Texteinheit 4: Wasser als Rohstoff - Probleme und Aktionsprogramme

(Holly Innes und Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Kanada verfügt über die größten Süßwasservorräte der Welt. Gleichwohl ist Wasser ein Rohstoff, der besonders gefährdet ist. Dem begegnet die kanadische Bundesregierung mit einem breiten Aktionsprogramm. Der Überblick soll die Gefahren bewußt machen und eine Sensibilisierung für den Umgang mit einem scheinbar unerschöpflichen Rohstoff erzeugen.

Schlüsselbegriffe: Wasserpolitik, Wasservorräte, Wasserverbrauch, Wasseraufbereitung, Wasserverschmutzung, Abwasserwirtschaft, Wasser & Freizeit, Wasser & Umwelt, Aktionsprogramme, Bürgerbeteiligung, Integrierte Planung.

Einer der wichtigsten Rohstoffe Kanadas sind seine Süßwasserreserven [1]. Das Land verfügt über rund neun Prozent [2] der entsprechenden Weltvorräte, ein scheinbar unerschöpfliches Potential. Dennoch: obwohl das Land über sehr hohe Standards [3] hinsichtlich der Reinheit seiner Binnengewässer verfügt, ist die Wasserverschmutzung [4] in einigen Gebieten ein Problem - bis hin zu Einschränkungen hinsichtlich der Nutzung (z.B. Schwimmverbote, Verbote des Fischverzehrs etc.). Drei Ursachen [5] sind für die Belastung der Binnengewässer [6] besonders hervorzuheben: toxische Substanzen, zu hoher Nährstoffgehalt und der Eintrag schädlicher Feststoffe. Toxische Abwässer werden v.a. durch die Industrie, die Landwirtschaft, aber auch durch die Haushalte verursacht. Die Substanzen kommen auf den unterschiedlichsten Wegen in den Wasserkreislauf: durch Ableitungen aus den Industrieanlagen, durch unkontrollierten Überlauf von Öl oder chemischer Abwässer, durch die Abwasserbeseitigung der Kommunen, aber auch durch atmosphärischen Eintrag mit den USA und Mexico als wichtigsten Verursachern, was immer wieder Gegenstand von Diskussionen und Erklärungen [7] ist. Mit dem Canada-United States Joint Inland Pollution Contingency Plan [8] sind hier bereits wichtige Vereinbarungen mit dem Nachbarland getroffen worden, um diesem Problem zu begegnen.

Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung der Problematik hat Kanada eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz des Wassers ergriffen und eine Reihe von Verordnungen und Gesetzen erlassen. Bereits 1970 wurden hierfür mit dem Canada Water Act [9] wichtige Grundlagen geschaffen. An der Umsetzung und Ausführung der Gesetze sind praktisch alle Ministerien und Behörden der kanadischen Regierung beteiligt. Offizielle Richtlinien [10] zum Schutz des Wassers wurden, nach mehreren Jahren intensiver Diskussion unter Beteiligung einer Vielzahl interner und externer Experten von der Regierung verbindlich festgelegt. Danach unterliegt jegliche Nutzung des Wassers der Überprüfung und der Kontrolle hinsichtlich möglicher Beeinflussungen des Ökosystems. Ziel dieser offiziellen Politik ist es, die Menschen zu einer sparsamen und verantwortungsbewußten Nutzung des Rohstoffs Wasser [11] anzuhalten, die im Einklang steht mit den sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Erfordernissen der heutigen Zeit und der künftigen Generationen. Dazu ist es notwendig, daß alle Kanadier die offizielle Grundhaltung der Regierung zu ihrem eigenen Anliegen machen und daß sie den fundamentalen Wert des Wassers erkennen.

