Texteinheit 12: Strukturen des Binnen- und Außenhandels in Kanada

(Lindsay Porter und Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Die ungleiche Verteilung der Rohstofflagerstätten und der Produktionszentren Kanadas bedingen einen regen Handelsaustausch innerhalb des Landes, gleichzeitig ist Kanada ein wichtiger Handelspartner in globaler Sicht. Einige Grundstrukturen sollen in diesem Kapitel aufgezeigt werden.

Schlüsselbegriffe: Binnenhandel, Außenhandel, Handelspartner, Warenaustausch, Import, Export

Die Gesamtbevölkerung Kanadas [1] betrug zur Jahrtausendwende rd. 30 Millionen Menschen [2]. Trotz dieser geringen Bevölkerungszahl produziert das Land eine breite Palette von Gütern und Dienstleistungen. Diese sind Gegenstand intensiver Handelsbeziehungen [3] sowohl innerhalb des Landes (Binnenhandel) als auch in internationaler Dimension (Außenhandel). Gleichzeitig ist Kanada aber auch ein wichtiger Importeur von Gütern und Dienstleistungen aus anderen Ländern. Auch diesbezüglich sind die Binnenhandelsbeziehungen intensiv. Für die Provinzen haben jedoch durchweg die internationalen Handelsbeziehungen eine größere Bedeutung als die Binnenhandelsbeziehungen, wobei letztere sogar in den vergangenen Jahren einen Abwärtstrend erkennen lassen. Im räumlichen Vergleich ergeben sich markante Unterschiede hinsichtlich der Bedeutung der verschiedenen Handelsgüter. Gleiches gilt auch für die Partnerländer, wobei die Bedeutung der Vereinigten Staaten besonders augenfällig ist (vgl. Tab. 12.1).

Tabelle 12.1: Zielländer/-räume für kanadische Exporte

Jahr USA Japan Europ. Union Sonstige OECD-St. Sonstige Wert Mrd.$
1993 78,4 % 4,8 % 6,3 % 1,7 % 8,8 % 190,21
1999 83,6 % 3,0 % 5,5 % 2,4 % 5,5 % 360,61
Quelle: Statistics Canada [4a]


Einige Unterschiede in der regionalen Außenhandelsstruktur seien nachfolgend aufgezeigt und an einigen Provinzen exemplarisch diskutiert. So bestehen rd. 63 Prozent der Exporte Britisch-Kolumbiens [5] aus Holz bzw. Holzprodukten, wobei der Anteil an Bauholz 22,9 Prozent beträgt, gefolgt von Holz/Papierbrei (9,24 %), Naturgas, Ölkohle, Zeitungspapier und Kupfererz. Obwohl die Außenhandelspalette der Provinz recht breit ist, ist doch kennzeichnend, daß es sich bei rd. zwei Dritteln der Exportgüter um Rohstoffe oder Halbfertiggüter handelt. Von daher sind die Bestrebungen verständlich, eine stärkere Weiterverarbeitung der Rohstoffe innerhalb der Provinz zu erreichen, um damit die Mehrwerterzeugung und den Warenwert im eigenen Lande zu erhöhen.

Während die Exporte Britisch-Kolumbiens in starkem Maße durch Holzprodukte gekennzeichnet sind, liegen die Schwerpunkte Saskatchewans [6] auf Weizen, Kalisalz, Ölsaaten, Pottasche [7] (Kaliumkarbonat), Uran, Eisen und optischen Erzeugnissen. Weizen [8] ist ganz allgemein das wichtigste Handelsprodukt der kanadischen Prärien, die sich über 1500 km von den Rocky Mountains im Westen Albertas bis zum Kanadischen Schild im Osten Manitobas erstrecken und die eine Fläche von rd. 49 Mio. Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche umspannen. Rund die Hälfte dieser Fläche wird alljährlich mit Weizen ausgestellt, die Ernte entspricht rd. 21 Prozent der Weltweizenproduktion. Alljährlich exportiert das kanadische Weizensyndikat (CWB = Canadian Wheat Board [9]) mehr als 25 Mio. Tonnen Getreide in über 70 Länder der Erde [10]. Der größte Teil dieser Exporte erfolgt direkt zwischen der CWB und den Abnehmerländern, jedoch wird auch ein Teil dieses Handels über große Exportagenturen abgewickelt. Hierbei kann es sich um nationale oder multinationale Gesellschaften handeln, wie z.B. Ag Pro Grain Inc. und ADM Milling Company, die von der CWB große Kontingente übernehmen, um sie ihrerseits an die Endverbraucher weiterzuverkaufen. Neben dem Weizen ist Pottasche das wichtigste Exportprodukt Saskatchewans, das der Provinz 1997 z.B. 1,7 Milliarden Dollars einbrachte.

