Die Urbevölkerung Kanadas ist in zwei große Gruppen [1] zu untergliedern, die Indianer und die Inuit (oder Eskimo). Beide Gruppen sind der gleichen ethnischen Wurzel zuzuordnen, nämlich dem mongolischen Rassenkreis, dessen Ursprünge im nordostasiatischen Raum liegen. Die Vorfahren sowohl der Inuit [2] als auch der Indianer sind, nach der plausibelsten Theorie, während der Eiszeiten über die Bering-Landbrücke nach Nordamerika gelangt. Dabei darf man sich diesen Immigrationsvorgang nicht als eine einmalige Wanderung vorstellen, sondern er hat mehrere Jahrtausende angehalten und sich in Schüben vollzogen. Diese Tatsache erklärt teilweise die anthropologischen Unterschiede zwischen den beiden Hauptgruppen, aber auch die großen Unterschiede der einzelnen Kulturgruppen untereinander. Bei den Inuit werden sieben Regionalgruppen unterschieden, die sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher kultureller oder wirtschaftlicher Kennzeichen [3], der Verwendung bestimmter Geräte oder Fangtechniken, verschiedener Materialien zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen u. ä. erklären. Die Gesamtzahl der heute in Kanada lebenden Inuit beläuft sich auf rd. 25.000, ungefähr so viel, wie schon bei Ankunft der ersten Europäer vor rund 450 Jahren geschätzt wurden.
Deutlich vielfältiger ist die kulturelle Differenzierung der Indianer [4], deren Zahl heute in Kanada rd. 300.000 beträgt. Ihre Lebensweisen und Kulturen haben sich weiter auseinander entwickelt als bei den Inuit, nicht zuletzt deswegen, weil sie in verschiedenen Klimazonen siedelten, wo sie völlig unterschiedliche Lebensbedingungen vorfanden und wo sie sich entsprechend anpassen mußten. Bei aller Unterschiedlichkeit lassen sich die einzelnen Stämme aber auch hier in Regionalgruppen (oder auch Kulturräume) zusammenfassen. Im subarktischen Waldland war die Hauptlebensgrundlage der Indianer die Jagd, wobei Elch, Rentier, Rothirsch, Wildschaf u.a. die begehrtesten Jagdobjekte darstellten. Auch der Fischfang spielte eine wichtige Rolle. Im sog. nordöstlichen Kulturraum (der dem Südosten Kanadas entspricht) waren die Lebensbedingungen insgesamt günstiger. Neben der Fischerei spielte hier bereits früh der bodenstete Ackerbau eine Rolle, wobei besonders Mais (Indian corn), Bohnen und Kürbisse angebaut wurden. In den Prärien lebten die halbnomadischen Prärie-Indianer im wesentlichen von der Büffeljagd. Am vielfältigsten sind die Indianerkulturen im kanadischen Westen mit der Gruppe der Plateau-Indianer, bei denen sich verschiedene Wirtschaftsformen überlagern, und im nordwestlichen Kulturraum, in dem die sog. "Zedernvölker" beheimatet sind. Auf der Basis von Fischerei und Jagd haben die Indianerstämme des pazifischen Küstensaumes [5] eine hochstehende materielle Kultur entwickelt, bei der die Verwendung der Zeder als Baumaterial, für die Erstellung von Gebrauchs- und Kultgegenständen [6] (allen voran der berühmten Totempfähle) bis hin zur Herstellung von Kleidungsstücken besonders ausgeprägt war.
Schon in diesen wenigen Andeutungen zeigt sich, wie heterogen von jeher die "First Nations of Canada" [7] hinsichtlich ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihrer Wirtschaftsweisen und politischen Organisationsformen gewesen sind. Insofern sind verallgemeinernde Darstellungen ebenso schwierig als wollte man die diversen Nationen der Welt in einen Topf werfen. Die Mitglieder der Urbevölkerungsgruppen leben heute teilweise in isolierten Siedlungen, die oft nur mit dem Flugzeug erreichbar sind, in Reservaten über das Land verteilt, in zunehmendem Maße aber auch vermischt mit der übrigen kanadischen Bevölkerung in den Dörfern und Städten. Auch die Inuit leben heute überwiegend in kleinen Siedlungseinheiten in der kanadischen Arktis, wobei ihre Lebensgrundlage z. T. bis heute auf dem beruht, was das Land und das Meer in diesen Zonen bereithält (Abele, 1997: 120).
