Kanada [1] ist ein sehr großes Land (9,97 Mio. km²) mit einer sehr niedrigen Bevölkerungszahl, die dazu sehr ungleichmäßig im Raum verteilt ist [2]. Die wichtigsten Zentren sind Toronto [3], Montréal [4] und Vancouver [5], Städte, die noch kräftig im Wachsen [6] begriffen sind. Um 1800 lebten lediglich fünf Prozent der Kanadier in städtischen Siedlungen. Ab 1920 überwog der städtische den ländlichen Bevölkerungsanteil, heute leben 78 Prozent der Bevölkerung in Städten. Dieser Urbanisierungstrend wurde und wird weiter verursacht durch das Arbeits- und Serviceangebot , das hohe Maß an Spezialisierung – etwa in den High Tech-Berufen, die Bildungsmöglichkeiten im schulischen, universitären und Forschungsbereich, das innovative Potential, die Kapitalkonzentration, die Versorgungsmöglichkeiten usw.
Im weltweiten Vergleich reiht sich Kanada ein in die Reihe der hochurbanisierten Länder wie Nordamerika, Nordwest-Europa, Australien und Neuseeland. Diesen stehen die Länder mit einem niedrigen Urbanisierungsgrad in Asien und Afrika gegenüber. Aber innerhalb der urbanisierten Länder weist Kanada zahlreiche Besonderheiten auf. So leben z.B. allein rund 60 Prozent der Bevölkerung in den 25 größten Agglomerationsräumen des Landes, den sog. Metropolitanregionen (Census Metropolitan Areas oder CMAs). Statistische Untergrenze für eine CMA ist eine Bevölkerungszahl von mindestens 100.000. Die vier größten CMAs des Landes [7] mit je über 1 Mio. Einwohnern sind Toronto, Montréal, Vancouver und Ottawa-Hull. Zusammengenommen wohnen in diesen vier Zentren ein Drittel der kanadischen Bevölkerung. Unter den nächstgrößeren CMAs mit Bevölkerungszahlen von jeweils zwischen 500.000 und 1 Mio. finden sich Edmonton [8], Calgary [9], Québec (Stadt) [10], Hamilton [11] und Winnipeg [12]. Allein neun der 25 CMAs des Landes liegen in Ontario, sechs weitere in Québec, je zwei in Britisch-Kolumbien, Alberta und Saskatchewan und je eine in Manitoba, Neu-Braunschweig, Neu-Schottland und Neufundland. Zwischen 1992 und 1996 verzeichneten alle CMAs ein Bevölkerungswachstum, mit Ausnahme von St. John’s (Neufundland), Chicoutimi-Jonquière (Québec) und Sudbury [13] (Ontario). Vancouver hatte im gleichen Zeitraum mit 10,6 Prozent den höchsten Zuwachs, gefolgt von Oshawa [14] (Ontario, 8,6 %) und Calgary (Alberta, 7,8 %).
Innerhalb der 25 CMAs führt Toronto die Rangliste mit einer Einwohnerzahl von 4,3 Mio. an und es ist zu erwarten, daß im Jahr 2001 die 5 Mio.-Grenze überschritten sein wird.. Es ist gleichzeitig die Stadt mit der höchsten absoluten Erwerbsbevölkerungszahl im sekundären Sektor (Gewerbe, Industrie, Bauwirtschaft). Auch andere Städte Ontarios und Québecs weisen hohe prozentuale Anteile in diesem Sektor aus (z.B. Windsor [15] 33,7 %, Kitchener 32,0 %, Oshawa 27,2 %, Hamilton 25,4 %, Trois-Rivières 23,9 %, Sherbrooke [16] 23,0 %). Auffällig ist, daß in einigen CMAs relativ hohe Erwerbsbevölkerungsanteile im primären Wirtschaftssektor (Landwirtschaft, Fischerei, Bergbau) ausgewiesen sind (vgl. Tab. 11.1), so etwa in Sudbury (10,3 %) aufgrund des Bergbaus oder in Calgary (6,5 %) und den übrigen Präriestädten, die inmitten der großen Agrarräume des Landes liegen. In Ottawa-Hull [17], also der Bundeshauptstadt, ist mit 87,6 Prozent der höchste Anteil im tertiären Sektor (Dienstleistungen im weitesten Sinne) verzeichnet, der im übrigen auch in den Zentren der pazifischen und der atlantischen Küstenregionen über dem Durchschnitt liegt. Zusammengenommen dominiert jedoch landesweit der tertiäre Sektor im Erwerbsleben der Städte. Nimmt man alle 25 CMAs zusammen, so sind in ihnen 7,13 Mio. Menschen (= 78,5 %) im tertiären Sektor, weitere 1,78 Mio. (= 19,6 %) im sekundären und lediglich 171.635 (= 1,9 %) im primären Sektor beschäftigt.
