Texteinheit 6: Die kanadische Forstwirtschaft

(Lindsay Porter und Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung:
Vermittlung von Grundkenntnissen über die kanadische Forstwirtschaft, ihre regionalen Besonderheiten und wirtschaftliche Bedeutung sowie Sensibilisierung für einige der damit verbundenen Problembereiche.

Schlüsselbegriffe:
Zellstoff- und Papierindustrie, Zeitungspapier, Bauhholzgewinnung, Kahlschlagpraxis, selektiver Holzeinschlag, Indianerreservate, Landansprüche, Laubwald, Nadelwald, Aufforstung

Zu den wichtigsten natürlichen Ressourcen der kanadischen Wirtschaft gehören, traditionell und aktuell, die Wälder und die damit verbundenen forstwirtschaftlichen Produkte [1]. Von Beginn der Besiedlung [2] an lieferten die Wälder das Bauholz und das Heizmaterial für die Siedler, daneben waren schon früh die große Stämme der kanadischen Baumriesen für den britischen Schiffsbau begehrt. Oft kehrten die Schiffe, die neue Immigranten nach Kanada gebracht hatten, mit Bauholz beladen nach Europa zurück. Naturgemäß waren in der Frühphase der Besiedlung Kanadas vor allem die atlantischen Regionen und die Gebiete im Einzugsbereich des Sankt-Lorenz-Stroms am stärksten von diesem Vorgang betroffen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verursachte die Öffnung des kanadischen Westens für die Besiedlung und die zunehmende Verbreitung der Zeitungen auf dem nordamerikanischen Kontinent eine enorme Nachfrage nach Bauholz und Papier. Dies führte zwangsläufig zu einer Ausweitung der forstwirtschaftlich genutzten Wälder [3]. Waren es zunächst überwiegend die Laubwaldgebiete im südlichen Teil der östlichen Provinzen, so wurden nunmehr auch die nördlich anschließenden Nadelwaldbestände mit einbezogen. Hier waren die Wälder aufgrund des kleineren Baumwuchses zwar schlecht für die Bauholzgewinnung geeignet, dafür aber um so mehr für die Herstellung von Zellstoff- und Papierprodukten. Hinzu kam, daß der mechanisierte Holzeinschlag in diesen Wäldern leichter durchgeführt werden konnte, was erheblich zur Verbreitung der Kahlschlagpraxis beigetragen hat. Bis heute ist die Zellstoff- und Papierindustrie im Bereich des borealen Waldlandes (dem sog. mittelkanadischen Korridor) der mit Abstand wichtigste Abnehmer der eingeschlagenen Holzmengen.

Schätzungen zufolge verfügt Kanada über rd. 10 Prozent der Waldfläche der Erde [4]. Dieser Anteil liegt jedoch deutlich niedriger, wenn man lediglich die nutzbaren Wälder berücksichtigt. Je weiter man sich im kanadischen Waldland nach Norden bewegt, um so kleiner ist der Baumwuchs, der allmählich in eine Buschvegetation und dann in die waldfreie Tundra übergeht. Ihr folgen im extremen Norden nur noch Eis und Schnee. Anders ausgedrückt: Rund 45 Prozent der Fläche Kanadas sind mit Wald bedeckt, allerdings ist davon lediglich die Hälfte wirtschaftlich nutzbar.

Wie im Falle anderer natürlichen Ressourcen sind auch die Wälder Kanadas nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Provinzen [5] des Landes verteilt. Québec (20%), Britisch-Kolumbien (15 %), Ontario (14 %) und Alberta (9 %) haben die größten Anteile. Betrachtet man jedoch die wirtschaftlich nutzbare Waldfläche, so steht Britisch-Kolumbien mit 42 Prozent klar vor Québec (17 %), Ontario (12 %) und Alberta (12 %) an der Spitze. Es wird hierbei deutlich, daß es innerhalb Kanadas zwei Schwerpunkte der Forstwirtschaft gibt: einer in Zentralkanada mit den Provinzen Québec [6] und Ontario, ein zweiter in Westkanada mit den Provinzen Alberta und Britisch-Kolumbien [7].

Auf die nationale Wirtschaft Kanadas bezogen stellt die Forst- und Holzwirtschaft einen wichtigen Faktor [8] dar. Mit Ausnahme von Norwegen und Finnland hat kein anderes Land der Welt einen so hohen forst- und holzwirtschaftlichen Anteil am gesamten Exportvolumen des Landes. Er lag in Kanada in den 1990er Jahren bei 12 Prozent. Rund 75 % der kanadischen Holzprodukte [9] werden exportiert (überwiegend als Zellstoff und Papier), wobei die wichtigsten Abnehmer die Vereinigten Staaten, Japan und einige andere asiatische Länder sind. Nur geringe Mengen werden nach Europa, Afrika oder Lateinamerika exportiert.

Wertmäßig entfällt mit 30 Prozent der höchste Anteil der kanadischen Forst- und Holzwirtschaft auf die Provinz Britisch-Kolumbien. Rund 70 Prozent des hier gewonnenen Bauholzes, 90 Prozent der Zellstoff- und Papierproduktion und 85 Prozent des produzierten Zeitungspapiers werden exportiert. Mit anderen Worten: die Wirtschaft der Provinz ist in hohem Maße abhängig von Außenmärkten und den dort herrschenden Preisbedingungen. Betrachtet man indessen den flächenmäßigen Einschlag, so liegt Britisch-Kolumbien erst an dritter Stelle, nach den Provinzen Québec und Ontario. Zusammengenommen werden in Kanada jährlich rd. eine Million Hektar Wald gefällt (Tab. 6.1), das entspricht etwa 0,4 Prozent der wirtschaftlich nutzbaren Waldfläche des Landes und etwa 40 Prozent der Fläche, die jährlich natürlichen Waldbränden zum Opfer fällt. Rein rechnerisch kann sich somit die Waldfläche regenerieren, bevor es zu einem neuen Einschlag kommt. In den ausgehenden 1990er Jahren wurden rd. 80 Prozent des Holzeinschlags im sog. Kahlschlag-Verfahren [10] gewonnen. Dieser Anteil ist jedoch rückläufig, insbesondere in den Gebieten mit Hartholz-Beständen. Die größte kanadische Holz- und Papiergesellschaft, MacMillan Bloedel Ltd. [11] (1999 durch die US-amerikanische Weyerhaeuser Gruppe übernommen), hat kürzlich angekündigt, daß sie künftig die Kahlschlagpraxis zugunsten des selektiven Holzeinschlags [12] aufgeben werde.