Zwei übergeordnete Zielsetzungen wurden von der kanadischen Regierung im Hinblick auf die Wasserbewirtschaftung und den Wasserschutz formuliert. Das erste dieser Ziele besteht darin, die vorhandenen Wasserpotentiale zu schützen [12] und möglichst noch zu vermehren. Dies bedeutet, daß mögliche Kontaminierungen durch schädigende Substanzen schon vorausschauend verhindert werden sollen und daß geschädigte Potentiale vordringlich zu sanieren sind. Dabei reicht es für den Schutz nicht aus, strenge Reglementierungen und Grenzwertfestlegungen zu erlassen. Wirtschaftliche Anreize scheinen oft vielversprechender zu sein. Damit einher geht die strenge Anwendung des Verursacherprinzips, was bedeutet, daß die Hauptverursacher möglicher Schädigungen auch die Hauptkosten zu deren Beseitigung zu tragen haben.

Schon gewußt?
  • Kanadier verbrauchen im Durchschnitt 326 Liter Wasser pro Tag (Daten von 1996).
  • Nur 10 Prozent des Wasserverbrauchs entfallen auf die Verwendung in Haushalten
  • Rund 65 Prozent des Wasserverbrauchs in den Haushalten entfällt auf Bäder und Toiletten.
  • Der private Wasserverbrauch hat zwei deutliche Höhepunkte im Tagesverlauf: morgens und abends.
  • Der höchste Wasserverbrauch entfällt auf das Sommerhalbjahr. Zwischen 50 und 75 Prozent des privaten Wasserverbrauchs wird dann zum Rasensprengen verwendet.
  • Das Wachstum der Siedlungen zieht einen noch höheren Wasserverbrauch nach sich, weil die Bereiche der Wasserverwendung und das notwendige Volumen dadurch deutlich größer werden.
Quelle: Environment Canada [13]

Das zweite Hauptziel ist es, einen sinnvollen und sparsamen Verbrauch des Wassers [14] zu fördern. Hierzu ist es notwendig, Regeln und Verfahrensweisen für die Nutzung des Wassers zu entwickeln, die dessen Wert für alle gesellschaftlichen Ebenen und für die Umwelt Rechnung tragen. Ein wichtiges Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist die Politik des "realistic pricing", also der Umlegung der tatsächlich entstehenden Kosten auf die Nutzer gemäß deren tatsächlichem Wasserverbrauch [15]. Dies hat zur Folge, daß die Haushaltsaufwendungen (etwa durch Subventionen oder sonstige Zuschüsse) des Bundes für die Wasserversorgung reduziert bzw. die Investitionen in leistungsfähigere Versorgungssysteme mit verbesserter Technologie erhöht werden können. Eine solche Politik ist zum Vorteil für die individuelle und privatwirtschaftliche Nutzung, indem sie direkte Einsparungen ermöglicht. Sie dient außerdem der Förderung von Umwelttechnologien und damit dem gesellschaftlichen Auftrag, einen Beitrag zur Erhaltung des Wassers für die heutige Zeit und für künftige Generationen [16] zu leisten.

Die kanadische Bundesregierung hat fünf Strategien entwickelt, um diese beiden übergeordneten Ziele zu verwirklichen. Sie stellen jeweils breite Aktionsspielräume dar, die der Regierung eine wirksame und gleichzeitig flexible Rolle zuweisen. Das erste Aktionsprogramm betrifft die schon erwähnte Preispolitik des "realistic pricing". Kanada hat pro Kopf den höchsten Wasserverbrauch [17] weltweit, gleichzeitig ist es das Land mit den niedrigsten Wasserpreisen. Die Kanadier hatten sich daran gewöhnt, einen scheinbar unerschöpflichen, aufgrund von Subventionierungen dazu noch sehr billigen Wasservorrat zu besitzen. Die lange Zeit pauschalierten Wassergebühren haben einen verschwenderischen Verbrauch begünstigt, was einen ständigen Ausbau der Infrastrukturen, der Trinkwasseraufbereitung, der Speicherkapazitäten, der Verteilersysteme und der Abwasseraufbereitung notwendig gemacht hat. Die Umlegung der tatsächlichen Kosten i.S. des "realistic pricing" wird dies ändern, indem die Verbraucher den reellen Wert des Rohstoffs Wasser über den von ihnen zu zahlenden Preis [18] erkennen. Dies wird zu einer Reduzierung des Verbrauchs und damit der Beanspruchung der Versorgungssysteme führen. Die Investitionen in verbesserte Technologien bei der Aufbereitung und Verteilung von Trinkwasser werden sich letztlich ebenfalls kostensenkend auswirken. Für die konkrete Preisfestsetzung sind die Provinz- bzw. die Lokalbehörden zuständig.