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What is a First Nation?
This is a term that came into common usage in the 1970s to replace the word "Indian," which
many people found offensive. Although the term First Nation is widely used, no legal
definition of it exists. Among its uses, the term "First Nations peoples" refers to the
Indian people in Canada, both Status and Non-Status. Many Indian people have also adopted the
term "First Nation" to replace the word "band" in the name of their community.
Quelle/Source: http://www.ainc-inac.gc.ca/hrtg/index_e.html [7] |
Einige Beispiele sollen diese Vielfalt verdeutlichen und vor allem auf die Aspekte der wirtschaftlichen und politischen Eingliederung der Urbevölkerung in die heutige kanadische Gesellschaft hinweisen. Ein erstes Beispiel sind die zur Gruppe der Irokesen [8] zählenden Six Nations of the Grand River [9] in Süd-Ontario, die insgesamt 19.002 Mitglieder umfassen und von denen 9.527 in Reservaten leben. Sie gehören zum sog. nordöstlichen Kulturraum und setzen sich aus sechs verschiedenen Stämmen, den Cayuga, Mohawk, Oneida, Onondaga, Seneca und Tuscarora zusammen. Gemeinsam bilden sie die größte Urbevölkerungsgemeinschaft (community) in Kanada. Das Reservat wird von einer eigenen Regierung verwaltet, die von zwölf Ratsmitgliedern und einem Ratsvorsteher gebildet wird. Ihr Regierungsgebäude (Council House) befindet sich in dem Dorf Ohsweken (ca. 30 km südwestlich von Hamilton, Ont.). Die Six Nations verfügen über fünf Schulen, die sich verstärkt dem Studium ihrer eigenen Kultur einschließlich der verschiedenen Sprachen ihrer Gruppen widmen. Auch der Sozialbereich ist gut ausgebaut. Die Gemeinschaft verfügt über Kindertagesstätten, Altenwohnheime, medizinische Versorgungseinrichtungen, aber auch eine eigene Polizeieinheit, Gerichtsbarkeit, Familienberatungsstellen, Drogen- und Alkoholberatung, Sozialhilfe- und Erholungszentren, ein Postamt usw. Diese behördliche Infrastruktur [10] wird ergänzt durch eine Reihe von privaten Versorgungseinrichtungen und touristischer Infrastruktur [11], wie z. B. Kunsthandwerksläden, Kunstgalerien, Restaurants etc. Mit Tourism Six Nations hat sich die Gemeinschaft eine Organisation geschaffen, die speziell den Tourismus als Wirtschaftsfaktor fördern und damit die Lebensgrundlage der Bevölkerung allgemein in den Gemeinden der Six Nations [12] verbessern soll.
Ebenfalls in Ontario befindet sich The Barrie Area Native Advisory Circle [13] (BANAC), in dem elf Urbevölkerungsgruppen der Gegend um Simcoe und York (westlich von Toronto) zusammengeschlossen sind. Ziel dieses Zusammenschlusses ist es, die Entwicklung innerhalb der Gemeinschaft durch Beratung und Unterstützung zu fördern. Eine Untersuchung des BANAC hat ergeben, daß bei den Urbevölkerungsgruppen z. B. die Benutzung des Internets [14] weniger verbreitet ist als in der übrigen kanadischen Gesellschaft. Daraufhin wurde eine Initiative entwickelt, insbesondere in den abgelegenen Gemeinschaften eine bessere telekommunikative Versorgung zu erreichen, weil auch für die Urbevölkerung der "Information Highway" ein anerkannt wichtiges Instrument ist, um die Erfordernisse des modernen Lebens zu meistern.
