Texteinheit 2: Nachhaltige Forstwirtschaft in Kanada – Ziele und Aufgaben

(Holly Innes und Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: In diesem Überblick sollen Einblicke vermittelt werden in und Verständnis geweckt werden für die Bemühungen Kanadas, die Umweltprobleme im Zusammenhang mit der Forstwirtschaft durch gesetzliche oder sonstige Maßnahmen zu lösen.

Schlüsselbegriffe: Waldwirtschaft, nachhaltige Forstwirtschaft, Canadian Forest Service, Ökosystem Wald, Umweltmaßnahmen, Umweltbestimmungen, Waldschutzprogramme.

Kanada ist ein waldreiches Land [1], das im Verlauf seiner Entwicklung auch stets stark von der Nutzung seiner Wälder abhängig war. Noch heute ist die Forstwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftsfaktor [2]. Holz und Holzprodukte sind hinsichtlich ihres Handelsvolumens [3] (1998 = 31,6 Milliarden Dollars) eine der wichtigsten Produktengruppen [4]. Hinzu kommt die Bedeutung der Wälder für Erholungszwecke und für die touristische Nutzung, was sich z.B. auch in der großen Beliebtheit der Nationalparks bei ausländischen Besuchern zeigt. Vor dem Hintergrund, daß Kanada über rd. 10 Prozent der Waldfläche der Erde [5] verfügt und rd. 20 Prozent des Welthandels mit Forstprodukten auf sich vereint, wird die internationale Verantwortung des Landes für den Schutz seiner Wälder deutlich. Angesichts dieser Bedeutung ist nachvollziehbar, daß Kanada auch in der internationalen Diskussion [6] um den Walderhalt eine wichtige Rolle spielt und daß es innerhalb seiner Grenzen versucht, die Grundlagen für eine nachhaltige Forstwirtschaft [7] zu verwirklichen. In zunehmendem Maße werden in diese Diskussion auch die Ureinwohner des Landes mit einbezogen, deren traditionellen Kenntnisse von und deren Verständnis für die ökologischen Wirkungszusammenhänge des Waldes einen wichtigen Beitrag liefern.

Die Politik der Forstbehörde von Kanada (Canadian Forest Service [8] = CFS) ist gleichermaßen auf die Nachhaltigkeit [9] und auf die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der kanadischen Forstwirtschaft zum Nutzen der heutigen Gesellschaft und künftiger Generationen gerichtet. Zu diesem Zwecke verfügt die CFS über einen großen Stab an Forstwissenschaftlern und Beratern. Immer wieder bemüht sie sich, unter Beteiligung aller Interessenten eine nationale Forstwirtschafts-Strategie, nationale und internationale Forstnutzungsmodelle sowie grundlegende Kriterien und Indikatoren für einen nachhaltige Forstwirtschaft zu entwickeln [10]. Auch andere Institutionen, so das "Ministerium für Natürliche Rohstoffe Kanadas" (Department of Natural Resources Canada [11] = NRC), operieren mit der Zielsetzung, eine nachhaltige und verantwortliche Nutzung der kanadischen Wälder und anderer Ressourcen zu fördern (Draper, 1998: 309).

Bereits 1992 hat der Kanadische Rat der Forstministerien (Canadian Council of Forest Ministries [12] = CCFM) ein erstes Strategiepapier zur Forstbewirtschaftung verabschiedet. Am 4. März des gleichen Jahres wurde eine erste "Kanadische Waldverordnung" (Canada Forest Accord) erlassen. Beide Dokumente bilden seither die Grundlage der kanadischen Forstpolitik [13] (Draper 1998: 309). In ihnen waren im wesentlichen bereits die sechs Aktionsfelder erkennbar, die seither die Grundprinzipien einer nachhaltigen Forstwirtschaft in Kanada verkörpern.

