Die Entwicklung der Kulturlandschaft ist unbestritten das Ergebnis der Tätigkeit des Menschen, der den physischen Raum entsprechend seiner wirtschaftlichen Bedürfnisse, technologischen Fähigkeiten und gesellschaftlichen Strukturen in vielerlei Weise verändert. Auf Kanada bezogen kann als erste Phase der räumlichen Umgestaltung durch den Menschen die agrarische Erschließung des Landes verstanden werden. Frühere Entwicklungsphasen (die indianischen Kulturen, der Pelzhandel, der Fischfang) waren eher Anpassungsformen an die physische Umwelt, sie trugen zumindest in der Anfangsphase jedoch nicht zur wirklichen Umgestaltung des Raumes bei. Im Falle der agrarkolonisatorischen Erschließung war dies anders, wie am Beispiel der kanadischen Prärien [1], die heute weltweit als eine "typisch kanadische" Kulturlandschaft verstanden werden, deutlich wird. Die Erschließung begann [2] hier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und hatte innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer völligen Umgestaltung der Naturlandschaft [3] geführt. Noch 1931 war Kanada, gemessen an seiner Erwerbsbevölkerung, ein Agrarland. Über die Hälfte der Erwerbsbevölkerung war in diesem Sektor tätig. Aber schon 1941 war der Anteil auf 27 % gesunken, 1981 waren es nur noch 5 % und heute sind es weniger als 3 % [4].
Gleichwohl ist Kanada in vielen Teilen auch heute noch durch die Landwirtschaft geprägt. Verändert haben sich vor allem die Anbauverhältnisse und die Agrartechniken, was nicht nur in den Getreideprovinzen des Westens zu beobachten ist. Auch auf der Prinz Eduard Insel, der kleinsten Provinz des Landes im Sankt-Lorenz Golf, ist der Wandel zu beobachten [5]. Die Insel ist berühmt für den Kartoffelanbau (lokal heißen die Kartoffeln "spud", die Insel wird von daher gelegentlich auch "Spud-Island" genannt). Die wichtigsten Arbeiten beim Kartoffelanbau, das Pflanzen, die Pflege, die Ernte, haben sich im Vergleich zur Vergangenheit [6] nicht geändert. Nicht vergleichbar sind allerdings die Techniken [7], die für diese verschiedenen Arbeitsschritte eingesetzt werden. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war der Kartoffelanbau noch eine außerordentlich arbeitsintensive Nutzungsform. Heute wird er mit modernsten technischen Hilfsmitteln [8] betrieben, bis hin zur Verwendung von GPS (Global Positioning Systems), um die rationellste und wirtschaftlichste Nutzung im Sinne einer Präzisionslandwirtschaft zu erreichen. Auch wenn somit der äußere Aspekt der Agrarlandschaft keinen grundlegenden Wandel erfahren hat, so ist doch hinsichtlich der Bewirtschaftungsformen und -techniken im Vergleich zu früher eine völlig veränderte Situation entstanden.
In den Städten Kanadas lassen sich kulturlandschaftliche Besonderheiten aufzeigen, die woanders nicht ohne weiteres zu beobachten sind. Fast zu den Kuriositäten zählt z.B. die 1999 eröffnete Parkanlage des Music Garden [9] in Toronto, die in ihrer Form in der Welt einmalig ist. Sie ist der Suite Nr. 1 für Cello von Johann Sebastian Bach nachempfunden. Der international anerkannte Cellist Yo-Yo Ma hat den Plan für die Anlage gemeinsam mit der Landschaftsplanerin Julie Moir Messervy entworfen und interpretiert in der Gestaltung des Parks [10] den ersten Satz der Suite, den "Musikgarten". Jeder Tanzrhythmus findet in einem Teil des Gartens seine entsprechende "Landschaftsgestaltung".