Eine völlig andere Kultur wird im Saskatchewan Indian Cultural Centre [15] deutlich. Dieses Kulturzentrum dokumentiert die Lebensgewohnheiten und kulturellen Eigenheiten der fünf verschiedenen Indianerkulturen, die in Saskatchewan beheimatet sind: Saulteaux, Dakota, Assiniboine, Dene und Cree. Wichtigstes Anliegen des Zentrums ist der Kulturerhalt und die Bewahrung des Selbstwertgefühls der Ureinwohner. Um dies zu erreichen, vermittelt es zahlreiche Möglichkeiten zum Studium indianischer Kultur als ein Instrument, um deren spirituelle, emotionale, psychologische und intellektuelle Lebenswerte zu erhalten. Dabei geht es in den verschiedenen Abteilungen des Zentrums nicht darum, diese traditionellen Werte und Fähigkeiten als Elemente der Vergangenheit zu begreifen, sondern sie sollen eingepaßt werden in eine sich verändernde und dynamisch weiterentwickelnde moderne Kultur. Ein anderes Beispiel ist Aboriginal Capital Corporations [16], ein Zentrum, das sich um die Erhaltung und Entwicklung der traditionellen wirtschaftlichen Aktivitäten der Urbevölkerung bemüht und nach Möglichkeiten der besseren Einbindung in die Gesellschaft sucht.
Eine bedeutende politische Veränderung hat sich im Norden Kanadas [17] kurz vor der Jahrtausendwende mit der Schaffung des neuen Territoriums Nunavut [18] vollzogen. Es war dies ein Erfolg im Bemühen der Inuit der kanadischen Arktis, ihr Schicksal politisch und wirtschaftlich selbst stärker in die Hand zu nehmen. Bis 1999 wurden die gesamten Nordwest-Territorien (NWT) von Yellowknife aus [19] verwaltet. Die Entfernung von hier bis nach Iqaluit (an der Frobisher Bay) ist etwa so weit wie zwischen Vancouver und Thunder Bay am Oberen See in Ontario. Mit der Schaffung eines neuen Territoriums (rd. zwei Mio. km²) und der Hauptstadt Iqaluit [20] haben die Bewohner (rd. 28.000) der nordöstlichen kanadischen Arktis einen neuen Bezugs- und Identifikationspunkt [21]. Vor allem aber sind nunmehr die Siedlungen in diesem Gebiet insgesamt besser und direkter versorgt, indem in den meisten größeren von ihnen die wichtigsten Regierungsbehörden vertreten sind. Dies macht die Erledigung vieler alltäglicher Geschäfte unmittelbar vor Ort möglich.
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Nunavut: Some facts and comparisons
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Den eigentliche Vorteil dieser direkten behördlichen Präsenz [23] verspricht man sich aber davon, daß die Entscheidungen nunmehr in besserem Einklang mit den lokalen Erfordernissen getroffen werden können, was vorher schon allein aufgrund der riesigen Distanzen kaum möglich war [24]. Dabei ist die Beteiligung der Inuit an den Entscheidungsprozessen ein entscheidendes Instrument, das ihnen seit der durch den kanadischen Staat Mitte des 20. Jahrhunderts angeordneten Seßhaftmachung in permanenten Siedlungen praktisch nicht mehr zur Verfügung stand. Zwar gab es vor diesen Maßnahmen bei den halbnomadisierenden Inuit keine formalisierten Verwaltungsstrukturen, innerhalb ihrer Lebensgemeinschaften konnten sie jedoch traditionell ohne äußere Beeinflussung über ihr Schicksal bestimmen.
Die neue Situation stellt aber auch eine große Herausforderung [25] dar. Zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen Nunavuts [26] zählen der Bergbau, die Telekommunikation und die Bauwirtschaft. Sie in einer freien Wettbewerbswirtschaft gewinnbringend und dauerhaft zu nutzen verlangt von der Bevölkerung in vielerlei Hinsicht ein Umdenken. Dabei sind zwei protektionistische Leitlinien für Unternehmen im Besitz der Urbevölkerung wirksam, um den extrem hohen Lebenshaltungskosten, dem Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften und sonstigen Nachteilen im Norden entgegenzuwirken: die Business Incentive Policy (BIP) der Regierung der NWT und Artikel 24 des Nunavut Land Claims Agreement [27] (NLCA). Beide greifen erheblich in die wirtschaftlichen Abläufe ein, denn bisher kann von einer freien Marktwirtschaft im üblichen Sinne im Norden (noch) keine Rede sein. Dabei muß man sich klarmachen, daß der Übergang von einer jahrtausendealten subsistenten Wirtschaftsstufe des Jagens und Sammelns zur modernen Geldwirtschaft innerhalb einer Generation für die Inuit wie für die Urbevölkerung ganz allgemein nicht eben einfach ist.