Sowohl der Forstwirtschafts-Strategieplan [14] (Forest-Service Strategic Plan) als auch der Canada Forest Accord [15] wurden 1998 in einer Neufassung verabschiedet. Sie definieren die Zielvorgaben der CFS, die im Zeitraum 1998 bis 2002 für alle Unternehmen, Verbraucher oder sonstige Partner auf nationaler wie internationaler Ebene erfüllt werden müssen. Für die CFS spielen hierbei Umweltfragen eine besonders wichtige Rolle, wie aus den Formulierungen der Schlüsselprogramme und Zielsetzungen deutlich wird. In einem Rahmenplan werden sechs strategische Schwerpunkte [16] vorgeschlagen, bei denen auch die Verantwortung von Politik und Wissenschaft gefordert ist. Sie betreffen den Schutz der Biodiversität, den Erhalt und die Verbesserung des Ökosystems Wald, die Verbesserung der wirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten, den Schutz von Boden und Wasser, die Stellung des Ökosystems Wald innerhalb anderer Ökosysteme sowie die gesellschaftliche Verantwortlichkeit hinsichtlich einer nachhaltigen Waldwirtschaft. Als Grundlage für die Umsetzung dieser Aktionsfelder wurde ein Katalog von Kriterien und Indikatoren erarbeitet, der u.a. den menschlichen Einfluß auf das Ökosystem Wald, die allgemeinen Umweltbedingungen, die ökologische und sozio-ökonomische Bedeutung des Waldes, die gesellschaftliche Reaktion auf die Methoden des Holzeinschlags und die Veränderungen des Ökosystems ganz allgemein zum Gegenstand hat (Mitchell, 1997: 265-266). Auf der Grundlage dieses Plans sollen jährliche Aktionsprogramme entwickelt werden. Hierbei sollen mit Hilfe forstwissenschaftlicher Erkenntnisse Möglichkeiten zu einer Verbesserung der nachhaltigen Nutzung der Wälder entwickelt und gleichzeitig vermehrt Forschungen zur besseren Kenntnis des Wald-Ökosystems durchgeführt werden.

Im Einzelnen sieht der Plan u.a. vor, durch die Vorgabe von nationalen Ziel- bzw. Eckdaten die Fortschritte Kanadas auf dem Weg zu einer nachhaltigen Forstwirtschaft meßbar zu machen. Wissenschaftliche Untersuchungen sollen neue Formen der nachhaltigen Forstwirtschaft entwickeln helfen. Dies schließt auch die Weiterverarbeitung des Holzes und der Holzprodukte in umweltschonenden Verfahren mit ein. Wichtiger Bestandteil des Plans ist das Herbeiführen eines nationalen Konsenses in Forstwirtschaftsfragen in Form einer Forst-Agenda [17], durch die alle wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen der Provinzen und Territorien, darüber hinaus die Forstindustrie, die Urbevölkerung, die Wissenschaft, Umweltgruppen, private Waldbesitzer und alle sonstigen Beteiligten in die Pflicht genommen werden, um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Vor dem Hintergrund wachsender Besorgnis um die Zukunft der Wälder sollen im Rahmen der Agenda neue Wege der Forstbewirtschaftung erarbeitet, Schutzgebiete ausgeweitet, strengere Umweltbestimmungen verwirklicht und größere Anstrengungen in Wiederaufforstungsprogrammen unternommen werden (Draper, 1998: 309).

Mit diesem weitreichenden Strategieplan spricht die CFS auch über die nationalen Grenzen [18] hinaus Fragen der nachhaltigen Forstbewirtschaftung an, nicht zuletzt auch deshalb, um Wettbewerbsnachteile für die kanadische Forstwirtschaft zu verhindern. Angesichts dieser Zielvorgaben ist nachvollziehbar, daß die CFS mit zahlreichen Bundes- und Provinzbehörden innerhalb und außerhalb des Landes gemeinsam operiert und diesen Grundlagen liefert für ihre forstwirtschaftsrelevanten Entscheidungen. Die kanadische Regierung ist der Überzeugung, daß eine verbindliche gesetzliche Basis der beste Weg ist, um die Grundlagen einer nachhaltigen Forstwirtschaft auch international zu verwirklichen und die Zusammenarbeit zur Verhinderung der Waldvernichtung in der Welt zu fördern.

