Die Erschließung Kanadas und die Entstehung seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und regionalen Strukturen sind eng durch das Werden und Vergehen des Pelzhandels [1] geprägt. Dieser ist wiederum aufs engste mit Québec verbunden. Während dreier Reisen zwischen 1534 und 1541 hatte Jacques Cartier aus St.-Malo (in Frankreich) den Sankt-Lorenz Golf und den gleichnamigen Fluß bis auf die Höhe der heutigen Stadt Montréal erkundet. Nachdem er in Begleitung einer französischen Fischereiflotte den Atlantik überquert hatte, fand er zunächst den Zugang zum Inneren des nordamerikanischen Kontinents durch die Straße von Belle Isle (zwischen Neufundland und Labrador), vorbei an schon lange vorher von Basken angelegten Walfang-Stationen [2] bis in die Grande Baie, den eigentlichen Sankt-Lorenz Golf. An dessen Südseite, in der sog. Baie des Chaleurs, traf er erstmals auf Urbevölkerungsgruppen, mit denen er gegen verschiedene Werkzeuge und Geräte wertvolle Pelze eintauschte. Dies ist der erste gesicherte Nachweis für den kanadischen Pelzhandel [3]. In späteren Jahren wurde der Pelzhandel etwas weiter flußaufwärts von Tadoussac [4] aus organisiert, das 1535 von Cartier als Handelsposten gegründet worden war. Der Ort entwickelte sich zu einer Drehscheibe für den von den Europäern kontrollierten Handel über den Ozean mit den autochthonen Bevölkerungsgruppen, die in jener Zeit als die wahren Beherrscher der Binnenwasserstraßen gelten konnten. Wichtigster Zugang in das Landesinnere war der Saguenay-Fluß, über den man zum Huronsee und darüber hinaus gelangen konnte.
Während des frühen 17. Jahrhunderts wurden die Kontakte zwischen Europa und Nordamerika erheblich intensiviert. Eine Schlüsselrolle fiel hierbei Samuel de Champlain [5] und einer von ihm geführten Gruppe von Pelzhändlern zu, die sich zunächst an der Bucht von Fundy [6] (zwischen Neu-Schottland und Neu-Braunschweig) niederließen, bevor sie 1608 die strategisch so wichtige Stadt Québec [7] gründeten. Von hier aus war der Zugang zum nordamerikanischen Kontinent über den Sankt-Lorenz [8] am besten kontrollierbar. Zu dieser kleinen Ansiedlung (habitation) brachten fortan die Indianer ihre Pelze aus einem riesigen Einzugsgebiet, das über den Ottawa-River und seine Zuflüsse sowie weitere Flußsysteme [9], die über Portagen von diesen aus erreicht wurden, bis weit in den Kontinent führte.
Entgegen der verbreiteten Auffassung, daß der Pelzhandel ausschließlich dem Vorteil der Europäer nutzte, war das Interesse der Indianer an Tauschobjekten wie Äxten, Kesseln, Messern und Bekleidungsgegenständen mindestens ebenso bedeutend, wenn nicht wichtiger. Der Bedarf an solchen Gegenständen führte zu wachsender Konkurrenz zwischen den Indianergruppen wie Algonquins, Huronen, Irokesen u.a. um die größten Handelsanteile. Die Irokesen konnten südlich des Ontariosees ein eigenes Handelsnetz mit holländischen Stationen am Hudson-River aufbauen, was sie jedoch in Konkurrenz zu anderen Stämmen um die bevorzugten Bibergewässer Ontarios brachte.
Die Jagd auf den Biber war relativ einfach, was schon bald zu einer Übernutzung der Bestände führte. Die Hauptfanggebiete verlagerten sich somit Stück für Stück immer weiter westlich. Damit vergrößerten sich die Distanzen zwischen den Jagdgebieten und den Handelsposten am Sankt-Lorenz immer mehr. Als die Jagdgebiete der Irokesen südlich des Ontariosees weitgehend entleert waren, drangen sie mit Hilfe von Feuerwaffen in das Stammesgebiet der Huronen vor und vernichteten diese im Jahre 1640 fast völlig, zumal die Huronen durch Seuchenbefall ohnehin bereits sehr geschwächt waren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Huronen die Hauptpartner im Pelzhandel am Sankt-Lorenz gewesen, die aus dem schier endlosen nördlichen und westlichen Hinterland die Pelze und Felle nach Montréal brachten. Außerdem waren sie sehr bedeutend für die Nahrungsversorgung der vielen Menschen, die die pelzbeladenen Boote durch den Kontinent ruderten.
