Texteinheit 3: Neufundland und die Fischerei

(Grant Head)

Didaktische Zielsetzung: Mit dieser Texteinheit sollen zwei Ziele erreicht werden. Zum einen geht es darum, die Abhängigkeit des Menschen von den natürlichen Rohstoffen, in diesem Fall der Fischerei, zu verdeutlichen. Am konkreten Beispiel Neufundlands soll außerdem gezeigt werden, wie sich auf der Grundlage der Fischerei eine Kulturlandschaft mit spezifischen Eigenschaften innerhalb des kanadischen Mosaiks herausgebildet hat und welche Probleme sich heute offenbaren.

Schlüsselbegriffe: Neufundland, Grand Banks, Fischerei, Kabeljau, Rohstoffe, Ressourcen, Übernutzung, Saisonalität, Kulturlandschaft, Fischfangverbot.

Eine der gängigsten Vorstellungen von Neufundland ist, daß dieser Teil Kanadas seit frühester Zeit von der Fischerei abhängig und durch sie geprägt worden ist. Schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts n. Chr. errichteten die Wikinger [1] an der Nordspitze der Insel eine erste Siedlung (Anse aux Meadows [2]), die jedoch nur kurzlebig war. Möglicherweise ist der Kontakt zwischen Europa und der Neuen Welt dann über einen längeren Zeitraum unterbrochen gewesen. Die Fischgründe von Island lieferten ausreichende Vorräte an Kabeljau, der für die wachsende Bevölkerung des europäischen Kontinents zu einer wichtigen Eiweisquelle in ihrer Nahrungsversorgung wurde. Es ist aber gleichwohl sehr wahrscheinlich, daß schon lange vor der offiziellen Entdeckung Neufundlands [3] (das "neu gefundene Land") durch John Cabot (Giovanni Caboto) im Jahre 1497 Fischer aus verschiedenen europäischen Ländern auch bereits im Gebiet der Grand Banks [4] mit seinen schier unerschöpflichen Bestände an Kabeljau Fischfang betrieben. Während des 16. Jahrhunderts wurden die Grand Banks jährlich von Dutzenden, ja Hunderten von Schiffen [5] aus Frankreich, Spanien, Portugal, England u.a. wegen ihres Fischreichtums aufgesucht.

Während die Kabeljaufischerei im Küstenbereich Neufundlands nur saisonal während der drei bis vier Sommermonate möglich war, konnte sie in den rd. 500 km östlich gelegenen Grand Banks praktisch ganzjährig betrieben werden. Allerdings waren auch hier, jahreszeitlich bedingt, die Wetterbedingungen v.a. während der Herbst- und Wintermonate für die Fischerei sehr ungünstig. Angesichts dieser Saisonalität des Fischfangs bestimmten Überlegungen, ob es sinnvoller sei, für die Fischer dauerhafte Siedlungen [6] in Neufundland anzulegen oder sie lediglich während der Saison zu den Fischgründen zu senden, über mehr als 200 Jahre die Geschichte. Die wichtigsten Fragen bei diesen Überlegungen waren:

  1. Ist das Klima Neufundlands für eine dauerhafte Besiedlung und v.a. für die landwirtschaftliche Nutzung zur Ernährung der Bevölkerung überhaupt geeignet?
  2. Von was würden die Fischer außerhalb der Fangsaison leben, da in Neufundland nicht in gleichem Maße andere Erwerbsmöglichkeiten bestanden als in Europa?
  3. Bedeutete die jährliche rd. 3.500 km lange Fahrt über den Atlantik nicht immer wieder große Gefahren für die Menschen und die Flotten?
  4. Würde man nicht tüchtige Seeleute verlieren, die bei Bedarf ihre Erfahrungen aus der Fischerei auch in die militärische Seefahrt würden einbringen können?

Die Konsequenzen dieser Überlegungen über das Für und Wider einer Besiedlung Neufundlands sprechen für sich: Ende des 17. Jahrhunderts hielten sich jedes Jahr bis zu 20.000 Fischer in den Gewässern Neufundlands auf, auf der Insel überwinterten aber nur knapp 3000 Menschen. Hauptanteil an dieser saisonalen Fischerei [7] hatten die Engländer (und einige Franzosen), die die unmittelbaren Küstengewässer der Insel bevorzugten, und die Franzosen, die sich mehr auf die Gewässer der Grand Banks [8] konzentrierten.

Während des 18. Jahrhunderts änderten sich die Verhältnisse. Handelsschiffe aus New York und Philadelphia versorgten Die Inselbewohner Neufundlands nunmehr mit Lebensmitteln im Tausch gegen Fisch, den sie wiederum auf den Westindischen Inseln absetzten. Mißernten und Nahrungsmittelkrisen in Irland verursachten in der gleichen Zeit eine erste Abwanderungswelle von irischen Fischern nach Neufundland, die sich hier nunmehr in immer größerer Zahl dauerhaft ansiedelten. Sie brachten den Kartoffelanbau nach Neufundland (dessen Klima sich hierfür bestens eignet) und gründeten ihre Familien in der Neuen Welt. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts machten Kriege zwischen Frankreich, England und den USA (Siebenjähriger Krieg, Unabhängigkeitskrieg u.a.) die Atlantikschiffahrt zu einem zusätzlichen Risiko, was das Verbleiben auf der Insel begünstigte. So wurden während des 18. und in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts durch die Immigranten aus dem südlichen Irland, den westlichen Teilen Englands und durch einige wenige Franzosen die Grundlagen für die Herausbildung einer neufundländischen Gesellschaft und damit einer spezifischen Kulturlandschaft [9] gelegt, die bis heute ihre Charakteristika erhalten [10] hat. Über die wirtschaftlichen Grundlagen der Fischerei Neufundlands zu jener Zeit informieren zahlreiche Internetquellen [11].

