Texteinheit 5: Ontario als landwirtschaftliches und industrielles Kernland

(Grant Head)

Didaktische Zielsetzung: Im Sankt-Lorenz-Tiefland und in der sog. Seenplatte Südostkanadas haben im Verlauf der Geschichte unterschiedliche Faktoren politischer, kultureller, naturräumlicher, globaler oder sonstiger Art die Entwicklung beeinflußt. Am Beispiel Ontarios sollen diese Aspekte angedeutet und in ihren räumlichen Auswirkungen verdeutlicht werden.

Schlüsselbegriffe: Ontario, Loyalisten, Townships, Landvermessung, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Industrie, Immigration, Städte, Stadtentwicklung, Tertiärer Sektor, Bruttosozialprodukt.

In der Provinz Ontario lebt heute über ein Drittel der kanadischen Gesamtbevölkerung. Von der Dimension her handelt es sich um die größte Provinz des Landes. Betrachtet man zusätzlich die zentrale geographische Lage, so wird leicht verständlich, daß Ontario heute gerne als der Riese unter den kanadischen Provinzen gilt, als der Raum, in dem sich in hohem Maße die politischen und wirtschaftlichen Kräfte des Landes ballen. Dies war nicht immer so - die Anfänge waren eher sehr bescheiden.

Die Grundlagen der modernen Entwicklung der Provinz reichen bis zum Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg zurück. Nach Beendigung des Krieges 1783 blieben Teile der Bevölkerung Neuenglands der britischen Krone treu, jedoch war diesen sog. Loyalisten [1] das Verbleiben auf dem nun unabhängigen amerikanischen Boden kaum möglich. So suchten sie außerhalb der USA in Neu-Schottland, Neu-Braunschweig und in den noch nicht besiedelten Gebieten des oberen Sankt-Lorenz Tals [2] und in den Ebenen westlich und nördlich um den Ontariosee [3] neues Land, auf dem sie sich ansiedeln konnten. Unter John Graves Simcoe [4], dem ersten Generalgouverneur der 1791 gegründeten Provinz Oberkanada (Upper Canada [5]), begann im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ein Kolonisationsvorgang, der vom Ausbau des Straßennetzes, der Anlage von Städten, von Verteidigungsanlagen und anderen notwendigen Infrastrukturen gekennzeichnet war. Damit verbunden war eine systematische Landvermessung im sog. Townshipsystem [6] und eine Besiedlung, bei der den Loyalisten eine besondere Bedeutung zukam.

Um 1825 lebten in Upper Canada bereits rd. 150.000 Menschen, die überwiegend in der Landwirtschaft tätig waren. Die Farmgrößen von durchschnittlich 20 bis 40 Hektar bildeten unter den günstigen Voraussetzungen des Gebietes eine solide Existenzgrundlage. Ein Teil dieser Bevölkerung lebte aber bereits in städtischen Siedlungen, unter denen Kingston mit 3000 Einwohnern die größte war, gefolgt von York (dem heutigen Toronto), wo damals rd. 1800 Menschen lebten.

Zwischen 1820 und 1840 kam es zu bedeutenden Einwanderungen [7] aus Schottland, Irland und England, verursacht durch Mißernten und die allgemeine Not in diesen Ländern. Spezielle Gesellschaften [8] widmeten sich der Weiterführung der Landvermessung und der gezielten Ansiedlung dieser Immigranten vorwiegend in ländlichen Gebieten [9]. In einem raschen Kolonisationsvorgang wurden die für die Agrarwirtschaft besonders geeigneten Tieflandbereiche erschlossen. Schon bald wurden Weizen und sonstige Getreide aus den Neulandgebieten zur Versorgung der Städte und sogar für den Export geliefert.

Um 1880 war der Höhepunkt dieser Entwicklung [10] erreicht. Der überwiegende Teil der Bevölkerung war nach wie vor in der Landwirtschaft tätig. Im Übergang zu den Waldgebieten des Kanadischen Schildes (die für eine agrarische Nutzung nicht geeignet waren) bildete jedoch auch die forstwirtschaftliche Nutzung [11] eine zunehmend wichtiger werdende Existenzgrundlage. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Nutzung dieser Wälder, vorwiegend der Weißfichte, zur Gewinnung von Bauholz [12] begonnen. Die Bäume wurden mit Äxten gefällt, die Stämme dann behauen und über die Flüsse (besonders über den Ottawa-Fluß und den Sankt-Lorenz) bis nach Québec-Stadt geflößt. Von hier aus wurde das Holz vor allem nach England exportiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Wirtschaftszweig erheblich intensiviert. Überall entstanden Sägewerke [13], in denen die Stämme zu Brettern und Planken weiterverarbeitet wurden, die dann per Schiff über das Fluß- und ein immer besser ausgebautes Kanalsystem, noch später dann per Eisenbahn zu den Abnehmern transportiert wurden. Zu den wichtigsten Kunden zählten in dieser Zeit die Vereinigten Staaten, in dessen Nordosten die Stadt- und Industrieentwicklung u.a. einen enormen Holzbedarf verursachte.

