Im weltweiten Vergleich zeichnet sich Kanada durch einen sehr hohen Energieverbrauch [1] pro Kopf seiner Bevölkerung aus. Er liegt um etwa 50 Prozent höher als in den benachbarten Vereinigten Staaten und ist etwa sechzig mal höher als in Indien. Dies hat eine Reihe von Gründen: kalte Winter, heiße Sommer, große Verkehrsdistanzen, ein hoher Anteil an extraktiven Rohstoffen mit hohem Energiebedarf für den Gewinnungs- und Verarbeitungsprozeß, natürlich auch ein hoher Komfortanspruch der Bevölkerung des Landes. Kanada verfügt aber auch über bedeutende Energieressourcen, so daß man annehmen möchte, daß es nur wenig Veranlassung dafür gibt, den Energieverbrauch zu drosseln. Wie immer man dies bewertet: offensichtlich ist, daß die Kanadier in der Welt häufig als Energieverschwender bezeichnet werden.
Kanada zählt zu den großen Energieerzeuger und -exportländern der Welt. Es verfügt über reichhaltige Energiequellen [2], z.B. Erdöl, Erdgas, Kohle, Wasserkraft und andere Energieträger wie Holz, Solarenergie, Windenergie sowie über Atomenergie. Der Exportwert des Energiesektors betrug in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Kanada rd. 23 Milliarden Dollars jährlich, wobei Erdgas, Erdöl, Kohle und Elektrizität die wichtigsten Exportgüter [3] darstellten. Am Gesamtexportvolumen des Landes entspricht dies einem Anteil von 7 Prozent. Wie nicht anders zu erwarten, entfällt der mit Abstand größte Teil dieser Energieexporte auf die benachbarten Vereinigten Staaten, der Rest verteilt sich auf verschiedene Anrainerstaaten des pazifischen Raumes.
Kanadas Energiewirtschaft ist insofern bemerkenswert, als das Land zwar über eine Vielzahl von entsprechenden Ressourcen verfügt, jedoch sind diese nicht gleichmäßig verteilt [4] auf die verschiedenen Landesteile. Die Kanadier haben sich angewöhnt, von 'energiereichen' und von 'energiearmen' Provinzen zu sprechen. Hinsichtlich der Kohlenwasserstoff-Ressourcen (v.a. Kohle, Erdöl und Erdgas) verkörpern z.B. Alberta, Britisch-Kolumbien und Saskatchewan die 'energiereichen' Provinzen. Alle anderen Provinzen zählen, zumindest in Bezug auf diese Rohstoffe, als 'energiearm'.
Allerdings verfügen Provinzen wie Manitoba [5], Québec [6] und Neufundland [7] z.B. über Wasserkraftpotentiale, die sie für eine bedeutende Elektrizitätsgewinnung nutzen. Sie exportieren große Teile dieser Produktion in die benachbarten Provinzen und in die Vereinigten Staaten. Die bedeutendsten Wasserkraftwerke befinden sich allerdings in sehr abgelegenen Teilen im Norden dieser Provinzen. Dies bedeutet, daß der erzeugte Strom über riesige Entfernungen in Hochspannungsleitungen bis zu den Verbrauchern im Süden [8] gebracht werden muß, was in gewissem Umfang auch mit Energieverlusten verbunden ist. Ein größeres Problem ist jedoch, daß diese Wasserkraftwerke riesige Landareale beanspruchen, um die Staumauern bauen [9] und die Wasserreservoire für den Betrieb der Turbinen füllen zu können. Die Anlage dieser Stauseen ist nicht problemlos. Insbesondere waren schwierige und langwierige Verhandlungen mit der Urbevölkerung der betroffenen Gebiete notwendig, denn diese künstlichen Seen haben große Teile der traditionellen Jagdgebiete und Fischereigründe dieser Bevölkerung zerstört. Angesichts dieser Landnutzungskonflikte und der negativen Auswirkungen großer Staudämme auf die natürliche Umwelt ist die Wahrscheinlichkeit für weitere Projekte dieser Art in der Zukunft für die meisten Gebiete im Norden Kanadas stark zurückgegangen.
