Texteinheit 6: Die Erschließung der Prärien durch die Europäer

(Alfred Hecht)

Didaktische Zielsetzung: Der Westen Kanadas, die Prärien, wurde erst ab Ende des 19. Jh. durch europäische Siedler erschlossen. Anders als im Osten unterlag der Kolonisationsvorgang hier einer völlig anderen Dynamik. Der Text soll verdeutlichen, welche Faktoren hierbei wirksam geworden sind und welche räumlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen hieraus entstanden.

Schlüsselbegriffe: Pioniergrenze, Prärien, Grassodenhaus, Eisenpflug, Homesteading, Mestizen, Mennoniten, Immigranten, Rocky Mountains, Kanadischer Schild, Getreidesilos, Eisenbahn, Canadian Pacific Railway (CPR), Agrofrontier.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erlebte die Industrialisierung und die Urbanisierung in Europa und im nordöstlichen Teil Nordamerikas eine erhebliche Beschleunigung. Damit verbunden war ein rasch steigender Bedarf an Nahrungsmitteln, insbesondere an Weizen. Hierin liegt ein wesentlicher Grund für die Ausweitung der agrarischen Pioniergrenze im Westen der USA und etwas später auch in Kanada. Das Vordringen des Menschen in diesen Raum wurde durch den Ausbau und die Verbesserung der Verkehrswege, aber auch durch den technologischen Fortschritt im Agrarsektor ermöglicht.

Die Besiedlung der Prärie durch die Europäer stellte einen einmaligen Vorgang im Rahmen der kolonisatorischen Erschließung Kanadas [1] als Ganzes dar. Sie vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und war durch eine große Dynamik gekennzeichnet. Vorher hatten sich die Europäer für die Prärien fast 300 Jahre lang lediglich im Rahmen des Pelzhandels mit den Indianern interessiert. Deren Kultur hatte sich allerdings schon seit ihrer Immigration vor mehr als 10.000 Jahren in diesem Raum entwickelt.

Erste Versuche der Ansiedlung von Kolonisten in den Prärien gehen auf das Jahr 1812 zurück und verbinden sich mit dem Namen Lord Selkirks [2]. Er ermöglichte 100 Einwanderern aus Schottland die Ansiedlung im Gebiet des Red Rivers im Süden Manitobas. Der Siedlungsversuch war jedoch nicht von andauerndem Erfolg gekrönt, nicht zuletzt wegen des Widerstands der Hudson's Bay Company [3] gegen jegliche Bestrebungen zur agrarischen Erschließung des Westens. 1870, zum Zeitpunkt der Gründung der Provinz Manitobas, betrug die Zahl der Bevölkerung im Red River Gebiet wenig mehr als 12.000. 80 % hiervon waren Mestizen [4], von denen nur wenige ausschließlich Landwirtschaft betrieben. In den meisten Siedlungen war die landwirtschaftliche Nutzung der traditionellen Jagd untergeordnet. Sie diente vorwiegend der Eigenversorgung, nur geringe Teile der Ernte wurden an die Pelzhändler zu deren Unterhalt verkauft (Kay, B.: "The Red River Settlement", in: Historical Atlas of Canada, Vol. II, Plate 18, UofT Press, 1993).

Die eigentliche Besiedlung und agrarkolonisatorische Erschließung setzte nach 1870 ein. Ausgangspunkt war einmal mehr Manitoba, wo im Jahre 1874 rd. 2000 Mennoniten [5] aus den südrussischen Steppen einwanderten und mehrere Siedlungen [6] gründeten. Mit der Anlage der Canadian Pacific Eisenbahn (CPR) ab 1877 wurde dann eine entscheidende Voraussetzung für das weitere Vordringen der Siedlungsgrenze nach Westen geschaffen. 1885 erfolgte der Lückenschluß der CPR [7] nach Britisch-Kolumbien und zum Pazifik. Dem Fortschreiten des Eisenbahnbaus folgten die Siedler buchstäblich auf den Fersen. Um 1890 hatte die Besiedlung bereits das mittlere Saskatchewan und rund ein Jahrzehnt später den Fuß der Rocky Mountains erreicht. Hauptmotor dieses Fortschreitens war die Eisenbahngesellschaft selbst, die über ein riesiges Landareal entlang der Trasse verfügte. Sie führte eine sehr aktive Werbekampagne in Europa durch, um Siedler in die Prärien zu locken und damit auch für sich selbst eine solide Wirtschaftsgrundlage zu schaffen. Nicht zu unterschätzen bei dem Besiedlungsvorgang ist jedoch auch der technologische Fortschritt in der Landwirtschaft, etwa die Entwicklung von Eisenpflügen [8] (anstatt der früher üblichen Holzpflüge), die den Kultivierungsvorgang in den Prärien erheblich erleichterten und die Ausbildung einer kommerziellen Landwirtschaft erst ermöglichten.