Das größte Außenhandelsvolumen unter den kanadischen Teilregionen verzeichnete indessen 1997 Ontario mit einem Exportvolumen [11] von 154 Milliarden Dollars. Wichtige Exportartikel waren dabei Kraftfahrzeuge, Autoteile, Gold, Zeitungspapier, Spezialpapiere und Nickel. Die kleinste Provinz des Landes, die Prinz Eduard-Insel, ist berühmt für den Export von Kartoffeln [12] in jeglicher Form, ob tiefgefroren (25,4 %) oder frisch (13,2 %), als pommes frites, Chips oder in anderen Veredelungsvarianten.

Tab. 12.2: Kanadas wichtigste Exportgüter

Produktengruppe 1994 1998
Maschinen & Ausrüstung 20,2 % 24,5 %
Kraftfahrzeuge und Autoteile 25,2 % 24,0 %
Sonstige Industriegüter 18,7 % 17,8 %
Holz und Holzprodukte 12,8 % 10,9 %
Landwirtschaft & Fischerei 8,2 % 7,8 %
Energie 8,5 % 7,4 %
Sonstige Güter 6,6 % 7,6 %
Gesamtwert in Mrd. Dollars 228,17 322,26
Quelle: Statistics Canada [4b]


Tabelle 12.3. Kanadas wichtigste Importgüter

Produktengruppe 1994 1998
Maschinen & Ausrüstung 31,6 % 33,4 %
Kraftfahrzeuge und Autoteile 23,0 % 22,0 %
Sonstige Industriegüter 8,7 % 9,3 %
Holz und Holzprodukte 8,7 % 0,8 %
Landwirtschaft & Fischerei 6,1 % 5,7 %
Energie 3,3 % 2,9 %
Sonstige Güter 18,6 % 25,9 %
Gesamtwert in Mrd. Dollars 207,87 303,40
Quelle: Statistics Canada [4c]


Nicht weniger gefächert, jedoch mit anderen räumlichen und produktbezogenen Schwerpunkten zeigt sich die Situation bei den Importen. Den höchsten Anteil am Importvolumen des kanadischen Außenhandels hat einmal mehr Ontario mit 66,5 Prozent, wovon allein 77,7 Prozent aus den Vereinigten Staaten stammen. Wichtigste Importgüter der Provinz sind Autoteile und Motoren. Britisch-Kolumbien importiert beträchtliche Mengen an Autoteilen, Computergeräten, Traktoren sowie elektrischer und sonstiger High-Tech Artikel, ähnlich wie Saskatchewan, wo neben dem Import von optischen Fasern aber auch völlig andere Warengruppen wie Raupen und Bagger, Traktoren, Schwerkraftfahrzeuge u.ä. eine wichtige Rolle spielen. Die stark durch die Landwirtschaft geprägte Provinz Prinz Eduard-Insel benötigt dagegen großen Mengen an Düngemitteln wie Phosphate oder Nitrate.

Betrachtet man die Situation Ontarios etwas genauer, so ist auffällig, daß 94 Prozent des Exports in die Vereinigten Staaten gehen, während 77,7 Prozent der Importe aus dem Nachbarland stammen. Zu den wichtigen Handelspartnern gehören außerdem das Vereinigte Königreich, Deutschland, Mexico, Japan und Norwegen. Auch die Exportanteile Britisch-Kolumbiens in die USA (65,3 %) liegen sehr hoch, wie auch in Saskatchewan (61,9 %) Zweitwichtigstes Exportland für diese Provinzen ist Japan. Prinz Eduard-Insel exportiert hauptsächlich in die USA (71,3 %), danach folgen Venezuela, Uruguay, Norwegen, Portugal, die Dominikanische Republik, Trinidad und Tobago. Interessanterweise bezieht diese Provinz jedoch nur 18,5 Prozent ihrer Importe aus den USA, während Rußland mit 63,3 Prozent den höchsten Anteil unter den Importländern [13] einnimmt. Ganz allgemein ist PEI die Provinz Kanadas, die am stärksten importabhängig ist. Nimmt man alle Exporte und Importe der kanadischen Wirtschaft zusammen, so ergibt sich lediglich ein leichter Exportüberschuß in der Außenhandelsbilanz, wie der Vergleich der Tabellen 12.2. und 12.3. erkennen läßt.

