Seit dem 1. Januar 1994 ist das nordamerikanische Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA [1]) in Kraft. Hauptziel dieses Abkommens ist es, den Handel zwischen den beteiligten Ländern - d.s. derzeit Kanada, die Vereinigten Staaten und Mexico - durch den Abbau der Zollschranken zu erleichtern und zu fördern. Es soll gleichzeitig den gesunden Wettbewerb, die Investitionsbereitschaft und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit fördern. Obwohl die Vorteile von NAFTA für die drei beteiligten Länder offensichtlich sind, gibt es doch noch viele skeptische Stimmen [2].
Auch vor NAFTA gab es bereits Handelsabkommen der verschiedensten Art, die sich für Kanada teils positiv, teils negativ auswirkten. So bewirkte z.B. der Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Union (EU) eine deutliche Reduzierung seiner Importe aus Kanada. Dies war symptomatisch, denn die Mitgliedsländer der EU haben seit ihrem Zusammenschluß den Handel untereinander sehr intensiviert, was teilweise zur Reduzierung der Handelsbeziehungen [3] mit anderen Ländern, so auch Kanada, geführt hat. Im Gegensatz dazu hat sich das am 1. Januar 1989 abgeschlossene Freihandelsabkommen mit den USA (US-Canada Free Trade Agreement - US-CFTA) für Kanada sehr positiv ausgewirkt. Ähnlich wie später NAFTA sah bereits dieses Abkommen für die Dauer von zehn Jahren den Abbau der Zollschranken, von Kontingentierungen und außertariflichen Zollvereinbarungen zwischen den beiden Ländern vor, die ohnehin schon gegenseitig die jeweils wichtigsten Handelspartner darstellten. Die kanadische Wirtschaft sah ihre potentiellen Marktchancen angesichts der Bevölkerungszahl in den USA durch dieses Abkommen verzehnfacht, aber auch die US-amerikanische Wirtschaft versprach sich Vorteile durch den leichteren Zugang auf den kanadischen Markt.
Das US-CFTA Abkommen wurde bereits vor Ende der ursprünglich vorgesehenen Zehnjahresfrist am 1. Januar 1994 durch NAFTA ersetzt, was in erster Linie die Einbeziehung Mexicos in das bereits bestehende Vorläuferabkommen bedeutete. Nach einer Übergangszeit ließ Kanada am 1. Januar 1998 alle tariflichen Zollschranken fallen, ausgenommen einige Produkte wie Geflügel, Milcherzeugnisse, Frischobst und -gemüse einschl. Kartoffeln, für die es innerhalb der Provinzen Quotierungen und Preisbindungen gibt (sog. management products). Auch für Erzeugnisse des kulturellen Bereichs blieben einige Restriktionen bestehen. Einige außertarifliche Handelseinschränkungen (sog. non-tarif barriers) gibt es gleichwohl auch heute noch auf Bundes- oder Provinzebene. So dürfen z.B. in der Provinz Québec öffentliche Baumaßnahmen nur an québecker Firmen mit québecker Belegschaft vergeben werden, bis vor kurzem durfte innerhalb einer Provinz nur Bier verkauft werden, das in der Provinz selbst gebraut worden ist usw.
Die Wirtschaft der drei Mitgliedsländer Kanada, Mexico und USA hat ohne Zweifel durch das NAFTA-Abkommen einen Aufschwung erfahren. Jedes der Länder war in der Lage, die Möglichkeiten eines freien Wettbewerbs in einem größeren, integrierten und effizienten Kontext des nordamerikanischen Wirtschaftsraums zu nutzen. Augenfällig wird dies z.B. daran, daß Kanadas Außenhandel heute zu rd. 80 Prozent mit den Vereinigten Staaten erfolgt, gegenüber rd. 60 Prozent noch vor zehn Jahren [4]. Kanada hat z.B. auf dem US-amerikanischen Markt inzwischen die Vorrangstellung Japans auf dem Autoimportmarkt gebrochen, indem es gegenüber 1989 seine diesbezüglichen Exporte verdoppeln konnte. Der Zollabbau hat aber auch die USA befähigt, ihre Exporte von Autoteilen und Kraftfahrzeugen über die kanadische und die mexikanische Grenze zu erhöhen. Die Öffnung der Grenzen hat in vielen Bereichen zu einer Senkung der Produktionskosten und damit zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber Produzenten aus anderen Ländern geführt.
