Texteinheit 7: Kanada - ein Einwanderungsland UE5

(Grant Head)

Didaktische Zielsetzung: Kanada ist ein geradezu klassisches Immigrationsland. Gleichwohl ist es nicht in gleichem Maße für jedermann zugänglich. Aufgabe dieser Texteinheit ist es, einige räumliche und gesellschaftliche Merkmale der Immigration nach Kanada herauszustellen und ein Problembewußtsein dafür zu erzeugen, warum es auch einige Restriktionen für die Einwanderung geben muß.

Schlüsselbegriffe: Immigration, Immigranten, Ureinwohner, multikulturelle Gesellschaft, Kontingente, Flüchtlinge, Einwanderungsziele, Immigrationsgesetze, Immigrationskriterien.

Kanada hat eine lange Tradition, Immigranten aus aller Welt willkommen zu heißen. Mehr als zwei Drittel [1] der heutigen Bevölkerung sind britischer und französischer Abstammung. Weitere bedeutende Immigrantengruppen  kamen schon früh aus Irland, Schottland, Deutschland und aus anderen europäischen Ländern. In jüngerer Zeit kommt die überwiegende Zahl der Einwanderer aus den Ländern der Dritten Welt.

Warum kamen und kommen alle diese Menschen nach Kanada? Die Vereinten Nationen haben Kanada in den letzten vier Jahren als das Land mit dem höchsten Lebenswert der Welt eingestuft. Dies, vor allem aber die Tatsache, daß das Land über eine multikulturelle Gesellschaft [2] verfügt und daß zwei offizielle Landessprachen (Englisch und Französisch) gesprochen werden, haben Kanada zur bevorzugten Wahl vieler Immigranten werden lassen. Schon vor rund 200.000 Jahren kamen die ersten Ureinwohner als Immigranten nach Nordamerika. Die schon erwähnten Einwanderer aus Europa [3] folgten erst sehr viel später ab dem 16. Jahrhundert. Darunter befanden sich auch Immigranten, die nicht überall auf der Welt ohne weiteres willkommen waren, sei es wegen ihrer ethnischen oder wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit. Beispiele hierfür sind etwa die Juden [4] oder die Mennoniten [5], die, wie viele andere Minderheiten, einen wesentlichen Beitrag zur Bildung einer multikulturellen Gesellschaft in Kanada beigetragen haben. Aktuell werden jährlich circa 200.000 Immigranten aus mehr als 200 Ländern der Welt aufgenommen.

Allerdings schwankt die Zahl der Immigranten recht stark. Der höchste Jahreswert wurde 1913 mit 400.870 Einwanderern erreicht, 1985 waren es nur 84.000, 1998 dagegen 174.100 [6]. Zwischen 1993 und 1998 erfolgte ein Rückgang der jährlichen Einwanderungszahl um rund 40.000, wobei insbesondere die Zahl der Immigranten aus Asien stark abnahm. 1994 kamen allein 42,6 % aller Einwanderer Kanadas aus Hongkong, den Philippinen, Indien und China. Im gleichen Jahr kam jeweils nur ein einziger Immigrant aus Bhutan, der Mongolei, aus Tibet und aus dem französischen Departement La Réunion. Die Zahl der Immigranten aus Afrika und Europa hat in den letzten Jahren prozentual spürbar zugenommen.

Tab. 7.1: Immigration nach Herkunftsgebieten der Immigranten [7]

  1993-1994 1997-1998
Immigranten absolut 234.457 194.351
aus Afrika 5,7 % 7,5 %
aus Australien 0,5 % 0,6 %
aus Asien 62,5 % 59,4 %
aus Europa 17,1 % 21,2 %
aus USA und Westindien 8,1 % 6,3 %
aus Süd- und Mittelamerika 1,9 % 1,6 %
Sonstige 0,5 % 0,2 %

Die Immigrationsbevölkerung verteilt sich sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Provinzen des Landes. Ontario allein nimmt mehr als die Hälfte aller Immigranten auf, gefolgt von Britisch-Kolumbien, Québec und Alberta. Die Provinzen und Territorien mit den niedrigsten Einwanderungszahlen sind der Yukon (0,03 %), die Nordwest-Territorien (0,03 %), die Prinz-Eduard-Insel (0,06 %) und Neufundland (0,2 %).