Die Regierung der NWT ist nach wie vor der größte Arbeitgeber in vielen Siedlungen des Nordens, wobei sich ihr Einfluß auch in den privaten Wirtschaftsbereichen niederschlägt. Ein Grundsatz der BIP besteht darin, qualifizierte örtliche Unternehmen für Regierungsaufträge zu bevorzugen. Gleichermaßen sind Unternehmen, die öffentliche Zuschüsse in Anspruch nehmen, verpflichtet, Zulieferer oder andere Vertragspartner aus dem Norden einzubeziehen, wo immer dieses möglich ist. Dieses protektionistische System ist sicherlich von Vorteil, aber es birgt auch Nachteile. So kann sich die Ausführung der Arbeiten wegen beschränkter Kapazitäten gelegentlich unverhältnismäßig lange hinauszögern, außerdem sind die Kosten wegen des Preisniveaus im Norden möglicherweise inflationär hoch. Außerdem sind die Verwaltungswege im Norden nicht eben kurz. Es gibt Ausschüsse, Räte, Abteilungen für buchstäblich alles, und alle wollen und müssen gefragt werden, was natürlich auch Verzögerungen bewirken kann.
Ähnlich sind die Bestimmungen des NLCA. Artikel 24 schreibt vor, daß Regierungsaufträge, wo immer möglich, an Unternehmen vergeben werden müssen, die sich zu mindestens 51 Prozent im Besitz von Inuit befinden. Das macht deutlich, daß diese Klausel der einheimischen Bevölkerung bewußt einen Wettbewerbsvorteil verschafft, um an der derzeit boomenden Wirtschaft (v. a. Bauwirtschaft und Ausbau der Infrastrukturen) beteiligt zu werden. In der neuen Entscheidungsstruktur Nunavuts haben die Kommunen verstärkt Einflußmöglichkeiten auf diese Fragen, wobei ihr wesentliches Augenmerk auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze oder selbständiger Unternehmen gerichtet ist.
Von besonderer Bedeutung für die Wirtschaft Nunavuts ist das Kunsthandwerk [28], ein erstaunliches Phänomen in dieser rauhen Umwelt mit ihren eingeschränkten Ressourcen und einer geringen Bevölkerungszahl, die gleichwohl eine umfangreiche und künstlerisch hochwertige Produktion erzeugt. Vielleicht hat gerade die geringe Verfügbarkeit von Ressourcen hierzu beigetragen, denn die Menschen dieses Raumes waren stets gezwungen, aus dem Wenigen, was sie vorfanden, das Beste zu machen. Die Männer haben es ausgezeichnet verstanden, aus den wenigen dafür geeigneten Rohstoffen Werkzeuge und Geräte herzustellen, die für das Überleben unerläßlich waren. Die Frauen haben ihrerseits ein hohes Maß an technischen Fertigkeiten entwickelt, um aus den verfügbaren Materialien Kleidungsstücke herzustellen, wobei sie sich eine genaue Kenntnis über den Rohstoff angeeignet und ein hohes Maß an Sensibilität für dessen Wert entwickelt haben. Menschen auf der Wirtschaftsstufe des Jägers und Sammlers haben notwendigerweise besondere Fähigkeiten der Beobachtung und des Erinnerungsvermögens entwickelt, die sich die Inuit bis heute bewahrt haben und die für Künstler jedwelcher Richtung eine wichtige Voraussetzung darstellen.