Als ein typisch kanadisches Element der Städtelandschaft können die vielen kleinen Fischerorte in den maritimen Provinzen am Atlantik gelten. Peggy's Cove [11] (in Neu-Schottland) ist diesbezüglich besonders berühmt. Der Ort zählt statistisch nur rd. einhundert Dauerbewohner, im Sommer wird er indessen regelmäßig täglich von Tausenden von Besuchern bevölkert. 1881 wurde Peggy's Cove von sechs Familien gegründet. Den Namen erhielt die Fischersiedlung nach einem jungen Mädchen Margaret, das von den Bewohnern des Ortes nach einem Schiffsunglück am vorgelagerten Halibut Rock aus dem Meer gerettet wurde. Die erst 15 Jahre alte Margaret hatte bei dem Unglück ihre Eltern verloren. Noch heute will die Legende, daß Peggy (Margaret) als Geist in dem Ort weiter lebt.
Peggy's Cove mag heute zu den am häufigsten photographierten Orten Kanadas zählen. Der Fischerort umgibt eine kleine Meeresbucht, die in Zeiten rauher See traditionell ein sicherer Zufluchtsort für die Schiffe darstellte. Der berühmte Leuchtturm von Peggy's Cove, auf einem gewaltigen Granitblock gebaut und der einzige Leuchtturm Nordamerikas, der gleichzeitig auch das offizielle Postamt beherbergt, zeigte dabei den Weg. Ohne Zweifel ist Peggy's Cove eine touristische Attraktion, es ist gleichzeitig aber auch ein unverkennbares Element der Kulturlandschaft Kanadas, das sich hundertfach in den maritimen Provinzen wiederfindet.
Ein besonders typisches Element Kanadas sind die Siedlungen an der sog. Pioniergrenze, etwa in den Gebieten des Bergbaus, inmitten des kanadischen Waldlandes oder in der kanadischen Arktis. Sie sind schon ein sehr früher Bestandteil der Kulturlandschaft des Landes. So liegen die Anfänge der Forstwirtschaft [12] und einer damit verbundenen Siedlungstätigkeit bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Jean Talon, der Gouverneur in der damaligen Kolonie Neu-Frankreich (der späteren Provinz Québec), hatte schon 1665 im Auftrag des französischen Königs erste Holzfällersiedlungen anlegen lassen, um insbesondere Bauholz für das Mutterland Frankreich liefern zu können. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden rund zwei Drittel des Exportwertes in der Provinz Quebec aus dem Holzexport erwirtschaftet. In über 100 Sägewerken wurde das Bauholz bearbeitet und vorwiegend nach Europa und in die nordöstlichen USA exportiert. Im 20. Jahrhundert wurde die Bauholzgewinnung mehr und mehr durch die Papier- und Zelluloseindustrie verdrängt. Québec entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren der Welt für diesen Industriezweig. Auch dieser Wandel hat seinen deutlichen Niederschlag in der Kulturlandschaft des Landes gefunden.
Besonders im Zusammenhang mit dem Bergbau sind Siedlungen entstanden, die gerne als "typisch kanadisch" apostrophiert werden. Sie finden sich oft weit entfernt "inmitten der Wildnis" und haben ihre Lebensgrundlage nicht selten ausschließlich in dem Rohstoff, der an diesem Ort abgebaut wird. Von daher hat sich die Bezeichnung der "single industry towns" zur Charakterisierung dieser Orte eingebürgert. Je nach Art der Ressource kann man, in Anlehnung an R. E. Lucas, von Minetowns (Bergbaustädte), Milltowns (Sägewerksstädte) oder Railtowns (Eisenbahnstädte) sprechen, was die Besonderheiten dieser "Ressourcensiedlungen" andeutet. Snow Lake [13] in Manitoba sei hier lediglich als Beispiel aufgeführt. Der Ort mit heute rd. 1400 Einwohnern entstand in den 1950er Jahren inmitten des Waldlandes im nördlichen Manitoba, nachdem hier bedeutende Erzlager erschlossen worden waren, die seither die wirtschaftliche Grundlage bilden.