Bis in die jüngste Vergangenheit hinein herrschte verbreitet die Überzeugung, daß die Kabeljaubestände Neufundlands schier unerschöpflich seien. Heute wissen wir dies besser. Dabei gab es schon im 18. Jahrhundert Anzeichen für eine Überfischung der Bestände. Die systematische Auswertung von Unterlagen läßt bereits zu damaliger Zeit erkennen, daß die Fangmengen Fluktuationen unterlagen, die offensichtlich auf eine zu starke Nutzung zurückzuführen waren. Allerdings gab es immer wieder auch Phasen eingeschränkter Fischerei (z. B. durch Kriege bedingt, aber auch als Reaktion auf die geringer werdenden Fangmengen), so daß sich die Bestände immer wieder erholten und der Zyklus von neuem beginnen konnte.

Während des 19. Jahrhunderts verursachte die wachsende Bevölkerung eine ständige Intensivierung der Fischerei in den Gewässern Neufundlands, die auch mit einer saisonalen Ausweitung verbunden war. So erfolgte z.B. auch während des Winters vom südlichen Teil der Insel aus der Fischfang im Gebiet der Grand Banks, im Frühjahr wurde von den nordöstlicher gelegenen Häfen aus der Robbenfang betrieben. Auf diese Weise entwickelte sich die Fischerei Neufundlands allmählich zu einer ganzjährig funktionierenden Wirtschaftsbasis, die auch das kulturlandschaftliche Bild [12] der Insel nachhaltig geprägt hat. Die Menschen waren an harte Arbeit [13] gewöhnt und verfügten nur über begrenzte Möglichkeiten der Eigenversorgung [14], Dinge, die in unterschiedlicher Form bis heute in folkloristischen oder künstlerischen Elementen [15] zum Ausdruck kommen.

Im Verlauf der letzten 30 bis 40 Jahre wurden die Fischbestände Neufundlands in immer größerem Ausmaß durch die internationale Fischerei dezimiert. Große Fangflotten, die auch über Verarbeitungsschiffe verfügten, durchzogen mit riesigen Netzen das ganze Jahr über die Fischgründe und fingen dabei auch alles andere, was der Ozean lieferte. Von Jahr zu Jahr wurden die Fangmengen geringer, die gefangenen Fische kleiner. In dem Maße wie die höherwertigen Fischarten weniger wurden [16], konzentrierten sich die Flotten zunehmend auf minderwertigere Spezies. 1992 schließlich reagierte die kanadische Bundesregierung und verfügte ein Verbot der über 500 Jahren alten Kabeljaufischerei. Seither kommt es zwar zu einer langsamen Erholung der Kabeljaubestände, jedoch sind es mehr andere Fischarten, die sich wieder stark vermehrt [17] haben. Die Fischerei der Insel (wie auch die der üblichen maritimen Provinzen) befindet sich gleichwohl auch heute noch in einer Krise, was sich in dem geringen Anteil dieses Sektors am Bruttosozialprodukt zeigt. Dies wird in Neufundland um so schmerzlicher empfunden als gerade die Fischerei über Jahrhunderte hinweg die tragende Säule der Wirtschaft und der Gesellschaft [18] gewesen ist.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz

[1] http://collections.ic.gc.ca/vikings/discovery1.htm
[2] http://collections.ic.gc.ca/vikings/homepage.htm
[3] http://www.heritage.nf.ca/environment/situation.html
[4] http://www.heritage.nf.ca/environment/ocean.html
[5] http://www.heritage.nf.ca/exploration/efishery.html
[6] http://www.heritage.nf.ca/exploration/org_mf.html
[7] http://www.heritage.nf.ca/exploration/17fishery.html
[8] http://www.heritage.nf.ca/exploration/annualvyg.html
[9] http://www.heritage.nf.ca/exploration/18fishery.html
[10] http://www.heritage.nf.ca/exploration/voluntary.html
[11] http://collections.ic.gc.ca/fisheries/main.asp?frame=off
[12] http://www.heritage.nf.ca/society/culture.html
[13] http://www.heritage.nf.ca/society/labour.html
[14] http://www.heritage.nf.ca/society/agriculture.html
[15] http://www.heritage.nf.ca/arts/default.html
[16] http://www.mi.mun.ca/mi-net/nf-fish/#COLLAPSE
[17] http://public.gov.nf.ca/budget97/ECONOMY/fishdis.htm
[18] http://www.heritage.nf.ca/society/default.html

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