Zu den bekanntesten kunstgewerblichen Produkten gehören die Skulpturen, die aus Stein gefertigt werden. Ursprünglich war Speckstein (Steatit) das am häufigsten verwendete Material, weil es relativ weich und leicht zu bearbeiten ist. Aber es ist auch zerbrechlich, was heute viele Künstler veranlaßt, härtere Materialien wie Serpentin (dem Speckstein in der chemischen Zusammensetzung ähnlich, aber härter), Argillit (Tonstein), Quarzit oder Marmor zu verwenden. Meistens findet sich der verwendete Stein in der Nähe der Siedlungen, so daß vom Material her oft auch auf die Herkunft der Kunstgegenstände geschlossen werden kann. Fast jede Siedlung weist außerdem sehr individualistische Stilrichtungen auf. Verfügt man über hinreichende Kenntnisse, so kann man hieraus eine regelrechte Kunstgeographie der Arktis ableiten. Dabei zeigt sich innerhalb Nunavuts eine beachtliche Breite der Stilrichtungen, die teilweise auch generationenbedingt ist. Traditionell wurden durch die Steinskulpturen alte Erinnerungen festgehalten (z. B. an Jagdszenen, Familienereignisse, Besonderheiten der Natur). Der jüngeren Künstlergeneration sind diese Dinge oft nicht mehr bekannt, oft suchen sie auch bewußt nach eher zeitgenössischen Motiven mit sozialem Hintergrund. Damit nähert sich die künstlerische Motivation zunehmend der an, die ganz verbreitet unter jungen kanadischen Künstlern zu beobachten ist und für die die ältere Generation teilweise nur wenig Verständnis aufbringt.
Obwohl auch viele Inuit-Frauen Steinskulpturen herstellen, gibt es ein Programm der kanadischen Bundesregierung, um speziell die traditionellen künstlerischen und kunsthandwerklichen Fähigkeiten der Frauen zu fördern und damit zu bewahren. So wurde bereits 1969 in Pangnirtung [29] (Baffin Island) ein spezielles Webzentrum eingerichtet, in dem neben den traditionellen auch moderne europäische Techniken vermittelt werden. In Baker Lake [30] (NWT) haben sich die Frauen zusammengeschlossen, um Parkas und Jacken aus schwerem Wollstoff, die durch die Hudson’s Bay Company aus England importiert werden, mit künstlerischen Motiven zu besticken und dann zum Verkauf anzubieten. Natürlich war dies nicht ganz einfach in Anbetracht der riesigen Entfernungen zwischen dieser arktischen Siedlung und den Absatzmärkten im Süden, auf dem sich zusätzlich auch der Geschmack ständig ändert. Gleichwohl machte diese Initiative rasch deutlich, daß die Fähigkeiten der Frauen, Kleidungsgegenstände zu dekorieren, weit über das bloße Besticken von Parkas oder Jacken hinausging.
Eine andere besondere Fertigkeit der Frauen besteht in der Herstellung von Puppen, was offensichtlich bereits eine sehr lange Tradition besitzt. Vielerorts ist diese Fähigkeit heute wieder aktiviert und zu künstlerischen Formen perfektioniert worden. Fast in jeder Inuitsiedlung gibt es heute Frauen, die zumindest gelegentlich auch Puppen für den Verkauf herstellen. Erwähnt werden müssen auch die kunsthandwerklichen Arbeiten, die seit Menschengedenken aus anderen Materialien, etwa aus Elfenbein oder aus Knochen hergestellt werden. Solange die Inuit in ihrer halbnomadischen Lebensweise umherzogen, blieb diese Produktion naturgemäß eher beschränkt. Auch dies hat sich heute geändert, ebenso wie die verstärkte Herstellung von Schmuckgegenständen, die mit der Erschließung neuer Märkte im Süden deutliche Impulse erhalten hat.
Die Kunst der Inuit, wie die anderer Eingeborenenkulturen auf der Welt, hat eine lange Geschichte, die auf den Erfahrungen dieser Menschen im Umgang mit der Natur, der Flora, der Fauna und den verfügbaren Rohstoffen beruht. Sie ist Ausdruck einer intimen Verbindung der Menschen mit ihrem Land, die Kunsthandwerker und Künstler früher ebenso inspiriert hat wie in der heutigen Zeit: sie verkörpern buchstäblich eine Art visuelle Kultur. Das Leben der Inuit hing stets in starkem Maße von ihrer Fähigkeit der Naturbeobachtung ab. Daß Tierdarstellungen so häufig sind erklärt sich damit, daß die Tiere des Landes, des Wassers oder des Himmels in den Gedanken dieser Menschen ständig präsent waren, weil sie letztendlich ihr Leben bedeuteten. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß dieses hohe Maß an Beobachtungsvermögen und Imaginationskraft fast zu einem anthropologischen Merkmal dieser Menschen geworden ist und daß es auch in ihrem künstlerischen Schaffen seinen Niederschlag findet.
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