All dies wäre nicht Kanada, würde es sich nicht in eine grandiose Naturlandschaft einfügen, in die der Mensch bisher noch vergleichsweise wenig eingegriffen hat. Hierbei denkt man automatisch an das beeindruckende Hochgebirgssystem [14] der Kordillere im Westen mit den nord-süd streichenden Ketten der Monashee-, Columbia-, Selkirk- und Purcell Mountains, die nach Osten durch die eigentlichen Rocky Mountains abgeschlossen werden. Hier finden sich mit Jasper, Banff, Kootenay und Yoho gleich vier Nationalparks [15] in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie beherbergen die bedeutendsten Population an Bergziegen (bighorn sheep) Nordamerikas, daneben Rotwild, Wapitihirsch, Elch, Schwarzbär, Grizzly, Koyote, Wolf, Adler und viele andere Spezies einer unvergleichlichen Fauna.
Am anderen Ende des Landes fügt sich die traditionell durch die Fischerei geprägte Kulturlandschaft Neufundlands in eine grandiose Naturlandschaft ein. Zu deren Besonderheiten zählen die vielen Eisberge [16], regelrechte Schlösser aus bis zu 10.000 Jahre altem Eis, die majestätisch an den Küsten der Insel vorbeidriften. Die Dimension der Eisberge ist völlig unterschiedlich: sie können einige Tausend, aber auch einige Millionen Tonnen schwer sein. Ohnehin sieht man nur den obersten Teil, die berühmte "Spitze des Eisbergs", die rund einem Zehntel des gesamten Blocks entspricht. Hunderte dieser Skulpturen, die Kunstwerken ähneln, driften jährlich von den arktischen Gletschern und von Grönland her in südlicher Richtung entlang der neufundländischen Küste und bilden ein einmaliges Panorama, bevor sie in den wärmeren Gewässern (manchmal erst nach einem Jahr) abschmelzen.
Der arktische Norden [17] ist der Teil Kanadas, der am wenigsten durch Eingriffe des Menschen verändert worden ist. Diese unwirtliche Welt ist gleichwohl eine der schönsten, die das Land zu bieten hat, wie eine Fahrt über den Caribou Trail [18] verdeutlicht. Die hier lebende Urbevölkerung der Inuit hat es stets verstanden, diesen Raum für sich zu nutzen ohne ihn zu verändern. Gleichzeitig hat sie künstlerische Formen (Skulpturen, Gemälde, Schnitzereien etc.) entwickelt, die in besonderer Weise und unvergleichbar den Charakter dieser Landschaft zum Ausdruck bringen. Die einfachen, jedoch ungemein ausdrucksvollen Kunstformen sind ausschließlich durch die Umweltbeobachtung inspiriert. Viele Künstler, u.a. auch die sog. Groupe of Seven, haben sich in ihrem Schaffen auf ihre Art von der Wildheit der kanadischen Landschaft inspirieren lassen.
Es mag verwundern, daß in dieser Texteinheit über den Kulturlandschaftswandel in Kanada auf einige Besonderheiten der Naturlandschaft hingewiesen wird. Aber eben dies ist eines der wichtigen Kennzeichen des Landes, das es z.B. auch von den altbesiedelten Ländern des europäischen Kontinents unterscheidet. Kanada ist ein typisches Beispiel der Neuen Welt, vielleicht das schönste Beispiel überhaupt, weil es sich in einem Übergangssaum von der Ökumene zur Anökumene, vom bewohnten zum unbewohnten Teil der Erde befindet. Auch wenn diese von den griechischen Naturphilosophen vorgenommene Zonierung der Erde in dieser kategorischen Abgrenzung nicht stimmt, so liegt doch gerade in der Art, wie der Mensch diesen Grenzsaum der Ökumene für seine Zwecke kulturlandschaftlich geprägt hat, das besonders Faszinierende dieses Landes.
| Seitenanfang | Inhalt | VGT Home |