Es gilt heute als gesichert, daß die früheste Besiedlung Nordamerikas von Asien aus erfolgt ist. Die ersten Immigranten kamen vor rund 12.000 Jahren, möglicherweise aber auch schon deutlich früher, über die zu diesem Zeitpunkt als Landbrücke bestehende Bering-Straße [1]. Diese frühen Immigrantengruppen zogen bis in die südlichen und mittleren Teile des Kontinents weiter und entwickelten hier blühende Kulturen, während der Norden zunächst weitgehend unbesiedelt blieb.
Erst um 3000 v. Chr. verblieben die ersten Gruppen dieser Einwanderer im Norden und entwickelten eine den arktischen Bedingungen angepaßte Kulturform im Gebiet Alaskas. Rund eintausend Jahre später hatte sich diese Kultur weiter östlich ausgebreitet und reichte bis nach Labrador und Grönland. Diese Menschen, die sog. Paläo-Eskimo [2], lebten in einer Art nomadischen Lebensweise vorwiegend von der Jagd auf Rentiere, Moschusochsen und Robben sowie vom Fischfang. Sie waren in kleinen Gruppen und Familienverbänden organisiert.
Diese früheste Entwicklungsstufe wird als Dorset-Kultur [3] bezeichnet. Sie konnte sich zu einer gewissen Blüte entfalten und auch nach Süden ausweiten [4]. Hauptgrund hierfür war eine kältere Klimaphase um 1800 v. Chr. [5], während der die hier vorher lebenden Stämme ihrerseits weiter nach Süden gewandert waren. Im Gebiet Alaskas hatte sich während dieser frühen Entwicklung eine komplexe Kultur entwickelt. Fischfang und Jagd wurden teilweise mit Harpunen von Booten aus betrieben, den kayaks [6] und umiaks [7]. Die Menschen lebten hier bereits in permanenten Siedlungen, die teilweise aus Holz gebaut und in die Erde eingelassen waren. Aus dieser Dorset-Kultur heraus entwickelte sich die Thule-Kultur, die in einer Phase der Klimaerwärmung eine rasche Ausweitung ostwärts erfuhr. Hauptgrundlage der Thule-Kultur war der Walfang, der von Booten aus mit Harpunen betrieben wurde. Aber auch Hundeschlitten wurden bereits eingesetzt. Die Behausungen waren nunmehr vorwiegend aus Stein und Walknochen [8] erbaut.
Insgesamt erlaubten die Techniken der Thule-Kultur eine bessere Nutzung der arktischen Ressourcen als die der Dorset-Kultur, die ihr allmählich zum Opfer fiel. Als Blütezeit der Thule-Kultur [9] kann die zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends [10] betrachtet werden, als sich das Klima nochmals etwas erwärmte. Jedoch mit einer Abkühlung des Klimas [11] ab etwa 1000 n. Chr. veränderten sich die Lebensbedingungen erneut, ein Vorgang, der zusätzlich durch den ersten Kontakt mit Europäern um etwa 1600 n. Chr. beschleunigt wurde und der die heutige Kulturformen der Inuit ("Inuit" bedeutet "Mensch") nicht unwesentlich beeinflußt hat.
Die heutigen Lebensformen der sog. Inummariit ("der wirklichen Inuit") variieren deutlich in Abhängigkeit von regionalen Ressourcen- und Umweltbedingungen. Sie haben traditionell dazu geführt, daß verschiedene Gruppen oder Familien in ihren jeweils mehrere Tausend km² großen arktischen Jagdgebieten [12] umherzogen und sich mit ihren Versorgungsgütern und Vorräten gegenseitig ergänzten. Hauptlebensgrundlage all dieser Gruppen war gleichwohl die Jagd auf Rentiere und Meeressäuger sowie die Fischerei, gemeinsames Kennzeichen war eine hochmobile Lebensweise zur Sicherung der Nahrungsgrundlagen.
Allerdings ist die Arktis auch in kürzeren Zeiträumen durch teilweise dramatische Veränderungen der Lebensbedingungen gekennzeichnet, was an einem konkreten Beispiel aufgezeigt sei. Der hier betrachtete Raum von rd. 320.000 km² liegt im Bereich der Simpson Strait (King William Island), wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieben kleinere Inuitgruppen [13] lebten. Jede von ihnen verfügte über ein mehr oder weniger definiertes Territorium [14] in dem sie der Nutzung ihrer beiden Hauptressourcen, der Rentierjagd und dem Robbenfang, nachging.