Tab. 11.1: Sektorale Gliederung der Erwerbsbevölkerung in den "Metropolitanregionen" Kanadas (CMA = Census Metropolitan Area)
|
CMA |
Primärer Sektor |
Sekundärer Sektor |
Tertiärer Sektor |
Gesamt |
|||
|
|
Absolut |
Prozent |
Absolut |
Prozent |
Absolut |
Prozent |
Absolut |
|
St. John’s |
1.870 |
2,2 |
9.070 |
10,9 |
72.200 |
86,8 |
83.145 |
|
Halifax |
2.090 |
1,2 |
19.580 |
11,2 |
152.250 |
87,6 |
173.740 |
|
Saint John |
1.390 |
2,3 |
11.315 |
19,2 |
46.110 |
78,3 |
58.820 |
|
Chicoutimi-J. |
2.050 |
2,9 |
14.430 |
20,6 |
53.365 |
76,4 |
69.835 |
|
Québec |
4.655 |
1,3 |
45.175 |
13,3 |
276.190 |
81,8 |
337.425 |
|
Sherbrooke |
1.345 |
1,8 |
16.450 |
23,0 |
53.650 |
75,1 |
71.400 |
|
Trois-Rivières |
1.235 |
1,9 |
15.200 |
23,9 |
46.960 |
74,0 |
63.395 |
|
Montréal |
12.500 |
0,7 |
350.445 |
21,7 |
124.687 |
77,4 |
1.609.820 |
|
Ottawa-Hull |
6.185 |
1,1 |
60.585 |
11,3 |
464.720 |
87,4 |
531.495 |
|
Oshawa |
2.025 |
1,5 |
35.640 |
27,2 |
95.750 |
71,2 |
134.410 |
|
Toronto |
16.050 |
0,7 |
473.800 |
21,6 |
169.459 |
77,5 |
2.184.260 |
|
Hamilton |
5.690 |
1,8 |
79.05ß |
25,4 |
225.340 |
72,6 |
310.105 |
|
St.Catherines |
6.420 |
3,6 |
44.620 |
25,1 |
126.365 |
71,2 |
177.415 |
|
Kitchener |
2.945 |
1,4 |
65.000 |
32,0 |
134.975 |
66,5 |
202.935 |
|
London |
5.005 |
2,4 |
43.180 |
21,2 |
155.105 |
76,4 |
203.295 |
|
Windsor |
2.075 |
1,4 |
46.804 |
33,7 |
89.680 |
64,7 |
138.580 |
|
Sudbury |
7.810 |
10,3 |
9.675 |
12,6 |
58.750 |
77,0 |
76.230 |
|
Thunder Bay |
2.205 |
3,5 |
11.210 |
17,8 |
49.400 |
78.6 |
62.820 |
|
Winnipeg |
4.635 |
1,3 |
60.780 |
17,7 |
277.915 |
80,9 |
343.355 |
|
Regina |
3.130 |
3,0 |
11.935 |
11,7 |
86.530 |
85,1 |
101.605 |
|
Saskatoon |
6.700 |
5,9 |
16.930 |
14,9 |
89.630 |
79,1 |
113.280 |
|
Calgary |
30.460 |
6,5 |
75.005 |
16,1 |
349.560 |
75,1 |
465.040 |
|
Edmonton |
19.485 |
4,2 |
76.000 |
16,4 |
366.985 |
79,3 |
462.485 |
|
Vancouver |
19.860 |
2,0 |
166.625 |
17,2 |
777.385 |
80,6 |
963.900 |
|
Victoria |
3.820 |
2,4 |
17.880 |
11,3 |
136.000 |
86,2 |
157.705 |
Die meisten Stadtregionen weisen eine deutliche funktionale Zonierung auf. Ein Modell, das diese Struktur relativ gut beschreibt, ist das von Burgess entwickelte Zonen-Rand-Modell. Es basiert auf der Annahme von einem homogenen und allseits gut erreichbaren Raum, in dem sich ein freier Wettbewerb entfalten kann. Im Zentrum der Städte befindet sich demnach das sog. CBD (central business district), in dem sich hochwertige Dienstleistungs- und Versorgungsfunktionen konzentrieren. Das CBD ist umgeben von einer Zone gewerblicher Aktivität, an die sich eine Übergangszone anschließt, in der sich hohe Anteile sozial schwacher Bevölkerung befinden. Baulicher Zerfall und Slumbildung sind häufig die stadtmorphologischen Kennzeichen dieser Zone. An diese Übergangszone schließen sich dann die Wohnbezirke an, mit einer Abfolge von Vierteln der niedrigen Einkommensschichten (Arbeiterwohngebiete, sog. blue collar zone), der Zone der Einfamilienhäuser- und Wohnblockbebauung und schließlich der Wohnviertel der höheren Sozialschichten (upper class).