Im Gegensatz zu den hydroelektrischen Produktionszentren befinden sich die konventionellen Lagerstätten von Primärenergieträgern vorwiegend in den westlichen Provinzen. So besitzt z.B., Alberta, wo 1947 bei Leduc das erste große Erdölfeld erbohrt wurde, 65 % der derzeit bekannten konventionellen Ölreserven Kanadas [10], gefolgt von Saskatchewan (12 %), den Nordwest-Territorien (8%) und dem atlantischen Schelfbereich (15 %). Letztere werden von Bohrinseln im Erdölfeld von Hibernia [11] gewonnen, welches sich rd. 300 km östlich von Neufundland im Bereich der Grand Banks befindet. Obwohl dieser Bereich der Küstengewässer juristisch der kanadischen Bundesregierung untersteht, liegt die Ölförderung im Zuständigkeitsbereich der Anliegerprovinz Neufundland. Auf ganz Kanada bezogen liegen Berechnungen vor, daß die bekannten konventionellen Erdölreserven des Landes unter Beibehaltung der derzeitigen Fördermengen für weitere zehn Jahre ausreichen werden - vorausgesetzt, es werden keine neuen Lagerstätten erkundet. Tatsächlich ist es aber so, daß die konventionellen Ölreserven im Verlauf der letzten zehn Jahre aufgrund immer wieder neu entdeckter Vorkommen praktisch unverändert geblieben sind. Hiervon geht man auch für die künftigen Jahre aus, so daß Schätzungen, die auch bisher noch nicht bekannte Erdölfelder mit einbeziehen, von einer Zeitspanne von weiteren 50 Jahren ausgehen, bevor dieser Rohstoff verbraucht sein wird.
Daneben gibt es die sog. nicht-konventionellen Ölvorkommen, die sich teilweise weit im Norden der kanadischen Arktis, im Offshore-Bereich und vor allem in den Teersanden Nordost-Albertas befinden. Bei diesen handelt es sich um ein Gemisch von Sand und Bitumen [12], eine Art zähflüssigem Schlamm, der in großen Mengen oberflächennah ansteht und von daher im Tagebau gewonnen werden kann. Die Ölgewinnung geschieht durch Aufheizen der Teersande, was zu einer Verflüssigung des Öls führt, das auf diese Weise vom Sand getrennt werden kann. Nach dieser Trennung kann das Öl genauso weiterverarbeitet werden wie Erdöl aus konventionellen Lagerstätten. Der Anteil der Rohölgewinnung aus den Teersanden Albertas beträgt heute bereits 25 % der gesamten Rohölförderung Kanadas [13], das übrigens weltweit das einzige Land ist, in dem Erdöl aus Teersanden gewonnen wird. Die Ölreserven allein in den Teersanden entspricht nahezu der gesamten Menge der bekannten Erdölreserven in den Golfstaaten, wo sich bekanntlich - nach jetzigem Kenntnisstand - die größten Lagerstätten der Welt befinden. Beim jetzigen Stand der Technologie sind aus den kanadischen Teersanden rd. 300 Millionen Barrels (1 Barrel = 160 Liter) Öl zu gewinnen, rund 30 mal mehr als die konventionellen Ölreserven [14] des Landes zusammengenommen umfassen. Mit anderen Worten: auf der Grundlage der jetzigen Technologie und des heutigen Bedarfs würden die nicht-konventionellen Ölreserven den Bedarf Kanadas für weitere 250 Jahre sichern.