Gleichwohl war das Leben in den Prärien in dieser Phase hart, wie das Beispiel von Wawanesa [9] im südwestlichen Manitoba verdeutlicht. Vergleichbar mit der Situation in den Prärien der USA hatten auch die Siedler in den kanadischen Prärien zu Beginn große Schwierigkeiten, geeignete Baumaterialien für die Errichtung ihrer Häuser zu finden. Oft waren sie auf die Verwendung von Torf [10] und Grassoden angewiesen. Diese Behausungen wurden teilweise erst sehr viel später durch feste Gebäude aus Steinen, Backsteinen oder aus Holz ersetzt. Zahlreiche Städte des Westens verfügen heute über Museen [11], in denen diese Frontierphase und die Pionierleistungen der ersten Siedler dokumentiert sind.

Bei der Volkszählung 1891 lebten im Westen einschließlich Britisch-Kolumbiens 300.000 Menschen, damals lediglich sechs Prozent der kanadischen Gesamtbevölkerung von rd. 4,8 Mio. (Measner, D. & C. Hampson, "The Canadian Population", Historical Atlas of Canada, Vol. II, Plate 29, UofT Press, 1993). Rund 30 % davon waren Mestizen oder Indianer. In den folgenden 40 Jahren füllte sich der Raum dann sehr rasch. 1931 wurden in den drei Prärieprovinzen allein bereits 2,28 Mio. Menschen gezählt, das entsprach 22 % der kanadischen Gesamtbevölkerung von 10,4 Mio. Aber dies war auch der höchste relative Anteil, der je erreicht wurde. Bereits Ende der 1920er Jahre begann ein Abwanderungsprozeß zunächst aus den unwirtlichen Cypress Hills im südlichen Grenzgebiet der Provinzen Saskatchewan und Alberta. Ein zweites frühes Abwanderungsgebiet war der Übergangssaum der Prärien zum Kanadischen Schild im Bereich der Agrofrontier. Bis zur Jahrtausendwende war der relative Anteil der Präriebevölkerung an der Gesamtbevölkerung des Landes wieder auf 16 % gesunken [12]), von denen der mit Abstand größte Teil in städtischen Zentren und nicht mehr auf dem Lande lebt. Mit Ausnahme Albertas, das aufgrund seiner Ölindustrie weiter Bevölkerungszunahmen verzeichnet, stagniert die Bevölkerung der übrigen Prärieprovinzen praktisch seit den 1930er Jahren.

Eine ganz andere Frage ist, woher die Einwanderer in den Prärien überhaupt stammten? Betrachtet man die Haupteinwanderungsphase zwischen 1891 und 1914, so kamen die meisten von ihnen von den Britischen Inseln, den Vereinigten Staaten sowie aus Zentral- und Osteuropa. Unter den Europäern waren die Deutschen, Ukrainer, Juden und Russen besonders stark vertreten. Auch kam es innerhalb Kanadas in jener Phase zu einer relativ starken Binnenwanderung von Osten nach Westen. Das Ergebnis dieser Immigration war eine breite ethnisch-kulturelle Struktur [13] der Bevölkerung. Warum sie alle kamen? Die Antwort ist relativ einfach: sie bekamen das zu rodende Land geschenkt, 160 acres (2,4 acres = 1 ha) zur Schaffung einer Homestead [14], die als Lebensgrundlage einer Familie diente. Winnipeg war in gewisser Weise der Ausgangspunkt dieser Entwicklung [15]. Von hier aus dehnte sich das besiedelte Land entlang der USA-Grenze nach Westen bis zu den Rocky-Mountains aus, die Nordgrenze verlief entlang des Kanadischen Schildes und nördlich von Edmonton bis zu den westlichen Gebirgsketten (McKinnis, M. "Migration", in: Historical Atlas of Canada, Vol. III, Plate 27, UofT Presse, 1990). Nicht alle waren jedoch davon überzeugt, den Garten Eden gefunden zu haben, denn die langen kalten Winter, die relativ kurze Wachstumsphase und die extrem trockenen und heißen Sommer gestalteten die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen nicht eben einfach.

