Texteinheit sollen einige allgemeine Kennzeichen des Tertiären Sektors der kanadischen Wirtschaft aufgezeigt werden. Dabei sollen die Besonderheiten eines so großen, aber dünnbesiedelten Landes herausgestellt werden.

Schlüsselbegriffe : Dienstleistungen (niedere, gehobene, öffentliche, produktionsnahe, private), Tertiärer Sektor, Standortfragen, Beschäftigung, Metropolitanregionen (CMAs), räumliche Dienstleistungsstruktur, Serviceeinrichtungen, Finanzwesen.

In der kanadischen Wirtschaft ist der Dienstleistungssektor auf dem besten Weg, die produktiven Wirtschaftsbereiche mehr und mehr zu verdrängen. Wie in vielen Ländern, die immer noch als Industrieländer bezeichnet werden, gehören dem Dienstleistungssektor heute schon mehr als 50 Prozent der Beschäftigten und der Wirtschaftsleistung an, wobei dieser Anteil weiter auf Kosten der Industrie und des primären Wirtschaftssektors im Wachsen begriffen ist. Vor allem im Vergleich zum sekundären Sektor ist es wichtig, die räumlichen Aspekte des Dienstleistungssektors zu beachten. Einige Serviceleistungen müssen überall im Lande zur Verfügung stehen (was in einem Land wie Kanada ein besonderes Problem darstellt), andere finden sich konzentriert nur an wenigen Punkten.

Im Gegensatz zu den produzierenden Wirtschaftsbereichen, wo das Ergebnis der Arbeit am Ende eines Tages vorliegt, ist der Dienstleistungsbereich nicht immer in gleicher Weise meßbar. Das breite Spektrum tertiärer Aktivitäten reicht von öffentlichen Einrichtungen (Krankenhäuser, Tagesstätten, Schulen) über produktionsnahe Servicebereiche (z.B. Computergesellschaften, Rechtsanwälte, Werbeagenturen) zu persönlichen Dienstleistungen (z.B. Babysitting, Hausangestellte etc.) bis zu freizeitorientierten Bereichen (z.B. Kinos, Theater, Sporteinrichtungen etc.) und darüber hinaus. Kaum ein Lebensbereich ist nicht von Dienstleistungen geprägt.

Dieses breite Spektrum macht eine weitere Differenzierung notwendig. Gemeinhin werden die Aktivitäten des tertiären Sektors zwischen einfache und gehobene Dienstleistungen unterschieden. Soweit sie durch eine vergleichsweise geringe technische Ausstattung gekennzeichnet sind, werden sie auch gelegentlich als Low-Tech Bereiche bezeichnet. Hierzu gehören z.B. der Handel, die persönlichen Dienstleistungen, das Hotel- und Gaststättengewerbe usw. Daneben gibt esDienstleistungen mit hoher technischer Ausstattung, die sog. High-Tech Service-Bereiche, die z.B. über ein hohes Maß an technischer Ausstattung insbesondere hinsichtlich des Datenmanagements verfügen.

Ontario [1] ist die Provinz Kanadas mit den höchsten Anteilen an Beschäftigten in den verschiedenen Bereichen des Servicesektors, gefolgt von Québec, Britisch-Kolumbien und Alberta. In Ontario entfallen 24,6 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich auf den Handel, 10,7 Prozent auf produktionsnahe Serviceleistunge, 9,1 Prozent auf das Hotel-und Gaststättengewerbe und 8,2 Prozent auf sonstige Bereiche [2]. Das Durchschnittseinkommen ist dabei sehr unterschiedlich. 1998 betrug es z.B. im produtionsnahen Bereich pro Woche 687,45 Dollars, im Hotel- und Gaststättengewerbe 231,29 Dollars und bei den sonstigen Bereichen 405,59 Dollars. Dies ist ein Indiz für den unterschiedlichen "Wert" der entsprechenden Dienstleistungen. Die höchsten Einkommen [3] in diesem Sektor werden einmal mehr in Ontario erzielt, gefolgt von Québec, Britisch-Kolumbien und Alberta. Sowohl die Beschäftigtenzahlen als auch die Einkommen sind in den letzten Jahren leicht angestiegen.