Kanada ist in besonderer Weise mit der US-amerikanischen Wirtschaft verknüpft. Rund 98 Prozent aller Güter und sonstigen Leistungen sind heute im grenzüberschreitenden Handel nicht mehr durch Zolleinschränkungen belastet. Zu den unmittelbar greifbaren Ergebnissen von NAFTA und der damit verbundenen Aktivierung der Wirtschaftsbeziehungen zählt die Vermehrung von Arbeitsplätzen, die in allen drei Ländern erfolgte. Für Mexico, das sich Anfang der 1990er Jahre in einer Finanzkrise befand, zahlte sich das NAFTA-Abkommen besonders aus. Die Krise war begleitet von einer geringen Produktivitätssteigerung [5] der mexikanischen Wirtschaft, einem Abbau der Finanzrücklagen und einem Wechselkursverfall, was zu einem Anstieg des Außenhandelsdefizits von drei auf sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts führte. Nachdem Mexico der NAFTA beigetreten war, kam es jedoch sehr rasch zur Gründung von Betrieben durch US-amerikanische Unternehmen, was zu einer Stabilisierung der mexikanischen Wirtschaft [6] beitrug. Heute verzeichnet Mexico einen Außenhandelsüberschuß von 7,4 Mrd. Dollars, gegenüber einem Defizit von 18,5 Mrd. in 1994. Der Lebensstandard des Landes hat sich im gleichen Zeitraum spürbar verbessert.
Außer NAFTA gibt es zahlreiche weitere Handels- und Wirtschaftsgemeinschaften [7] auf der Welt. Genannt seien hier beispielhaft die Europäische Union (früher EG, EWG) und die Europäische Freihandelszone (European Free Trade Association = EFTA). Die Europäische Union ist mit ihren 350 Millionen Menschen (nur 30 Mio. weniger als in den NAFTA-Ländern) NAFTAs wichtigster Konkurrent und Partner zugleich. Die EU setzt sich derzeit überwiegend aus Ländern Westeuropas zusammen, die sich mit ähnlicher Zielsetzung zusammengeschlossen haben wie die NAFTA-Länder. Sie wollen für sich die Vorteile freier Handelsbeziehungen nutzen, sich gleichzeitig aber vor Importen durch andere Länder schützen. Deswegen wird die EU auch gelegentlich als die "Festung Europa" bezeichnet.
Geschichtlich gesehen gab es In Europa schon sehr viel früher Wirtschaftsgemeinschaften als in Nordamerika. Bereits 1921 schlossen sich Belgien und Luxemburg zu einer Wirtschaftsunion zusammen. Die Niederlande traten diesem Bündnis 1949 bei. Seitdem hat es sich eingebürgert, von den Benelux-Ländern zu sprechen. 1951 wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) als überstaatliche Gemeinschaft zur Errichtung eines gemeinsamen Marktes für Kohle und Stahl gegründet. 1957 ist das Gründungsjahr der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), in der sich Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande zum Zweck der wirtschaftlichen Integration zusammenschlossen. Durch Erweiterungen und den Fusionsvertrag mit anderen Zusammenschlüssen (wie z.B. der EGKS und der EURATOM) ging die EWG am 1.7.1967 in den Europäischen Gemeinschaften (EG) auf. Die EG hat sich durch Beitritte seitdem ständig erweitert. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bemühen sich heute auch die Länder des ehemaligen Ostblocks, der seit 1991 in Europäische Union (EU) umbenannten Gemeinschaft beizutreten [8].
Auch die NAFTA wird sich sicherlich in den nächsten Jahren erweitern. Insbesondere zahlreiche zentral- und südamerikanische Länder sind an einem Beitritt interessiert. Konkrete Verhandlungen gab es bereits zwischen den USA und Chile, jedoch hat der amerikanische Congress seine Zustimmung verweigert. Auch Kanada hat sich um den Beitritt von Chile bemüht und hat seinerseits ein Freihandelsabkommen mit diesem Land unterzeichnet. Gleichzeitig bemüht sich Kanada um eine Intensivierung der Handelsbeziehungen mit der Europäischen Union und hat sogar Initiativen entwickelt, daß sich NAFTA und EU in einem Freihandelspakt zusammenschließen. Auch wenn eine solche Idee noch weit von einer Realisierung entfernt ist, so wird sie doch von vielen Beobachtern als eine wünschenswerte Alternative für die Zukunft betrachtet.
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