Die Urbevölkerung Kanadas hat, in Anpassung an Zeit und Raum, ein breites Spektrum
unterschiedlicher Kulturformen entwickelt. Dieser Vorgang hat mehrere Tausend Jahre in Anspruch
genommen und war so lange von einer Balance zwischen Mensch und Natur getragen, bis die
europäischen Kolonialmächte diesen Raum für sich beanspruchten und die Indianer
in Reservate, ausgewiesene Siedlungsbezirke oder in die Anonymität der Städte abdrängten
[1]. Aber in jüngerer Zeit, insbesondere
während des letzten Jahrzehnts, ist ein erstaunlicher kultureller Erneuerungsprozeß
zu beobachten. Die Forderungen der Urbevölkerung erstrecken sich auf drei Grundfragen,
nämlich
a) Selbstbestimmung ihres Schicksals anstelle einer wohlgemeinten, jedoch letztlich
kulturzerstörenden Übernahme der Verantwortung durch die kanadische Regierung!
b) Die Zuweisung eigener Territorien, verbunden mit dem uneingeschränkten Recht der
Ressourcennutzung und der politischen Zuständigkeit!
c) Volle Anerkennung des Eigenstatus hinsichtlich Zeit, Raum und Menschenwürde durch
Kanada, die eine Gesundung und Erneuerung ihrer Kulturen ermöglichen würde. Diese drei
Grundforderungen seien im folgenden kurz erläutert.
Das Recht auf Selbstbestimmung
[2]: Die Urbevölkerung Nordamerikas setzte sich
bei Ankunft der Europäer aus einer Vielzahl von Kulturgruppen und Stammesgebieten zusammen.
Innerhalb dieser Gebiete waren die Stämme autonom, sie entsprachen also im politischen
Sinne Stammesnationen. Aus diesem Grunde bezeichnen sich die kanadischen
Urbevölkerungsgruppen heute nicht zu Unrecht als "First Nations" [3], als die "ersten Nationen" des Kontinents und es ist
insofern nachvollziehbar, daß sie dieses Recht auf Eigenständigkeit heute einfordern.
Jedoch ist dies leichter gefordert als verwirklicht, denn viele der alten Kulturen bestehen nur
noch als Fragment. Zur Schaffung neuer Stammesnationen müßten zahlreiche
Voraussetzungen geschaffen und umgesetzt werden, etwa eigene Verfassungen, Verwaltungsstrukturen
Regierungen usw., zudem wären die Grundlagen für die Beziehungen mit den
Provinzregierungen und mit Ottawa eindeutig zu klären. Wie diese Strukturen aussehen
sollen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Derzeit werden drei Modelle diskutiert:
a) die Form des Nation Government, das der Urbevölkerung Territorien zugesteht, die
ausschließlich von ihr selbst bewohnt, wirtschaftlich genutzt und regiert werden.
b) Die Form des Public Government, die Zuweisung von Territorien, die auch von
Nichtindianern bewohnt, jedoch von der Urbevölkerung regiert werden.
c) Die Form des Community of Interest Goverment, ein Modell, das sich speziell auf
Städte bezieht, in denen der Urbevölkerung auf den Gebieten Erziehung,
Krankenversorgung, Wirtschaftsentwicklung und im Kulturbereich eigene Infrastrukturen zur
Verfügung stehen. In allen drei Formen sind zumindest teilweise traditionelle
Selbstbestimmungsebenen enthalten.
Land, Ressourcen, wirtschaftliche Entwicklung: Traditionell waren Land und Rohstoffe die Schlüssel für den Wohlstand der Urbevölkerung, die diese Lebensgrundlage im Einklang mit der Natur nutzte. Heute ist der größte Teil des Landes, auch solches, das den Indianern zur Verfügung gestellt wurde, einschneidenden Nutzungs- und Verwaltungskonkurrenzen unterworfen. Eine der wichtigsten politischen und kulturellen Forderungen in Kanada ist heute die Frage nach der Zuweisung hinreichend großer Territorien, die es der Urbevölkerung erlauben würden, das Gefühl einer physischen, kulturellen und spirituellen Heimat zu entwickeln und in denen sie ihre traditionelle Wirtschaftsweise der Jagd und des Fallenstellens verwirklichen könnte. Sie müßten gleichermaßen eine solide Ressourcen- und Finanzbasis für wirtschaftliche Unabhängigkeit und politische Selbständigkeit darstellen. Die Frage der Landansprüche und andere Forderungen stehen heute kanadaweit im Mittelpunkt vieler Diskussionen [4] und bereits heute sind viele Mitglieder oder Interessensgruppen der Urbevölkerung aktiv in einem breiten Spektrum wirtschaftlicher und sonstiger Aktivitäten in diesen Dialog eingeschaltet [5]. Sie reichen von Formen des Co-managements über die eigenständige Unternehmensführung im Ressourcenbereich, im Transportsektor [6], im Tourismus bis hin zum Kommunikationswesen [7].