Überlagert werden diese Zahlen der Außenwanderung durch Bevölkerungsveränderungen aufgrund von Binnenwanderungen zwischen den einzelnen Provinzen. Diesbezüglich hatten in den Jahren 1997 - 1998 lediglich die Provinzen Ontario und Alberta positive Bilanzen. Québec hatte dagegen die höchsten Verluste [8], indem 17.474 mehr Menschen abwanderten als aus den übrigen Teilen des Landes zuwanderten. Auch Neufundland und Manitoba verzeichneten relativ hohe Verluste aufgrund der Binnenwanderung.

So wie die Immigration in den einzelnen Provinzen deutliche Unterschiede aufweist, unterscheiden sich auch die konkreten Zielorte. Unter den großen Metropolen (CMA = Census Metropolitan Area) beherbergt Toronto mit Abstand die meisten Neueinwanderer (landed immigrants). Heute leben fast zwei Millionen Immigranten allein in dieser Stadt. Es folgt Vancouver, wobei hier ein besonders hoher Anteil chinesischer Immigranten [9] auffällt. Montreal, Calgary, Ottawa-Hull und Edmonton verzeichnen ebenfalls starke Zuwanderungen durch Immigranten. Am wenigsten attraktiv scheinen die CMA's von Trois-Rivières, Chicoutimi, Saint John, St. John’s und Sherbrooke für Neueinwanderer zu sein, deren Anteile insgesamt im Osten des Landes am niedrigsten liegt.

Tab. 7.2: Immigrationsbevölkerung [10] in den CMA's Kanadas (1996)

Census Metropolitan Area Zahl der Immigranten (landed immigrants)
Toronto 1.772.905
Vancouver 633.740
Montreal 586.465
Calgary 170.875
Ottawa-Hull 161.885
Edmonton 158.370

Die Immigranten, die nach Kanada einwandern, haben die unterschiedlichsten Berufe und Fähigkeiten - und sie kommen mit den unterschiedlichsten Intentionen. Viele Facharbeiter verfügen über spezielle Fertigkeiten, die ihnen eine rasche Eingliederung in den kanadischen Arbeitsmarkt ermöglichen. Beachtlich hoch ist die Zahl von Unternehmern und Investoren, die sich in Kanada niederlassen, um eigene Betriebe zu gründen. Nach den kanadischen Immigrationsbestimmungen muß ein Unternehmer spätestens innerhalb von zwei Jahren nach seiner Immigration einen eigenen Betrieb gegründet haben, Investoren müssen mindestens 400.000 Dollars anlegen, um den Status eines landed immigrants zu erhalten.

Viele Immigranten haben bereits Verwandte oder Teile ihrer Familie in Kanada. Diese können Familienmitglieder nachkommen lassen, indem sie sich im Sinne einer Bürgschaft für die Dauer von bis zu 10 Jahren zur Unterstützung und zur Eingliederung der Immigranten in die kanadische Gesellschaft verpflichten. Schließlich nimmt Kanada zahlreiche Flüchtlinge auf, das Land als eine Art "sicheren Hafen" betrachten. Meistens handelt es sich hierbei um Menschen, die in ihren Herkunftsländern aufgrund ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer Nationalität usw. Repressalien oder Verfolgungen befürchten müssen. Sie kommen nach Kanada in der Hoffnung, daß sie hier diese Bedrohung hinter sich lassen und in Frieden leben können.

