Kanada grenzt an drei Ozeane [1], an denen das Land somit ein vitales Interesse hat: der Arktische Ozean, der Pazifik und der Atlantik. Sie sind wichtige Grundlagen wirtschaftlicher [2] sozio-kultureller und freizeitorientierter Interessen und haben schon in der geschichtlichen Entwicklung des Landes stets eine wichtige Rolle gespielt. Seit 31. Januar 1997 gibt es den Canada's Oceans Act [3] (COA, Meeresschutzgesetz), ein Bundesgesetz, auf dessen Grundlage auf nationaler Ebene die Entwicklung integrierter Konzepte für eine schonende und nachhaltige Fischereiwirtschaft in den Meeren und Ozeanen unter Berücksichtigung jeglicher Art von positiven oder negativen Einflüsse auf das "Ökosystem Meer" möglich ist. Damit schafft das COA sowohl den Rahmen für eine wirkungsvolle Politik zur Erhaltung der Meere als Ökosystem als auch für die Nutzung der Ozeane und ihrer Ressourcen. Oberste Instanz ist das kanadische Meeres- und Fischereiministerium (DFO = Department of Fisheries and Oceans [4]), das die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Interessentengruppen koordiniert sowie die Umsetzung und Weiterentwicklung der Entwicklungsstrategien zur nachhaltigen Nutzung der Meere [5] überwacht bzw. fördert.
Wichtiger Bestandteil der kanadischen Fischereipolitik ist der Schutz der Fischereigründe (Management of Fish Habitat) mit dem Ziel der Erhaltung, Wiederherstellung und der Weiterentwicklung des marinen Lebensraumes [6]. Unterlegt ist dabei das Bemühen, den Fischereisektor als einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor zu erhalten, zumal er für einige Regionen des Landes lebensnotwendig ist. Oberstes Handlungsziel ist es, die Nettoreproduktionsrate der Fischbestände durch den Fischfang nicht zu gefährden, sondern durch die Verringerung von schädigenden Einflüssen auf die Lebensräume der Fische sowie durch Maßnahmen zu deren Regenerierung die Grundlagen für eine nachhaltige Fischereiwirtschaft [7] zu schaffen. Die Erreichung dieses Ziels verlangt integrierte Handlungsmodelle, um auch konkurrierende Nutzungsansprüche miteinander vereinbar zu machen.
Die politische Zuständigkeit für die Meeresnutzung und den Gewässerschutz liegt jedoch nicht nur bei der Bundesregierung [8]. Auch die Provinzen sind in die Verantwortung mit eingebunden. Der Bund ist grundsätzlich für alle Fragen "unterhalb der mittleren Hochwasserlinie" zuständig, ausgenommen Aquakulturen, die teilweise in die Zuständigkeit der Provinzen fallen. Letztere sind für alle Angelegenheit auf ihrem Territorium, ihrer jeweiligen Küstenlinien und der Binnengewässer zuständig, ausgenommen jedoch schiffbare Gewässer, die Binnenfischerei, Land im Besitz des Bundes und bestimmte Areale des Meeresbodens. In Fragen des Arten- und Habitatschutzes überlappen sich die Zuständigkeiten der Provinzen [9] und des Bundes teilweise. Wichtig ist auch die Mitwirkung von Behörden der Urbevölkerungsgruppen, soweit ihre Interessen betroffen sind (Draper, 1998: 262).
Das DFO ist die oberste Behörde für die Nutzung und den Schutz der Meere, der auch die Küsten- und Meeresüberwachung und zahlreiche weitere Aufgaben [10] obliegen. War das DFO zunächst nur für die kommerziell nutzbaren Fischbestände in den Meeren zuständig, so gehört heute auch der Artenschutz (mit Ausnahme der Seevögel) von Fischen und Meeressäugern zu seinen Aufgaben (Draper, 1998: 262). Das spiegelt sich in vielversprechenden Programmen zum Schutz der Meere, gegen die Meeresverschmutzung und zum Arten- und Habitatschutz wider, die in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Diese sind um so notwendiger, als der Zusammenbruch einiger Fischgründe [11] in den kanadischen Gewässern die Probleme der Vergangenheit bei der Ausübung der kommerziellen Fischerei nur allzu deutlich gemacht hat. Trotz des offiziellen Bemühens zur Entwicklung nachhaltiger Nutzungskonzepte gibt es leider immer noch viele Gründe dafür, daß in den Meeren und hinsichtlich der Arten Schäden verursacht werden. Politische Untätigkeit im Einzelfall, Zuständigkeitsfragen und Lücken in der legislativen Grundlage sind einige der Ursachen hierfür. Vor allem der nicht immer geklärten Zuständigkeit von Behörden fallen oft Aspekte des Umweltschutzes zum Opfer, wenn es um die Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen und Wettbewerbsvorteilen geht. Gerade dieser Frage hat deswegen die Bundesregierung verstärkte Anstrengungen gewidmet. Sie haben u.a. ihren Niederschlag gefunden in zwei Erlassen, der National Marine Conservation Policy [12] (etwa "Nationaler Leitfaden für den Meeresschutz") und der Canadian Arctic Marine Conservation Strategy [13] (etwa "Entwicklungskonzept zum Schutz der arktischen Meeresgewässer") (Draper, 1998: 263).
Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf vier Initiativen, die bereits 1994 Anlaß für eine optimistische Einschätzung in Fragen des Meeresschutzes gaben. In jenem Jahr legte z.B. die National Advisory Board on Science and Technology einen Bericht über die Meere und Küsten vor, in dem ein umfassendes Konzept zu deren nachhaltiger Nutzung unter Berücksichtigung von Umweltschutzfragen entwickelt worden war (Draper, 1998: 263). Im gleichen Jahr erließ die Nationalpark-Behörde (Parks Canada) ihre "Guiding Principles and Operational Policies" [14] (etwa: Leitlinien und Handlungsrahmen), in denen sie u.a. auch Fragen des Meeresschutzes behandelt und die verschiedenen Aspekte einer umweltverträglichen Nutzung anspricht. Die dritte Initiative waren die sog. "Amendments to the Canada Wildlife Act" (Ergänzungen zum kanadischen Wildschutz-Gesetz), die eine Grundlage schufen, um innerhalb der 200-Seemeilen-Zone u.a. Schutzgebiete ausweisen zu können. Dies war für die wirkungsvolle Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz von Fischen und Meeressäugern ein besonders wichtiger Schritt. Schließlich wurde im November 1994 vom DFO unter der Bezeichnung "A Vision for Ocean Management" ein Perspektivpapier vorgelegt, in dem die Grundlinien einer wirkungsvollen Handlungsstrategie für die Zukunft definiert wurden (Draper, 1998: 263).
Bevor 1997 der COA verabschiedet wurde, waren im wesentlichen die Provinzen für Fragen der Nutzung und des Schutzes der Meere verantwortlich. Neufundland [15], Neuschottland [16] und Neubraunschweig haben z.B. eigene Gesetze hinsichtlich der Meeresnutzung und des Küstenschutzes. Andere Beispiele waren die Marine Protected Areas Working Group und der Burrard Inlet Environmental Action Plan in Britisch-Kolumbien. Letzterer hatte zum Ziel, den Einlaß toxischer Abwässer in die Burrard-Bucht zu verhindern. Gerade auf diesem Gebiet liegen auch heute noch große Verantwortlichkeiten bei den Kommunen im Rahmen der Müll- und Abwasserentsorgung. Sie müssen ihren Beitrag zur Gesunderhaltung der Gewässer im Rahmen vorausschauender Planung und angepaßter Konzepte zur Müll- und Abwasserbeseitigung leisten (Draper, 1998: 264).
Zusammenfassend lassen sich sechs Grundprinzipien für die "Fischereiwirtschaft der Zukunft" (Fishery of the future) formulieren. Es sind dies: Artenerhaltung, Ausgewogenheit der Nutzung und des Potentials, Professionalität, Nutzungsberechtigung ausschließlich für lizensierte Unternehmen (einschließlich der Kontrolle der eingesetzten Flotten), Zusammenarbeit zwischen Behörden und Privatwirtschaft mit verbindlichen Verantwortlichkeiten auf beiden Seiten, schließlich die Berücksichtigung der Rechte und Interessen der Urbevölkerung (Draper, 1998: 264). Obwohl noch nicht alle diese Bereiche durch entsprechende Gesetzesgrundlagen [17] abgesichert sind, bemüht sich Kanada in den letzten Jahren doch intensiv, die legislativen Lücken zu schließen bzw. neue Gesetze zum Schutz der marinen Umwelt zu erlassen. Leider fehlt es bisher aber oft noch an den Möglichkeiten der wirkungsvollen Umsetzung vorhandener Bestimmungen. Hier liegen noch große Aufgaben für die Zukunft.
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