Wie bereits angedeutet, war die Aussicht auf ein eigenes Stück Land und die Möglichkeit eines marktorientierten Getreideanbaus für eine hungrige Welt für viele verlockend genug, um sich über solche Bedenken hinwegzusetzen. Im Zuge der Entwicklung haben sich die Strukturen jedoch sehr verändert. Heute liegt die Durchschnittsgröße einer Farm in Saskatchewan bei fast 1200 acres, was die Vorstellung stützt, daß die Provinz ein einziges riesiges Weizenfeld [16] ist. Statistisch lassen sich diese Veränderungen gut belegen. 1891 lag der Anteil des Westens an der Agrarproduktion Kanadas bei 17 %. Schon 1926 betrug er über 50 %, von denen allein 34 % auf die Weizenproduktion entfielen (McKinnis, M. "Primary Production", in: Historical Atlas of Canada, Vol. III, Plate 5, UofT Press, 1990). Auch heute noch liegt der Anteil des Getreides an der Agrarproduktion sehr hoch. Auf Saskatchewan bezogen beträgt er 80 % [17], wobei der größte Anteil auf den Weizen entfällt. Unverkennbares Kennzeichen des Getreidebaus sind die Getreidesilos (grain elevators), die heute noch ebenso die Prärien kennzeichnen wie in der Vergangenheit. Sie sind wie Landmarken [18] in dieser schier endlosen Landschaft, die schon auf große Distanz hin die Lage eines Dorfes oder Städtchens erkennen lassen.

Die Prärien unterliegen gleichwohl heute einem erneuten Veränderungsprozeß. Die Landwirtschaft, die ihr in ihrer Großmaßstäblichkeit den Stempel aufgedrückt hat, verliert relativ gesehen immer mehr an Bedeutung zugunsten anderer Wirtschaftsbereiche wie Öl- und Gasgewinnung, Forstwirtschaft und Bergbau. Noch stärker wirkt sich die rasche Zunahme der Industrie, der Bauwirtschaft und des Dienstleistungssektors aus. Dennoch: Die Physiognomie der Prärien ist auch heute noch durch die Landwirtschaft geprägt, durch die sie einst urbar gemacht wurde. Daran wird sich auch in den nächsten Jahrhunderten kaum etwas ändern.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz

[1] http://mercator.geog.utoronto.ca/hacddp/page1.htm (27.09.2002)
[2] http://winnipeg411.com/history/indepth/selkirk/ (27.09.2002)
[3] http://collections.ic.gc.ca/humboldt/oldhumboldt/hbt103a.htm (27.09.2002)
[4] http://www.metismuseum.ca/ (07.10.2003)
[5] http://www.mhsc.ca/index.asp?content=http://www.mhsc.ca/mennos/hcanada.html (27.09.2002)
[6] http://www.gov.mb.ca/chc/hrb/plaques/plaq0771.html (25.08.2003)
[7] http://www.cprheritage.com/photo_graphics/construction/FrameSet.htm (27.09.2002)
[8] http://collections.ic.gc.ca/wawanesa/E/history/agriculture.html (27.09.2002)
[9] http://collections.ic.gc.ca/wawanesa/E/history/history.html (27.09.2002)
[10] http://www.jtharvey.com/arch/mowe-sodhouse.htm (27.09.2002)
[11] http://www.virtualmuseum.ca/English/Sitemap/index.html (27.09.2002)
[12] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo31c.htm (27.09.2002)
[13] http://www.civilisations.ca/hist/phase2/mod3e.html (27.09.2002)
[14] http://collections.ic.gc.ca/melfort/agri02.htm (27.09.2002)
[15] http://winnipeg411.com/history/ (27.09.2002)
[16] http://www.harrypalmergallery.ab.ca/galsentplaces/galsentplaces.html (27.09.2002)
[17] http://www.agr.gov.sk.ca/Crops.asp?firstPick=Crops (27.09.2002)
[18] http://collections.ic.gc.ca/melfort/agri03.htm (27.09.2002)

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