Alle Immigranten müssen sich einem Antragsverfahren [11] unterziehen, bevor sie sich in Kanada ansiedeln dürfen. Dabei sind die gestellten Bedingungen für die verschiedenen Immigrantengruppen (Wirtschaftsimmigranten, Familienmitglieder, Flüchtlinge) sehr unterschiedlich. Einheitlich ist lediglich die Immigrationsgebühr (landing fee) in Höhe von 975 Dollars, die jeder zahlen muß, der sich in Kanada ansiedeln will. Dies ist bewußt relativ viel, da Kanada auf diesem Wege versucht, mehr Facharbeiter, Unternehmer und Investoren ins Land zu locken. Rund die Hälfte aller Immigranten gehörte um die Jahrtausendwende zu dieser Gruppe. Vorteile werden auch den Immigranten eingeräumt, die zumindest eine der offiziellen Landessprachen Englisch oder Französisch beherrschen, die über ein höheres Ausbildungsniveau verfügen und die berufliche Erfahrung mitbringen. Für all diese Kriterien [12] werden Punkte verteilt, aber auch das Alter, die bisherige Tätigkeit, ob oder ob nicht bereits Familienmitglieder in Kanada wohnen und ob sie ganz allgemein die Fähigkeiten besitzen, sich erfolgreich in Kanada niederzulassen, sind wichtige Aspekte bei der Antragsbeurteilung. Auch der allgemeine Gesundheitszustand der Bewerber, ihr mögliches Risikopotential für die kanadische Gesellschaft, die Höhe des Vermögens, das es ihnen erlaubt, in Kanada eine  Existenz aufzubauen, werden berücksichtigt. Bewerber mit Berufen, die nicht auf der sog. General Occupations List [13] aufgeführt sind, haben kaum Chancen, im Lande aufgenommen zu werden. Auf dieser Liste sind die Berufe aufgeführt, für die auf dem kanadischen Arbeitsmarkt bereits ein Überangebot an Arbeitskräften besteht. Nicht unüblich sind Interviews mit den Antragstellern, bei denen die Richtigkeit der Angaben in den Anträgen bezüglich der beruflichen Qualifikation, der Sprachkenntnisse, Fragen potentieller krimineller Risiken oder Sicherheitsaspekte etc. überprüft werden und in denen die Ernsthaftigkeit der Immigrationsabsicht ganz allgemein bewertet wird.

Kanada ist zweifellos ein Land mit vielen angenehmen Lebensumständen. Dies erklärt, trotz aller Fluktuationen, die hohe Zahl von Anträgen, die alljährlich von Immigranten aus aller Welt gestellt werden. Nicht allen diesen Anträgen kann entsprochen werden, obwohl die kanadische Regierung gerade in den letzten Jahren die Kontingente ständig erhöht hat. Derzeit liegt diese Zahl bei 225.000 und damit um rund 10.000 höher, als z.B. im Jahre 1995 einwandern konnten.

Fragen und Aufgaben: Interaktives Quiz


[1] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo28a.htm (25.08.2003)
[2] http://www.cpa.ca/cjbsnew/1996/ful_edito.html (27.09.2002)
[3] http://www.cic.gc.ca/english/department/legacy/index.html (27.09.2002)
[4] http://www.jewishwinnipeg.org/ (27.09.2002)
[5] http://www.mennonite.net/ (27.09.2002)
[6] http://www.cic.gc.ca/english/pub/index-2.html#statistics (27.09.2002)
[7] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo34a.htm (25.08.2003)
[8] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo33a.htm (25.08.2003)
[9] http://www.huaren.org/diaspora/n_america/canada/doc/060799-01.html (27.09.2002)
[10] http://www.statcan.ca/english/Pgdb/demo35d.htm (25.08.2003)
[11] http://www.cic.gc.ca/english/applications/index.html (27.09.2002)
[12] http://www.cic.gc.ca/english/index.html (27.09.2002)
[13] http://www.etd.on.ca/occup.htm (25.08.2003)

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