Die zweite Aktionsebene betrifft die Kooperation von Wissenschaft und Wasser-Management. Wissenschaftliche und sozioökonomische Untersuchungen, die Entwicklung neuer Technologien und systematische Datenerfassung [19] jeglicher Art stellen wichtige Grundlagen für die immer komplexer werdenden Problematik der Ressourcen-Nutzung dar. Ein erfolgreiches Management auch hinsichtlich des Rohstoffs Wasser ist angewiesen auf wissenschaftlich begründete Erkenntnisse, auf einen soliden legislativen Rahmen und auf verantwortungsbewußte privatwirtschaftliche Kooperation.

Die dritte Aktionsebene betrifft integrierte Planungskonzepte der Bundesbehörden hinsichtlich der Erschließung und Aufbereitung von Trinkwasserreserven, um die qualitativ und quantitativ ständig steigende Nachfrage befriedigen zu können. Solche integrierten Planungskonzepte müssen alle potentiellen Nutzungsarten und wasserbezogenen Aktivitäten berücksichtigen, unabhängig davon, auf welcher politischen, verwaltungsmäßigen, wirtschaftlichen oder funktionalen Ebene sich diese Nutzung vollzieht. Der bevorzugte räumliche Bezugsrahmen für solche integrierten Konzepte sind komplette Wassereinzugsgebiete. Was integrierte Planung zusätzlich erforderlich macht ist die wechselseitige Abhängigkeit und die zunehmende Konkurrenz unter den Wassernutzern. Darüber hinaus müssen Aspekte wie die Nutzung der Wasserflächen für die Freizeit, für soziale Aktivitäten sowie ihre Bedeutung für den Umwelt- und den Landschaftsschutz berücksichtigt werden. All dies macht deutlich, daß integrierte Planung und Kooperation zwischen den verschiedenen Behörden- und Regierungsebenen beim Umgang mit dem Rohstoff Wasser immer wichtiger werden.

Das vierte Aktionsprogramm regelt die Zuständigkeit der Provinzen und des Bundes beim Umgang mit dem Rohstoff Wasser [20]. Die Provinzen gelten als Eigentümer des Wassers und sind dementsprechend unmittelbar zuständig für die Wasserversorgung, den Wasserverbrauch, die Kontrolle von Wasserverschmutzungen jeglicher Art usw. Gleichzeitig fallen in ihre Verantwortung Fragen der hydroelektrischen Nutzung, der künstlichen Bewässerung und der Nutzung des Wassers für Freizeitaktivitäten. Die Bundesregierung ist demgegenüber für die übergeordneten Zielsetzungen [21] zuständig, die bereits angesprochen wurden.

Das fünfte Aktionsprogramm zielt auf die Verantwortung und die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger. Die kanadische Regierung hat sich verpflichtet, Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung bei Fragen der Wasserversorgung und -bewirtschaftung einzuräumen, insbesondere dort, wo soziale, wirtschaftliche und ökologische Interessen miteinander interferieren. Breite Öffentlichkeitsarbeit und klar definierte Kompetenzen und Zuständigkeiten sind die wichtigsten Voraussetzungen, um alle Interessen zur Nutzung des Wassers verantwortlich koordinieren zu können.