Immer bedeutender werden die gehobenen bzw. High-Tech Dienstleistungsbereiche, zu denen das Finanzwesen, Versicherungen, Immobilienverkehr, Erziehung und Ausbildung und damit verbundene Dienstleistungen [4], Gesundheits- und Sozialfürsorge und öffentliche Verwaltung zählen. Auch hier kommt Ontario die größte Bedeutung zu, gefolgt von Québec, Britisch-Kolumbien und Alberta. Auf den Finanz- und Bankenbereich, das Versicherungswesen und den Grundstücksverkehr entfallen 9,5 Prozent, auf das Erziehungswesen 10 Prozent, das Gesundheits- und Sozialwesen 12,8 Prozent, auf die öffentliche Verwaltung 6,8 Prozent und auf Sonstige 8,3 Prozent der Beschäftigten des Tertiären Sektors. Die Entwicklung [5] der letzten Jahre ist hier z.T. unterschiedlich verlaufen. Während im Finanz-, Versicherungs- und Grundstückswesen (plus 5,67 %) und im Gesundheits- und Sozialbereich (plus 1,25 %) zwischen 1996 und 1998 Zunahmen zu verzeichnen waren, mußten der Bildungssektor (minus 0,46 %) und die öffentliche Verwaltung (minus 3,5 %) Einbußen in den Beschäftigtenzahlen [6] hinnehmen.

Insgesamt ist aber in den letzten Jahrzehnten ein gewaltiger Bedeutungszuwachs [7] des Tertiären Sektors in Kanada zu beobachten, der überwiegend von produktionsnahen Aktivitäten (einschl. Kundenbetreuung, Kundendienste, Steuer-, Lohn-, Buchhaltungsberatung etc.) getragen wurde. Zwischen 1974 und 1994 hat sich die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Low-Tech Dienstleistungen um 86 Prozent erhöht. Im Bereich der produktionsnahen Dienstleistungen, auf den rd. sechs Prozent der Beschäftigten des Dienstleistungssektors entfallen, fand im gleichen Zeitraum eine Verdoppelung statt. Die unterschiedlich starken Zunahmen in den einzelnen Servicebereichen spiegeln deutlich das sich wandelnde Konsumentenverhalten wider, das sich in einer wachsenden Beanspruchung spezialisierter Dienstleistungen im privaten und öffentlichen Bereich niederschlägt. Eine weitere Konsequenz dieses Wandels ist die Entstehung neuer Servicebereiche, ein breiteres Serviceangebot und eine gesteigerte Effizienz dieses Sektors.

Der produktionsnahe Servicebereich [8] ist mit Abstand das dynamischste Segment des tertiären Wirtschaftssektors in Kanada. Interessanterweise entfällt innerhalb dieses Segments ein hoher Anteil der Beschäftigten (über 30 %) auf die Kategorie der Selbständigen. Hier wiederum sind es v.a. Computerarbeitsplätze und Unternehmensberatung (z.B. Werbeagenturen, PR-Büros, usw.), die sehr starke Beschäftigtenzunahmen und Einkommenszuwächse verzeichneten. Toronto [9] wies 1998 mit 161.000 Beschäftigten in diesem Servicebereich (= 29,7 %) innerhalb Kanadas die höchste Konzentration auf, gefolgt von Montréal (99.000 Beschäftigte = 18,2 %), Vancouver und Ottawa [10]. Ein allgemeines Kennzeichen ist hierbei, daß insbesondere die High-Tech Dienstleistungsunternehmen eine deutliche Tendenz zur Konzentration in den größeren Zentren des Landes erkennen lassen. Hierdurch werden einerseits die Transportkosten verringert, wichtiger sind aber die Verfügbarkeit von genügend spezialisierten Arbeitskräften und die Kontakt- und Kooperationsmöglichkeiten untereinander.