Erst seit relativ wenigen Jahren gibt es in Kanada sog. Aufforstungsprogramme, z. T. aufgrund des öffentlichen Drucks [13], der in dieser Frage ausgeübt wurde. In der Vergangenheit ging man davon aus, daß sich die Wälder nach dem Einschlag auf natürliche Weise regenerieren, wie dies seit Jahrhunderten in den Arealen erfolgt, die durch Waldbrände vernichtet wurden. Diese Waldbrandflächen, die sowohl im Süden, vor allem aber im Norden des Landes von beträchtlicher Ausdehnung sind und die durch die Forstwirtschaft abgeernteten Areale flächenmäßig bei weitem übertreffen, haben sich stets im Sinne einer ökologischen Erneuerung ohne den Einfluß des Menschen regeneriert. Letztlich stellen die Kahlschlagflächen vergleichbare Areale dar, auf denen sich analog auf natürliche Weise eine Wiederbewaldung vollziehen würde. Im Sinne der bestehenden gesetzlichen Auflagen werden heute diese Flächen jedoch mindestens zur Hälfte durch die privaten Unternehmen oder durch staatliche Behörden aufgeforstet, der Rest wird der natürlichen Wiederbewaldung überlassen (Tab. 6.4).

Im Gegensatz zu vielen europäischen (z.B. deutschen) und amerikanischen Wäldern befindet sich der größte Teil der kanadischen Wälder im Besitz der Provinzen [14] (71 %) und des Staates (23 %), während der Privatbesitz (6 %) nur einen geringen Anteil ausmacht. Gleichwohl bedeuten diese sechs Prozent rd. 1,5 Prozent der Gesamtfläche des Landes, was etwa der Hälfte der Bundesrepublik Deutschlands entspricht. Der mit Abstand größte Anteil des Holzeinschlags entfällt in Kanada konsequenterweise auf öffentliche Wälder. Private Unternehmen erhalten gegen eine Gebühr (die sog. stumpage fees, etwa Baumstumpf-Gebühr) die Lizenz zum Einschlag bestimmter Areale. Teil dieser Vereinbarungen sind auch die Auflagen hinsichtlich der Wiederaufforstung, die entweder durch das Unternehmen oder die öffentliche Hand erfolgen kann.

Ein Problem ganz anderer Art ist die Tatsache, daß der größte Teil der Wälder Kanadas ehemals im Besitz der Urbevölkerung [15] war. Nur ein Bruchteil wurde im Rahmen von Verträgen an die britische Krone überschrieben. Dies hat zur Folge, daß heute die Indianer auf große Waldareale des Landes einen Rechtsanspruch erheben, mit der Begründung, daß diese Wälder schon von ihren Vätern und Vorvätern genutzt wurden, lange bevor die Europäer den ersten Fuß auf den Kontinent gesetzt haben. Bis diese Ansprüche juristisch geklärt sind, herrscht ein gewisser Zustand der rechtlichen Unsicherheit, der nicht ohne Rückwirkung auf die derzeitige Situation der kanadischen Forstwirtschaft bleiben kann.

Ein relativ neues Problem für die kanadische Forstwirtschaft [16] ist eine veränderte Nachfragesituation. So ist der Bedarf an Papier aufgrund von Recycling-Verfahren stark rückläufig. Im Bereich der Bauindustrie und des verarbeitenden Gewerbes treten Stahl, Aluminium, Vinyl, Plastik und andere Werkstoffe zunehmend an Stelle des Holzes. Diese und andere Zwänge lassen erwarten, daß die Bedeutung der Forst- und Holzindustrie für die kanadische Wirtschaft in Zukunft rückläufig sein wird.



Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz



[1] http://www.forest.ca/browse/products
[2] http://www.shantymanart.com/heritage.html
[3] http://www.fpac.ca/english/facts/forets/index-ok.htm
[4] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/sof/sof03/overview_e.html
[5] http://www.nfdp.ccfm.org/compendium/data/2003/tables/com12e.htm
[6] http://www.pfc.cfs.nrcan.gc.ca/monitoring/inventory/maps/map2_e.html
[7] http://mmsd1.mms.nrcan.gc.ca/forest/historique/section3/III-5H-BC-E.htm
[8] http://nfsc.forest.ca/strategies/strategy4.html#4_e
[9] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/gblec04.htm/
[10] http://www.nfdp.ccfm.org/compendium/harvest/archive/2003_e.php
[11] http://www.weyerhaeuser.com/environment/practsustainforest/forestrycanada/default.asp
[12] http://www.weyerhaeuser.com/aboutus/whatwedo/timberlandmanagement/
[13] http://www.greenpeace.ca/e/campaign/forest/depth/boreal/what.php
[14] http://nfsc.forest.ca/strategies/strategy4.html
[15] http://nfsc.forest.ca/strategies/strategy4.html
[16] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/sof/sof02/statistics_e.html



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