Die Intensivierung der Landwirtschaft und der Forstindustrie bewirkten einen ständigen Ausbau der Transportwege [14], die Vermehrung von Handelsunternehmen und Verbesserung der Informationssysteme, Funktionen, die sich vor allem in den städtischen Zentren konzentrierten. Allmählich bildete sich auf diese Weise das Städtesystem heraus, das bis in die heutige Zeit kennzeichnend geblieben ist.

Die wirtschaftliche Grundlage der städtischen Entwicklung in Ontario war somit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Land- und Forstwirtschaft bzw. die Weiterverarbeitung [15] und die Vermarktung der Produkte dieses Sektors. Getreidemühlen [16] und Sägewerke seien hier nur als Beispiele genannt. Betriebe dieser Art fanden sich zunächst vorwiegend in kleineren Städte und hier wiederum vor allen in solchen, in denen die Nutzung von Wasserläufen für das Betreiben der technischen Anlagen möglich war. Ab Mitte des Jahrhunderts änderte sich diese Standortabhängigkeit zunehmend. Zwischen 1840 und 1850 kamen immer mehr Immigranten aus Übersee und siedelten sich vor allem in den Hafenstädten entlang des Sankt-Lorenz an. Deren Entwicklung wurde mit der Anlage neuer Verbindungswege über Kanäle und Eisenbahn, die Verwendung von Dampfschiffen und anderer Transportmittel entscheidend beschleunigt. Die Rohmaterialien konnten nunmehr auch über größere Entfernungen zu diesen Standorten transportiert werden, und dies zu einem Bruchteil der Kosten im Vergleich zum Transport mit dem Packwagen über die unzureichend ausgebauten Straßen. Hinzu kamen die Möglichkeiten der Energieerzeugung in den Städten auf der Grundlage von Dampfmaschinen [17], was die industrielle Entwicklung erheblich beschleunigte. Im Umfeld zahlreicher Städte entstanden große Fabrikanlagen und die ersten elektrischen Straßenbahnen [18] erleichterten den Transport der Arbeitermassen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Basis für eine moderne Entwicklung in den Städten gelegt. Der Sankt-Lorenz wurde immer mehr zu einer der bedeutendsten Binnenschiffahrtsstraßen des Kontinents. Straßen flankierten in zunehmender Dichte diesen traditionellen Wasserweg. Die Eisenbahn verband die rasch wachsenden städtischen Zentren wie Montréal, Toronto, Hamilton u.a. miteinander. Deren Industrie-, Handels- und Dienstleistungsfunktion erlangte schon bald nationale, ja internationale Bedeutung. Angesichts dieser Entwicklung geriet die Landwirtschaft ins Hintertreffen, obwohl sie weiterhin intensiv betrieben wurde. Volkswirtschaftlich verlor sie jedoch gegenüber dem Industrie- und Dienstleistungssektor an Boden. 1880 wurden noch 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Ontarios in der Landwirtschaft erwirtschaftet, 1996 waren es lediglich noch drei Prozent. Die Industrie erreichte immerhin noch 25 Prozent [19], aber über 70 Prozent des BIP werden heute im Dienstleistungsbereich erzeugt. Innerhalb eines Jahrhunderts hat sich das Gesicht der Provinz grundlegend gewandelt.



Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://people.becon.org/~uela/ (27.09.2002)
[2] http://www.civilisations.ca/hist/canp1/ca15eng.html (27.09.2002)
[3] http://www.gov.on.ca/mbs/english/about/history2.html (27.09.2002)
[4] http://www.archives.gov.on.ca/english/exhibits/simcoe/john.htm (27.09.2002)
[5] http://mercator.geog.utoronto.ca/hacddp/bound/bound_bnd/frame_BND.htm (27.09.2002)
[6] http://www.genealogy.gc.ca/10/101202_e.html (27.09.2002)
[7] http://ist.uwaterloo.ca/~marj/genealogy/thevoyage.html (27.09.2002)
[8] http://www.mto.gov.on.ca/english/about/footpaths/company.htm (27.09.2002)
[9] http://www.ist.uwaterloo.ca/~marj/genealogy/letters/1842letters.html (27.09.2002)
[10] http://ist.uwaterloo.ca/~marj/genealogy/thevoyage.html (27.09.2002)
[11] http://collections.ic.gc.ca/waterway/rg_eng_i/lumber.htm (27.09.2002)
[12] http://www.civilisations.ca/hist/canp1/ca14eng.html (27.09.2002)
[13] http://collections.ic.gc.ca/huronia/LUMBER/LUMBER.HTM (27.09.2002)
[14] http://www.mto.gov.on.ca/english/index.html (27.09.2002)
[15] http://www.almonte.com/history.html (27.09.2002)
[16] http://www.watsonsmill.com/mill_history.html (27.09.2002)
[17] http://esemag.com/1198/histori.htm (27.09.2002)
[18] http://www.trainweb.org/elso/hsr.htm (27.09.2002)
[19] http://www.2ontario.com/facts/fact01_fact_sheet.asp (27.09.2002)


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