Betrachtet man die Wachstumsdynamik des tertiären Sektors landesweit, so zeichnen sich regionale Unterschiede ab. Relativ gleich verteilt finden sich Einrichtungen des Einzelhandels und freiwillige Dienstleistungsangebote (etwa von Vereinen oder Privatpersonen). Andere Bereiche, z.B. öffentliche Versorgungseinrichtungen, Kommunikationseinrichtungen u.ä., sind innerhalb des Städtesystems eher ungleich verteilt. Zum Beispiel gibt es zahlreiche Bundesbehörden (etwa für Urbevölkerungsangelegenheiten) in nahezu jeder Provinz [11]. Hochwertige Dienstleistungen, etwa im High-Tech oder Informatikbereich, sind dagegen oft nur in den acht größeren Metrolitanregionen (CMAs) anzutreffen, also in Toronto, Montréal, Vancouver, Ottawa-Hull, Edmonton, Calgary, Winnipeg und Québec-Stadt. Auf diese acht Zentren entfallen allein 51,2 Prozent aller High-Tech Serviceunternehmen des Landes. Gleichzeitig sind diese Städte am besten im Bereich der Finanzdienstleistungen ausgestattet, etwa durch Bankniederlassungen (vgl. die Royal Bank Financial Group [12]) und Versicherungsgesellschaften (z.B. Manulife Financial [13]). Bezeichnend ist, daß rund die Hälfte aller Beschäftigten des produktionsnahen Dienstleistungsbereichs allein in den drei Städten Toronto, Montréal und Vancouver beschäftigt ist. Ein anderer Indikator: die Hälfte aller Beschäftigten Kanadas in den Bereichen Finanzwirtschaft, Versicherungswesen und Grundstücksverkehr (FIRE = Finance, Insurance, Real Estate) ist in den vier größten Städten des Landes konzentriert.

Die öffentlichen Dienstleistungsbereiche, wie z. B. Erziehung- und Ausbildung, Gesundheits- und Sozialwesen u.ä., die überwiegend staatliche Einrichtungen verkörpern, befinden sich landesweit in einer relativ gleichmäßigen Verteilung. Diese ist natürlich abhängig von der räumlichen Bevölkerungsverteilung, jedoch gibt es auch einige Besonderheiten. So sind z. B. militärische Einrichtungen mehr von strategischen als von öffentlichen Interessen determiniert. Auch im Bereich des Transportwesens, der öffentlichen Versorgungsnetze und der Kommunikationseinrichtungen (Flughäfen, Häfen u.ä.) gibt es Einflußfaktoren, die eine gewisse Ungleichmäßigkeit der Verteilung bedingen können - man denke an Reliefverhältnisse, natürliche Hindernisse, Ressourcenverteilung usw. Natürlich ist auch die Verteilung der Einzelhandelsinfrastruktur abhängig von solchen Faktoren, v.a. aber von der Bevölkerungszahl und der damit verbundenen Kaufkraft innerhalb eines bestimmten Gebietes. Diesbezügliche Fluktuation haben auch unmittelbare Wirkungen auf die Einzelhandelsnetze innerhalb des Landes, ebenso wie der Wettbewerb immer wieder Änderungen bewirkt. So ist gerade in jüngster Zeit eines der bekanntesten Einzelhandelsunternehmen des Landes (Eaton's, machte 1999 bankrott und wurde aufgelöst) von der Landkarte verschwunden, während sich andere behaupten konnten, wie etwa die traditionsreiche Hudson's Bay Company [14]. Vor allem in den einsameren ländlichen Räumen Kanadas müssen die Menschen oft größere Strecken zurücklegen, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Aber auch hier haben sich Änderungen vollzogen: selbst in diesen entfernten Gegenden gibt es heute bereits verbreitet die Möglichkeit, sich über Internet zu versorgen [15].

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.gov.on.ca/MBS/english/about/economy2.html#finance
[2] http://www.StatCan.CA/english/Pgdb/fin14b.htm
[3] http://www.StatCan.CA/english/Pgdb/fin12.htm
[4] http://www.wlu.ca/directories/index.shtml
[5] http://www.statcan.ca/english/Subjects/Labour/LFS/lfs-en.htm
[6] http://www.2ontario.com/welcome/oolf_303.asp
[7] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/labor46.htm
[8] http://www.StatCan.CA/english/Pgdb/fin11.htm
[9] http://www.on.hrdc-drhc.gc.ca/english/lmi/eaid/ore/lmr/to/2000/a2000_to_e.html
[10] http://www.on.hrdc-drhc.gc.ca/english/lmi/eaid/ore/lmr/eo/2000/ottawa_10yr_e.html
[11] http://www.ainc-inac.gc.ca/ro/index_e.html
[12] http://www.royalbank.com/
[13] http://www.manulife.com/corporate1.nsf/public/index.html
[14] http://www.hbc.com/bay/
[15] http://www.canada.com/shopping/


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