Von Dezember bis Mai lebten diese Menschen vorwiegend in Schneehäusern [15], die sie auf dem Eis, in Küstennähe oder in der Nähe von Flußmündungen errichteten. Mit Hilfe der Harpune wurden Robben (zunehmend auch durch die Verwendung von Gewehren) an Eislöchern erlegt [16], wenn die Tiere sich hier zum Atmen einfanden. Auch Eisbären gehörten zu den Jagdobjekten, wobei auch sie ursprünglich mit Pfeil und Bogen, zunehmend dann mit Speeren und schließlich ebenfalls mit Gewehren erlegt wurden. Im Frühjahr, wenn das Eis zurückging, wanderten die Gruppen südlich auf das Festland und lebten dann vorwiegend von der Fischerei auf Lachsforelle, Forelle und Weißfisch.
Während der Sommermonate gelangten die Rentiere auf ihren jahreszeitlichen Wanderungen bis in das Gebiet von King William Island. Während dieser Jahreszeit gehörten sie zu den begehrtesten Jagdobjekten, die ursprünglich ebenfalls ausschließlich mit Pfeil und Bogen erlegt wurden. Der Höhepunkt der Rentierjagd wurde Ende August Anfang September erreicht, bevor sich die nunmehr wohlgenährten Tiere wieder auf die Südwanderung begaben. Besonders an einigen Furten, die von den Herden auf ihren instinktiv gesteuerten Wanderungen genutzt wurden, war die Jagd ein leichtes Spiel für die Jäger in ihren wendigen Kajaks oder Umjaks. Da an diesen Übergängen weit mehr Rentiere gejagt werden konnten als eine Gruppe benötigte, war es üblich, daß sich bei dieser Gelegenheit mehrere Gruppen an der Simpson Strait zusammenfanden.
Um 1920 setzte jedoch ein tiefgreifender Wandel in den Lebensbedingungen ein. Um diese Zeit wurden Pelzhandelsstationen errichtet, in denen vorwiegend gegen Fuchspelze Gewehre und aus Metall gefertigte Fallen getauscht werden konnten. Dies führte mehr und mehr dazu, daß das Fallenstellen entlang der Küste und in den Flüssen des Binnenlandes zur wichtigsten Beschäftigung während des Winters wurde, gleichzeitig wurde die traditionelle Robbenjagd in den Wintercamps auf dem Eis zunehmend aufgegeben – und damit auch eine wichtige Form der Fleischversorgung geopfert. Teilweise haben aber offensichtlich auch die Rentiere ihre Lebensgewohnheiten geändert, indem zumindest Teile der Herden wenn auch vereinzelt, so aber doch ganzjährig in der Tundra verbleiben. Der Einsatz von Gewehren machte die Jagd auf diese Tiere gleichwohl auch über größere Distanzen möglich. Auch beim Fischfang im Frühjahr und Herbst änderten sich die Fangmethoden, indem Netze anstatt der traditionellen Harpune eingesetzt wurden, was die Fangmengen deutlich erhöhte. Alles in allem führte diese Entwicklung dazu, daß Teile der traditionellen Lebensgewohnheiten auf dem Eis geopfert wurden, daß aber auch zunehmend eine Abhängigkeit von Technologien erkennbar wurde, die von außen her importiert werden mußten.
Dieses Beispiel ist symptomatisch und macht verständlich, warum sich die Inuit in den letzten Jahrzehnten teilweise vehement um mehr Eigenständigkeit und Eigenverantwortung bemüht haben. Ein wichtiger Erfolg war in dieser Beziehung die Schaffung von Nunavut, eines Territoriums, das die Inuit seit 1999 in Selbstverwaltung regieren [17] und über das sie die politische und wirtschaftliche Kontrolle [18] ausüben. Sicherlich sind viele der traditionellen Lebensgewohnheiten für immer verloren, aber es besteht die Hoffnung, daß die gewonnene politische Eigenverantwortung auch zur Erhaltung der noch bestehenden und möglicherweise zur Wiederbelebung verloren geglaubter Kulturmerkmale beitragen möge.
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