Kulturelle Erneuerung: Obwohl traditionell die Verwandtschafts- bzw. die Familienbeziehungen innerhalb der Generationen und zwischen den Stammesmitgliedern eine zentrale Rolle in den Indianerkulturen gespielt haben, sind gerade diese durch die verschiedensten Ursachen verändert worden. Beispiele sind Internatsschulen, in denen Indianerkinder durch Nicht-Indianer unterrichtet werden, Pflegekinder, die von Mitgliedern anderer Kulturgruppen betreut werden, Adoptionen außerhalb der eigenen Kulturgruppe, die Abwanderung von Familienmitgliedern oder -teilen in die Städte usw. Der hierdurch verursachte Kultur- und Identitätsverlust mag einer der Gründe dafür sein, daß unter der Urbevölkerung eine hohe Selbstmordrate, hohe Drogenabhängigkeit und häufige Gewaltanwendung in den Familien auffällig sind.
Von größter Notwendigkeit ist auch die Verbesserung der Krankenversorgung, wobei es wichtig wäre, daß die Kontrolle darüber bis auf lokaler Ebene in den Händen der Urbevölkerung liegt. In vielen Indianersiedlungen erinnert man sich wieder an die alten Heilpraktiken der Vorfahren [8]. Auch im Bereich des Wohnungsbaus sind dringende Verbesserungen notwendig, da der Standard deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Hier gibt es erfreulich positive Ansätze zur Verbesserung der Situation.
Die verschiedenen Urbevölkerungsgruppen reagieren im allgemeinen sehr dynamisch auf Möglichkeiten der kulturellen Erneuerung. Mehr und mehr übernehmen sie selbst auf lokaler Ebene die Kontrolle über das Erziehungswesen, wobei der Unterricht zum (Wieder)-Erlernen der eigenen Sprache ein Schlüsselanliegen darstellt. Von großem Einfluß sind die Meinungen der Familien- oder Stammesältesten [9]. Alte Kulturgegenstände [10] und -gepflogenheiten werden mehr und mehr wiederentdeckt, dokumentiert, verbreitet, reaktiviert, und dies oft in verblüffender Weise verknüpft mit den Möglichkeiten der modernen Technologie [11].
Fallstudien: Anhand einiger Beispiele soll im folgenden angedeutet werden, wie sich bei verschiedenen Kulturgruppen dieser Erneuerungsprozeß vollzieht. Der Vorgang ist außerordentlich komplex und vielfältig hinsichtlich der Dimension der Territorien, dem Verhältnis der einzelnen Gruppen zu ihrer Ressourcenumwelt und der Menschen untereinander.
Nunavut: Das Gebiet von Nunavut wurde 1999 aus der riesigen Fläche der Nordwest-Territorien herausgeschnitten und der Bevölkerung der östlichen Arktis in Selbstbestimmung übergeben. Die Regierung in Iqaluit [12] ist für alle rd. 22.000 Bewohner des Territoriums zuständig [13], von denen 85 % zur Gruppe der Inuit gehören. Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses und gleichzeitig des modernen Selbstbewußtseins des Volkes von Nunavut ist seine Art, sich im Internet zu präsentieren. Die WWW-Seiten bezeugen einen moderne Regierungs- und Planungsapparat [14] sowie eine diversifizierte Geschäfts- und Unternehmensstruktur [15]. Eine eigene Wochenzeitung [16], die in der Hauptstadt hergestellt wird, ist ebenfalls per Internet abrufbar. Die Tourismuswerbung [17] enthält online Sprachlektionen in Inuktitut und virtuelle Rundfahrten. Und natürlich verfügt Nunavut über eine regionale Radio- und Fernsehstation [18] der Canadian Broadcasting Corporation, deren Sendungen in Iquluit gestaltet und ausgestrahlt werden.
