Viele Menschen auf der Welt verbinden mit Kanada die Vorstellung von einem endlosen, goldgelben, im Wind wogenden Weizenfeld. Auf einige Gegenden Westkanadas trifft dieses Bild in den Spätsommerwochen sogar zu. Aber es ist nicht zu verallgemeinern. Die kanadische Landwirtschaft hat einen anhaltenden Wandlungsprozeß [1] durchlaufen und gegenwärtig sind lediglich noch etwa drei Prozent der Erwerbsbevölkerung [2] in diesem Sektor tätig, dessen erwirtschafteter Anteil am Bruttoinlandsprodukt weiter rückläufig ist und derzeit lediglich noch 2,2 Prozent beträgt.
Jedoch sind diese Zahlen durchaus irreführend, wenn man die wirtschaftlichen Rückkoppelungseffekte [3] der Landwirtschaft in Betracht zieht. Allein der Weizenexport macht rd. fünf Prozent am gesamten Exportvolumen Kanadas aus und rund 70 % des Agrareinkommens [4] des Landes entstammen dem Weizenanbau. Die bedeutendsten Weizenexporte gehen in die Vereinigten Staaten, nach Japan, in die Europäische Union und nach China. Entsprechend weltoffen geben sich die kanadischen Farmer, denn letztlich bestimmt der Weltmarkt in hohem Maße über ihre Einkommen [5].
Tabelle: Indikatoren der Agrarlandschaft Kanadas
| Indikator | Nfdl | NS | PEI | NB | Que | Ont. | Man | Sask | Alta | B-K | Kan. |
| % der LNF | 0,06 | 0,39 | 0,58 | 0,55 | 5,05 | 8,24 | 11.38 | 39.09 | 30.94 | 3.81 | 100.0 |
| % Agrareink. | 0,24 | 1,08 | 1,17 | 1,00 | 15,4 | 24,1 | 9,22 | 17,46 | 24,57 | 5,71 | 100,0 |
| Farmen i. Tsd. | 7,3 | 2,2 | 4,0 | 3,2 | 35,7 | 67,1 | 24,3 | 57,0 | 59,0 | 21,7 | 275,0 |
| ha/Farm | 59 | 119 | 96 | 116 | 95 | 82 | 314 | 461 | 352 | 115 | 244 |
Wie aus der oben stehenden Tabelle hervorgeht, variieren die durchschnittlichen Farmgrößen innerhalb Kanadas sehr stark. Den größten Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche hat die Provinz Saskatchewan mit über 39 Prozent, jedoch hat die Provinz lediglich rd. eine Million Einwohner. Saskatchewan wird gefolgt von Alberta (30 %) und Manitoba (11%). Diese drei sog. Prärieprovinzen vereinigen auf sich allein rd. 80 Prozent der Agrarfläche des Landes. Hier wird auch mit Abstand das meiste Getreide produziert. Unter den Anbaupflanzen dominiert der Weizen, gefolgt von Grünland und Futterflächen, Gerste und Raps. Rund 60 Prozent der kanadischen Weizenanbaufläche entfallen allein auf diese Provinzen.
Der größte Teil des kanadischen Weizenhandels wird über eine spezielle Institution abgewickelt, das sog. Weizensyndikat (Canadian Wheat Board - CWB [7]). Ziel dieses Syndikats ist eine vorteilhafte und zügige Vermarktung des kanadischen Weizens unter Nutzung der günstigsten Absatzbedingungen und dem Einsatz professionellen Verkaufspersonals. Die Farmen verkaufen ihren Weizen ganz überwiegend an sog. Farmgenossenschaften, die in jedem Ort der Prärie vertreten sind und dort die unverkennbaren Getreidesilos (grain elevators) [8] unterhalten. Diese haben praktisch immer Gleisanschluß, denn das Eisenbahnnetz hat eine wichtige Funktion beim Weitertransport des Getreides zu größeren Umschlagplätzen bzw. zu den Hafenstandorten. Zu den Kennzeichen der kanadischen Landwirtschaft zählt u.a., daß der Produktionsprozeß von der Aussaat bis zur Ernte durch genossenschaftliche Vereinbarungen [9] reglementiert ist, eine Organisationsform, die in dieser Form in keinem anderen Land existiert.
Kanada verfügt aber auch über eine Reihe von Sonderkulturen. So findet sich z.B. verbreitet Obstanbau im Süden Ontarios und im Inneren von Britisch-Kolumbien (Okanagan-Tal) mit Pfirsichen, Pflaumen und Nektarinen, daneben Weinbau [10] und Tabakfelder. Auch die Apfelproduktion ist in diesen Gegenden bedeutend, sie findet sich aber auch in anderen Gebieten, so im Annapolis-Tal [11] in Neu-Schottland und in den sog. Eastern Townships / Cantons de l'Est [12] in der Provinz Québec.