Eine andere Inititiative hinsichtlich einer nachhaltigen Forstwirtschaft ist das Model Forest Program [19] (MFP, sinngemäß "Waldschutzprogramm"), das bereits 1991 ins Leben gerufen wurde. Im Rahmen dieses Programms wurden landesweit zehn Versuchsflächen [20] zwischen 100.000 und 2,5 Mio. ha Größe ausgewiesen. In jeder einzelnen dieser Flächen wurden unter Zusammenarbeit verschiedener Organisationen und Einzelpersonen spezielle Ziele formuliert, nach denen sie beobachtet bzw. bewirtschaftet werden sollten. In jedem Einzelfalle sind unterschiedliche Partner beteiligt, wie z.B. Regierungsbehörden der Provinz und des Bundes, Unternehmen der Forst- und der Freizeitindustrie, die Urbevölkerung [21], örtliche Gemeinden, private Landbesitzer, Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler usw. Der große Vorteil dieses Programms liegt darin, daß auf diese Weise die unterschiedlichsten Interessenten an einem Tisch zusammengeführt werden um ihre Erfahrungen auszutauschen und daß bereits in einem frühen Stadium forstwirtschaftlicher Planung alle Facetten des Waldes und seiner Nutzungsmöglichkeiten sowie angemessene Lösungsvorschläge für Problembereiche aufgezeigt werden. Die MFP-Flächen erstrecken sich über die unterschiedlichsten Bereiche, beziehen Nationalparks, private Waldflächen, Reservatsland der Urbevölkerung [22], Wälder im Provinzbesitz und sonstige Waldflächen mit ein (Draper, 1998, S. 313)

Der Versuch einer Bewertung nach rd. zehn Jahren seit Ausweisung der MFP-Flächen läßt völlig unterschiedliche Ergebnisse erkennen. So standen z.B. im Western Newfoundland Model Forest [23] von Beginn an faunistische Fragen im Vordergund, wobei spezielle Programme zur Erhaltung und zum Schutz des Baummarders verwirklicht wurden. In den Foothills von Manitoba und im Lake Abitibi Model Forest wurden spezielle Beobachtungen zu den Lebensbedingungen des Wald-Karibus durchgeführt. Demgegenüber konzentrierten sich die Untersuchungen im British Columbia’s Long Beach Model Forest auf Grundsatzfragen der Erhaltung des Regenwaldes [24] an den pazifischen Küsten des Landes. All dies stellt nur einen Anfang dar, aber es ist ein wichtiger Schritt, um das Ökosystem Wald zu erhalten [25] und den scheinbar so unermeßlichen Reichtum Kanadas auch für künftige Generationen zu bewahren.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.fpac.ca/english/facts/forets/index-ok.htm
[2] http://www.nfdp.ccfm.org/compendium/data/2003/tables/com12e.htm
[3] http://www.nrcan-rncan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/sof/sof03/statistics_e.html
[4] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/manuf10.htm
[5] http://www.pfc.cfs.nrcan.gc.ca:80/canforest/canf/canf1_e.html
[6] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/po_e.html
[7] http://www.sfms.com/csa.htm
[8] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/po_e.html
[9] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/who-qui/role_e.html
[10] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/who-qui/strategic/mandate_e.html
[11] http://www.nrcan-rncan.gc.ca/inter/index.htm
[12] http://www.ccfm.org/home_e.html
[13] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/what-quoi/po_e.html
[14] http://nfsc.forest.ca/strategy.html
[15] http://nfsc.forest.ca/accord.html
[16] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/who-qui/strategic/table_e.html
[17] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/who-qui/strategic/directionI_e.html
[18] http://www.ccfm.org/6_e.html
[19] http://www.modelforest.net/e/home_/indexe.html
[20] http://www.mcgregor.bc.ca/mcgregor/network.html
[21] http://www.modelforest.net/e/home_/enhancee.html
[22] http://nfsc.forest.ca/strategies/strategy4.html#7_e
[23] http://www.wnmf.com/main/vision/index.html
[24] http://www.denmanis.bc.ca/directory/#Long
[25] http://www.nrcan.gc.ca/cfs-scf/national/who-qui/strategic/minister_e.html


Verwendete Literatur
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