In der Folgezeit kontrollierten die Franzosen den Transport auf den langen Wasserwegen, was mit der Notwendigkeit der Nahrungssicherung für eine immer größer werdende Bevölkerung verbunden war. Dies führte zu verstärkten Anstrengungen zur Besiedlung des Sankt-Lorenz Tals. Große Bedeutung hatten die sog. Waldläufer (coureurs des bois [11]) und Routenfinder (voyageurs [12]) bei der Erkundung immer neuer Kanurouten in den Westen [13]. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich auf diese Weise durch die Nutzung der Binnenwasserwege ein riesiges Handelsimperium gebildet, das bis in die kanadischen Prärien reichte.
Zwischenzeitlich war eine zweite Handelsmacht entstanden, die 1670 gegründete Hudson's Bay Company [14]. Über ein Jahrhundert lang organisierte diese Gesellschaft unter englischer Fahne den Handel auf der Grundlage von weit verstreuten Handelsposten, zu denen die Indianer ihre Pelze brachten. Die ständige Ausweitung dieses Handelsimperiums [15] führte gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu Konflikten mit den vom Sankt-Lorenz-Strom aus operierenden Gesellschaften (auch wenn dieses Gebiet seit 1763 ebenfalls unter britischer Kontrolle stand). 1821 kam es zum Zusammenschluß der beiden Handelsimperien mit der Konsequenz, daß der Sankt-Lorenz Strom in der Folgezeit zur wichtigsten Transportachse und zu einer Art Rückgrat für die Entstehung der kanadischen Nation wurde.
Bis um 1660 war das Sankt-Lorenz Tiefland nur dünn besiedelt gewesen, überwiegend von einer männlichen Bevölkerung, die von hier aus den Handel organisierte. Um diese Basis zu festigen, verstärkte die französische Regierung die Bemühungen zur systematischen Kolonisierung ab den späten 1660er Jahren. Zum einen wurden militärische Stützpunkte [16] angelegt, vor allem aber erfolgte die systematische Verschickung der sog. "Königstöchter" (filles du roi [17]) aus den Waisenhäusern der Normandie, die somit zu einer wichtigen Grundlage für die Entstehung einer Agrarkolonie in der Neuen Welt wurden. Die Agrarverfassung dieser Gesellschaft wird als Seigneurialsystem bezeichnet. In diesem System waren die Siedler (censitaires) mit zahlreichen Abgabeverpflichtungen gegenüber dem Grundherren (seigneur) belastet, gleichzeitig verfügten sie aber auch über ein hohes Maß an Freiheiten bei der Bewirtschaftung ihres Landes. Eine wichtige Rolle in dieser Gesellschaft spielte von Beginn an der römisch-katholische Klerus. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Bevölkerung Neu-Frankreichs vorwiegend auf der Grundlage eines starken natürlichen Wachstums auf rd. 60.000 Menschen angewachsen.
Als Ergebnis des Siebenjährigen Krieges (auch Nordamerikanischer Kolonialkrieg) fiel Neu-Frankreich im Frieden von Paris (1763) an England. Gleichwohl wurden der französischen Bevölkerung im Sankt-Lorenz Gebiet zahlreiche Zugeständnisse gemacht, die ihr den Kulturerhalt ermöglichten. Hierzu zählte z.B. die Beibehaltung des französischen Zivilrechts, der Sprache, vor allem aber auch des römisch-katholischen Glaubens - dies trotz einer starken anti-papistischen Bewegung unter den Engländern. Selbst das Seigneurialsystem überlebte diesen Wechsel, es erfuhr sogar ein gewisse Stärkung in dieser neuen politischen Situation. Vor allem in den Städten setzte aber eine neue Entwicklung ein, indem sich hier v.a. englische Unternehmer aus dem Mutterland oder dem benachbarten Neu-England ansiedelten, um in der Folgezeit eine neue wirtschaftliche Entwicklung [18] einzuleiten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war bereits rund die Hälfte der Einwohner von Montreal und von Quebec [19] anglophon. Hinsichtlich der Sprache bedeutete dies somit eine deutliche Zweiteilung. Weniger deutlich war diese Teilung in religiöser Hinsicht, denn ein sehr hoher Anteil v.a. der anglophonen mittleren und unteren Schicht der Industriearbeiter kam aus Irland und teilte somit den römisch-katholischen Glauben der frankophonen Bevölkerung.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erfuhr die große Zeit des Pelzhandels ihren Niedergang. Sie hat gleichwohl ihre dauerhaften Spuren in der kanadischen Kulturlandschaft hinterlassen. Von nun an setzte, zumindest im Osten Kanadas, der Übergang von einer weitgehend agarisch orientierten zu einer immer stärker urbanisierten Gesellschaft ein. Der Kolonisationsvorgang war hier, im Gegensatz zum Westen, weitgehend abgeschlossen, das Land war vermessen und erschlossen. In diese wichtige Phase gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen fällt die Geburtsstunde Kanadas als Nation im Jahre 1867.
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