Die Canadian Water Resources Association [22], eine non-profit Gesellschaft zur Erhaltung und verantwortungsbewußten Nutzung des Rohstoffs Wasser mit Sitz in Toronto, sieht eine ihrer Aufgaben darin, ein verantwortungsvolles öffentliches Bewußtsein zu erzeugen. Dahinter steht die Überzeugung, daß eine vorausschauende und dauerhafte Nutzung des Wassers nur erreicht werden kann, wenn jeder Einzelne seinen Beitrag zur Erhaltung des ökologischen und biologischen Gleichgewichts und damit zum Nutzen künftiger Generationen leistet. Vor dem Hintergrund dieser ethischen Zielformulierung bemüht sich die CWRA um die Entwicklung integrierter Modelle zum Ressourcen-Management zur Verbesserung der Wasserqualität und zur Sicherung der Wasserversorgung. Sie bezieht in ihren Konzeptionen auch andere Rohstoffe mit ein, ebenso wie hydrologische, ökologische, soziale und sonstige gesellschaftliche Parameter sowie räumliche Aspekte wie Gewässersysteme und Grundwassereinzugsbereiche.

Ein geschärftes Bewußtsein vom Wert, den Grenzen und den Kosten des Rohstoffs Wasser wird sicherlich zu dessen Erhaltung und zum Schutz beitragen und somit die Verfügbarkeit sowohl qualitativ wie quantitativ auch in Zukunft sichern. Wasser ist ein lebensnotwendiger Rohstoff, es ist gleichzeitig aber auch ein wichtiger ökologischer Bestandteil des Naturgefüges. Beide Aspekte im Auge zu behalten ist nur möglich, wenn Forschung, Planung und Praxis miteinander kooperieren. Für die Entscheidungsträger sind interdisziplinär erarbeitete Informationsgrundlagen ebenso wichtig wie die aktive Konsultation und Beteiligung der Öffentlichkeit. Dies setzt ein hohes Maß an Verantwortlichkeit voraus, das nur durch Kommunikation, Erziehung und öffentlichen Zugang zu jeglicher Art von Information erreicht werden kann (Mitchell, 1997: 39)

Insgesamt hat Kanada zum Schutz seiner Wasserressourcen zwar bereits viel unternommen, jedoch werden die Herausforderungen angesichts immer umfassender und komplexer werdender Umwelterfordernisse eher größer als kleiner. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, daß dies auch in den Köpfen der Kanadier Eingang findet und daß sie begreifen, ihren Beitrag zur Erhaltung der Wasserqualität und zur Verhinderung der Gewässerverschmutzung leisten zu müssen.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/FS/e_FSA3.htm#canada
[2] http://www.sdinfo.gc.ca/reports/en/monograph6/freshwat.cfm
[3] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/qual/e_qual.htm
[4] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/poll/e_pollut.htm
[5] http://www.ec.gc.ca/water/en/nature/sedim/e_sedim.htm
[6] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/poll/e_poll.htm
[7] http://yosemite.epa.gov/oswer/CeppoWeb.nsf/content/ip-bilateral.htm
[8] http://yosemite.epa.gov/oswer/ceppoweb.nsf/content/ip-bilateral.htm#canadaborder
[9] http://www.ec.gc.ca/EnviroRegs/Eng/SearchDetail.cfm?intAct=1003
[10] http://www.ec.gc.ca/water/en/policy/pol/e_pol.htm
[11] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/FS/e_FSA3.htm
[12] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/FS/e_FSA6.htm#quality
[13] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/FS/e_FSA4.htm
[14] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/use/e_wuse.htm
[15] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/use/e_price.htm
[16] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/fedpol/e_fedpol.pdf
[17] http://www.ec.gc.ca/water/en/manage/effic/e_how.htm
[18] http://www.ec.gc.ca/water/en/info/pubs/fs/e_FSA4.htm#price
[19] http://climate.weatheroffice.ec.gc.ca/rel_arch/index_e.html
[20] http://www.ec.gc.ca/water/en/policy/coop/e_agree.htm
[21] http://www.ec.gc.ca/water/en/policy/coop/e_juris.htm
[22] http://www.cwra.org/

Verwendete Literatur

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