Die Nisga'a: Bei den Nisga'a [19] handelt es sich um einen Indianerstamm, der im Gebiet des Nass River [20] im Nordwesten Britisch-Kolumbiens nahe der Grenze zu Alaska lebt [21]. Sie haben vor kurzem erfolgreich einen Grundlagenabkommen [22] erarbeitet, das ihre ausschließliche Zuständigkeit für ihr Land und dessen Nutzung vorsieht. Zwar steht die Ratifizierung des Abkommens durch die Regierungen von Britisch-Kolumbien und Ottawa noch aus, jedoch läßt sich die Diskussion hierüber ebenfalls sehr gut per Internet verfolgen [23].
Oujé-Bougoumou Cree: Die Menschen dieses Stammes bezeichnen sich als die "traditionellen Bewohner eines Gebiets in Nord-Québec mit einer Größe von eintausend Quadratmeilen, das in der Geschichte nie abgetreten, besetzt oder erobert worden ist." Gleichwohl sind sie in der jüngeren Geschichte im Rahmen von bergbaulichen Aktivitäten durch die Regierung mehrfach umgesiedelt worden. Dem haben sie sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts dadurch widersetzt, daß sie sich nach dem Vorbild ihrer Vorfahren eine neue Siedlung [24] angelegt haben, die sie gleichermaßen als Ausdruck ihrer Kultur und als Zeichen ihrer Selbstbestimmung verstehen.
Integrationsprobleme in Großstädten: Viele Indianer leben heute in den Städten Kanadas. Offiziellen Zahlen [25] zufolge waren 1996 rd. 20 % der Urbevölkerung auf sieben Städte des Landes verteilt. In Winnipeg allein lebten mit fast 46.000 Einwohnern mehr Menschen der verschiedenen Urbevölkerungsgruppen als in den gesamten Nordwest-Territorien und Nunavut zusammengenommen. Für Toronto wird offiziell zwar nur eine Zahl von 16.000 genannt, aber die Schwierigkeiten der Erfassung von Verwandtschaftsbeziehungen und ein hoher Anteil temporärer Bewohner in der Stadt lassen Schätzungen von bis zu 100.000 glaubhaft erscheinen.
Das Leben in den Städten ist für die Urbevölkerung eine Bedrohung und eine Chance zugleich. In vielen sog. Friendship Centres werden umfangreiche Programme für Integrations- oder Kontaktmöglichkeiten angeboten, um Probleme der Vereinsamung, der Arbeitslosigkeit oder gesundheitlicher Gefährdungen zu bekämpfen. Auch seitens der Städte werden vielerorts Ausbildungs- und Kommunikationszentren eingerichtet. Einmal mehr spielt das Internet als Informations- und Kontaktmedium hier eine wichtige Rolle. Die Friendship Centres sind über einen zentralen Link [26] des Ontario Federation of Indian Friendship Centres auffindbar. Von hier aus kann man z. B. die entsprechende Einrichtung in Brantford (Ontario) [27], das Native Canadian Centre of Toronto [28], und viele weitere Kontaktadressen erreichen. Die Zahl der Kontaktadressen [29] steigt täglich. Bedeutsam ist auch eine spezielle Abteilung des Ontario Institute for Studies in Education (OISE) in Toronto, das mit der sog. Indigenous Education Network [30] über eine spezielle Abteilung für Forschungs- und Ausbildungsfragen der Urbevölkerung verfügt.
Zusammenfassend ist hervorzuheben, daß im Verlauf der letzten Jahrzehnte in weiten Teilen der kanadischen Bevölkerung ein Umdenken stattgefunden hat, das der Urbevölkerung mehr Verständnis als in der Vergangenheit entgegenbringt. Die Urbevölkerung ihrerseits hat sich zu einem Zeitpunkt auf ihre kulturellen Werte und deren Einforderung gegenüber Kanada besonnen, als bereits vieles davon verlorengegangen war. Es ist zu hoffen, daß es noch nicht zu spät war für diesen Neubeginn und daß damit ein wichtiges Element der multikulturellen Gesellschaft des Landes auch in Zukunft erhalten bleibt. Schließlich leitet sich der Name Kanada von dem huronischen Wort für Wohnplatz - "kanata" [31] - ab, womit ein Platz für alle gemeint ist.
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