Nicht alle CMAs in Kanada entsprechen jedoch diesem Modell. Auch Sektorenmodelle und Mehrkernmodelle sind anwendbar. Das Sektorenmodell von Hoyt geht z.B. davon aus, daß sich die verschiedenen Sektoren einer Stadt keilförmig um das CBD anordnen. Diese Modellvorstellung mißt vor allem den auf das Zentrum hin ausgerichteten Verkehrsachsen große Bedeutung zu, entlang derer sich unterschiedliche Nutzungsmuster entwickeln. In den verschiedenen Keilen siedeln sich, je nach Ausstattung, verschiedene Sozialschichten oder Industrieviertel an. Demgegenüber geht das Mehrkernmodell davon aus, daß sich im Stadtzentrum die hochwertigen Dienst- und Versorgungsleistungen konzentrieren, daß sich die weitere Stadtentwicklung dann aber in voneinander getrennt liegenden Kernen mit unterschiedlicher funktionaler Zuordnung und Distanz zueinander vollzieht. So finden sich gewerblich-industrielle Kerne in Anlehnung an die Verkehrsanbindung, die Schwerindustriegebiete in den Stadtrandzonen, die Wohnbezirke und die Schlafstädte zerstreut in der suburbanen Zone. Die Zahl und der Umfang dieser Kerne ist nicht konstant, sondern von den allgemeinen Strukturgegebenheiten der Städte abhängig. Das gleiche gilt für die einzelnen Kerne, die sich mit unterschiedlicher Eigendynamik in Abhängigkeit von Grundstückspreisen, spezieller Eignung für bestimmte Aktivitäten u.ä. entwickeln können. Letztlich entspricht keine der kanadischen Städte modellhaft einer dieser drei Vorstellungen, jedoch sind Teilaspekte von ihnen in unterschiedlicher Deutlichkeit und Kombination auf sie anwendbar.
Das starke Bevölkerungswachstum und die zunehmende funktionale Diversifizierung der Städte erfordert ständig neue Maßnahmen, um in ihnen die Arbeitswelt und die Lebensqualität zu erhalten. Professionelle Stadtplanung ist zu einem wichtigen Instrument geworden, um diese Verhältnisse zu analysieren und Vorschläge zur Erhaltung und Strukturierung der städtischen, regionalen, sozialen und physischen Umwelt zu entwickeln. Hierbei spielen technologischer Fortschritt und moderne Formen der Kommunikation eine immer wichtigere Rolle. So gibt es heute z.B. das Canadian Urban Institute [18], eine non-profit Organisation in Toronto, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Konzepte zur Verbesserung der Lebensqualität in Großstadtregionen zu erarbeiten. Zu ihren Hauptzielen zählt es, die Probleme städtischer Räume gegenüber Wirtschaft, Regierungs- und sonstigen Schlüsselinstitutionen verständlich zu machen und entsprechende Handlungsrahmen zu entwickeln. Das Institut ist sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene tätig.