Ein weiterer wichtiger Primärenergieträger ist Erdgas, dessen Bedeutung sogar in den letzten Jahren am raschesten zugenommen hat. Der Vorteil von Gas besteht darin, daß es sich um einen reichlich vorhandenen, sauberen Rohstoff handelt, der dazu noch relativ leicht und billig mit Hilfe eines landesweiten Netzwerkes von Pipelines transportiert werden kann. Die größten Gasvorkommen befinden sich einmal mehr in den Prärien, aber auch im Offshore-Bereich von Neu-Schottland [15] im Atlantik sowie in der kanadischen Arktis [16]. Die drei Westprovinzen (Britisch-Kolumbien, Alberta und Saskatchewan) verfügen gemeinsam über 82 Prozent der gewinnbaren Naturgasvorräte [17]. Wie im Falle des Öls wird der größte Teil der Gasförderung in die Vereinigten Staaten exportiert [18]. Die derzeitig bekannten Reserven werden, bei anhaltend gleicher Förderung, für weitere 30 Jahre ausreichen.
Zu den traditionellen Primärenergieträgern zählt die Kohle [19], ohne die man sich die sog. industrielle Revolution gar nicht vorstellen könnte. Allerdings ist die relative Bedeutung dieses Energieträgers in der Weltwirtschaft, und natürlich auch in Kanada, in dem Maße zurückgegangen, wie Erdöl, Erdgas und Elektrizität aus anderen Primärquellen an seine Stelle getreten sind. Einer der wesentlichen Gründe für diesen Bedeutungsrückgang ist die Tatsache, daß die Kohle im Vergleich zu anderen Energieträgern im allgemeinen einen gering effizienten, wenig flexiblen und 'schmutzigen' Rohstoff darstellt. Gleichwohl ist sie auch heute noch ein wichtiger Faktor in der thermischen Elektrizitätserzeugung Kanadas [20] (Verbrauch 90% der Förderung) und in der Stahlindustrie. Derzeit geht man sogar davon aus, daß der Anteil der Kohle an der kanadischen Energieerzeugung von derzeit 4,5 % bis zum Jahre 2020 wieder auf rd. 8 % steigen wird, dies vor allem aus zwei Gründen: insbesondere die Lagerstätten im Westen des Landes erlauben eine relativ billige Förderung im Tagebauverfahren, außerdem ist die Effizienz der thermalen Elektrizitätsgewinnung angesichts der Probleme der hydroelektrischen Großprojekte im Norden und der Problematik atomarer Energiegewinnung durchaus gewährleistet. Im Kohlenbergbau sind derzeit kanadaweit rund 8.000 Beschäftigte verzeichnet, der jährliche Umsatz des Sektors beträgt rd. 5,8 Milliarden Dollars [21].
Hinsichtlich der Kohlevorkommen [22] verfügen Britisch-Kolumbien, Alberta und Saskatchewan [23] einmal mehr über die größten Lagerstätten. Rund die Hälfte der hier geförderten Kohle wird derzeit nach Japan exportiert [24]. Demgegenüber importiert [25] die Provinz Ontario Kohle aus den benachbarten Vorkommen in den Vereinigten Staaten, wobei in Ontario der Bedarf vor allem durch die dort ansässige Stahlindustrie und die von der Gesellschaft Ontario Hydro betriebenen thermischen Kraftwerke bestimmt wird. Der Vergangenheit gehört der Kohlenbergbau auf Cape Breton Island nahe Sydney (Neu-Schottland) an. Obwohl die Lagerstätten hier längst nicht aufgebraucht sind, hat die schlechte Qualität der Kohle (hoher Schwefelgehalt), die hohen Kosten der Förderung im Tiefbau-Verfahren und die kürzliche Schließung des hier angesiedelten Stahlwerks zur Einstellung des Kohlenbergbaus geführt. Insgesamt kommt den Kohlenreserven in Kanada auch künftig eine große Bedeutung zu, schon allein aufgrund der Tatsache, daß sie als Primärenergieträger rd. zehnmal bedeutender sind als die konventionellen Öl- und Gasvorkommen des Landes. Mit anderen Worten: die derzeit bekannten Vorkommen sollten bei gleichbleibender Förderung mindestens weitere einhundert Jahre ausreichen.
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