Recht differenziert gestaltet sich das Bild der kanadischen Landwirtschaft bei der Betrachtung des regionalen Farmeinkommens. Auf die beiden Provinzen Alberta und Ontario entfallen mit je 24 % die größten Anteile der nationalen Agrarproduktion. Dabei ist die Rinder- und Geflügelhaltung in diesen Gegenden sehr bedeutend, die meistens in großen, hochmechanisierten Intensivstallungen gezüchtet werden und die einen beträchtlichen Anteil am Agrareinkommen [13] bringen. Der Rest des Agrareinkommens verteilt sich überwiegend auf die Provinzen Québec, Saskatchewan, Manitoba und Britisch-Kolumbien. Milchwirtschaft ist besonders in der Provinz Québec von großer Bedeutung. Auch hier gibt es eine typisch kanadische Form der Vermarktung, ein spezielles Milchsyndikat [14], das die Produktion und Preisgestaltung in starkem Maße kontrolliert.
Die Provinzen Ostkanadas tragen nur etwa ein Prozent zum kanadischen Agrareinkommen bei. Dies scheint verwunderlich, denn schließlich war dies der zuerst besiedelte Agrarraum Kanadas, von wo aus sogar noch Nahrungsmittel nach Europa exportiert wurden. Zur Zeit der Konföderation (1867) entfielen auf Ostkanada, rd. 20 Prozent der kanadischen Agrarfläche (nach Troughton, 1982). 1996 waren es weniger als zwei Prozent. In diesem Gebiet sind viele Betriebe aufgegeben worden, über 59 Prozent des ehemaligen Farmlands fielen wüst, da die Produktionsbedingungen in anderen Teilen des Landes wesentlich günstiger waren. Auch in den Provinzen Québec und Ontario sind teilweise große Areale ehemaligen Agrarlandes aufgelassen worden (rd. 25 %), mit besonders hohen Anteilen in den marginalen Anbaugebieten des Kanadischen Schildes. Im Zeichen verschärfter Wettbewerbs- und Absatzbedingungen waren die Betriebe dieser Gegenden nicht mehr lebensfähig.
Ähnliche regionale Verteilungsmuster wie beim Farmeinkommen zeigen sich in der obenstehenden Tabelle hinsichtlich der absoluten Verteilung der Betriebe. Ontario, Alberta, Saskatchewan, Manitoba und Britisch-Kolumbien haben die höchsten Anteile. Aber ganz generell muß betont werden, daß die Zahl der Farmen seit vielen Jahren rückläufig ist, im Gleichklang mit der Rückläufigkeit der Erwerbsbevölkerung in diesem Wirtschaftssektor. An der Wende zum 20. Jahrhundert war noch die Mehrzahl der Kanadier in der Landwirtschaft tätig, 1939 waren es noch 31,5 und 1996 lediglich noch 3,5 Prozent. Der Trend setzt sich derzeit noch fort und man geht davon aus, daß eine weitere Halbierung der Farmbevölkerung im Laufe der nächsten 20 Jahre erfolgen wird.
Große Abweichungen gibt es hinsichtlich der durchschnittlichen Farmgrößen (Tabelle). Diese beträgt in Saskatchewan 460 ha, während sie in Neufundland lediglich 65 ha erreicht. Die regionalen Unterschiede sind als eine direkte Funktion der regionalen Produktionstypen zu verstehen. Am Beispiel des Getreidebaus wird das deutlich. Hier werden wesentlich größere Flächen benötigt als beispielsweise bei einer intensiven Gemüseproduktion oder im Falle milchwirtschaftlicher Betriebsausrichtung. Von großer Bedeutung für die Betriebsgrößen ist auch die Frage der Mechanisierbarkeit der Produktion, die beim Getreidebau in hohem Maße gewährleistet ist.
Es ist naheliegend, daß mit der Rückläufigkeit der Farmbetriebe auch das Agrareinkommen Kanadas insgesamt rückläufig ist, zumal in 1995 rd. 43 Prozent der 216.620 "Familienbetriebe" (unincorporated farms, d.h. nicht als korporationsrechtliche Unternehmensform eingetragen) keine Überschüsse erwirtschafteten. Von den verbleibenden erwirtschafteten 21 Prozent weniger als ein Viertel ihres Gesamteinkommens aus der Landwirtschaft [15], bei lediglich acht Prozent lag dieser Anteil über 75 Prozent. Die Einkommen, die nicht direkt aus der Landwirtschaft erwirtschaftet werden, entstammen oft Nebenerwerbstätigkeiten, Unterstützungszahlungen oder sonstigen Subventionen. Der Trend zur Nebenerwerbslandwirtschaft ist also auch in Kanada sehr deutlich, auch wenn 1995 lediglich 30 Prozent der Betriebsleiter gleichzeitig einem nichtlandwirtschaftlichen Beruf nachgingen. Lediglich bei den als korporationsrechtliche Unternehmen eingetragenen Betrieben (incorporated farms, z.B. GmbH), die etwa 20 Prozent aller Betriebe ausmachen, handelt es sich überwiegend um Vollerwerbsbetriebe. Aber es sei hier auch ein Problem nicht verschwiegen, daß nämlich das Durchschnittsalter der kanadischen Farmer 1996 48 Jahre betrug, bei steigender Tendenz. Das bedeutet, daß sich immer weniger junge Menschen für diesen Beruf interessieren und daß insofern die Zukunft der kanadischen Landwirtschaft durchaus mit Fragezeichen behaftet ist.
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