Zu den Besonderheiten der Städtehierarchie Kanadas zählt die Tatsache, daß vierzehn der CMAs Hauptstadtfunktion [19] haben. Es sind dies, neben der Bundeshauptstadt Ottawa, die Provinzhauptstädte St. John’s [20], Halifax [21], Québec, Toronto, Winnipeg, Regina [22], Edmonton und Victoria [23]. Unter all diesen ragt Toronto [24] in jeder Beziehung heraus, was der Stadt den Beinamen "die fleißige Stadt" (the city that works) oder das "Stadtwunder" (urban miracle) eingebracht hat. Es ist die Stadt mit der höchsten Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten in Kanada, in der allein 40 Prozent der Tausend größten Unternehmen des Landes ihren Sitz haben. Kennzeichen ist dabei ein hohes Maß an Diversifizierung in den Bereichen Industrie/Gewerbe, Groß- und Einzelhandel und in anderen Wirtschaftsbereichen. Allein Toronto produziert jährlich zwischen 20 und 25 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts. Die beiden nächstgrößeren CMAs, nämlich Montréal [25] und Vancouver [26], haben keinen Hauptstadtstatus. Sie zählen gleichwohl zu den dynamischsten Zentren des Landes - und zu den schönsten. In einer von der schweizerischen Corporate Resources Group (Genf) 1995 erstellten Hitliste der 118 schönsten Städte der Welt nahm Vancouver die zweite Position ein. Im Dezember 1997 wurde Vancouver, in einem erneuten Ranking durch die gleiche Institution, sogar das Attribut der Stadt mit der höchsten Lebensqualität auf der Welt zugesprochen, gefolgt von Auckland (Neuseeland) und Toronto. Kanada war somit gleich zweimal auf dem Siegertreppchen der attraktivsten Städte der Welt vertreten, Montréal nahm mit Platz 15 einen weiteren respektablen Platz ein. Eine Sonderstellung nimmt die Bundeshauptstadt Ottawa [27] ein, die, gemeinsam mit Hull, die viertgrößte CMA Kanadas bildet. Ottawa (Provinz Ontario) ist der eigentliche Sitz der Regierung, während die gegenüberliegende Stadt Hull (Provinz Québec) eine dynamische Geschäfts-, Beamten- und Wohnstadt darstellt. Das Regierungsviertel (Parliament Hill) ist im Zentrum Ottawas gelegen. Die Bundesbehörden allein stellen rd. 20 Prozent der Arbeitsplätze in dieser Agglomeration.
Zusammenfassend sei hervorgehoben, daß der Urbanisierungsprozeß in Kanada unzweifelhaft einige Besonderheiten aufweist, die sich nur daraus erklären lassen, daß aus einem Pionierland innerhalb weniger Jahrzehnte ein hochentwickeltes Industrieland geworden ist. Das rasante Wachstum der CMAs wurde begleitet und verursacht durch einen raschen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel, der sich im Rahmen der Industrialisierung, der laufenden Modernisierung und der aktuellen Transformationsprozesse vollzogen hat und weiter vollzieht. Getragen wurde dieser Wandel von einem produktiven Agrarsektor, der in der Lage war, eine zunehmend urbane Bevölkerung zu ernähren und darüber hinaus Überschüsse zu produzieren, und dies trotz der Tatsache, daß immer mehr Menschen diesen Wirtschaftssektor zugunsten der Städte verlassen haben. Eine mindestens ebenso wichtige Voraussetzung war, angesichts der Dimensionen des Landes, ein effizientes Verkehrs- und Transportsystem, das es ermöglichte, Rohstoffe und lebenswichtige Güter auch über große Distanzen wettbewerbsfähig in die urbanen Zentren zu bringen. Hilfreich war in dem Prozeß der rasche Technologiewandel, der auch für die künftige Entwicklung eine wichtige Basis darstellen wird.
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