Auch der Binnenhandel zwischen den Provinzen ist sehr bedeutend. Er macht 20 Prozent des kanadischen Brottoinlandsprodukts aus, mehr als z.B. der Handel innerhalb der Europäischen Union. 1995 war allerdings Ontario die einzige Provinz des Landes, die im Binnenhandel einen Überschuß erzielen konnte (25 Mrd. Dollars). Das größte Defizit hatte Britisch-Kolumbien (7,8 Mrd. Dollars), gefolgt von Neufundland (3,4 Mrd.), Saskatchewan (3,1 Mrd.), Alberta (2,9 Mrd.) und Neu-Schottland (2,9 Mrd.). Zwischen 1990 und 1995 waren die Binnenhandelsbilanzen aller Provinzen, ausgenommen Québec, relativ stabil. Québec hatte 1990 noch einen Überschuß von 2,6 Mrd. Dollars, 1995 betrug das Defizit aber bereits 1,2 Milliarden. Unter allen kanadischen Provinzen ist die Prinz Eduard-Insel am stärksten binnenmarktabhängig. 1995 entfielen 79,2 Prozent des BIP dieser Provinz auf den Warenaustausch mit anderen kanadischen Teilregionen. Diese starke Abhängigkeit (besonders von Importen) ist auch für die anderen maritimen Provinzen Kanadas kennzeichnend. In etwas abgeschwächtem Maße trifft dies auch für die Prärieprovinzen zu. In Ontario, Britisch-Kolumbien und Québec sind demgegenüber die internationalen Handelsbeziehungen bedeutender.

Um den Warenaustausch zwischen den kanadischen Provinzen zu erleichtern und zu stimulieren wurde am 1. Juli 1995 ein Binnenhandelsabkommen (Agreement on Internal Trade) in Kraft gesetzt. Seine Hauptaufgabe ist, die Handels-, Investitions- und sonstige Hindernisse innerhalb Kanadas zu beseitigen [14]. Dies wird teilweise dadurch erreicht, daß die Besteuerungspraxis [15] für Güter, die in anderen Provinzen produziert werden, erheblich eingeschränkt wurde. Auch die Entscheidungsautonomie der Provinzen hinsichtlich des freien Personen-, Waren-, Güter- und Dienstleistungsverkehrs wurde beschnitten. Zur Förderung des Binnen- und Außenhandels wurden spezielle Organisationen geschaffen, so z.B. die Ontario International Trade Corporation, eine Unterabteilung des Ministeriums für Wirtschafts-, Handels- und Tourismusentwicklung (Ministry of Economic Development, Trade and Tourism). In der atlantischen Region wurde die Atlantic Canada Opportunities Agency (ACOA) gegründet [16], um speziell die internationalen Handelsbeziehungen der Atlantikregion zu fördern. Auf nationaler Ebene etablierte sich die Canadian Exporters Association (CEA), eine private non-profit-Organisation, deren Hauptaufgabe in der Förderung der Binnen- und Außenhandelsbeziehungen des Landes besteht.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.nides.bc.ca/Assignments/Canada/Paper12/Population.htm
[2] http://www.statcan.ca/english/edu/clock/population.htm
[3] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/gblec02a.htm
[4a/4b/4c] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/gblec04.htm
[5] http://www.bcstats.gov.bc.ca/data/bus_stat/trade.htm
[6] http://www.gov.sk.ca/bureau.stats/pea/rnexfish2.pdf
[7] http://www.ir.gov.sk.ca/Default.aspx?DN=3558,3541,3538,3385,2936,Documents
[8] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/econ100a.htm
[9] http://www.cwb.ca/en/index.jsp
[10] http://www.cwb.ca/en/news/releases/2003/082903.jsp
[11] http://www.2ontario.com/facts/fact04.asp
[12] http://www.peipotato.org/why_pei.asp
[13] http://strategis.ic.gc.ca/sc_mrkti/tdst/engdoc/tr_homep.html
[14] http://strategis.ic.gc.ca/SSG/il00020e.html
[15] http://strategis.ic.gc.ca/sc_mrkti/iptrade/engdoc/iptrd_hpg.html
[16] http://www.acoa.ca/


Seitenanfang Inhalt VGT Home